Test: Fire Emblem: Shadow Dragon and the Blade of Light

Von Deniz Üresin am 02. Dezember 2020

Marth aus der Smash-Bros.-Reihe hat endlich sein eigenes Spiel erhalten! Wir haben uns den Strategie-Rollenspiel-Klassiker für euch genauer angeschaut.

Seit wann wir NES-Spiele aus der Nintendo Switch Online App auf NplusX testen, fragt ihr euch? Tun wir nicht, Fire Emblem wird nämlich einzeln im eShop erhältlich sein. Für 5,99 Euro. Bis zum 31. März 2021. Danach könnt ihr es nicht mehr erwerben. Diese maximal kundenunfreundliche Maßnahme, die Nintendo auch bereits mit der Super Mario 3D All-Stars Collection (zum NplusX-Test) durchgezogen hat, scheint für Jubiläums-Editionen langsam aber sicher zur Norm zu werden.

Was lange währt...

Künstliche Verknappung von digitalem Gut aber hin oder her, wir haben uns hier eigentlich ja für einen denkwürdigen Test zusammengefunden – schließlich hat es stolze 30 Jahre gedauert, bis der allererste Titel der inzwischen recht erfolgreichen Fire-Emblem-Reihe auch in westlichen Gefilden erhältlich ist (okay, abgesehen vom spielerisch deutlich aufgewerteten Remake für den Nintendo DS).

In diesen 30 Jahren hat die SRPG-Serie einige Höhen und Tiefen erlebt. Die erste Berührung westlicher Nintendo-Fans mit der Reihe fand in Super Smash Bros. Melee statt, als sich Nintendo dazu entschied, die Charaktere Marth und Roy in allen Versionen des Spiels beizubehalten. Die Popularität der beiden Schwertkämpfer führte dazu, dass 2003 auch endlich einmal ein Fire Emblem für den Westen lokalisiert wurde. Seitdem ging es der Serie mal besser, mal schlechter, doch der Höhenflug, den die Strategie-Rollenspiel-Reihe seit dem Release von Fire Emblem Awakening auf dem 3DS hat, scheint noch lange nicht vorbei zu sein. So hat Nintendo tatsächlich auch mal an ein Jubiläum gedacht, das nicht mit Mario oder Zelda zu tun hat und beschert Fire-Emblem-Fans mit der Lokalisierung des Originals ein kleines „Geschenk“. Warum aber sollen wir uns jetzt mit diesem alten Schinken abgeben, wenn es doch so viele neue Fire-Emblem-Titel mit besserer Grafik und tonnenweise Quality-of-Life-Verbesserungen gibt?

Die Story des SRPGs jedenfalls ist so simpel, wie man es von einem 30 Jahre alten Spiel erwarten würde und auch genauso inszeniert: Prinz Marth von Altea muss aufgrund eines Staatsstreichs ins Exil gehen und untertauchen. Der Schattendrache Medeus wurde vom bösen Zauberer Gharnef wiedererweckt, der zusammen mit den Königreichen Gra und Dolhr eine Allianz einging, um den gesamten Kontinent Archanea zu unterwerfen. Um die Welt vor der Schreckensherrschaft des Drachen zu beschützen und sein Königreich zurückzuerobern, muss Marth nicht nur Verbündete um sich zu scharen, sondern auch das legendäre Schwert des Lichts Falchion, geschmiedet aus dem Fangzahn des göttlichen Drachen Naga, finden. Die Story, die lediglich ins Englische lokalisiert wurde, wird zu Beginn und am Ende eines jeden Kapitels in kurzen Textboxen weitererzählt, dabei aber kaum ausgeschmückt oder näher erläutert. Sie dient in den meisten Fällen einfach nur als Aufhänger für die folgende Schlacht, dem Herzstück des Spiels.

Das gute, alte Fire Emblem?

