Test: A-Train: All Aboard! Tourism

Von Andreas Held am 13. März 2021

Japanische Nischentitel müssen nicht immer nur bunte JRPGs sein - Artdink präsentiert uns mit A-Train eine der komplexesten am Markt erhältlichen Wirtschaftssimulationen.

Die Videospieleserie A-Train existiert seit 1985 und ist in Asien durchaus erfolgreich. Nach dem Start auf japanischen Heimcomputern wie dem FM Towns oder dem Sharp X68000 schaffte es die Serie auf Windows-PCs, Heimkonsolen und - teilweise unter Namen wie Railway Empire oder Der Bahn Gigant [sic] - auch in den Westen, wo sie zwar keinen kommerziellen Erfolg erreichen, aber durchaus eine kleine Fangemeinde aufbauen konnte. All Aboard! Tourism ist die erste echte Neuentwicklung, die die Reihe seit dem Release von A-Train 3D im Jahr 2014 spendiert bekam, und buhlt nun auf Nintendo Switch um alte und neue Fans.

Ein Zug! Alle an Bord! Tourismus!

Nach dem ersten Spielstart können wir uns für eines von insgesamt acht Szenarien entscheiden. Die beiden ersten Szenarien fungieren dabei als Tutorial, nehmen den Spieler eng an die Hand und geben uns recht genaue Anleitungen vor, welche Gebäude wir an welcher Position bauen sollten. Unsere primäre Aufgabe besteht selbstredend darin, mit Schienen und Bahnhöfen für eine anständige Infrastruktur zu sorgen: S-Bahn-Linien transportieren die Bewohner unserer Stadt zwischen den einzelnen Stadtteilen, während Zugverbindungen zu benachbarten Metropolen und wichtigen Touristenattraktionen die Wirtschaft ankurbeln und die Stadt als Wohnort attraktiver machen. Außerdem können wir Güterbahnhöfe errichten, verschiedene Industrieartikel an Fabriken abholen und sie dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Mit guter Arbeit füllen wir nicht nur die Betriebskasse, sondern sorgen indirekt auch dafür, dass unsere Stadt zu einer großen Metropole heranwächst.

Sind wir mit dem Schienennetz zufrieden, haben wir noch zahlreiche andere Möglichkeiten, unser Kapital zu investieren und - hoffentlich - zu vermehren. Mit der Zeit dürfen wir auch Straßen bauen und unseren Schienenverkehr durch Busse und LKWs unterstützen, Grundstücke oder Aktien einkaufen und wieder verkaufen oder sogar Tochtergesellschaften gründen und beispielsweise ein Kohlekraftwerk bauen, das wir dann auch noch mit unseren eigenen Zügen mit Brennstoff beliefern können. Es gibt also einiges zu tun, aber auf den niedrigeren Schwierigkeitsgraden ist zumindest der Switch-Ableger der A-Train-Serie trotzdem nicht sonderlich anspruchsvoll: Solange wir unsere Bahnhöfe nicht mitten im Wald bauen oder unsere Pendlerzüge über Nacht auf kostspielige Leerfahrten schicken, um unser Kapital zu vernichten, wird alles was wir tun schon irgendwie Gewinn abwerfen und zum Erreichen der vorgegebenen Ziele ausreichend sein. Im Gegensatz zu vielen anderen Wirtschaftssimulationen lässt uns A-Train auch nicht gegen von der KI geführte Konkurrenzunternehmen antreten.

Sobald wir uns härteren Herausforderungen stellen wollen, entpuppt sich A-Train: All Aboard! Tourism jedoch sehr schnell als Wolf im Schafspelz. Dann müssen wir nämlich nicht einfach nur die schwarze Null halten, sondern genau wissen, was wir tun müssen, um unsere Gewinne zu maximieren. Lohnt es sich, eine Million Aktien eines Stahlunternehmens zu kaufen, damit wir anschließend als Benefit fünf Prozent Rabatt auf neue Schienen und - mit etwas Glück - jährliche Dividenden erhalten? Sollten wir uns verpflichten, innerhalb einer festgelegten Frist 180 Ladungen Fisch aus den lokalen Fanggebieten an Nachbarstädte zu liefern, oder ist uns das Risiko einer saftigen Vertragsstrafe zu groß? Rentiert sich die Durchführung eines von der Stadt subventionierten Straßenbauprojekts? Diese und viele, viele weitere Fragen werdet ihr euch ständig stellen müssen, wenn ihr das Potential von A-Train wirklich ausschöpfen wollt. Darüber hinaus müssen wir exzessives Micromanagement betreiben und Abfahrtszeiten in unseren Zug- und Busfahrplänen minutengenau festlegen, damit unsere Verkehrsmittel jederzeit ausgelastet, aber nicht überlastet sind.

