Test: Puyo Puyo Tetris 2

Von Andreas Held am 19. Dezember 2020

Sega schickt sein Puzzle-Crossover in die zweite Runde.

Puyo Puyo X Tetris

Das Spielprinzip von Tetris ist eines der Bekanntesten der Welt. Etwas anders verhält es sich mit Puyo Puyo, das in Japan recht beliebt ist, im Westen aber bisher kaum Aufmerksamkeit bekam. In der von Sega vertriebenen Puzzle-Spiel-Serie fallen statt Tetris-Klötzchen farbige Geister vom oberen Spielfeldrand, die ihr so anordnen müsst, dass sich vier gleichfarbige Geister berühren - dann platzen und verschwinden sie. Anders als Tetris ist Puyo Puyo fast ausschließlich auf Duelle gegen einen weiteren Spieler ausgelegt. In diesen müsst ihr möglichst lange Kettenreaktionen planen und auslösen, damit Geisterblasen auf das Spielfeld eures Gegners fallen, die ihn bei seinen eigenen Spielzügen behindern - und euch irgendwann den Sieg bescheren. Als Tetris-Spieler müsst ihr in derartigen Duellen hingegen versuchen, zwei bis vier Linien auf einmal auszulöschen, um euren Gegner unter Druck zu setzen.

Im Jahr 2014 (bzw. bei uns in Europa in 2017) veröffentlichte Sega für praktisch alle gängigen Heimkonsolen den Crossover-Titel Puyo Puyo Tetris, der beide Konzepte auf einen Datenträger packte. Wer will, kann sich entweder in Puyo Puyo oder in Tetris an einem Marathon-Modus für Solisten versuchen und völlig auf sich allein gestellt nach Highscores jagen - Duelle gegen KI- oder menschliche Gegner, vor denen sich beide Kontrahenten für einen der beiden Spielstile entscheiden, stehen jedoch klar im Vordergrund. Auch gemischte Duelle, in denen ein Spieler Puyo Puyo spielt und der andere Tetris, sind im Crossover möglich. Der Tetris-Spieler hat es in diesen Duellen etwas leichter, da das Löschen von vier Linien mit einem I-Block generell deutlich weniger Planungsaufwand bedeutet als das Aufbauen einer großen Kettenreaktion in Puyo Puyo.

Wem das noch nicht verrückt genug ist, der kann auf zwei weitere Spielmodi zurückgreifen, in denen Puyo Puyo und Tetris gleichzeitig gespielt werden müssen. Im Swap-Modus wechselt das Spiel automatisch zwischen einem Puyo-Puyo- und einem Tetris-Spielfeld hin und her, während im Fusion-Modus Klötzchen und Geister auf dasselbe Spielfeld fallen. Tetris-Blöcke sinken dabei nach unten und "verdrängen" Puyo-Geister in die darüberliegenden Reihen. Geübte Spieler können diese Mechanik nutzen, um eine große Anzahl Geister gleichzeitig zum Platzen zu bringen. Der nun erschienene Nachfolger greift all diese Konzepte und Spielmodi erneut auf, bringt jedoch darüber hinaus noch ein paar Erweiterungen mit.

Eine neue Story und ein neuer Spielmodus

Um Fans zum Kauf des Nachfolgers zu animieren, hat SEGA dem Titel unter anderem einen komplett neuen Story-Modus für Einzelspieler spendiert. Die überraschend textlastige Handlung wird sogar einigermaßen aufwändig präsentiert - mit schön gezeichneten 2D-Artworks, einer durchgehenden englischen Sprachausgabe und einer Auto-Advance-Funktion. Trotzdem dürften nur die wenigsten Visual-Novel-Fans das neue Puzzle-Abenteuer auf ihre Must-Play-Liste setzen, denn die Handlung ist dermaßen konstruiert und belanglos, dass sich wohl selbst jüngere Kinder von den Dialogen schnell gelangweilt fühlen dürften. Immerhin bietet der Einzelspielermodus einen ordentlichen Umfang, sodass ihr euch ja nach Spieltempo gut und gerne zehn Stunden lang damit auseinandersetzen könnt - vor allem, wenn ihr in jedem der über 80 Level eine Drei-Sterne-Wertung erzielen wollt, was alles andere als einfach ist.

