Test: Beautiful Desolation

Von Jeremiah David am 28. Mai 2021

Schöne Trostlosigkeit?

Mit Beautiful Desolation kommt ein isometrisches 2D-Point-and-Click-Adventure auf die Nintendo Switch. Angesichts der Optik des Spiels werden Erinnerungen an vergangene Zeiten wach. Ist Beautiful Desolation eine gelungene Hommage an Klassiker wie Fallout 2, Planescape Torment oder Baldur’s Gate, oder nur ein unnötiger Schritt in die Vergangenheit? Das klärt unser Test!

Das Ding über dem Atlantik

Während die Aufmachung von Beautiful Desolation an alte 2D-Rollenspiele erinnert, scheint sich die Story eher beim Kinofilm „District 9“ bedient zu haben. Letztere wird aus einer Mischung aus tollen, vorgerenderten Filmsequenzen und verhältnismäßig langweiligen, statischen Bildschirmen mit Texteinblendungen erzählt:  Wir schreiben das Jahr 1976. Mark und seine Frau Charlize sind an einem verregneten, düsteren Abend in Kapstadt, Südafrika, unterwegs. Regentropfen prasseln gegen die Frontscheibe ihres Autos, während sich die Scheibenwischer fleißig hin und her bewegen, doch ansonsten scheint alles ruhig. Die beiden unterhalten sich über Marks Bruder Don, als im nächsten Moment irgendetwas plötzlich dafür sorgt, dass parkende Autos am Straßenrand wie von einem Tornado in die Luft geschleudert werden. Auch Marks Auto wird nicht verschont und überschlägt sich mehrfach.

Der Bildschirm wird nach diesem kurzen Intro schwarz und das Spiel springt zehn Jahre in die Zukunft. Wir erfahren, dass Charlize bei dem Unfall ums Leben gekommen ist und dass die Böen durch das plötzliche Auftauchen eines gigantischen außerirdischen Gebildes am Himmel erzeugt wurden. Das dreieckige, metallische Etwas hängt noch immer über der Küste Kapstadts und wird von den Leuten als Penrose bezeichnet.

Für Charlize hatte das Auftauchen des UFOs wortwörtlich fatale Folgen, aber für die Bewohner Südafrikas war und ist es ein Geschenk des Himmels. Das außerirdische Gebilde hat durch sein bloßes Auftauchen den Krieg, in dem sich die Afrikaner befanden, beendet. Die sogenannte Penrose Allianz hat zudem neue technische Errungenschaften ermöglicht, mit denen Krankheiten und Hunger ausradiert werden konnten. Ganz allgemein scheint Vieles besser als zuvor, doch Mark misstraut dem Frieden. Er will herausfinden, wo das Gebilde hergekommen ist und welche Ziele es wirklich verfolgt, und so lässt er sich von seinem Bruder, einem Helikopterpiloten, zur Penrose fliegen. Dort angekommen finden beide ein militärisches Transportschiff, ehe sie von seltsamen Robotern aufgegriffen werden. Bei ihrer Verhaftung läuft jedoch Einiges schief. Das Transportschiff wird abgeschossen und stürzt ab. Als Mark neben den Trümmern des Schiffs wieder zu sich kommt, fehlt von Don jede Spur, außerdem befindet er sich viele Jahre in der Zukunft in einer heruntergekommenen, postapokalyptischen Welt, die es ab jetzt zu erkunden gilt.

Klassische Point-and-Click-Kost

Beautiful Desolation ist kein Action- oder Rollenspiel, sondern ein klassisches Point-and-Click-Adventure. Es gibt keine Geschicklichkeitspassagen oder gar Gegner, auf die geballert oder eingeschlagen werden muss. Zwar kommen Kämpfe vor, diese führt Mark aber nicht selber aus und sind an einige wenige, ganz bestimmte Quests gebunden. Stattdessen geht es vorrangig um das Erkunden fremder Gebiete, das Interagieren mit bunten Charakteren und das Auffinden sowie Kombinieren diverser Gegenstände, um die Geschichte voranzutreiben.

