Test: Atelier Ryza 2: Lost Legends & the Secret Fairy

Von Andreas Held am 26. Januar 2021

Der bislang erfolgreichste Atelier-Titel bekommt einen direkten Nachfolger.

Landflucht mit Widerwillen

Am Ende von Atelier Ryza 1 hat sich ein Großteil des Freundeskreises unserer Protagonistin von Kurken Island verabschiedet - Ryza selbst blieb jedoch zurück, um den Bewohnern von Rasenboden mit ihren Alchemiekünsten zu helfen. Doch nun hat auch Ryza das Dorfleben satt: Ohne die Anleitungen von Empel kommt sie mit ihrem Alchemiestudium nicht wirklich weiter, und obendrein erhielt sie einen Brief von ihrem Freund Tao, der nun in der Hauptstadt Ashra-am Baird an der Akademie eingeschrieben ist. Dieser will nämlich einige Ruinen ausfindig gemacht haben, die mit der Alchemie in Verbindung stehen. Im wahrsten Sinne des Wortes der Stein des Anstoßes für Ryza, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, ist jedoch ein schwarzer Edelstein mit der Form und der Größe eines Straußeneis. Jener wurde ihr von Rasenbodens Quasi-Bürgermeister Moritz Brunnen überreicht - mit der Bitte, dem ominösen Juwel seine Geheimnisse zu entlocken. Somit beginnt Atelier Ryza 2 in einer kleinen Hafenstadt am Rande des Kontinents, auf dem sich auch die königliche Hauptstadt befindet, und den wir im Lauf der Handlung des Nachfolgers unsicher machen dürfen.

Das zweite Kapitel im Leben der jungen Alchemistin ist recht losgelöst von der Story des Vorgängers, sodass auch Neulinge keine grundlegenden Verständnisprobleme haben sollten. Außerdem werden Ryzas Fähigkeiten zu Beginn des Spiels komplett zurückgesetzt - alle Rezepte und Werkzeuge müssen noch einmal erlernt bzw. hergestellt werden, und in ihrem ersten Kampf gegen einen blauen Puni braucht Ryza die Unterstützung eines unbekannten Fremden. Trotzdem macht es natürlich wenig Sinn, mit dem zweiten Teil in die Geschichte einzusteigen, zumal sich der Vorgänger auf allen unterstützten Plattformen problemlos nachholen lässt. Ryza trifft während ihres neuen Abenteuers hauptsächlich auf alte Bekannte, und Anspielungen auf die Ereignisse des Prequels sind keine Seltenheit. Sicherlich können auch Quereinsteiger Spaß an Atelier Ryza 2 haben, aber für Kenner des Vorgängers ist das Erlebnis nochmal eine Ecke besser.

Alchemie, Monster, Sozialleben...

Atelier Ryza wurde von drei Säulen getragen, die mein Kollege Deniz in unserem Review zum ersten Teil bereits ausführlich unter die Lupe genommen hat. Die zentrale davon ist das Alchemie-System: In den zahlreichen Gebieten und Ruinen können wir unzählige Materialen entweder einfach aufsammeln oder mit Werkzeugen wie einer Sichel oder einer Angelrute abbauen. In Ryzas neuem Atelier lassen sich diese dann zu Heiltränken, Bomben, Ausrüstungsgegenständen und vielem mehr verarbeiten. Das Material-Loop-System wurde dabei ohne große Veränderungen übernommen, und nach einer gewissen Einarbeitungszeit - die durchaus nötig ist, um alle Eigenheiten des Systems zu verstehen - können wir mit entsprechender Geduld dutzende Zutaten zu übermächtigen Werkzeugen zusammenbrauen. Aber keine Sorge: Falls euch das zu umständlich ist, könnt ihr den Herstellungsprozess auf Wunsch weitestgehend automatisieren. Um auf den niedrigeren Schwierigkeitsgraden einfach nur die Story durchzuspielen, ist das absolut ausreichend.

Auch die zweite Säule, das Kampfsystem, wurde größtenteils aus dem Vorgänger übernommen und lediglich überarbeitet. Somit setzt auch Atelier Ryza 2 auf ein vereinfachtes ATB-Kampfsystem, in dem alle bis auf eine Figur von der KI gesteuert werden. Ähnlich wie in der Xenoblade-Serie müsst ihr auf Zurufe eurer Teammitglieder achten, um die mächtigsten Spezialattacken zu entfesseln. Gegenstände wie Heilungsitems werden bei ihrem Einsatz grundsätzlich nicht verbraucht und können diesmal auch innerhalb eines einzelnen Ausflugs beliebig oft eingesetzt werden, da sich die dazu notwendigen Core Charges - anders als im Vorgänger - mit der Zeit regenerieren. Auf den höheren Schwierigkeitsgraden können euch vor allem die Bossgegner gerne mal in Bedrängnis bringen, allerdings lässt euch das Kampfsystem nur wenig Raum zum Taktieren, sodass eine gute Vorbereitung euer wirksamstes Gegenmittel ist. Wenn ihr nach einer deutlichen Niederlage gegen einen Bossgegner an Ryzas Kessel ein paar neue Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände zusammenbraut, solltet ihr damit das Ruder komplett herumreißen können.