Waifus, Verabredungen zum Tee, Supportgespräche, Anfänger-Modus, passive Fähigkeiten… von all dem will Fire Emblem: Shadow Dragon & the Blade of Light nichts wissen. Auf den ersten Blick mag sich am schachbrettartigen rundenbasierten Strategie-Gameplay zwar nicht viel getan haben, aber zahlreiche Features haben sich nach und nach in die Spiele eingeschlichen, die nun um die Aufmerksamkeit des Spielers buhlen. Im neuesten Ableger, Fire Emblem: Three Houses (zum NplusX-Test), verbringt ihr wahlweise sogar mehr Zeit im Kloster, wo ihr mit euren Studenten zu Mittag esst, ihnen bei ihren täglichen Problemen helft und sie auf Prüfungen vorbereitet, als auf dem Schlachtfeld. All dieser Krimskrams interessiert euch nicht und ihr seid einfach nur daran interessiert, strategisch geplante Scharmützel zu erleben? Dann könnte FE:SD&tBoL (…ich hab's zumindest mal versucht) vielleicht sogar etwas für euch sein.

Wie jedes Fire Emblem ist auch der Erstling in Kapitel unterteilt, wobei es in jedem Kapitel eine Schlacht zu schlagen gilt. Auf dem isometrischen Schlachtfeld könnt ihr, wenn ihr an der Reihe seid, mit jedem eurer Charaktere einen Zug machen, der sich aus einem Marsch und einer weiteren Aktion zusammensetzt. Steht eure Figur in Angriffsreichweite eines Feindes, könnt ihr beispielsweise einen Kampf initiieren, auf einem Shop-Feld könnt ihr den entsprechenden Laden besuchen und habt ihr euren Charakter neben einem Kameraden stehen, könnt ihr Items und Waffen zwischen den beiden Figuren austauschen. Habt ihr alle gewünschten Aktionen durchgeführt, könnt ihr den Zug beenden. Dann ist euer Gegner an der Reihe und der Computer plant die Aktionen für die feindlichen Einheiten. Das Besondere an der Reihe: Eure Soldaten sind keinesfalls gesichtslose Krieger, jeder hat seinen eigenen Namen, seine eigene Hintergrundgeschichte, seinen eigenen Level und seine eigenen Stats. Von der Persönlickeit eurer Kameraden bekommt ihr erwartungsgemäß natürlich nicht viel mit, aber allein dass sie nicht einfach durchnummerierte Soldaten sind, macht es sehr einfach, eine gewisse Bindung zu ihnen aufzubauen und sich um sie zu sorgen - denn Krieg ist nunmal Krieg und kein Kindergeburtstag. Jeder Kampf ist ein Kampf auf Leben und Tod, und wenn eine eurer Einheiten fällt, ist sie für immer verloren! Stirbt Marth, erscheint auch direkt der Game-Over-Bildschirm, denn der Heldenprinz ist für die Story natürlich unerlässlich. Ihr bekommt zwar im Laufe der Geschichte einige neue Krieger an die Hand und habt auch die Möglichkeit, ein paar der feindlichen Soldaten für eure Sache zu gewinnen, aber nichtsdestotrotz solltet ihr stets überlegt und behutsam vorgehen, wenn ihr nicht euren Lieblingskämpfer vorzeitig zu Grabe tragen wollt. Lasst sie oft an Kämpfen teilnehmen, damit sie Erfahrungspunkte sammeln und stärker werden, kauft ihnen die bestmöglichen Waffen und achtet darauf, wie abgenutzt diese sind und wann diese zerbrechen und tretet gelegentlich auch mal einen strategischen Rückzug an oder nutzt die Effekte verschiedener Felder –in Waldgebieten kommen eure Kämpfer zwar schwerer voran, sind dafür aber auch leichter im Kampf zu verfehlen. Steht ein Charakter, egal ob Freund oder Feind, außerdem auf einem Schloss-Feld, erhält er einen Verteidigungsbonus und regeneriert jede Runde eine gewisse Menge an Kraftpunkten.

