Test: Haven

Von Jeremiah David am 08. Februar 2021

Lovers lost in space

Im Dezember wurde Haven für den PC, die Konsolen von Microsoft und die PlayStation 5 veröffentlicht. Nicht ganz zwei Monate später wurden nun auch die PlayStation 4 und Nintendos Hybridkonsole bedient. Was kann das Indie-Adventure aus Frankreich? Ist es spielenswert? Wir haben uns das Abenteuer mit Rollenspielelementen auf der Switch näher angeschaut und wollen euch diese Fragen gerne beantworten.

Wer Haven zum ersten Mal in Screenshots oder Videos sieht, muss vermutlich unweigerlich an Titel wie Flower oder Abzu denken. Die beiden Hauptcharaktere gleiten mit speziellem Antigravitations-Schuhwerk graziös wie Schlittschuhläufer über weite Wiesen und Felsformationen hinweg. Unter ihren Füßen biegen sich die Grashalme wie unter einem sanften Windhauch zur Seite. Diese Spielpassagen erinnern tatsächlich vor allem an Thatgamecompanys 2009 veröffentlichtes und höchst meditatives Spiel Flower. Haven kann stellenweise ähnlich entspannend sein, verbindet das Gameplay aus Flower jedoch mit einer mehr oder weniger interessanten Story, einem rudimentären Kampfsystem und einigen RPG-Elementen, auf die wir nachfolgend näher eingehen werden.

Beginnen wir mit der Story: Haven erzählt die Geschichte des Liebespaars Yu und Kay, das mit einem Raumschiff – dem sogenannten Nest – auf einem fremden Planeten gestrandet ist. Die beiden sind bis über beide Ohren ineinander verliebt. Haben wir schon erwähnt, dass sie sich lieben? Ja? Doppelt hält besser: Sie lieben sich – und sie erinnern den Spieler mit ihren Taten und unzähligen Sprüchen absolut ständig an diese Tatsache. 

Etwas kurios ist dabei, dass wir nur außerhalb des Nests eines der beiden Turteltäubchen direkt steuern dürfen. Im Raumschiff selbst steuern wir nur die Kamera und lassen unseren voyeuristischen Zügen freien Lauf, während Yu und Kay wie zwei frisch verknallte Teenager miteinander kochen, duschen, schlafen oder anderen Aktivitäten nachgehen und sich stets Unmengen Komplimente um die Ohren werfen. Sogar die Ladebildschirme zeigen die beiden in Manga- oder Chibi-ähnlichen Zeichnungen dabei, wie sie sich beispielsweise einen Regenschirm teilen, sich gegenseitig die Haare bürsten oder einfach nur umarmen. Den ein oder anderen Spieler werden die stellenweise übertriebenen Liebesbekundungen womöglich gar nicht stören, manche werden die romantische Seite des Spiels und die zugegebenermaßen sympathischen Charaktere sogar mögen, wieder andere werden sich dagegen nur wie ein drittes Rad am Wagen vorkommen.

Yu und Kay sind auf ihrem Heimatplaneten dem Korb entflohen. Das ist eine totalitäre Gesellschaft, die im Englischen (im Spiel gibt es lediglich eine englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln) als the Apiary bezeichnet wird. Dort wurden Menschen gegen ihren Willen dazu gezwungen jeweils mit einem Fremden, vom System ausgewählten Partner zu leben. Mit Hilfe seltsamer, blau leuchtender Energieströme sind Yu und Kay auf dem unbewohnten Planeten Source gelandet. Diese Energie, im Spiel Flut genannt, verbindet auch unterschiedliche, schwebende Inseln auf dem Planeten miteinander und kann im Nest wie Elektrizität zum Betreiben verschiedenster Gerätschaften genutzt werden. Um zu Überleben muss das Nest in funktionsfähigem Zustand gehalten werden, außerdem gilt es, nach und nach alle Teile der neuen Welt zu erkunden und essbare Pflanzen zu finden. Yu und Kay sind Vegetarier und ernähren sich daher nur von Beeren und Nüssen, die in bester Breath-of-the-Wild-Manier zu verschieden Menüs kombiniert werden können.

Das Gameplay besteht größtenteils aus dem oben bereits beschriebenen Gleiten über die Planetenoberfläche. Um Energie aufzusammeln, müssen Yu und Kay leuchtenden Strängen in der Luft folgen. Enge Kurven erfordern Driftmanöver, und für höher gelegene Stränge müssen die Schuhe erst mit einem Upgrade versehen werden, aber grundsätzlich sollten Spieler keine kniffligen Herausforderungen erwarten. Das Spiel verfügt über zwei Schwierigkeitsgrade, wobei selbst der höhere von den Entwicklern als “nicht schwer” bezeichnet wird. Der leichtere Schwierigkeitsgrad ist wirklich nur blutigen Gaming-Anfängern oder noch sehr jungen Kindern zu empfehlen.

