Test: Little Nightmares 2

Von Jeremiah David am 01. März 2021

Six ist zurück und hat jetzt einen Freund an ihrer Seite.

Ein langer, fensterloser Korridor leuchtet als wäre er von blauem Nebel verschluckt worden. Am Ende wartet eine einsame Türe, auf der ein seltsam anmutendes Auge zu sehen ist. Die Kamera zoomt auf die Türe ein und alles beginnt zu wackeln. Im nächsten Moment sind Korridor und Türe verschwunden. Stattdessen finden wir uns in einem düsteren Wald neben einem altmodischen Fernsehgerät wieder.

Der Puzzle-Platformer Little Nightmares 2 beginnt mit eben dieser kurzen Szene und vergeudet keine Zeit mit Erklärungen. Es gibt keine langatmigen Intros oder gar Tutorials. Stattdessen werden wir in der Rolle eines zierlichen und  größtenteils stummen Jungen mit einer Papiertüte über dem Kopf mitten ins Geschehen geworfen.

Environmental Storytelling par excellence

Der Junge heißt Mono und muss seinen Weg rennend, schleichend und hüpfend erst aus dem unheimlichen Wald und dann aus einer nicht weniger angsteinflößenden, düsteren Stadt finden. Begleitet wird er dabei häufig von der kleinen Six, die Gamern aus dem ersten Teil der Serie bekannt sein sollte, die aber erst zur Mitte des Spiels ihren typischen gelben Regenmantel findet, wodurch klar wird, dass es sich hier um ein Prequel statt einer Fortsetzung handelt. Little Nightmares 2 erzählt also die Vorgeschichte des ersten Teils, wobei der Begriff “Geschichte” mit Vorsicht zu genießen ist, denn wer von Little Nightmares 2 eine kohärente Story erwartet, wird enttäuscht sein. In beiden Little-Nightmares-Teilen geht es in erster Linie um das pure Überleben der beiden Hauptcharaktere, die durch allerlei fantasievoll gestaltete Landstriche und Innenräume mit einigen absolut bizarren, widerlichen Gegnern kommen. Im Wald sind es Holzhütten, stinkende Sümpfe und von Laub und Moos bedeckte Wege, die durchquert beziehungsweise beschritten werden müssen. Spätere Gebiete befinden sich beispielsweise in einer muffigen Schule oder einer Art Leichenhaus inklusive Krematorium für Gliederpuppen.

Im Englischen gibt es den Begriff “Environmental Storytelling”, der sich leider nur schlecht ins Deutsche übersetzen lässt, hier inhaltlich jedoch wie die Faust aufs Auge passt. Environmental Storytelling ist die Kunst mit Hilfe von Umgebungen Geschichten zu erzählen, und Little Nightmares 2 ist ein Paradebeispiel hierfür. Das Spiel hat Einiges zu erzählen, tut dies nur nicht auf die sonst übliche Art und Weise. Das war im ersten Teil schon so und ist im zweiten nicht anders, wobei jetzt noch die putzige, wenn auch zweckmäßige Beziehung zwischen den stummen Zeit- und Leidensgenossen Six und Mono dazu kommt.

Im Prinzip machen die schwedischen Tarsier Studios mit Little Nightmares 2 genau das, was das ebenfalls schwedische Studio Coldwood Interactive zuvor bereits mit Unravel Two gemacht hatte: Einen guten Puzzle-Platformer um einen zweiten Charakter erweitern. Das hat mit den beiden Yarnys in Unravel 2 schon gut funktioniert und auch hier ist das nicht anders, etwas schade ist allerdings, dass Six als zweiter Charakter nur halbherzig in das Gameplay integriert wurde. Viele der Aufgaben und Rätsel, die Six und Mono lösen müssen, erfordern keine Teamarbeit. Aktionen, die im ersten Teil noch alleine ausgeführt wurden, wie beispielsweise das Verschieben von Gegenständen oder das Aufziehen rostiger Türen, werden jetzt eben zu zweit gemacht. Auch einen Koop-Muliplayermodus suchen Spieler vergeblich. Gesteuert wird immer nur Mono, während Six ihn als NPC begleitet. Hier verschenkt das Spiel eindeutig Potenzial.