Einmal ohne alles

Shadow Dragon & the Blade of Light bildet die Grundlage für fast jedes heutzutage erfolgreiche rundenbasierte Strategie-Rollenspiel, doch Videospiele altern bekanntlich nicht immer in Würde. Um gerade jüngeren Fans der Fire-Emblem-Reihe, die auf dem 3DS oder vielleicht sogar erst mit Three Houses auf der Switch ins Boot geholt wurden, ein bisschen die Augen zu öffnen, möchte ich im Folgenden kurz darauf eingehen, welche Quality-of-Life-Features ihr euch in diesem Spiel abschminken könnt:

Zuallererst werden Fans zwei wichtige Annehmlichkeiten vermissen: Der Gegner-Radius und die Schadensberechnung. Heutige Fire Emblems zeigen euch per Knopfdruck die gesamte Fläche an, die alle feindlichen Einheiten im nächsten Zug theoretisch erreichen können. Wollt ihr euren Heiler also in Sicherheit bringen, reicht es, diesen einfach nur außerhalb des angezeigten Bereichs zu positionieren. In diesem Spiel müsst ihr allerdings für jeden Charakter einzeln auf dessen Profil gehen, sich deren Reichweite anschauen und auf der Karte selbst messen, wie weit sie kommen können. Apropos Heiler: Diese erhalten beim Heilen keine Erfahrungspunkte. Da sie über keine Angriffsmöglichkeiten verfügen, können sie nur Erfahrungspunkte sammeln, indem sie sich von Feinden verdreschen lassen, ohne dabei draufzugehen. Doch das ist noch lange nicht alles: Wählt ihr den Kampf als Aktion aus, wird euch in neueren Ablegern der Reihe vorgerechnet, wie viel Schaden unter normalen Umständen (keine kritischen Treffer, keine Verfehlungen) sowohl ihr als auch euer Feind anrichtet – hier allerdings müsst ihr selbst mitrechnen, Angriffs- und Verteidigungswerte im Auge behalten, auf etwaige Schwächen achten und auswendig wissen, welchen Angriffsbonus die aktuell ausgerüstete Waffe bietet, denn diese Info werdet ihr nirgends im Spiel finden. Immerhin war das berühmte Waffendreieck hier noch nicht erfunden, sodass ihr getrost Schwertkämpfer gegen Lanzenträger in die Schlacht schicken könnt. Fliegende Einheiten reagieren allerdings auch hier schon allergisch gegen Pfeile!

Ein weiterer Faktor erschwert die Kämpfe merklich: Ihr könnt euch nicht wirklich vorbereiten. Nach Abschluss eines Kapitels beginnt direkt die nächste Schlacht, ohne euch die Möglichkeit zu geben, eure Items und Ausrüstung zu organisieren. Zwar gibt es auf jeder Karte ein oder zwei Stellen, an denen ihr Zugriff zu eurem Waffenvorrat erhaltet, allerdings kostet das Lagern von Items Geld und nur der Charakter, der auf dem Lager-Feld (namens Karl?) steht, kann sich daran bedienen.

Aber bitte mit Sahne!

Der vorige Abschnitt mag ziemlich negativ klingen und ja, neuere Fire-Emblem-Ableger spielen sich auch natürlich flüssiger und angenehmer, aber das heißt nicht, dass man den Erstling heutzutage überhaupt nicht mehr spielen kann. Für Einsteiger in die Serie würde ich den Titel allerdings nicht empfehlen, auch wenn einige Komfort-Funktionen und Annehmlichkeiten ins Spiel eingebaut wurden.

So kann durch Drücken auf die X-Taste jederzeit ein neues Menü geöffnet werden, in denen ein Lesezeichen gesetzt, einige Züge zurückgespult oder die Spielgeschwindigkeit angepasst werden kann. Das Lesezeichen kann als frei setzbarer Speicherpunkt verstanden werden, an den ihr jederzeit zurückkehren könnt, mit der Rückspulfunktion hingegen könnt ihr kapitelübergreifend bis zu 20 Runden in die Vergangenheit reisen, um begangene Fehler zu korrigieren, ein Feature, das aus dem neuesten Ableger Three Houses übernommen wurde (Achtung, eine Rückreise in die Gegenwart ist nicht drin, also setzt entweder vorsorglich ein Lesezeichen oder denkt gut darüber nach, bevor ihr zurückspult!). Diese beiden Features machen das ohnehin nicht so extrem schwere Spiel zwar deutlich einfacher, aber auch deutlich angenehmer zu spielen. Der kleinste Fehler (oder im Fall von kritischen Treffern auch einfach nur Pech) kann den dauerhaften Verlust einer heißgeliebten Einheit bedeuten. Mussten japanische Famicom-Besitzer damals noch die Konsole resetten und das gesamte Kapitel von vorne beginnen, habt ihr jetzt die Möglichkeit, die Zeit einfach nur um ein bis zwei Runden zurückzudrehen und euer Glück erneut zu versuchen.

