Test: The Flower Collectors

Von Robert Emrich am 12. Februar 2021

Ein kurzer Blick aus dem Fenster zum Hof auf Spaniens Weg zur Demokratie

Das Detektiv-Adventure “The Flower Collectors” wurde vor knapp einem Jahr erstmalig auf dem PC veröffentlicht und fuhr dort überwiegend gute Kritiken ein. Jetzt hat Mi’pu’mi Games seine Kriminalgeschichte über Sünde, Reue und Erlösung auch auf der Nintendo Switch veröffentlicht und wir haben uns den Titel für euch einmal genauer angesehen.

Von einem Land, das aufzustehen lernt und einem Mann, der es nicht mehr kann

Die als Franquismus oder Franco-Diktatur bekannte Epoche der spanischen Geschichte schafft es zwar nur vereinzelt auf den Lehrplan von deutschen Geschichtsstunden, steht anderen Diktaturen aber in wenig nach. 39 Jahre lang herrschte Francisco Franco mit eiserner Faust und ließ Mitglieder der linken Opposition, Homosexuelle, Systemkritiker und nicht-katholische Mitbürger systematisch verfolgen und internieren. Hunderttausende verloren im Zuge der Misshandlungen und Exekutionen ihr Leben und erst Francos Ableben im November 1975 ermöglichte der gebeutelten Nation den Wandel zur Demokratie. Eine Entwicklung die nicht überall auf Gegenliebe stieß.

In dieser heißen Phase des politischen Umschwungs beginnt das Abenteuer, das euch in die Haut des Bären Jorge schlüpfen lässt. Jorge, ein ehemaliger Polizist, der seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist, verlebt seinen Ruhestand mit dem Gedanken nutzlos zu sein, verbittert und einsam in seiner kleinen Dachgeschosswohnung. Von seinem Balkon aus nimmt er durch die Linsen seines Fernglases Anteil am Leben der Menschen in seinem Viertel, bleibt aber davon abgesehen lieber teilnahmslos und isoliert. Das ändert sich allerdings eines Nachts als ein Schuss durch den Regen peitscht und Jorge auf dem Platz vor seinem Haus einen leblosen Körper liegen sieht. Als dann kurz darauf auch noch eine junge Reporterin auf der Flucht an seine Tür klopft und Schutz bei Jorge sucht, ist es für ihn (und damit auch euch) Ehrensache, sich die Sache doch einmal genauer anzusehen und so nimmt die Geschichte langsam aber sicher ihren Lauf.

Sehen, reden, rollen

Manch einer hat es vielleicht schon vermutet: Im Rollstuhl sitzend ist Jorge nicht der agilste aller Helden und auch The Flower Collectors selber ist ein eher ruhiges Spiel, das von seiner Handlung und den Dialogen zwischen den Charakteren lebt. So spielt ihr Jorge aus der Ego-Perspektive und steuert ihn ausschließlich in seiner Wohnung und auf seinem Balkon, den einzigen für ihn befahrbaren Bereichen. Ein Fernglas und eine Kamera ermöglichen es euch Personen und Gegenstände in der sichtbaren Umgebung außerhalb der Wohnung genauer unter die Lupe zu nehmen. Den größten Teil des Spiels verbringt ihr folglich damit, etwas in der Umgebung zu suchen oder eine Situation zu beobachten. 

Den Part der Beine, Hände und Ohren in der Außenwelt übernimmt Melissa für euch, die junge Frau, die in der Mordnacht an eure Tür geklopft hat und in diesem Augenblick eure Ermittlungspartnerin wurde. Melissa kann von euch nicht direkt gesteuert werden, sieht sich aber Hinweise, Personen und Situationen auf Wunsch gerne genauer an und teilt euch die Ergebnisse ihrer Untersuchung nach einer kurzen Weile per Funkgerät mit. Das kann mitunter zu einigen Längen führen, denn in der Zeit in der Melissa gemächlichen Schrittes durch die Gegend wandert und dann die gewünschte Untersuchung anstellt, passiert in der Regel wenig anderes. Etwas aktiver verhält es sich da mit der Kamera mit der ihr relevante Situationen fotografisch festhaltet, die euch das Spiel mit einem farbigen Sucher markiert hat. Am Ende der meisten Kapitel bringt ihr die gesammelten Hinweise auf einer Pinnwand in eine sinnvolle Reihenfolge und arbeitet die Geschichte dabei noch einmal auf. Auch hier bietet das Spiel diverse Hilfestellungen in Form von Feedback von Jorge oder Melissa. So wird ein Hinweis am falschen Platz entweder erst gar nicht angepinnt oder dessen Sinn von Melissa kritisch hinterfragt.

Grundsätzlich könnt ihr aber an keiner Stelle des Spiels etwas wirklich falsch machen oder gar scheitern. Das Spiel nimmt euch zu jeder Zeit an die Hand und führt euch unabhängig von euren gefällten Entscheidungen immer weiter bis zum unvermeidlichen Ende. Einige Entscheidungen können zwar über den Erhalt von spielinternen Erfolgen entscheiden. Da diese aber rein kosmetischer Natur sind und nichts weiter freischalten, könnt ihr sie zumindest auf der Switch getrost ignorieren. 

