Test: Lost Words: Beyond the Page

Von Jeremiah David am 30. März 2021

Wie schlägt sich der kreative 2D-Platformer auf der Switch?

Selten zuvor fand ich den Titel eines Spiels so passend wie im Falle von „Lost Words: Beyond the Page“. Als Spieler schlüpfen wir hier nämlich in die Rolle einer jungen Autorin namens Isabelle Cooke - kurz Izzy -, die Gedanken über ihr Leben und ihre Umwelt in einem Notizbuch festhält, während sie zugleich an einem eigenen Fantasyroman arbeitet. So dürfen wir an ihrem tatsächlichen Leben teilhaben, aber auch Szenen aus ihrer Fantasygeschichte nachspielen. Lost Words: Beyond the Page erzählt also nicht nur eine Geschichte, sondern gleich zwei, und während die erste den Titel „Lost Words“ tragen könnte, passt „Beyond the Page“ ganz wunderbar für die zweite.

Die erste Geschichte beschäftigt sich wie schon erwähnt mit Izzys realem Leben und mit dem mehr oder weniger plötzlichen Verlust einer geliebten Person. So etwas kennen wir bereits aus Titeln wie Life is Strange oder diversen Walking-Sims, die Art und Weise wie uns das Thema hier präsentiert wird, ist aber dennoch einzigartig und kreativ: Izzy füllt ihr Tagebuch mit kohärenten, ausformulierten Sätzen, aber auch mit allerlei losen Anmerkungen, Malereien und Zeichnungen. Jede Doppelseite des Tagebuchs stellt im Spiel eine Art Mini-Level dar, in welchem wir als kleines Izzy-Selbstporträt wortwörtlich über die Texte und Bilder laufen und hüpfen. Während die echte Izzy also ihre Gedanken in dem Buch festhält, springt ihr kleines, schwarz-weiß gezeichnetes Ebenbild zwischen den Sätzen und Bildern hin und her. Farbig markierte Wörter führen zu neuen Textpassagen oder Zeichnungen, mit deren Hilfe Izzys Avatar jeweils ein Loch im Papier und damit stets die nächste Seite im Tagebuch erreichen kann. Manchmal müssen Wörter oder Bilder zudem verschoben oder anderweitig eingesetzt werden, damit die nächste Seite erreichbar wird. So lassen sich beispielsweise versteckte Malereien mit der Zeichnung einer Lupe freilegen.

Die zweite Geschichte ist zumindest auf den ersten Blick eine banale Fantasygeschichte: Im Land Estoria werden die Bewohner eines Dorfes von einem riesigen Drachen bedroht. Der geflügelte Bösewicht brennt mit seinem Feueratem die Hütten nieder und klaut den Dorfbewohnern magische Glühwürmchen. Eine auserwählte Heldin, deren Namen sich der Spieler aus drei Vorschlägen (Grace, Georgia oder Robyn) aussuchen darf, macht sich auf den Weg, um den Drachen zu bezwingen und die Glühwürmchen wieder einzusammeln. Die Geschichte ist für sich genommen eher uninteressant, wird aber durch die Ereignisse aus Izzys reellem Leben beeinflusst. Izzys Großmutter erleidet im Verlauf des Spiels einen Schlaganfall und muss ins Krankenhaus gebracht werden, und der Gemütszustand der Enkelin beim Schreiben beeinflusst den Verlauf der Dinge in Estoria, gleichzeitig helfen die Ereignisse in der Fantasywelt ihr aber auch dabei, den späteren Tod ihrer Großmutter und das dadurch verursachte Trauma zu verarbeiten.

Sowohl im Tagebuch als auch in der Welt aus Izzys Roman bewegen wir uns in klassischer 2D-Platformer-Manier größtenteils von links nach rechts durch die Umgebungen. Estoria kommt dabei mit einer stilisierten, aber leider relativ detailarmen Cartoon-Grafik daher, die sich zwar farblich der emotionalen Reise der Hauptprotagonistin immer wieder anpasst, ansonsten jedoch der Emotionalität des Spiels keinen Gefallen tut, denn die Kamera zoomt so gut wie nie auf das Geschehen ein. Die Heldin ist meist nur als kleine Figur in einer großen Welt zu sehen, wodurch Mimik und Gestik praktisch gar nicht als stilistisches Mittel eingesetzt werden können. Dass die meisten Spieler dennoch eine Beziehung zu Izzy und ihrer Romanfigur aufbauen dürften, liegt vor allem an der exzellenten englischen Sprachausgabe. Die Sprecherin, die Izzy ihre Stimme verleiht und zuverlässig jede Szene kommentiert, bewegt sich durchgehend auf dem Niveau eines sehr guten Hörspiels. Etwas schade ist allerdings, dass auf eine deutsche Sprachausgabe verzichtet wurde. Die deutschen Bildschirmtexte fallen außerdem bisweilen etwas seltsam aus und können so immer wieder für ein Stirnrunzeln sorgen. Ich bin mir beispielsweise ziemlich sicher, dass Izzys Großmutter nicht „Vor der immer ist es dunkelsten am Dämmerung“ zu sagen pflegte.