Schlechtes UI und stümperhafte Technik

Mit dieser Ausrichtung hat A-Train: All Aboard! Tourism tatsächlich eine Marktlücke gefunden. Wirklich komplexe Strategiespiele wie Crusader Kings oder Europa Universalis haben in der Regel einen militärischen Hintergrund, während zivile Simulationen wie Two Point Hospital oder Planet Coaster spielerisch vereinfacht wurden und verstärkt auf eine gestalterische Komponente setzen. Wer sich also unbedingt mit einer hochgradig komplexen Wirtschaftssimulation auseinandersetzen will, bekommt zu A-Train derzeit recht wenige Alternativen. Die Frage ist nur, ob man sich ein solches Spiel dann unbedingt auf Nintendo Switch antun möchte - die pragmatische Hardware von Nintendo ist den Anforderungen, die dieses Genre insbesondere an den Prozessor und den Arbeitsspeicher stellt, nämlich ganz offensichtlich nicht gewachsen.

Das zeigt sich unter anderem an der sperrigen Benutzeroberfläche, die oft für Frustmomente sorgt. Beim Editieren meiner Busfahrpläne hatte ich zum Beispiel ständig das Problem, dass das Spiel ohne erkennbaren Grund zusätzliche Halte eingefügt hat, die keinen Sinn ergaben und sich dann nachträglich nicht mehr korrigieren ließen, da der "Löschen"-Button ohne jegliche Erklärung einfach ausgegraut war. Die verschiedenen Statistikmenüs, die wie Excel-Tabellen aussehen, geizen auf den zweiten Blick mit Informationen: Oft ist es nicht oder nur schwer nachvollziehbar, ob tiefrote Zahlen durch einmalige Investitionen begründet sind, die sich mit der Zeit wieder ausgleichen, oder ob gerade irgendein dauerhaft eingesetztes Fahrzeug schwere Verluste generiert. A-Train: All Aboard! Tourism unterstützt euch mit ausführlichen Tutorials und seitenlangen Hilfetexten, die zwar jederzeit abrufbar sind, in vielen Fällen jedoch keine echte Hilfe darstellen - auch deshalb, weil ihr oft mit englischen Fachbegriffen aus der Betriebswirtschaftslehre torpediert werdet und die ohnehin schon schwer verdaulichen Texte durch eine fehlende deutsche Übersetzung noch unzugänglicher werden.

Bei allem Verständnis für knappe Entwicklungsbudgets: Die Grafik von A-Train: All Aboard! Tourism als einen schlechten Witz zu bezeichnen, wäre schmeichelhaft. Und während wir uns mittlerweile schon daran gewöhnt haben, dass viele Spiele mit einem Qualitäts- und einem Performance-Modus ausgestattet sind, geht A-Train auf Nintendo Switch noch einen Schritt weiter und präsentiert uns ein ganzes Grafik-Menü, in dem wir uns an einem Trade-off zwischen Übersichtlichkeit und Augenfreundlichkeit sowie einer halbwegs vertretbaren Framerate versuchen können. Egal für welche Einstellungen wir uns entscheiden - das Spiel sieht furchtbar aus, ruckelt ständig und kann sogar komplett abstürzen. Ein reger Gebrauch der manuellen Speicherfunktion ist aufgrund des letzten Punkts unumgänglich. 

Immerhin: Als sehr besonderes Extra bietet uns das Spiel die Möglichkeit, eigene Szenarien zu entwerfen und online zu teilen - der Editor erinnert in seiner Komplexität an den RPG Maker und erlaubt es uns unter anderem sogar, eigene Cutscenes mit spezifischen Trigger-Bedingungen zu schreiben. Ihr könntet vermutlich Wochen in den Entwurf einer einzelnen Kampagne investieren und diese anschließend online anbieten, wo sie - ganz ohne Freundescodes oder ähnlichem - von anderen Spielern gesucht und heruntergeladen werden kann.

FAZIT:

A-Train: All Aboard! Tourism ist bei weitem kein schlechtes Spiel und man merkt, dass die Entwickler unglaublich viel Arbeit in ihren Switch-Exklusivtitel gesteckt haben. Trotzdem fällt es mir leider schwer, eine Empfehlung für die Wirtschaftssimulation auszusprechen. Die A-Train-Serie richtet sich seit jeher ganz explizit an Spieler, die nicht nur bereit dazu sind, sondern auch noch Spaß daran haben, ein extrem schwer erlernbares Spiel mit viel Geduld zu meistern. Doch selbst wenn euch dies gelingt und ihr die äußerst steile Lernkurve nach mehreren Tagen (oder Wochen) irgendwann überwunden habt, dürfte fraglich bleiben, ob der resultierende Spielspaß den Aufwand wert war. Die Switch-Hardware ist für ein Spiel aus diesem Genre schlichtweg nicht geeignet, was sich durch ein unpraktisches UI, informationsarme Statistikbildschirme, eine ausgesprochen hässliche Grafik und gravierende technische Mängel inkl. Spielabstürzen leider ständig bemerkbar macht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr mit dem Kauf von Cities Skylines in Verbindung mit der Mass-Transport-Expansion deutlich besser bedient wärt, liegt bei nahezu einhundert Prozent.

Vielen Dank an Artdink für die Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

6.5

Andreas Held meint:

"Hochkomplexe Wirtschaftssimulation für BWL-Studenten und Excel-Tabellen-Liebhaber, die leider auf einer ungeeigneten Hardware erscheint"
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Schlecht

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