Da Puyo Puyo Tetris jedoch eher ein klassischer Multiplayer-Titel ist, dürfte die interessanteste Neuerung für viele Spieler der Skill-Battle-Modus sein. Hier spielt ihr im Prinzip ein klassisches Puyo-Puyo- oder Tetris-Duell, allerdings mit zwei Erweiterungen: Zum einen könnt ihr euch zu Beginn des Spiels drei Skills aussuchen und diese während des Spiels einsetzen, um beispielsweise euer Spielfeld etwas aufzuräumen oder einige eurer HP wiederherzustellen. Und zum anderen lassen Kettenreaktionen bzw. gleichzeitig gelöschte Linien nicht nur Geisterblöcke auf dem gegnerischen Spielfeld erscheinen, sondern sie verringern auch den HP-Balken eures Kontrahenten. Somit habt ihr eine alternative Siegmöglichkeit: Verringert ihr die HP eures Gegenspielers auf 0, könnt ihr das Match auf diese Weise für euch entscheiden.

Bei unserem Praxistest ist dieser Spielmodus leider komplett durchgefallen, denn er hat einen schweren Designfehler: Selbst vergleichsweise einfache Spielaktionen fügen eurem Gegner enormen Schaden zu, sodass alle Matches nach etwa einer halben Minute schon wieder beendet sind. Die namensgebenden Skills könnt ihr in dieser Zeit kaum benutzen, weil ihr Einsatz an lange Cooldowns gebunden ist; außerdem ergeben sich komplexere Spielsituationen, in denen ihr einen wirklichen Nutzen aus euren Spezialfertigkeiten ziehen könntet, in der kurzen Spieldauer einfach nicht. Als Tetris-Spieler solltet ihr einfach nur versuchen, so schnell wie möglich einen Back-to-Back-Tetris zu bauen - denn sobald euch das gelingt, habt ihr in jedem Fall gewonnen. Für anspruchsvollere Taktiken bleibt schlichtweg keine Zeit. Eine Option, die maximalen HP zu erhöhen und somit längere Matches zu spielen, scheint es nicht zu geben.

Puyo Puyo Legacy Edition

Somit muss die Frage erlaubt sein, welche Inhalte hier überhaupt die Veröffentlichung eines Nachfolgers rechtfertigen sollen. Selbst eingefleischte Fans des Puyo Puyo Cinematic Universe sollten sich einen Kauf gründlich überlegen, denn die neue Handlung des Story-Modus knüpft zwar an die des ersten Teils an - allerdings haben alle Figuren ihr Gedächtnis verloren, was SEGA als Vorwand nutzt, uns quasi dieselbe Story noch einmal zu erzählen. Aus spielerischer Sicht sind beide Abenteuer-Modi praktisch identisch, sodass sich die neue Story eher wie eine DLC-Kampagne als ein wirklicher Nachfolger anfühlt. Der neue Skill-Battle-Modus wird aufgrund der viel zu kurzen Matches nach maximal fünf bis zehn Minuten uninteressant. Somit bleiben ein paar neue Skins, Balancing-Verbesserungen für die klassischen Spielmodi und ein verbessertes Ligensystem für Online-Turniere - das sind jedoch Inhalte, die man eher im Rahmen kostenloser Patches erwarten würde, und nicht als Zugpferde eines vierzig Euro teuren Nachfolgers.

Fazit:

In einem Vakuum betrachtet ist Puyo Puyo Tetris 2 eine blitzsaubere Umsetzung der namensgebeneden Spielkonzepte. Die audiovisuelle Präsentation der beiden Puzzle-Spiele lässt keine Wünsche offen, und die Auswahl der Spielmodi deckt von klassischen Endlos-Modi für Einzelspieler bis hin zu den neuen Skill Battles alle denkbaren Facetten ab. Vor allem die Swap- und Fusion-Modi, in denen mit Puyo-Geistern und Tetris-Klötzchen gleichzeitig gespielt wird, bieten eine einzigartige Spielerfahrung, die man in Titeln wie Tetris 99 oder Puyo Puyo Championship Edition einfach nicht bekommt. Das Problem ist: All diese Vorzüge bietet auch schon der erste Teil der Serie, und die einzigen Neuerungen wären selbst im Rahmen eines DLC-Pakets schwer verkäuflich, da die neue Handlung fast niemanden interessieren dürfte und der Skill-Battle-Modus aufgrund schwerer Balancing-Fehler sein eigenes Spielkonzept sabotiert. Vergleiche zu den FIFA Legacy Editions, die EA jährlich für Nintendo Switch veröffentlicht, sind somit nicht unangebracht. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen aus welchem Grund jemand, der den ersten Teil bereits besitzt, mit einem Kauf von Puyo Puyo Tetris 2 zufrieden sein sollte. Und selbst Spieler die den Vorgänger noch nicht besitzen sollten bei Interesse wohl eher zum Erstling greifen, der für kleineres Geld praktisch dieselbe Spielerfahrung bietet.

Vielen Dank an Sega für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

6.5

Andreas Held meint:

"Puyo Puyo Tetris 2 ist ein solides Crossover der beiden Puzzle-Konzepte, aber praktisch dasselbe Spiel wie sein Vorgänger."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Gut

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