Test: Persona 5 Strikers

Von Deniz Üresin am 11. Februar 2021

Die Phantom-Diebe sind zurück! Können sie erneut unsere Herzen stehlen? Erfahrt es in unserem Test.

In der japanischen Videospielindustrie gehört es mittlerweile fast schon zum guten Ton, eine Kooperation mit Koei Tecmo einzugehen, um ein Warriors-Spin-Off produzieren zu lassen. Die von der Dynasty-Warriors-Reihe abgeleiteten Hack-and-Slash-Spiele waren lange Zeit für ihre monotonen Massenschlachten bekannt, in denen man mit einem einzigen Charakter hunderte von Gegnern durch simples Knopfdrücken niedermäht. Spätestens seit Hyrule Warriors geben sich die Entwickler von Omega Force aber sichtlich mehr Mühe, ihre Warriors-Titel voneinander abzuheben und mehr Elemente der jeweils zugrunde liegenden IPs einzubauen.

Persona 5-2

Storytechnisch handelt es sich bei Persona 5 Strikers um ein waschechtes Sequel. Vier Monate nach dem Ende von Persona 5 (dem „Original“, in diesem Spiel haben die neuen Events des erweiterten Re-Releases Persona 5 Royal nie stattgefunden) kehrt ihr als der berüchtigte Joker mit eurer Katze Morgana im Schlepptau zurück nach Tokyo, um euch mit eurer alten Gang zu treffen. Ihr plant einen gemeinsamen Campingausflug über die Sommerferien, stoßt jedoch beim Einkaufen der Verpflegung auf ein seltsames Phänomen – viele Menschen scheinen wortwörtlich besessen vom neuesten Idol „Alice Hiiragi“ zu sein, all ihr Geld für entsprechendes Merchandise auszugeben und sich gegenseitig anzufeinden – da bahnt sich doch nicht etwa ein neuer Job für die Phantom Thieves an?

Wie sich herausstellt, kann die neue trendige App EMMA, die ähnlich wie Alexa oder Google Assistant funktioniert, Menschen mit dem richtigen Passwort ins Meta-Universum navigieren. Alices Passwort führt euch beispielsweise schnurstracks in eine verzerrte Version von Shibuya, in der eine finstre Version des Idols ihren Anhängern ihre Begierde stiehlt und diese zu einem riesigen Juwel formt. Zusammen mit Sophia, der künstlichen Intelligenz hinter EMMA, die sich im Meta-Universum in menschenähnlicher Gestalt manifestieren kann, kümmern sich die Phantom Thieves um dieses und viele weitere ähnliche Probleme, die in ganz Japan auftreten. Dabei müssen sie nicht nur neue Schatten besiegen und Sinneswandel in niederträchtigen Menschen auslösen, sondern auch noch auf jeden ihrer Schritte in der echten Welt achten – die Polizei hält die Herzendiebe nämlich für die unerklärlichen Geschehnisse verantwortlich und hat auch einen Inspektor auf die Bande angesetzt. Dieser hält Joker und seine Freunde zwar nicht für die Schuldigen und füttert sie sogar gelegentlich mit brandheißen Infos, allerdings scheint er seine wahren Beweggründe zu verschweigen.

Wie auch im Original Persona 5 infiltrieren die Phantomdiebe nach und nach die von einflussreichen Fieslingen erschaffenen Dungeons (die sogenannten „Gefängnisse“) im Meta-Universum, um die in ihnen gefangenen Menschen zu retten und aufzudecken, wer hinter diesem Japan-weiten Phänomen steckt. Spielerisch hat sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger jedoch einiges getan.

Das etwas andere Musou

Wer hier einen typischen Musou-Gameplay-Loop erwartet, dürfte ein wenig enttäuscht werden: Ihr wählt in Persona 5 Strikers keine Mission aus einem Menü aus und werdet dann auf ein abgegrenztes Schlachtfeld teleportiert, wo ihr Horden von Feinden verdrescht. Tatsächlich spielt sich das Spin-Off außerhalb der Dungeons wie ein ganz normales Persona (Light). Ihr wandert mit Joker durch die Straßen des jeweiligen Ortes, an dem ihr gerade campiert, kauft in Läden diverse Speisen und Getränke, die in Kämpfen als Heilitems fungieren, sprecht mit Passanten, um herauszufinden, was dort vor sich geht und verbringt wahlweise Zeit mit euren Kameraden. Das Zeitmanagement-Feature und das Social-Link-System fehlen hier zwar, aber das soll euch nicht davon abhalten, mit Ryuji abzuhängen, euch ausufernde Vorträge von Yusuke über die lokalen Kunstwerke anzuhören oder mit Ann die örtlichen Süßspeisen zu probieren. Optionale Aktivitäten führen wie das gemeinsame Kämpfen zur Erhöhung eures Bindung-Levels, was euch Punkte einbringt, die ihr in diverse Statuswert-Upgrades und andere Annehmlichkeiten investieren könnt.