Das letzte Feature kann den Spielspaß auch enorm erhöhen: Ihr könnt wählen, ob das gesamte Spiel oder nur die gegnerischen Züge in doppelter Geschwindigkeit abgespielt werden. Dabei wird auch leider der Sound doppelt so schnell wiedergegeben und ungenießbar, aber immerhin müsst ihr euch dann nicht mehr die teilweise etwas langatmigen Zuganimationen ansehen.

Wer die volle Retrodröhnung haben möchte, kann übrigens das Bild im Pixel-Perfect-Modus ausgeben lassen, inklusive groovigem 4:3-Bildformat.

Fazit:

Drollige Pixelmännchen und –Frauchen führen auf schachbrettartigen Schlachtfeldern Krieg – gepaart mit Dudelsound und jeder Menge archaischem Gameplay. Dass die Formel auch heute noch Spaß macht, erkennt man bereits an dem wahnsinnigen Erfolg, den die jüngsten Teile der Fire-Emblem-Reihe genießen. Doch auch der nunmehr 30 Jahre alte Sack namens Fire Emblem: Shadow Dragon & the Blade of Light hat es trotz einiger Gebrechen noch drauf. Sorgfältig abgeschmeckt mit einigen nützlichen neuen Features wie dem Zurückspulen von Zügen und einer Quicksave-Funktion und dem günstigen Preis von 5,99 Euro hat der Strategie-Titel durchaus das Potenzial, euch für über zwei Dutzend Stunden an den Bildschirm zu fesseln – eine Map geht schließlich immer noch!

Fans der Reihe können für eine ordentliche Packung Nostalgie jedenfalls bedenkenlos zuschlagen, für Einsteiger könnte das betagte Gameplay aber vielleicht doch noch eine Spur zu hardcore sein. Diesen würde ich, wenn sie unbedingt die Geschichte ihres Lieblings-Smash-Charakters erleben wollen, doch eher zum DS-Remake raten.

Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.

Wertung:

7.5

Deniz Üresin meint:

"Auch nach drei Dekaden macht der etwas in die Jahre gekommene Held Marth noch eine recht gute Figur."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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3 Kommentare:


Buttergebäck
vor 1 Monat | 1
Das DS-Remake fand ich großartig, gerade deshalb würde ich das Original aber, wenn überhaupt, nur aus spiele-historischem Interesse spielen. Etwas ganz anderes wäre es, wenn die direkte Fortsetzung (oder deren Remake) endlich auch mal bei uns im Westen erscheinen würde.

Denios
vor 1 Monat | 0
Das DS-Remake habe ich mindestens 5x durchgespielt, was mir hier aber auch sehr geholfen hat, weil ich noch an vielen Stellen auswendig wusste, wen ich mit wem rekrutieren kann und aus welchen Schlössern feindliche Verstärkung kommt :D
Ich bin auch immer noch stinksauer, dass wir Shin Monsho No Nazo nicht bekommen haben... Die Japaner haben FE3 ja bereits in ihrer SNES Online App... Vielleicht haben wir ja Glück, wenn sich Teil 1 gut verkauft?
Buttergebäck
vor 1 Monat | 1
Das steht wahrlich zu hoffen. Es passiert ja nicht oft, dass ein Spiel nach so langer Zeit noch die andere Seite des Meeres sieht, aber manchmal passiert es. :-)