Immerhin kommt uns Six nie in die Quere. Sie muss auch nie vor Feinden beschützt werden und ist zum Glück trotzdem mehr als nur ein unnützes Anhängsel. Sie besitzt einen eigenen Kopf, der ihr mehr Charakterzüge verleiht, als man es von einem stummen Charakter womöglich erwarten würde. Wenn wir als Mono Gegenstände aufheben, ahmt Six unsere Aktionen eifrig nach. Manchmal hilft sie uns beim Tragen von Items. Anderswo deutet sie mit Gesten auf höher gelegene Durchgänge hin, und manchmal bleibt sie an Stellen im Spiel schlicht stehen, um in aller Ruhe irgendein Detail zu betrachten. Nach einer Flucht vor einem grotesken Feind setzt sie sich beispielsweise einfach auf den Boden, um mit morbidem Interesse dem gewaltsamen Flammentod des Gegners beizuwohnen und sich zugleich am Feuer zu wärmen. Solche und ähnliche Szenen sind gleichermaßen süß und makaber, und verleihen Little Nightmares als Serie einen eigentümlichen, bizarren Charme, der sich nur schwer beschreiben lässt.

Tim Burton's Limbo

Ganz allgemein ist Little Nightmares 2 genau wie Teil 1 ein sehr bizarres Spiel. Das gilt sowohl für das Leveldesign als auch für die Gegner, die trotz übertriebener Proportionen und einem fast kindlichen Look zu den gruseligsten Wesen gehören, die moderne Videospiele zu bieten haben. Die meisten Feinde sehen aus wie Puppen, die aus Leder, Wachs, Haaren und alten Stofffetzen zusammengeschustert wurden, daneben gibt es jedoch noch Schulkinder aus Porzellan oder lebendig gewordene Puppenhände, die wie Spinnen umherkrabbeln. Insgesamt kommen die Gegner etwas abwechslungsreicher daher als noch im ersten Teil. Die Lehrerin in der Schule kann ihren Hals meterweit strecken und nutzt diese Fähigkeit, um bei jedem noch so leisen Geräusch nach dem Rechten zu sehen. Entdeckt sie Mono, schnappt sie wie eine Schlange zu und frisst ihn mit Haut und Haaren. Ähnliches gilt für den Betreiber des Leichenhauses, der sich wie eine übergroße fette Made an der Zimmerdecke bewegt und nur mit seinen langen Armen an den Boden greift. Diesen beiden und weiteren Gegnern ist zudem eine Unberechenbarkeit zuzuschreiben, die Little Nightmares 2 stellenweise zu einem ungemein nervenaufreibenden Erlebnis macht.

Die Umgebungen und die dezente musikalische Untermalung stehen dem Gegnerdesign in nichts nach. Grafisch, akustisch und vor allem atmosphärisch ist das Spiel eine Wucht! Licht-, Schatten-, Glanz- und Partikeleffekte sowie ein gelungener Einsatz vor Tiefen(un)schärfe verleihen den Gegenständen und Umgebungen trotz des surrealen Stils einen sehr realistischen Touch. Die Auswahl der Gegenstände erinnert zudem an eine düstere, noch bizarrere Version von Alice im Wunderland. Bücher türmen sich zu hohen Stapeln auf, Betten und Matratzen hängen an Seilen oder Ketten von der Decke, überall liegen lose Schuhe, und Six und Mono treffen wiederholt auf Fernsehgeräte mit scheinbar hypnotischen Fähigkeiten, die im späteren Spielverlauf noch eine wichtigere Rolle einnehmen. In einer Badewanne ist eine seltsam verrenkte Gliederpuppe festgeschnallt, in einer Kneipe sind auf den Barhockern nur noch die leeren Kleidungsstücke der Gäste zu finden, als hätten sich deren Körper in Luft aufgelöst und dabei schmutzige Jacken, Hosen und Hemden zurückgelassen. Es gibt noch zig weitere Beispiele, die wir hier nennen könnten.

Little Nightmares 2 ist objektiv betrachtet kein sonderlich blutiger oder gar brutaler Titel. Die schlimmsten Aktionen werden nur angedeutet, nie direkt gezeigt, das Spiel ist aber so grotesk, dass es auf eine unnachahmliche Art sehr gruselig sein kann. Während der erste Teil noch mit einer USK-12-Wertung auskam, hat der zweite von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle eine 16er-Wertung zugewiesen bekommen und das völlig zu Recht.

