Test: Marvel's Spider-Man: Miles Morales

Von Jeremiah David am 20. Dezember 2020

Infamous: Second Spider-Man

Es ist erst anderthalb Jahre her, dass Sony mit Marvel’s Spider-Man eines der besten Superhelden-Spiele aller Zeiten auf den Markt brachte. Die Kollegen Michi und Lars attestierten dem Titel damals im Test nicht nur spielerische Qualitäten, sondern auch einen tollen Soundtrack und eine gelungene Handlung. Dem Nachfolger gebührt die Ehre, nicht nur die Serie weiterzuführen, er darf auch noch eine neue Konsolengeneration einläuten. Spider-Man: Miles Morales ist neben dem Remake von Demon’s Souls und Sackboy: A Big Adventure zweifelsohne Sonys größter Launchtitel. Ein Pflichtkauf für Besitzer der neuen Konsole?

Die Story von Spider-Man: Miles Morales beginnt genau dort, wo die des ersten Teils endet. Für Gamer, die mit Miles Morales in die Geschichte einsteigen, gibt es ein kurzes, optionales Video, das die Ereignisse des Vorgängers zusammenfasst, wobei hier die Betonung definitiv auf dem Wort "kurz" liegt. Es scheint fast, als ginge Insomniac Games davon aus, dass die meisten Spieler bereits mit einigem Vorwissen in das Spiel starten und nicht nur mit der Geschichte, sondern auch mit der Steuerung vertraut sind. Letzteres zeigt sich dadurch, dass die durchaus komplexe Steuerung zwar erklärt wird, dies aber größtenteils während dem Schwingen durch die Straßenschluchten von Manhattan geschieht – frei nach dem Motto: Learning by Doing. Lediglich der Kampfmechanik wurde ein eigenes Tutorial gewidmet. Die Steuerung lässt sich zwar auch so relativ schnell verinnerlichen, wer aber einen leichteren Einstieg haben möchte, sollte Manhattan zuerst mit Peter Parker unsicher zu machen, um danach mit Miles Morales in einen der vielen Spinnenanzüge zu schlüpfen. Die PlayStation-4-Version gibt es ohnehin längst zum Budget-Preis, und wer eine PlayStation 5 besitzt, kann alternativ zur Ultimate Edition von Marvel's Spider-Man: Miles Morales greifen, diese beinhaltet nämlich auch gleich Spider-Man Remastered und sämtliche DLCs dazu.

Von der Ersatzbank ins Rampenlicht

Der 17-jährige Miles Morales, dem der Schauspieler Nadji Jeter nicht nur sein Äußeres, sondern auch seine Stimme verleiht, wird im Verlauf des ersten Teils der Insomniac-Videospielreihe von einer mutierten Spinne gebissen. Genau wie Peter Parker zuvor, beginnt Miles dadurch übernatürliche Fähigkeiten zu entwickeln, woraufhin Peter sich als Spider-Man zu erkennen gibt und ihn kurzerhand unter seine Fittiche nimmt. Mit der Zeit wird Peter zu einer Art Mentor, Miles zu einer Art Superhelden-Azubi.

Gleich zu Beginn des Spin-Off-Spiels bekämpfen die schlaksigen Spinnenmänner gemeinsam den wütenden Superschurken Rhino, der abwechselnd mit Peter und Miles auf dem Rücken erst durch verschiedene Straßen und dann durch ein ganzes Einkaufszentrum stürmt und dabei erfolgreich den Elefanten im Porzellanladen mimt. Die Action ist großartig inszeniert und zieht den Spieler gleich mitten ins Geschehen. Der Kampf gegen Rhino verlangt Peter Parker allerdings so viel ab, dass dieser danach beschließt mit seiner Flamme Mary-Jane Urlaub zu machen, wodurch Miles bereitwillig ins New Yorker Rampenlicht rückt.