Und natürlich dürfen auch die zahlreichen Event-Szenen, in denen die Charaktere miteinander interagieren und oft über recht belanglose Themen reden, nicht fehlen. Atelier Ryza 2 setzt euch vor allem zu Beginn des Spiels derart viele optionale Cutscenes und Nebenquests vor, dass es stellenweise fast schon nervt. Dabei stehen nicht nur die spielbaren Figuren im Vordergrund - in Ashra-am Baird trefft ihr auch einige weitere Personen, die ihre eigene Lebensgeschichte mitbringen und ab und zu Ryzas Hilfe benötigen. So unterstützt ihr beispielsweise den Gold- und Waffenschmied Dennis bei der Teilnahme an einem Schmuckwettbewerb, sammelt Blumen für die Studentin Karina, schaut ab und zu auf Cassandras Farm vorbei und knüpft sogar flüchtige Kontakte zur Unterwelt. Am Reißbrett des Cafés könnt ihr weitere Sidequests annehmen, um euren Geldbeutel zu füllen und euren Ruf bei bestimmten Bevölkerungsgruppen zu verbessern.

...und Ruinen!

Statt unnötig an den bestehenden Systemen zu rütteln, die im ersten Teil schon sehr gut funktioniert haben, hat Gust lediglich ein paar konsequente Quality-of-Life-Verbesserungen in den Nachfolger eingebaut. Beim Abbauen der Ressourcen wird euch diesmal im Voraus angezeigt, welche Zutaten ihr mit welchem Werkzeug ernten könnt - noch unbekannte Rohstoffe werden dabei mit einem Fragezeichen gekennzeichnet, was bei der Suche nach neuen Entdeckungen enorm hilfreich ist. Das Kampfsystem fühlt sich insgesamt etwas griffiger an und erlaubt euch den Einsatz von Spezialattacken über schnelle Tastenkombinationen; außerdem müsst ihr zum Erhöhen des Taktik-Levels keine AP mehr opfern. Darüber hinaus werden euch neben Sidequests nun auch optionale Events und Bossgegner auf der Karte angezeigt.

Um Atelier Ryza 2 trotzdem ein Stück weit vom Erstling abzuheben, hat Gust ein weiteres Kernelement ins Spiel eingebaut, das sich sehr schnell zum eigentlichen Star des JRPGs entwickelt: Das Auf-Links-Drehen der verschiedenen Ruinen, die ihr im Verlauf der Handlung bereist. Nachdem Tao und Ryza bei ihrem ersten Ausflug in ein wahrscheinlich Jahrtausende altes Mausoleum schnell gegen eine Wand laufen, entpuppt sich der schwarze Edelstein, den Ryza zu Beginn von Moritz erhält, "zufällig" als wichtiger Schlüssel zu den Geheimnissen der zerfallenen Stätten. Dieser ermöglicht der Protagonistin an speziellen Punkten, die ihr mit Hilfe eines magischen Kompasses finden müsst, einen tiefen Blick in die ferne Vergangenheit der mittlerweile überwucherten und von Monstern bevölkerten Gemäuer.

Die so gesammelten Hinweise und Story-Fetzen müsst ihr in Ryzas Notizbuch in echter Detektivmanier kombinieren, damit sich daraus ein stimmiges Bild ergibt. Anders als es z.B. im Walking-Simulator-Genre üblich ist lassen euch die Story-Autoren recht wenig Interpretationsspielraum, sondern geben euch am Ende einer Erkundungstour ein eindeutiges und leicht nachvollziehbares Gesamtbild. Die in sich abgeschlossenen Geschichten, die euch von den Ruinen erzählt werden, erinnern nicht zuletzt aufgrund ihrer bittersüßen Stimmung an die neueren Ableger der Dragon-Quest-Serie. Dass wir parallel dazu in der Gegenwart letzte Überbleibsel der Geschehnisse finden, die sich in den antiken Gefilden zugetragen haben, setzt der Torte die Kirsche auf.

Escapism lebt!

Dass Atelier Ryza zum bestverkauften Ableger der Reihe werden konnte lag nicht zuletzt daran, dass der Titel nach fast 25 Jahren der erste Atelier-Hauptteil war, der nicht exklusiv für eine Sony-Plattform, sondern parallel auch für die vor allem in Japan extrem beliebte Nintendo Switch erschien. Auch die Gestaltung der Figuren und die geschickte Vermarktung durch Gust konnten zu diesem Erfolg beitragen - der unter dem Künstlernamen "Toridamono" tätige Charakterdesigner machte keinen Hehl daraus, dass er sich viel Zeit dafür nahm, Ryza so sexy wie möglich aussehen zu lassen. Dieser Ansatz brachte Gust nicht nur Lob und Erfolg, sondern im Westen auch einige Kritik und Sexismus-Vorwürfe von Nicht-Fans ein.