Euer Wohnwagen, mit dem eure Crew das Land der aufgehenden Sonne bereist, dient als Hub. Hier könnt ihr Waffen und Rüstungen über Sophia bestellen, Curry kochen und, sobald ihr es entdeckt habt, das aktuelle Gefängnis infiltrieren. Diese funktionieren prinzipiell wie Paläste aus Persona 5. Ihr schleicht euch durch die abwechslungsreich designten Gänge der Dungeons, löst kleinere Puzzles, absolviert die eine oder andere Geschicklichkeitspassage und überrascht gegnerische Schatten, um einen Vorteil im Kampf zu erhalten und die Sicherheitsstufe des Gefängnisses niedrig zu halten.

Das Kampfsystem lässt sich am ehesten als merkwürdiger, aber doch gut funktionierender Mix aus Warriors-Geschnetzel und Personas rundenbasierten, strategischen Gefechten beschreiben. Sobald ihr einen Gegner (oder er euch) überrascht, wird ein kleiner Bereich um euch herum abgegrenzt und zum Schlachtfeld deklariert. In Warriors-Manier stehen euch hier für gewöhnlich mehrere Dutzend Gegner gegenüber, bei denen es sich um die typischen Schatten aus dem Shin-Megami-Tensei/Persona-Universum handeln. Jeder Schatten hat gewisse Schwächen und Resistenzen gegenüber bestimmten Elementen, die es gnadenlos auszunutzen gilt. Kleineren, schwächeren Gegnern könnt ihr noch getrost mit Kombinationen aus Nahangriffen mit euren Waffen zu leibe rücken, für die größeren Widersacher, Zwischenbosse und Endgegner müsst ihr aber zwingend auf die richtigen Skills eurer Personas zurückgreifen. Glücklicherweise könnt ihr jederzeit während des Kampfes zwischen euren vier aktiven Partymitgliedern hin- und herwechseln. Yusukes Persona Goemon greift bevorzugt zu Eisattacken, während Harus Begleiterin Milady das Psy-Element verwendet. Joker kann wie auch im Original neben Arsene weitere Personas rekrutieren, die er hier nicht einmal überreden muss. Größere, stärkere Versionen einiger Schatten lassen gelegentlich nach ihrer Niederlage ihre Maske fallen, die ihr lediglich aufsammeln müsst. Im Velvet Room, in dem Lavenza bereits auf euch wartet, könnt ihr weiterhin Personas fusionieren, um neue, stärkere Kameraden zu generieren. Das Durchwechseln der Charaktere ist aber nicht nur von strategischem Interesse, es macht auch einfach Spaß, die völlig unterschiedlichen Movesets der Kämpfer kennenzulernen.

Nicht von euch gesteuerte Charaktere übernimmt der Computer, der sich dabei mal besser, mal weniger gut anstellt - ihr solltet daher immer ein Auge auf die Gesundheit eurer Partymitglieder haben, um unschöne Überraschungen vermeiden zu können.

Öffnet ihr per Druck auf die R-Taste das Skillmenü, pausiert das hektische Kampfgeschehen, bis ihr einen Angriff oder Zauber ausgewählt habt. Das lässt sich ausnutzen, um einen Überblick über das Schlachtfeld zu erhalten, eure ausgerüstete Persona zu ändern (wenn ihr als Joker spielt) und Informationen wie Schwächen und Resistenzen des anvisierten Gegners anzeigen zu lassen. Trefft ihr den Schwachpunkt eines Gegners, könnt ihr starke Komboattacken nachfolgen lassen – darunter auch die aus Persona 5 bekannte All-Out-Attack, in der alle aktiven Partymitglieder wild auf den Schatten einprügeln. Natürlich können Gegner den Spieß auch umdrehen und euch auf dem falschen Fuß erwischen – in diesem Fall seid ihr auf den beiden höheren der drei Schwierigkeitsgrade so gut wie tot, wenn ihr Pech habt, sodass ihr höllisch aufpassen solltet, diesen Angriffen rechtzeitig auszuweichen oder ihnen mit einem eigenen Skill zuvorzukommen.

Neu im Kampf hinzugekommen ist neben der Action-Komponente auch die Interaktivität mit der Umgebung. So könnt ihr beispielsweise auf Ampeln springen und von diesen einen Wirbelangriff auf die Gegner starten oder Polizeiautos in die Luft jagen, um allen Schatten in der näheren Umgebung Schaden zuzufügen. Gerade die ausgefallenen und knallharten Bosskämpfe lassen euch die Kulisse oft zu euren Gunsten mit einbeziehen.