Während Peter sich in Europa eine Ruhepause gönnt, ist im verschneiten Manhattan aber selbstverständlich die Hölle los: Die Terrororganisation „Underground“ und deren Anführerin Tinkerer gehen mit allen Mitteln gegen den nicht weniger skrupellosen Energiekonzern Roxxon und dessen schleimigen Chef Simon Krieger vor. Krieger wird von Troy Baker gesprochen, der vielen Gamern eher als Joel aus The Last of Us, Booker DeWitt aus Bioshock Infinite oder Delsin Rowe aus Infamous: Second Son bekannt sein dürfte - zu letzterem Titel kommen wir später noch einmal.

Miles selbst findet sich schon bald zwischen den Fronten wieder und muss sowohl Underground als auch Roxxon in Schach halten. Die Hauptstory kann gut unterhalten, kommt aber mit einer gehörigen Portion Schmalz und einigen klischeehaften Charakteren daher. Zum Teil bemüht sich das Spiel außerdem etwas zu sehr familienfreundliche Unterhaltung zu bieten. Miles spricht immer wieder davon, Feinde nicht töten zu wollen und im Spiel wird völlig auf Blut verzichtet, zugleich hat Miles aber kein Problem damit, Gegner von Wolkenkratzern zu stoßen, ihnen Elektrostöße zu verpassen, oder ihnen so wuchtig gegen die Brust zu treten, dass sie meterweit durch die Luft geschleudert werden. Unabhängig davon ist Miles jedoch ein sympathischer Charakter, dessen jugendlicher Elan und freundliches Wesen bei den meisten Gamern Anklang finden sollten. Seine mehr oder minder komplizierten Beziehungen zu seinen Freunden Ganke und Phin sowie zu seiner Mutter Rio verleihen seinem Charakter zusätzliche Tiefe.

Alte Stärken, ...

Wenn sich Miles nicht gerade mit Underground-Leuten oder Roxxon-Sicherheitskräften prügelt, schwingt er die meiste Zeit durch die Straßen von Manhattan. Das geschieht genauso elegant und spaßig wie im ersten Teil. Anno 2018 schrieb Redaktionskollege Michi dazu: "Selbst wenn der geneigte Videospieler nach einem harten Arbeitstag mal keine Lust mehr auf Videospiele hat, mit Spider-Man ein wenig um die Häuser schwingen geht immer." Auch im Jahr 2020 hat sich daran nichts geändert. Mit Miles in schwindelerregender Höhe an der Glasfassade eines Wolkenkratzers entlang zu rennen, um sich im letzten Moment von der Wand abzustoßen und dann am Ende eines dünnen Spinnenseils mit wahnwitziger Geschwindigkeit und akrobatischen Drehungen durch die Häuserschluchten New Yorks zu rasen, macht einfach Laune. Speziell in der PS5-Version des Spiels sieht das zudem besser aus als jemals zuvor, denn die vielen Glasscheiben der Wolkenkratzer und die vereisten Straßen spiegeln dank Ray-Tracing-Technik höchst realistisch die Umgebungen wieder. Mit Ray-Tracing bietet das Spiel stabile 30 FPS, ohne die neue Technik sind es 60 FPS, so oder so läuft der Titel aber stets flüssig.

Auch sonst zeigt sich Spider-Man: Miles Morales ausgesprochen hübsch, wobei im Vergleich zum Vorgänger kein Quantensprung erkennbar ist. Die Verbesserungen liegen eher im Detail: Fell und Haare werden realistischer dargestellt. Die Gesichtsanimationen wurden ebenfalls verbessert, Peter Parker wurde gar ein ganz neues Charaktermodell spendiert und alle Texturen kommen selbstverständlich in knackigem 4K daher.