Schöner Port eines halbwegs ansehnlichen Spiels

The Flower Collectors wurde vor knapp einem Jahr auf dem PC veröffentlicht, bevor es jetzt seinen Weg auf Nintendos tragbare Konsole fand. Der Port hat dem Spiel keineswegs geschadet und von der fehlenden Kantenglättung der Switch einmal abgesehen sieht das Spiel auf beiden Plattformen nahezu identisch aus, wobei es trotz allem flüssig läuft und auch angenehm schnell lädt.

Der Grund hierfür liegt schon in den ersten Sekunden des Spiels auf der Hand, denn Mi’pu’mi Games hat auf einige Feinheiten verzichtet, die dem Spiel gut getan, einen Port aber auch erschwert hätten. So sehen einige Texturen (auch bei der PC Version!) relativ verwaschen aus, während Welt und Figuren trotz liebevoller Gestaltung mit vergleichsweise wenigen Polygonen und im Fall der Charaktere leicht hölzernen Animationen auskommen müssen. Diese optischen Aspekte haben keinen negativen Einfluß auf die Geschichte oder das Spielerlebnis selber, zumal das Spiel auf dem kleineren Bildschirm der Konsole deutlich detailreicher wirkt und damit Boden gutmachen kann. Trotzdem mindern sie den Gesamteindruck ein wenig.

Akustisch überzeugt das Spiel dafür in jeder gespielten Variante. Der während andauernder Untersuchungen zeitweise etwas zu ruhige Soundtrack zieht in wichtigen dramatischen Momenten alle Register und untermalt das Geschehen mit Musik, die in ihren besten Momenten an Gustavo Santaolallas Soundtrack zu The Last of Us erinnern. Auch die Sprecher leisten ausgezeichnete Arbeit und hauchen den Figuren Persönlichkeit und Leben ein, wenn auch nur in einer englischen Synchronisation. Untertitel gibt es aber natürlich auch in deutscher Sprache. 

Schau mir in die Seele, Kleines. 

Trotz seiner Aufmachung und den Andeutungen im Trailer ist The Flower Collectors kein wirkliches Detektivspiel. Das sollte man unbedingt wissen, denn wer sich bei dem Spiel Deduktionen à la L.A. Noire oder Hotel Dusk: Room 215 erhofft, wird schnell enttäuscht sein. Die Rätsel, soweit vorhanden, beschränken sich auf das Entdecken und Fotografieren der richtigen vom Spiel vorgegebenen Situation. Die Zahl der Verdächtigen ist überschaubar und falsche Fährten, denen man folgen könnte, sind ebenfalls kaum vorhanden. Selbst den Zeitpunkt für die Auflösung des Rätsels um den gesuchten Mörder bestimmt das Spiel und nicht eure intelligente Spürnase. The Flower Collectors ist also wirklich kein klassisches Detektivspiel.

Vielmehr erleben wir in den etwa vier Stunden, die das Spiel umfasst, die Geschichte eines Mannes und einer Nation, die sich beide bemühen ihre Vergangenheit zugunsten einer besseren Zukunft überwinden zu können, gut verpackt in einer Kriminalgeschichte. Dabei lockt das Spiel euch unmerklich immer weiter in den metaphorischen Kaninchenbau, und hilft euch mit einem sympathischen Synchronsprecher, der Geschichte eines traurigen Mannes und allerlei niedlichen Charakteren mit Tiergesichtern, einen Zugang  zu Jorge, eurem Helden zu finden. Erst spät offenbart sich der ganze Plan der Entwickler und offenbart ein Werk das wirklich nicht jedem gefallen wird, Freunden von narrativlastigen Spielen wie Firewatch, Oxenfree oder Night in the Woods aber kurzweilige Unterhaltung und einen interessanten Einblick in das eigene Wesen bieten kann.

Fazit:

Mi’pu’mis zweites Werk ist ein Spiel, das mehr als einen Blick benötigt, um sein Potential zu offenbaren. Die Technik, die zunächst ein wenig plump wirkt, trägt die Handlung schnörkellos und fehlerfrei und liefert mit einer akkuraten Steuerung und einem sehr guten Soundtrack den perfekten Unterbau für die Geschichte. Die hat zwar anfangs ihre Längen, überzeugt am Ende aber mit ihren liebevoll gestalteten Charakteren und gibt uns sogar noch ein wenig Stoff zum Nachdenken. Lediglich der überschaubare Umfang des Spiels und die etwas zu einfachen Rätsel geben dem finalen Eindruck einen kleinen Dämpfer und hindern das Spiel daran, einen größeren Spielerkreis anzusprechen. Das ist schade. Nicht zuletzt weil ich unter dem Strich wirklich gerne mehr Zeit mit Jorge, Melissa und den Einwohnern Madrids verbracht hätte.

Vielen Dank an Mi’pu’mi Games für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.5

Robert Emrich meint:

"Eine schöne narrativlastige Kriminalgeschichte, die sich mit ihrem eingeschränkten Umfang und wenig herausfordernden Rätseln an einen sehr spezifischen Spielerkreis richtet, dort aber gut ankommen sollte."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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