Trial and Terror

So stark die Präsentation des Spiels auch ist, ein paar kleinere Schwächen hat Little Nightmares 2 leider auch. Die meisten davon waren schon im ersten Teil zu finden und wurden im Nachfolger zwar abgeschwächt, aber nicht vollständig behoben. Da wäre zum einen die Tatsache, dass Little Nightmares 2 wieder ein sehr lineares Spiel ist. Für jedes Rätsel gibt es genau eine Lösung. Wer vom vorgegebenen Lösungsweg abzuweichen versucht oder ebendiesen nicht sofort erkennt, wird in der Regel mit einem schnellen Tod bestraft. Das Gameplay setzt also viel auf Versuch und Irrtum und bietet trotz sammelbarer Hüte nur einen geringen Wiederspielwert.

Problematisch ist an manchen Stellen außerdem nach wie vor die 2,5D-Ansicht. Mono kann sich nicht nur horizontal bewegen, sondern auch ein paar Schritte in die Tiefe machen. Gelegentlich führen längere Korridore sogar ziemlich weit ins Bild hinein. Die Kamera passt sich in solchen Momenten dem Geschehen jedoch gar nicht oder nur unzureichend an. Das kann dazu führen, dass Mono bei Sprüngen sein Ziel verfehlt oder bei Kämpfen einen Gegner nicht trifft, weil sich dieser hinter oder vor ihm befindet und sich dadurch die Distanz zwischen den beiden Figuren kaum einschätzen lässt. Letzteres ist besonders nervig, weil Mono kein übermächtiger Actionheld ist und viel Kraft und Zeit zum Schwingen provisorischer Waffen wie Äxte oder Rohrzangen benötigt. Ein Schlag daneben ist meist mit einem prompten Tod gleichzusetzen. Sowohl Kämpfe gegen Feinde als auch Sprünge ins Ungewisse kommen im Laufe des Spiels allerdings relativ selten vor, außerdem werden Checkpoints gefühlt alle 30 Sekunden gesetzt und so können beide Kritikpunkte leicht verschmerzt werden.  

Etwas anders sieht es mit dem Umfang des Spiels aus. Little Nightmares 2 ist zwar länger als der erste Teil, mit rund fünf Stunden Spielzeit aber selbst zum Budgetpreis von 30 Euro noch immer sehr kurz.

Fazit:

Es ist schade, dass Little Nightmares 2 beim Zusammenspiel der zwei Charaktere etwas Potenzial verschenkt. Außerdem wurden die kleineren Schwächen des Vorgängers übernommen, statt ausgemerzt. Spieler sollten sich darüber hinaus bewusst sein, dass die Story von Little Nightmares 2 von Symbolbildern und einer Erzählweise ohne Worte lebt und stellenweise mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Ungeachtet dessen ist Little Nightmares 2 jedoch eine konsequente Fortsetzung der Serie. Das Spiel ist länger, abwechslungsreicher und noch atmosphärischer als der erste Teil. Die Rätsel sind unterhaltsam, die Präsentation über jeden Zweifel erhaben. Der Ausflug mit Six und Mono ist damit kein perfektes, aber ein dennoch absolut empfehlenswertes, stilistisch einzigartiges und wunderbar gruseliges Abenteuer in einer düsteren Welt, die gleichermaßen fantasievoll bizarr und bedrückend ist.  

Vielen Dank an Bandai Namco für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

8.5

Jeremiah David meint:

"Little Nightmares 2 ist ein wunderbar gruseliges Abenteuer in einer fantasievoll-bizarren Welt."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Herausragend

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3 Kommentare:


2null3
vor 1 Monat | 0
Test und Spiel gefallen mir. Ist was für den nächsten Herbst. :)

Schurik
vor 4 Wochen | 0
Ist das Spiel wirklich so gut? Sollte man den ersten Teil vorher spielen? Ich bin hin und her gerissen. Überall bekommt es so viel Lob, aber die Spielmechanik spricht mich nicht so an, Zumindest in den Videos.

Jerry
vor 3 Wochen | 0
Den ersten Teil muss man nicht gespielt haben, schließlich ist das hier ein Prequel. Ansonsten: Wenn dir Spiele wie Limbo oder Unravel gefallen haben, dann wird dir vermutlich auch Little Nightmares gefallen. Wenn dir die Spielmechanik nicht zusagt, dann bist du mit anderen Titeln vermutlich besser bedient. Vielleicht als Tipp: Der erste Teil kostet im PS-Store bis Ende März nur 4,99€. Damit könntest du praktisch in die Serie "reinschnuppern".