... alte Schwächen

So spaßig das Gameplay und die rund sechs bis sieben Stunden lange Hauptstory mit ihrem fulminanten Ende auch sind, als Sandbox-Spiel kann Spider-Man Miles Morales leider wieder nicht voll überzeugen. Wir haben hier ein sehr gutes Action-Adventure, aber eine eher mittelmäßige Open-World, besonders für Spieler, die die Spielwelt bereits aus dem ersten Teil kennen. Die einzelnen Teile Manhattans bieten schlicht zu wenig Abwechslung. Zwar gibt es eine Vielfalt unterschiedlicher Gebäude mit vielen realistischen Details und schön dekorierten Fenstern zu entdecken, aber die Interaktionsmöglichkeiten mit der Stadt und deren Bewohnern halten sich wie schon im Vorgänger arg in Grenzen. Es gibt mit ganz wenigen Ausnahmen keine Läden oder andere Gebäude, die Miles betreten kann. Kaufen kann er erst recht nichts. Neue Anzüge und andere Gadgets werden im selben Menü freigeschaltet wie neue Skills. Die Interaktionsmöglichkeiten mit NPCs beschränken sich darauf, dass Miles dem ein oder anderen Fan ein High-Five oder eine Ghetto-Faust geben darf. Die meisten Passanten stehen oder laufen zudem einfach nur ziellos in der Gegend herum - häufig sogar an Orten, an denen sie eigentlich nichts verloren haben. Relativ oft tummeln sich Leute auf einem der vielen Hausdächer. Die Welt ist mitnichten leblos, aber wirkt manchmal einfach nicht stimmig. Es gibt Hotdogverkäufer, aber keine Hotdogkäufer oder -esser. Es gibt eine Eisbahn, aber keine Schlittschuhläufer. Es gibt Tankstellen, aber keine Tankenden. Autos fahren herum, die Leute können aber weder ein- noch aussteigen - nicht einmal dann, wenn ihnen ein Spinnenmann auf dem Dach sitzt. Das alles schadet der Immersion und reduziert die Welt auf eine reine Kulisse für Miles Spinnenakrobatik.

Das wäre nicht so schlimm, wenn die Sidequests von anständiger Qualität wären, das Niveau ist aber schwankend. Im Spiel gibt es eine App, die Miles auf seinem Smartphone aufrufen kann. Mit Hilfe dieser können die Einwohner Manhattans um Spider-Mans Hilfe bitten. Für jeden Notruf erscheint auf der Map ein Symbol. Erreicht Miles den markierten Ort beginnt die entsprechende Mission und Spider-Man darf beispielsweise für einen Mann entflohene Tauben suchen, eine Gang vermöbeln oder ein gestohlenes Auto aufspüren. Auch ohne die App gilt es Underground-Caches, Zeitkapseln und Postkarten zu finden oder von Peter Parker oder Onkel Aaron aufgestellte Challenges zu überwinden. In der Praxis heißt das allerdings, dass wir einfach nur Punkte aus einer Liste wählen und Symbole auf einer Karte abklappern, um dann an bestimmten Orten ein paar Gegner zu verprügeln. Das kann durchaus Spaß machen, hätte aber zweifellos spannender umgesetzt werden können. Wer selbstständig Geheimnisse lüften und die Welt erkunden möchte, wird enttäuscht sein.

Was ist neu?

Spielerisch setzt sich Spider-Man: Miles Morales durch einige neue Superkräfte und Moves ein klein wenig vom Vorgänger ab. Miles schwingt sich zwar wie Peter Parker durch Manhattan und ist ähnlich stark und agil, hat aber noch ein paar weitere Asse im Ärmel. Bisweilen erinnern seine Fähigkeiten an das 2014 erschienene Infamous: Second Son, denn wie Delsin Rowe verfügt Miles über elektrisch aufgeladene Attacken, die hier als Venom-Kräfte bezeichnet werden. Die Elektrizität, die durch seine Venen fließt, sorgt vermutlich auch dafür, dass Miles trotz Minus-Temperaturen in seinen hauchdünnen Strampelanzügen nicht friert. Außerdem kann Miles auch ohne Stealth-Suit auf Knopfdruck unsichtbar werden, um Gegner aus dem Hinterhalt unschädlich zu machen. Die Venom-Attacken müssen durch Combos und erfolgreiche Ausweichmanöver aufgeladen werden, für die Unsichtbarkeit gibt es eine eigene Energieleiste, die sich nach jedem Gebrauch der Fähigkeit nach ein paar Sekunden selbstständig wieder füllt.