In Atelier Ryza 2 sind jedoch nicht nur die (weiblichen) Figuren, sondern die gesamte audiovisuelle Präsentation darauf ausgelegt, beim Spieler für Endorphinausschüttungen zu sorgen. Die hellen, bunten und detailreichen Umgebungen werden von Ohrwürmern begleitet, die euch auch nach dem Ausschalten der Konsole noch lange im Kopf bleiben werden. Beim Besuch der Ruinen weichen sie mystischen Hintergrundmelodien und matteren, aber niemals düsteren Gemäuern, die vor allem aufgrund ihrer opulenten Architektur zu beeindrucken wissen. Wer Entertainment-Produkte als eine Ausflucht vom Alltag ansieht, sollte diese Richtung mehr als willkommen heißen; denn wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Videospiele eine grausame Gewaltdarstellung, psychische Krankheiten und aktuelle politische Streitthemen zu zentralen Aspekten machen. In diesem Kontext ist ein Titel wie Atelier Ryza, der seine Spieler aufheitern und nicht deprimieren möchte, eine äußerst willkommene Abwechslung.

Obwohl sich Atelier Ryza besser verkauft hat als alle seiner zwanzig Vorgänger war das JRPG, an der gesamten Industrie gemessen, immer noch ein absoluter Nischentitel. Denn insgesamt waren gerade einmal 420.000 abgesetzte Einheiten nötig, um den von Atelier Sophie aufgestellten Rekord zu brechen. Man kann sich also leicht ausrechnen, dass die Entwickler wahrscheinlich noch nicht einmal ein Zehntel des Budgets zur Verfügung hatten, das Studios wie Rockstar oder Naughty Dog in ihre Werke pumpen können. Dazu kommt eine mit 15 Monaten recht knapp bemessene Entwicklungszeit. Somit ist es umso erstaunlicher, dass Gust mit Atelier Ryza 2 ein wirklich schönes und optisch ansprechendes Abenteuer auf die Beine stellen konnte, dessen detaillierte Umgebungen durchaus zu beeindrucken wissen. Das alles läuft zumindest in der von uns getesteten PS4-Version technisch absolut sauber und die Ladezeiten sind auch ohne die aktuellste Hardware angenehm kurz. Etwas weniger kurz ist diesmal das Spiel selbst: Wer sich hinreichend Zeit für alle Aspekte von Ryzas zweitem Abenteuer nimmt, sollte bis zum Erreichen des Abspanns mindestens 40 Stunden lang beschäftigt sein.

Fazit:

Während sich viele japanische Entwickler immer mehr dem westlichen Spielegeschmack angleichen, setzt Gust mit Atelier Ryza 2 wieder bewusst auf eine traditionelle Anime-Optik mit teilweise überzeichnetem Fanservice. An diesem Paradigma orientiert sich auch die Handlung, die über weite Strecken absolut unbeschwert bleibt und auf allerlei Small-Talk zwischen den sympathischen Figuren setzt. Die Alchemie- und Kampfsysteme hat Gust aus dem Vorgänger übernommen und sie lediglich sinnvoll überarbeitet, da ein großes Umkrempeln an diesen Stellen einfach nicht nötig war. Stattdessen dürfen wir im Nachfolger nun nicht nur Ritter und Alchemist, sondern in den antiken Ruinen auch noch Archäologe und Detektiv spielen, um Stück für Stück zu rekonstruieren, was sich in diesen Gemäuern zugetragen hat - ein Gameplay-Aspekt, der sich dank der durchaus packenden Geschichten schnell zum absoluten Highlight des Nachfolgers mausert. Dass der Schwierigkeitsgrad dabei auch auf den höheren Stufen zumeist sehr einfach bis moderat bleibt kann verschmerzt werden, da die Spielsysteme so gut ineinandergreifen, dass trotzdem für mehr als genug Motivation gesorgt ist. Fans von klassischen, unbeschwerten JRPGs wie Grandia oder Skies of Arcadia sollten Atelier Ryza 2 also auf jeden Fall eine Chance geben.

Vielen Dank an Tecmo Koei für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

9.0

Andreas Held meint:

"Atelier Ryza 2 ist ein konsequent verbesserter Nachfolger eines ohnehin schon guten JRPGs und somit für Genre-Freunde absolut empfehlenswert."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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4 Kommentare:


Tobsen
vor 3 Monaten | 1
Cooler Test. Atelier Sophie fand ich damals derart furchtbar, dass ich es abgebrochen habe. Das mache ich so gut wie nie. Sogar Gal*Gun habe ich durchgespielt (ok, das ist auch kürzer). Aber seitdem ist ist der Name Atelier für mich heftigst negativ konnotiert. Evtl. nehme ich R2 mal in einem Sale mit, aber puh... Atelier Sophie wirkt immer noch nach.

Denios
vor 3 Monaten | 0
Nicer Test. Richtig Bock hab ich auf das Spiel! 2021 ist so brutal :D

Vyse
vor 3 Monaten | 0
Ich bin echt mal auf deine Meinung gespannt, wenn du es dann spielst :)

prog4m3r
vor 3 Monaten | 0
Zu einfach, 6/10!