Test: Hitman 3

Von Robert Emrich am 28. Januar 2021

Von Pistolen, Garrotten und Bügeleisen - IO Interactives Profilkiller-Sandbox geht in die nächste Runde

Die Eröffnungsfeierlichkeiten sind bereits im vollen Gange als ich die festlichen Hallen in den obersten Stockwerken des Burj Al-Ghazali betrete. Der höchste Wolkenkratzer der Welt reckt sich im Zentrum Dubais majestätisch in den Himmel und die Sonne scheint golden durch die riesigen Fenster. Zu meinen Füßen erstreckt sich eine Wolkendecke über den größten Teil der Stadt, nur unterbrochen von anderen Wolkenkratzern, die hier und da zwischen den Wolken zu sehen sind. Der Anblick ist atemberaubend.

Mein besonderes Gespür zeigt mir mein Ziel in einem der oberen Stockwerke und so mache ich mich auf den Weg, nachdem ich eine einzelne unachtsame Wache überwältigt und um Ihre Uniform gebracht habe. Unterwegs betrachte ich die mich passierenden Menschen und Umgebungen und plane meine Strategie. Ich könnte den Auftrag wie einen Unfall aussehen lassen, mein Opfer leise in einer abgelegenen Ecke erdrosseln oder es mehr oder weniger diskret erschießen, um nur einige der Möglichkeiten zu nennen, an denen es in diesem Gebäude wirklich nicht mangelt. So in Gedanken versunken laufe ich gerade durch einen der letzten noch nicht fertiggestellten Bereiche, als mir mein Ziel plötzlich entgegenkommt. Entspannt mit seinem Begleiter plaudernd nähert es sich der noch unverglasten Reling am Rand des Gebäudes und ich entscheide aus einer spontanen Laune heraus, dass weniger manchmal mehr ist. Ein schneller Schubser lässt den armen Kerl mit den Armen rudernd über die Kante fallen und sein Schrei verhallt schnell, als er zwischen den Wolken verschwindet. Seine panische Begleitung schlage ich mit einem geübten Schlag K.O. und noch ehe den Leuten klar wird, was hier gerade passiert ist, bin ich schon längst in der Menge verschwunden und über alle Berge. 

So in etwa spielt sich ein Level in Hitman 3 und um es vorweg zu nehmen: Hitman 3 ist tatsächlich nicht der dritte, sondern chronologisch gesehen der achte Teil der Videospielreihe um den Auftragskiller, der schlicht “47” genannt wird. Im sechsten Teil hat IO Interactive die Zählung schlicht von vorne begonnen und mit “World of Assassination” eine neue, als Trilogie angelegte Story veröffentlicht, die mit dem aktuellen Titel ihr Ende findet und in den vorherigen Teilen grob zusammengefasst so ablief: Ein mysteriöser Auftraggeber namens “Shadow Client” beauftragt die ICA, den Arbeitgeber von 47 mit dem Mord an der Gruppe, die sich “Providence” nennt und aus einigen Milliardären besteht, die im Geheimen die Geschicke der Welt kontrollieren. 47 macht sich Mission für Mission ans Werk und beseitigt mehrere ranghohe Mitglieder, ehe sich ein Vertreter von Providence an die ICA wendet und diese zu einem Seitenwechsel überredet, um den Shadow Client zu jagen. Nun macht sich 47 daran, Verbündete des Shadow Client zu töten und mordet sich erneut fröhlich durch die Welt bis er erkennt, dass es sich bei dem Shadow Client um seinen Kindheitsfreund Lucas Grey handelt, der wie er ein zum Töten trainierter Klon ist. Gemeinsam schwören die beiden sich an allen beteiligten Bösewichten zu rächen und gehen erneut auf die Jagd nach den Anführern der Providence-Gruppe.