Technisch bietet uns Spider-Man: Miles Morales neben den bereits beschriebenen grafischen Verbesserungen vor allem Neuerungen im haptischen Bereich und natürlich deutlich verkürzte Ladezeiten. Letztere sind nach dem ersten Starten des Spiels praktisch nie länger als ein oder zwei Sekunden, selbst beim Nutzen der Schnellreisefunktion. Der DualSense-Controller macht derweil das Geschehen auf dem Bildschirm durch vielfältigste Vibrationen spürbar. Während Miles noch früh im Spiel beispielsweise mit der U-Bahn unterwegs ist, überträgt der Controller Unebenheiten in den Gleisen. Seine elektrisch geladenen Venom-Attacken sind spürbar heftiger als normale Angriffe.

Fazit:

Wäre Spider-Man: Miles Morales als DLC für das erste Spiel veröffentlicht worden, würden wir den Titel als Pflichtkauf bezeichnen. Als Stand-Alone-Titel für etwas mehr als 50 Euro sieht das aber anders aus - vor allem was die Spielzeit betrifft. Die Hauptstory kann mit einigen kinoreif inszenierten Szenen, Bosskämpfen und sympathischen Charakteren wunderbar unterhalten, ist mit sechs bis sieben Stunden jedoch leider sehr kurz. Spielern wird darüber hinaus weitestgehend dasselbe Manhattan angeboten wie noch 2018, nur dass jetzt alles von einer Schicht Schnee bedeckt ist. Die Nebenaufgaben strecken die Spielzeit insgesamt auf etwa 15 Stunden, erinnern allerdings nach wie vor viel zu häufig an die 08/15-Aufträge, die uns Spiele aus dem Hause Ubisoft im Überfluss anbieten.

Unter dem Strich ist Spider-Man: Miles Morales noch immer ein sehr gutes, technisch makellos umgesetztes Spiel und ein unterhaltsames Spin-Off, aber im nächsten Spider-Man-Teil, der hier sogar angeteasert wird, darf Insomniac mehr Arbeit in eine längere Hauptkampagne, eine interaktivere Spielwelt und in interessantere Nebenaufgaben stecken.

Von uns getestet: PlayStation-5-Version

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"Gelungenes, aber leider sehr kurzes Spin-Off in einer bekannten Spielwelt"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Sehr gut

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5 Kommentare:


SantiagoWinehouse
vor 3 Monaten | 2
Danke für den Test, liest sich - wie immer - sehr gut. Ich habe den Vorgänger wirklich sehr gerne gespielt und überlegt, mir diesen Titel direkt für die PS5 zu kaufen. Ich hab aber anderweitig schon gelesen, dass das Spiel wohl sehr kurz ausfalle.

Ich werde warten, bis es günstiger wird, das sollte ja nicht allzu lange dauern.

TraxDave
vor 3 Monaten | 0
Weiß nicht, ob es überall so ist, oder nur vereinzelt: Aber falls du Interesse an einem zusätzlichen PS5-Controller Interesse hast (und du schon eine PS5 hast natürlich):

Bei mir (in Österreich) sind im Media Markt die PS5-Controller mit Miles Morales im Bundle für ca. 80€ erhältlich...spart man sich dann einiges beim Spiel. :)

Asinned
vor 3 Monaten | 1
Der Titel war mein erster auf PS5. Kann nur zustimmen, dass das Spiel zu kurz ist. Dafür ist die Story super und durhxaus persönlicher als sein Vorgänger. Außerdem macht das Schwingen durch NYC so viel Spaß, dass ich die Nebenquests dankens angenommen habe.

Asinned
vor 3 Monaten | 0
Vergessen zu erwähnen, dass das RT super aussieht und der Soundtrack überragend ist.

Ozymandias
vor 3 Monaten | 1
Das Spiel habe ich mir Neu für 35€ besorgt, für diesen Preis sehe ich den Umfang als fair, außerdem wird das Spiel nach dem durchspielen eh wieder verkauft. :)