Test: Twin Mirror

Von Nico Zurheide am 23. Januar 2021

Mind is Strange

Basswood in West Virginia ist eine typisch verschlafene Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Wirtschaftlich ist die Stadt stark von der dortigen Mine abhängig, diese wurde jedoch nach einem investigativen Artikel unseres Protagonisten Sam Higgs vor einigen Jahren geschlossen. Sam war daraufhin natürlich nicht gerade der beliebteste Bürger der Stadt und nachdem seine Freundin Anna Miller auch noch seinen Heiratsantrag ablehnte, verließ er Basswood auf unbestimmte Zeit. Nur etwa zwei Jahre später allerdings muss er in seine Heimat zurückkehren, um der Beerdigung seines alten Freundes Nick beizuwohnen. Dabei stößt er auf ein dunkles Geheimnis und wird in eine gefährliche Aufklärungsmission verwickelt.

So sieht die Ausgangslage in dem psychologischen Thriller aus, der das erste selbst veröffentlichte Spiel des französischen Entwicklers Dontnod Entertainment ist. Dontnod wurde 2015 durch das episodische Adventure Life is Strange bekannt und Twin Mirror bedient sich prinzipiell des gleichen Spielprinzips. In verschiedenen aneinandergereihten Szenen sprechen wir mit anderen Personen und interagieren mit der Umgebung, dabei gibt es immer wieder kleine optionale Areale mit Zusatzinformationen. Im neuen Spiel allerdings verfügen wir weder über die Fähigkeit, die Zeit zurückzudrehen, noch verfolgen wir das dramatische Leben eines Teenagers auf der Highschool. Sam wird früh im Spiel von Nicks Tochter Joan, die auch Sams Patentochter ist, darauf gebracht, dass Nicks Tod durch einen vermeintlichen Verkehrsunfall nicht mit rechten Dingen zuging und verspricht ihr, diesen Vorwurf näher zu untersuchen - Sam ist nämlich bekannt für sein analytisches und logisches Vorgehen.

Genialität oder Schizophrenie?

Nach Sams Ankunft in Basswood und einer alkoholgetränkten Nacht samt Schlägerei überschlagen sich die Ereignisse, die Twin Mirror im Grunde zu einem Detektivspiel machen. Sam erwacht morgens in seinem Hotelzimmer und findet ein blutdurchtränktes Hemd in der Wanne - die unweigerlich folgende Panikattacke zeigt ein erstes Bild seines zerrüttetes Inneres. Auf der anschließenden Suche nach dem Ursprung des Blutes überzeugt er sich dann selbst davon, dass er Nicks Tod genauer untersuchen muss.

Die immer wiederkehrenden Panikattacken spielen sich stets in Sams Kopf ab und auch nach der Untersuchung einer Umgebung wandern wir immer wieder in Sams Gedankenpalast. Sam kann hier zusätzliche Informationen sammeln und verschiedene Szenarien simulieren, um Rückschlüsse auf den Verlauf vergangener Ereignisse zu ziehen oder sogar Schlüsselmomente der Geschichte vorherzusagen. Dazu bekommen wir hier an einigen Stellen eine Wiederholung wichtiger Szenen sowie ein wenig Backstory zu Sam, Nick und weiteren mit Sam in Verbindung stehenden Charakteren.

Während das Überwinden der Panikattacken immer wieder eine andere Herangehensweise von euch erfordert, spielt sich die Rekonstruktion eines Ereignisses stets auf die gleiche Art und Weise ab. Seid ihr einmal in dem Gedankenpalast, breiten sich knapp eine Handvoll verschiedener Schlüsselszenen vor euch aus. Diese könnt ihr in zwei bis drei verschiedene Bahnen lenken, um so die Geschehnisse nachvollziehen zu können. Jede Kombination hat dabei zwar einen anderen Ausgang, wirklich falsch liegen könnt ihr jedoch nicht. Alle Szenen im Gedankenpalast können nur durch die richtige Kombination abgeschlossen werden, die Entwickler lassen hier also keinen Raum für verschiedene Storystränge. Beide Gameplay-Segmente, die sich in eurem Kopf abspielen, sind deshalb kein bisschen anspruchsvoll und verlieren eine Menge an Potential, Sam zu einem wirklich interessanten Charakter zu machen.

Dabei wären die Voraussetzungen dafür hervorragend, denn Sam kann sich nicht nur in seinen Gedanken verlieren, er wird auch seit seiner Kindheit von seinem imaginären Alter Ego begleitet. Dieser bleibt im Spiel zwar namenlos, für diesen Test nennen wir ihn aber einfach Sam 2. Dieser taucht immer wieder auf, redet auf Sam ein und gibt ihm Ratschläge für einen empathischen Umgang mit anderen Menschen. Denn anders als der analytische und auf Logik fixierte Sam ist Sam 2 emotional und mitfühlend und dadurch für das menschliche Miteinander schlicht die kompetentere Persönlichkeit. Sam 2 wird im Verlauf der Story immer dominanter und stört teilweise sogar Gespräche mit anderen Personen, was den ohnehin schon vorhandenen emotionalen Stress nicht unbedingt verringert. Sam quittiert diesen Umstand kurz vor dem finalen Showdown mit einem mentalen Zusammenbruch, der zu einer der beiden folgenschwersten Entscheidungen des Spiels führt. An dieser Stelle kann das Spielprinzip von Twin Mirror am meisten glänzen, abseits davon bleibt aber leider bis auf die interessante Idee nicht viel, was dem Gameplay mehr Substanz verleihen würde.