Die Handlung der drei Teile zusammen erinnert an einen der Jason-Bourne-Filme und ist nichts, was man in anderen Filmen und Spielen nicht schon einmal erlebt hat. Zwar bemüht sich das Spiel um Komplexität und führt regelmäßig neue Figuren ein, nur überleben diese selten den ersten Kontakt mit 47. Auch die hübsch gemachten Zwischensequenzen versuchen die Story voranzubringen, beziehen sich aber ein wenig zu oft auf die vorherigen Teile und machen es Quereinsteigern damit nicht unbedingt einfacher der Handlung zu folgen. Letztlich ist diese in Hitman-Spielen aber auch zweitrangig, was ihr als mögliche Neueinsteiger unbedingt wissen solltet. Wer Hitman 3 einfach nur zügig durchspielt, um die Handlung zu erleben, kommt bereits in sechs bis acht Stunden beim Abspann an, hat dabei aber nahezu alles verpasst, was die Serie so groß gemacht hat.

Lass uns auf den Spielplatz gehen

Highlight des Spiels sind tatsächlich nicht die Charaktere und deren Geschichten, sondern die riesigen Sandbox-artigen Level, die euch zum Erforschen und Experimentieren einladen. In einer oftmals unübersichtlichen Zahl von Räumen, Gassen, Winkeln und Wegen gehen zeitweise hunderte Charaktere ihrem Tagewerk nach. Viele bieten euch in Kombination mit allen möglichen Waffen und Werkzeugen die unterschiedlichsten Interaktionsmöglichkeiten, wobei sich die meisten Optionen vornehmlich um das (mitunter auch tödliche) Ausschalten eines Charakters drehen. Hier stehen euch neben den üblichen Hieb-, Stich- und Schusswaffen auch allerlei Werkzeuge und Haushaltsgegenstände, Gifte und mögliche Unfallquellen wie offene Stromkabel und von Decken fallende Gegenstände zur Verfügung. Einmal ausgeschaltet, steht es euch frei, die Kleidung von männlichen NPCs anzulegen und euch auf diese Weise zu verkleiden, was euch oft Zutritt zu vorher gesperrten Bereichen gewährt. Ein Wachmann kommt problemlos in für Zivilisten gesperrte Bereiche, während ein Bodyguard der Zielperson unbehelligt in für Wachpersonal gesperrte Bereiche folgen kann. So könnt ihr euch je nach Lust und Laune in der Nahrungskette der NPCs nach oben meucheln oder es euch schwer machen und unverkleidet durch die Gegend schleichen. Ähnlich wie bei der Frage, ob ihr Charaktere umgehen, betäuben oder ermorden wollt, ist euch auch bei der Auswahl eurer Wege die Wahl komplett überlassen. Lediglich die Tötung der Zielperson(en) ist obligatorisch und muss erledigt werden, um den Level abschließen zu können.

Um bei all den Möglichkeiten nicht die Übersicht zu verlieren bietet das Spiel euch zusätzlich in jedem Level unterschiedliche optionale Missionen, die euch, sofern ihr sie annehmt, nach einigen schnellen Teilaufgaben in ein Zimmer mit der Zielperson bringen. So müsst ihr beispielsweise in einer Intromission dem Ziel einen Wodka servieren und könnt diesen in einem stillen Augenblick mit Rattengift versetzen. Kaum getrunken begibt sich das Ziel dann direkt aufs stille Örtchen, um sich zu übergeben und kann dort in Ruhe eliminiert werden. So einfach geht es in späteren Leveln aber bei Weitem nicht zu. Viele der Level sind so riesig, dass es eine Weile und mitunter auch diverse Versuche braucht, um die besten Wege für die jeweilige Mission zu finden. Anders als die Assassinen in anderen Spielen verfügt 47 über eine vergleichsweise realistische Physiologie und kann nicht an jeder Kante hochklettern oder wild Abgründe überspringen (von wenigen gesondert markierten Bereichen einmal abgesehen) und muss sich dementsprechend schleichend oder in Verkleidung über die Karten bewegen, um keine Probleme mit den Wachen zu bekommen. Diese reagieren in den meisten Fällen erst einmal recht kulant, wenn sie euch in einem Sperrgebiet ertappen und begleiten euch, wenn ihr kooperiert, einfach nur in den für euch erlaubten Bereich. Eine Weigerung oder anderweitig feindselige Aktion führt mehr oder weniger schnell zu einer Eskalation der Situation, die letztlich, wenn ihr nicht schnell ein gutes Versteck findet, in einem Feuergefecht endet, das ihr in den meisten Fällen verlieren werdet. Praktischerweise speichert das Spiel euren Fortschritt im einfachen und normalen Schwierigkeitsgrad aber alle paar Minuten automatisch, sodass ein Ableben euch vielleicht fünf Minuten eurer Zeit kostet. Nur im schweren Profi-Modus ist das Speichern auf ein einziges mal pro Level limitiert und muss somit gut geplant werden. 