Wie läuft’s?

Die Switch-Version von Persona 5 Strikers macht technisch einen guten, wenn auch keinen überragenden Eindruck. Der knallige Artstyle sieht sowohl auf dem TV als auch im Handheldmodus toll aus und bleibt überwiegend flüssig bei 30 Bildern pro Sekunde. Die Kanten der Spielfiguren hätten aber durchaus ein wenig glatter sein können, gerade im Handheldmodus fällt das Aliasing doch gelegentlich auf. Ebenfalls auffällig sind die teils heftigen Pop-Ups von Hintergrund-Objekten in Dungeons, ein Problem, mit dem die meisten Spiele von Entwicklerstudio Omega Force kämpfen. Zu guter Letzt sei euch geraten, eine Menge Geduld beim Spielen mitzubringen – die Ladezeiten haben es nämlich leider in sich. Das macht die in den Dungeons auffindbaren Speicherpunkte zu einem zweischneidigen Schwert. Ihr könnt dort nämlich nicht nur speichern (wer hätte das gedacht?), sondern auch eure Party komplett heilen – wenn ihr hier den Dungeon verlasst und erneut betretet. Dies bringt In-Game aufgrund des fehlenden Zeitmanagement-Aspekts zwar keinerlei Nachteile mit sich, dauert aufgrund der Ladezeiten aber ganz schön lange.

Abseits davon bietet Persona 5 Strikers in gewohnter Manier superstylische Menüs (manchmal vielleicht sogar etwas übertrieben), einen phänomenalen Soundtrack, der auf jazzige Tunes, Rockeinlagen und Popmusik setzt und dabei nicht nur alte Songs des Vorgängers recycelt, sondern auch völlig neu komponierte Stücke mitbringt und eine deutsche Lokalisierung, wenn auch nur in den Texten. Für die Sprachausgabe kann zwischen Englisch und Japanisch gewählt werden, wobei alle wichtigen Charaktere ihre Synchronsprecher behalten konnten, die weiterhin einen tollen Job machen und positiv zur Immersion beitragen.

Fazit:

Mit Persona 5 Strikers ist es Koei Tecmo ein weiteres Mal gelungen, das hauseigene Warriors-Franchise mit einer anderen IP zu einem neuen Geschmackserlebnis zu vermengen. Fans des Originals dürfen sich darauf freuen, einen ganzen Sommer mit den Phantom Thieves zu verbringen, neue Fälle zu lösen und mit einem erfrischenden, fordernden Kampfsystem zu experimentieren. Da es sich bei dem Spiel um ein direktes Sequel zu Persona 5 handelt, ist es auch empfehlenswert, zumindest grob über den Vorgänger Bescheid zu wissen. Auch wenn die Story in sich geschlossen ist, werden die etablierten Charaktere nicht wirklich vorgestellt, was in den ersten Stunden, in denen man von recht langen Cutscenes beinahe erschlagen wird, dazu führen kann, dass man sich als Neuling etwas wie das fünfte Rad am Wagen fühlt. Spielerisch ist der Titel aber sehr zugänglich und erklärt in kurzen, aber gut gestalteten Tutorials jedes neue Gameplay-Element. Wer kein Freund von Herausforderungen ist und nur der Story folgen möchte, kann das auf dem leichten Schwierigkeitsgrad tun, während sich „Hardcore“-Zocker gerne am schwersten Grad die Zähne ausbeißen dürfen, in dem jeder falsche Schritt der letzte sein könnte. Auf normal sind die meisten Gegner kein allzu großes Problem, während größere Versionen und Bosskämpfe durchaus knifflig werden können.

Die Fusion aus Campingausflug im Persona-Style und taktischem Action-Gameplay mit Stealth- und Geschicklichkeitseinlagen hat jedenfalls sehr gut geklappt, auch wenn etwas mehr Freiheit in der Gestaltung der Freizeit, etwas Anti-Aliasing und etwas kürzere Ladezeiten wünschenswert gewesen wären.

Vielen Dank an Koch Media für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

8.5

Deniz Üresin meint:

"Mir ist jede Ausrede recht, ein weiteres Abenteuer mit den Phantom Thieves zu erleben und diese Ausrede spielt sich auch noch toll!"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Asinned
vor 2 Wochen | 2
Toller Test! Ist auf jeden Fall auf meiner Wunschliste. Wegen den leichten technischen Mängel und der lange Ladezeiten, werde ich es dann aber wohl auf PS5 zocken.