Kleines Budget, kleine Stadt, kleine Geschichte

Sams innere Zerrissenheit und der in ihm wütende Konflikt zwischen Logik und Emotionen sind gleichzeitig auch die vielversprechendsten Elemente der Story. Neben Sam und Sam 2 sind lediglich Anna und Joan glaubhafte und lebhafte Charaktere, alle anderen Personen wirken dagegen arg eindimensional und sind dadurch auch vorhersehbar oder ganz einfach komplett unwichtig. Dieses Problem haben dann natürlich auch die Dialoge mit vielen dieser Personen, denn die hier getroffenen Entscheidungen haben letztlich keine Auswirkung auf die Geschichte, die von Dontnod generell ungewöhnlich stark gelenkt wird. Die wenigen echten Entscheidungsmöglichkeiten und die eher kurze Spielzeit von etwa acht Stunden (verschiedene Enden nicht mitgerechnet) sind wohl am ehesten darauf zurückzuführen, dass Dontnod das Spiel selbst herausgebracht hat und es dadurch etwas an Budget mangelte. Ein weiteres Indiz dafür ist der Wechsel vom Episodenformat hin zum eigenständigen Spiel spät in der Entwicklungsphase, offensichtlich wurden also auch noch einige Inhalte gestrichen, was auch alte Gameplay-Trailer belegen.

Dazu passt auch die eher mäßige Technik des Titels. Die verschiedenen Szenen in Basswood sehen zwar wirklich nicht schlecht aus, was wohl an der begrenzten Größe der Gebiete liegt, und die meisten Animation von Sam, Sam 2 und Anna sind glücklicherweise auch so gut, dass man nicht aus der Story rausgerissen wird. Doch die Mimik der anderen Charaktere ist einfach nicht zeitgemäß; dazu kommen nachladende Texturen nach den meisten Schnitten und ein so hölzern animierter Showdown (des gesamten Spiels!), dass wir uns doch fragen, warum nicht wenigstens an dieser Stelle noch nachgebessert wurde. Die wenigen Highlights und der vielversprechende Ansatz des Spiels werden also leider von zu vielen negativen Aspekten überschattet.

Fazit:

Das primäre Konzept des Spiels sollte laut Pierre-Etienne Travers, dem Art Director des Spiels, Dualität sein. Und schauen wir auf unseren Protagonisten Sam und seinen ständigen imaginären Begleiter, dann ist dieses Konzept auch vollends aufgegangen. Der innere Kampf zwischen Logik und Emotionalität, zwischen Kalkül und Wahnsinn ist sicherlich der interessanteste Aspekt der Story. Davon ab allerdings bietet Twin Mirror nur noch ungewollte Dualität, denn für jedes Highlight der Story lassen sich viele schwache Momente finden und auf jede spannende Wendung kommen zahlreiche unbedeutende Entscheidungen. Das Spiel Twin Mirror ist quasi ein Spiegelbild seines Protagonisten, denn genau wie in Sams Gedanken wird jeder lichter Moment immer wieder von Schatten überdeckt.

Vielen Dank an Dontnod für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Xbox-One-Version

Wertung:

6.0

Nico Zurheide meint:

"Ein spannender Ansatz reicht nicht, um diesen psychologischen Thriller zu retten."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

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3 Kommentare:


GF0P
vor 1 Monat | 1
Ich habe nichts Anderes erwartet. Nachdem sich Dontnod für die LiS Reihe wirklich Zeit genommen hat, werden nun zwei Titel innerhalb weniger Monate veröffentlicht. Zusammen mit dem nicht gerade überragenden LiS2 hat dies meine Erwartungen gegen 0 tendieren lassen.

nibez
vor 1 Monat | 3
Es hätte Twin Mirror sicherlich gut getan, wenn sie das episodische Format beibehalten hätten. So hätten sie sich nicht so sehr beeilen müssen, hätten den inneren Konflikt noch näher beleuchten können und hätten für die meisten Entscheidungen noch Konsequenzen einbauen können.
Andererseits wirkt es inzwischen so, als hätte Dontnod mit Life is Strange einfach einen Überraschungshit gelandet und sie wissen selbst nicht mehr, wie sie das eigentlich geschafft haben.
GF0P
vor 1 Monat | 1
Naja, fairerweise muss man zugeben, dass Vampyr kein völliger Griff ins Klo ist. Kein Hit, aber ein solider Titel.