Eine Frage des Umfangs

Schleichend und mordend spielt ihr euch durch die fünf neuen Sandbox-Level ehe ihr den letzten Level erreicht, der den Epilog der “World-of-Assassination”-Story darstellt und komplett linear verläuft ohne euch die spielerischen Möglichkeiten der anderen Level zu bieten. Das ist, wenn man den Umfang des Spiels betrachtet, gerade noch in Ordnung, aber trotzdem weniger Inhalt als in den Vorgängern. Umso bitterer ist an dieser Stelle die Tatsache, dass das Hauptmenü eine Menge Spieloptionen bietet, die in der Standardversion des Spiels nicht erhältlich sind und den Kauf weiterer DLCs benötigen. Hier hätte IO Interactive einen deutlich besseren Eindruck hinterlassen können.

Immerhin bietet das Spiel langjährigen Fans und Besitzern der beiden vorherigen Teile die Möglichkeit, alle Zonen und die in ihnen erspielte Leistungen in den aktuellen Teil zu übernehmen, sodass ihr aus dem Menü des aktuellen Spiels heraus auch die Zonen der Vorgänger besuchen und den Inhalt rein theoretisch verdreifachen könnt. Allerdings wirklich nur dann, wenn ihr die beiden anderen Teile ebenfalls besitzt.

Bei aller Kritik darf man aber nie vergessen, dass Hitman 3 zwar eine lineare Handlung besitzt, die Level selber aber darauf ausgelegt sind, immer wieder und wieder besucht zu werden, um immer neue und interessantere Wege zu finden, die Zielpersonen ins Jenseits zu befördern. Und unter diesem Gesichtspunkt liefert Hitman euch mehr als genug zu tun. Man muss als Spieler nur wissen, worauf man sich einlässt. 

Fun with a Gun in the Sun

Bei der Frage nach dem Spielspaß ist das Spiel, sofern ihr Thema und Genre des Spiels nicht grundsätzlich ablehnt, über jeden Zweifel erhaben. Es macht unheimlich viel Spaß, Wachen in Fallen zu locken, ein Ziel nach langer Planung endlich in die Finger zu bekommen und mitten in der größten Panik mit einer neuen Verkleidung unerkannt durch Menschenmengen zu schlendern. Jeder Level trägt auf seine Weise zu dem Spaß bei und bietet euch einzigartige Momente, die euch innehalten und die Stimmung erst einmal genießen lassen, wobei die Level nicht nur eigene Stilmittel nutzen, sondern auch das Augenmerk auf andere Aspekte legen. In Dubai erwarten euch fantastische Ausblicke und eine absolut imposante Architektur, während die zur Techno-Disco umfunktionierte Fabrikhalle in Berlin euch mit hunderten von tanzenden Menschen, Licht, Rauch und einer sich an eure Position anpassenden Musik einen Eindruck davon vermittelt, wie es John Wick in der Discoszene des ersten Films ergangen sein muss. 

Auch die anderen Level haben ihre ganz besonderen Eigenheiten und sind wunderschön gestaltet, sodass es sich lohnt, hin und wieder einmal inne zu halten und die Atmosphäre zu genießen. Hier findet sich ein Aspekt des Wiederspielwertes auf den IO Interactive so massiv hingearbeitet hat. Alternativ motivieren euch aber auch dutzenden von Herausforderungen, die jeder Level mit sich bringt, um eure Zielpersonen so kreativ wie möglich einen Kopf kürzer zu machen. Bei aller Gewalt verkommt Hitman aber nie zum Gemetzel. Das Spiel richtet sich mit seiner Darstellung von Gewalt zweifelsohne an ein erwachsenes Publikum, reduziert Blut, Schreie und andere Effekte aber auf ein gesundes Mittelmaß, sodass euch das Essen nicht im Hals stecken bleibt, wenn mal eine Zielperson “aus Versehen” in eine Weinpresse fällt. 