Ebenfalls ärgerlich sind einige technische Schnitzer. In der Fantasywelt Estoria hat das Spiel durchwegs Probleme konstante 30 FPS zu halten. Zwar kommen wirklich derbe Ruckler nie vor, aber die Framedrops sind definitiv spürbar. An einer Stelle sorgte während unserem Test außerdem ein Bug dafür, dass die Heldin nicht mehr springen konnte, weshalb wir das Spiel abbrechen und neu laden mussten. Ein anderer Bug führte dazu, dass sich eine Audiospur bis zum nächsten Ladebildschirm endlos wiederholte. Noch ein Bug ließ das Spiel den Namen der Heldin in Estoria vergessen. Statt Robyn wurde dann der Platzhalter-Name "EstodiaPlayerName" eingeblendet. Das größte Manko des Spiels ist aber ohne Zweifel das Gameplay, das stellenweise so simpel ist, dass böse Zungen es auch schlicht als langweilig beschreiben könnten.

Während im Tagebuch fast nur gerannt und gesprungen werden darf, muss die Heldin in Estoria zudem mit Hilfe von einigen wenigen Zauberwörtern aus einem magischen Buch Rätsel lösen, diese sind jedoch so lachhaft einfach, dass sie selbst junge Kinder nie vor Schwierigkeiten stellen sollten. Der Weg wird durch eine zerstörte Brücke versperrt? Da hilft das Zauberwort „Reparieren“. Die Heldin muss an einen höher gelegenen Felsvorsprung? Da hilft „Schweben“. Da brennt ein Baum? „Löschen“ ist des Rätsels Lösung. Gegner, die bekämpft werden müssen, gibt es nicht. Auch anspruchsvolle Geschicklichkeitspassagen sucht der Spieler vergeblich. Das ist umso verwunderlicher, weil die durchaus rührende, aber sehr ernste Geschichte rund um den Tod von Izzys Großmutter Kinder im Grundschulalter vermutlich nicht ansprechen wird. Das anspruchslose Gameplay und die häufig bunte, kindliche Aufmachung der Spielewelten stehen also in einem eigenartigen Kontrast zu der ernsten, traurigen Geschichte.

FAZIT:

Da Lost Words: Beyond the Page im Prinzip zwei Spiele in einem sind, müsste es eigentlich auch zwei Wertungen bekommen. Das Spiel in Izzys Tagebuch erzählt eine bitter-süße, wirklich rührende Geschichte und wagt sich auf eine kreative Art und Weise an ein Thema, das in Videospielen nur selten Beachtung findet. Die Spielszenen in Estoria sind leider weniger gelungen. Die Story rückt hier in den Hintergrund und das Spiel setzt stattdessen mehr auf klassisches Gameplay, das allerdings so simpel ist, dass darauf stellenweise auch gut und gerne komplett hätte verzichtet werden können. In Estoria kommen außerdem vermehrt technische Probleme auf.

Wer sich auf die traurige, emotionale Geschichte rund um Izzy und ihre Großmutter einlässt, wird besonders zum Ende der 4 bis 5 Stunden Spielzeit die ein oder andere Träne wegblinzeln müssen. Als 2D-Platformer oder Abenteuerspiel ist Lost Words jedoch bestenfalls mittelmäßig. Jeweils für sich genommen würde ich die zwei unterschiedlichen Teile des Spiels mit einer 8 und einer 6 bewerten. Die Endwertung unten ist einfach der Durchschnitt dieser Zahlen. 

Wir bedanken uns bei Modus Games für die Bereitstellung des Testmusters.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.0

Jeremiah David meint:

"Eine rührende Geschichte spielerisch mau umgesetzt."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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