Neben der blauen Energie muss auch noch Rost gesammelt werden. Das ist eine rote Materie, mit der Yu das Raumschiff reparieren kann. Rost bedeckt weite Teile des Planeten wie eine Farbschicht, löst sich aber buchstäblich in Luft auf, wenn Yu und Kay darüber hinweggleiten. Die beiden können mit ihren Antigravitationsstiefeln also den Planeten reinigen und zugleich Ersatzteile für das Nest sammeln - wie praktisch!

Der Planet Source ist unbewohnt, aber nicht leblos, denn verschiedene Echsen, riesige Käfer und andere Kreaturen leben auf den schwebenden Inseln. Die Wesen sind eigentlich alle friedlich, werden aber aggressiv, wenn sie von Rost befallen wurden. Dann greifen sie Yu und Kay auch an und das Spiel schaltet in eine Art rundenbasierten Kampf-Modus. Jedem Protagonisten stehen vier Aktionen zur Verfügung: Schuss, Rempler, Blocken und Besänftigen. Werden Schüsse oder Rempler von Yu und Kay synchron ausgeführt, werden sie zu Duo-Angriffen, die besonders viel Schaden anrichten. In der Praxis heißt das aber aufgrund fehlender Cool-down-Zeiten einfach nur, dass wir Duo-Angriffe spammen können, bis die Gegner ohnmächtig werden und wir sie besänftigen dürfen. Ein besänftigtes Tierchen ist nicht mehr gefährlich und darf sogar gestreichelt werden.

Durch das Aufsammeln von Rost und Flut, das Auffinden von Essbarem sowie das Bekämpfen von infizierten Tieren füllen wir eine Handvoll unterschiedlicher Level-Anzeigen. Ist eine Anzeige voll, verbessern sich einige Attribute wie Springen, Gleiten, Gesundheit und Ähnliches.

Technisch zeigt sich Haven durchwachsen. Die meiste Zeit läuft das Spiel auf der Switch problemlos und relativ flüssig, aber speziell die Charaktere sehen in ihrer eigentümlichen Cel-Shading-Grafik verpixelt und detailarm aus. Gleiches gilt in geringerem Umfang auch für die Räume im Raumschiff Nest. Die weiten Wiesen außerhalb können optisch schon eher überzeugen, die felsigeren Landstriche sind bisweilen allerdings bestenfalls auf PS2-Niveau. Schade ist auch, dass alle Inseln mehr oder weniger gleich aussehen. Etwas mehr Abwechslung im Design wäre wünschenswert gewesen. Die Animationen wirken zudem hölzern und so ist es nicht verwunderlich, dass während Dialogen meist wie in so manchem JRPG handgefertigte, aber statische Zeichnungen der Charaktere eingeblendet werden. Die deutsche Übersetzung ist nicht schlecht, aber einige Begriffe scheinen verniedlicht worden zu sein, was bisweilen etwas irritieren kann. Wirklich unschön ist dagegen, dass das Spiel während unserem Test mehrfach abstürzte. Immerhin konnten die äußerst fair gesetzten Checkpoints größeren Frust stets vermeiden. Die Spielzeit ist mit rund zehn Stunden in dieser Preisklasse dagegen vollkommen in Ordnung und auch der optionale Coop-Modus ist gerne gesehen.

Fazit:

Haven ist ein eigentümlicher Titel. Eigentlich enthält das Werk des französischen Entwicklers The Game Bakers fast alle Zutaten eines klassischen Action-Adventures, es nimmt die üblichen Genrekonventionen jedoch nicht sonderlich ernst. Die Kämpfe sind  lächerlich minimalistisch und das Erkunden der schwebenden Inseln macht nur aufgrund der flotten Gleit-Mechanik Spaß - wirklich viel zu entdecken gibt es nicht. Der Entwickler Emeric Thoa hat das Spiel in einem Interview als eine Mischung aus Journey und Persona beschrieben, wird Haven damit aber nur zum Teil gerecht. Haven setzt einen eindeutigen Fokus auf die Beziehung der beiden Hauptcharaktere. Es lebt von den vielen Dialogen und den Interaktionen zwischen Yu und Kay, das hat aber eben auch zur Folge, dass Spieler, die mit deren Romanze nichts anfangen können, sich schnell ebenso gestrandet vorkommen werden wie die Protagonisten auf dem Planeten Source. Wer Yu und Kay gerne zuhört und sich in die beiden sorgfältig ausgearbeiteten und durchaus sympathischen Charaktere so verliebt, wie sie sich ineinander, der wird gewiss über das schwache Gameplay hinwegsehen können. Alle anderen Gamer sind mit anderen Abenteuerspielen allerdings besser bedient und sollten unserer Endwertung noch ein paar Punkte abziehen.

Vielen Dank an The Game Bakers für die Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.0

Jeremiah David meint:

"Ein entspanntes Beziehungsdrama ohne Drama, dafür aber mit einigen simplen RPG- und Adventure-Elementen."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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1 Kommentare:


HeikoKunz
vor 2 Monaten | 1
Sehr gut geschriebenes Review des Spiels!
Es ist wirklich diese auf die Interaktion der Charaktere fokussierte Reise. Wer hier den Dialogen nicht viel abgewinnen kann, wird spielerisch enttäuscht. Wer sich aber für die Story interessiert, erlebt ein ungewöhnliches und mutiges Spiel.