Die oberen Zeilen sollten längst klargemacht haben, dass Beautiful Desolation Spielern eine relativ komplexe Geschichte bietet, leider ist diese insgesamt trotz des vielversprechenden Intros allerdings nicht sonderlich spannend. Die Story ist fantasievoll, bedient sich aber einiger Sci-Fi-Klischees und plätschert vor allem während der ersten Hälfte des Spiels lange Zeit ohne nennenswerte Höhepunkte dahin. Erst spät nimmt die Story fahrt auf.

Es gibt unterschiedliche, zum Teil verfeindete Fraktionen, denen Mark helfen kann, um schlussendlich mit Hilfe außerirdischer Technologie zurück zur Penrose und von dort hoffentlich wieder nach Hause zu gelangen. Das postapokalyptische Ödland ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt, zwischen denen Mark mit einem "Buffalo"-Transportschiff und sogenannten Wächter-Portalen hin und her reisen kann. Begleitet wird er dabei meist von einem Roboterhund namens Pooch und seinem Bruder Don. Beide geben hin und wieder Sprüche von sich oder erzählen von ihrem früheren Leben. Später sind sie zudem für die Story relevant, ansonsten jedoch kaum ins Gameplay integriert.

In den einzelnen Gebieten tummeln sich diverse Charaktere. Viele wollen irgendeinen Wunsch erfüllt bekommen, andere treiben klassischen Handel und tauschen wichtige Gegenstände gegen Geld oder andere Items. Die Charaktere – über Roboter bis hin zu mutierten Wesen und Skeletten – sind wunderbar bizarr gestaltet und kommen mit vielen flotten Sprüchen und lustigen Akzenten daher, das Spiel besitzt aber leider nur eine englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln. Da das Abenteuer in Südafrika spielt, sprechen Mark und Don südafrikanisches Englisch, also eine Mischung aus britischem Englisch und Afrikaans, wobei NPCs auch mal mit anderen Dialekten wie beispielsweise einem jamaikanischen oder indischen Einschlag daherkommen können. Die Sprachausgabe ist objektiv betrachtet exzellent und kann bisweilen sehr unterhaltsam sein, der Unterhaltungswert hängt aber zweifelsohne von den eigenen Englischkenntnissen ab, denn so manch gelungener Akzent oder lustiges Wortspiel geht in der deutschen Übersetzung völlig verloren. Schade ist zudem, dass die Charaktere nicht animiert wurden. Während Dialogen wechselt das Spiel stets zu einem statischen Bildschirm, der lediglich ein Bild des Gesprächspartners und die unterschiedlichen Dialogoptionen anzeigt.

Die unterschiedlichen Quests machen mal mehr, mal weniger Spaß. Selbiges gilt auch für die Rätsel. Es ist nicht immer ersichtlich, welcher Gegenstand wofür zu gebrauchen ist und so kann es schon mal vorkommen, dass wir im Inventar einfach alle Items durchprobieren, bis wir den richtigen gefunden haben. In Anbetracht der Vielzahl an Umgebungen und NPCs ist es auch möglich einfach mal grundsätzlich den Faden zu verlieren. Ohne fremde Hilfe kann es dann schnell passieren, dass wir planlos zwischen unterschiedlichen Gebieten umherreisen und wiederholt Charaktere ansprechen, in der Hoffnung irgendeine wichtige Information überlesen oder irgendeinen Gegenstand übersehen zu haben. Hinderlich ist hierbei auch, dass interessante Gegenstände nur dann mit einem Interaktionssymbol markiert werden, wenn wir uns in ihrer unmittelbarer Nähe befinden. Bis dahin sind viele Items in der Spielwelt aufgrund des gewählten Grafikstils praktisch unsichtbar. Für unseren Test lieferten uns die Entwickler von The Brotherhood auch gleich noch eine Komplettlösung nicht grundlos. Ohne die Hilfe wären wir an einigen Stellen nicht weitergekommen oder hätten zumindest deutlich mehr Zeit mit sinnfreien Reisen und Suchen verbracht.