Die liebe Technik

Die Steuerung von Hitman lässt wenig zu wünschen übrig. Ihr steuert 47 in der Third-Person-View mit dem Controller, auf dem (anders als bei der leicht überladenen Tastatursteuerung am PC) alle Aktionen bequem Platz finden und schnell und einfach von der Hand gehen. Lediglich das Zielen mit Schusswaffen könnte sich etwas runder anfühlen. Es ist aber natürlich durchaus möglich, dass IO Interactive niemanden zu unnötigen Schusswechseln in einem Spiel, das auf das Schleichen ausgelegt ist, motivieren wollte.

Musikalisch tut sich das Spiel höchstens mit der Technomusik des Berlin-Levels hervor, bleibt ansonsten aber anständiges Mittelmaß und eher zurückhaltend. In vielen Bereichen hält sich die Musik sogar gänzlich zurück und überlässt euch der akustischen Kulisse, die die Gespräche der NPCs bilden. Denen zuzuhören kann wertvolle Informationen mit sich bringen und missionsrelevant sein, gestaltet sich aber mitunter schwierig, da das Spiel nur mit englischer Synchronisation angeboten wird. Deutsche Untertitel werden aber selbstverständlich angeboten.

Auch optisch gibt es kaum etwas zu bemängeln. Die Grafik ist in jeder Hinsicht zeitgemäß und lässt kaum Wünsche offen. Raytracing wird IO Interactive für entsprechend befähigte Geräte wie die PS5 in einem zukünftigen Patch nachreichen und Besitzer einer PS4 Pro und besser können schon jetzt dank der eingebauten VR-Funktionalität direkt in die Haut von 47 schlüpfen. Schade ist nur, dass das VR-Feature einen DualShock-4-Controller benötigt, da der Controller der PS5 nicht über die erforderliche Lichtleiste verfügt.

Ansonsten läuft das Spiel so rund, wie man es von einem derartigen Titel erwarten kann. Die Ladezeiten sind kurz genug, um nicht nervig zu sein und lang genug, um nicht positiv aufzufallen. Auch die Framerate bleibt durchgehend stabil und bereitet keine Probleme. Gelegentlich kann es aktuell vorkommen, dass die Verbindung zu den Servern von IO Interactive aufgrund der vielen Anfragen abbricht und erneut aufgebaut werden muss, was zu kurzen störenden Pausen im Spielfluss führen kann. Das Problem hat aber im Verlauf unseres Tests bereits abgenommen und sollte in naher Zukunft hoffentlich endgültig der Vergangenheit angehören.

Fazit:

Machen wir es kurz und schmerzlos: Hitman 3 ist ein sehr gutes Sandbox-Spiel, in dem ihr euch stunden- und tagelang austoben könnt. Die Möglichkeiten mit denen ihr böse Menschen aus dem Leben scheiden lassen könnt, sind so vielfältig wie schon in den beiden Teilen davor und auch in allen anderen Belangen steht das Spiel seinen Vorgängern in wenig nach und bereitet der “World-of-Assassination”-Story ein würdiges Ende. Einzig die vielen Optionen des Hauptmenüs, die den Kauf weiterer Inhalte erfordern und der selbst im Vergleich zu den Vorgängern leicht verringerte Missionsumfang verweigern dem Spiel die Bestwertung. Freunde der Serie können aber bedenkenlos zugreifen und mit dem Spiel eine Menge Spaß haben. Neulingen sollten aber zuerst einmal die Spiele aus den Jahren 2016 und 2018 spielen, die die Geschichte von vorne erzählen, regelmäßig im Angebot sind und dasselbe Gameplay in anderen Teilen der Welt anbieten.

Vielen Dank an Square Enix für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

8.5

Robert Emrich meint:

"Großartiger Mörder-Sandbox-Spaß, der in Sachen Umfang nicht ganz mit seinen Vorgängern mithalten kann"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


Terry
vor 3 Wochen | 1
Sehr schöner Test, Robert!