Altbackene Technik

Technisch macht Beautiful Desolation auf Nintendos Hybridkonsole eine akzeptable, aber mitnichten gute Figur. Zuerst das Positive: Mark lässt sich mit dem linken Analogstick einwandfrei über die stellenweise sehr schönen 2D-Hintergründe steuern. Die Schultertasten und Trigger der Switch dienen dem Rein- und Rauszoomen sowie dem Öffnen des Inventars. Mit der A-Taste interagiert Mark mit NPCs oder hebt Gegenstände auf. Das funktioniert nach einer Eingewöhnungszeit alles problemlos. Abgesehen davon ist die Soundkulisse auch abseits der Sprachausgabe klasse. Man merkt, dass viel Arbeit in die audiovisuelle Ausarbeitung der unterschiedlichen Gebiete gesteckt wurde, aber die Hintergründe kommen bisweilen wie Wimmelbilder in einem Kinderbuch daher. Es ist häufig nicht klar, wo sich Mark bewegen kann und wo sich Gegenstände befinden, mit denen er interagieren darf. Die Hintergrundbilder mancher Gebiete sind zudem nur spärlich animiert und wirken dadurch manchmal etwas leblos. Zwar gibt es Nebel-, Rauch- und Partikeleffekte und manche NPCs und Tiere bewegen sich hin und her, aber hier wurden im Prinzip Animationen in separaten Ebenen über bewegungslose Illustrationen gelegt und es kann durchaus irritieren, wenn beispielsweise Staubwolken vom Wind verweht werden, während sich Baumkronen und Gräser, die Teil des Hintergrunds sind, von selbigem Wind völlig unbeeindruckt zeigen. Wenn die Kamera über die Areale schweift, kommt die Framerate zu allem Überfluss regelmäßig ins Stocken und die wenigen dreidimensionalen Gegenstände, die auf der Karte zu finden sind, leiden unter Kantenflimmern. Die Ruckler machen Beautiful Desolation angesichts fehlender Action- und Geschicklichkeitspassagen nie unspielbar, stören aber auf jeden Fall. Gleiches gilt auch für die Steuerung des Buffalo-Fliegers, der gerne an Terrain hängen bleibt und manchmal scheinbar völlig willkürlich seine Geschwindigkeit reduziert.

Switch-Spieler sollten des weiteren beachten, dass Beautiful Desolation definitiv nicht für den Handheld-Modus optimiert wurde. Auf dem kleinen 6,2-Zoll-Bildschirm der Hybridkonsole ist Mark in der Standard-Ansicht nur wenige Millimeter groß. Gleiches gilt natürlich für die meisten NPCs, die sich erst im jeweiligen Dialog-Fenster als mehr als nur formlose Pixelhaufen entpuppen. Gegenstände im Inventar sind kaum erkennbar, manche Menüpunkte fast nicht lesbar. An einem großen Fernseher macht Beautiful Desolation deutlich mehr her und spielt sich angenehmer.

Fazit

Beautiful Desolation ist ein Point-and-Click-Adventure im Gewand eines 20 Jahre alten 2D-Rollenspiels. Abgesehen von den seltenen Videosequenzen und dem erstklassigen Sound kommt das Abenteuerspiel ziemlich altbacken daher. Das sollte jedem potenziellen Käufer klar sein. Stellenweise erinnert es gar an ein Table-Top-Adventure, das mit schönen Illustrationen, vielen Charakteren, Unmengen Dialogen und ausführlicher Lore punkten kann, dafür allerdings auf eine zeitgemäße Grafik, komplexes Gameplay und eine spannende Story verzichtet. Wer vielleicht ohnehin auf Retro-Feeling und ausschweifende Dialoge steht, wird sich mit Beautiful Desolation rund 12 Stunden lang ordentlich amüsieren können, sollte aber wenn möglich nicht die Switch-Version wählen. Letztere leidet unter regelmäßigen Rucklern, und der Grafikstil erschwert ein Spielen im Handheld-Modus. Alle anderen Gamer sind unabhängig davon mit Konkurrenzprodukten zweifelsohne besser bedient.

Wir bedanken uns bei Untold Tales für die Bereitstellung des Testmusters.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

6.0

Jeremiah David meint:

"Retrofeeling und coole Charaktere treffen auf eine altbackene Technik, minimalistisches Gameplay und eine langatmige Story."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Herausragend
Technik: Durchschnittlich

Schreibe einen Kommentar: