Test: ​Sackboy: A Big Adventure

Von Kamil Witecy am 01. Dezember 2020

Der Stoffheld mit dem Reißverschluss ist wieder zurück!

Sackboy hat sich dank seiner Auftritte in Little Big Planet zu einem etablierten PlayStation-Maskottchen gemausert. Nun kehrt er sechs Jahre nach seinem letzten Auftritt passend zum Start der PlayStation 5 zurück auf die große Videospielbühne, jedoch diesmal nicht im altbekannten Little-Big-Planet-Kosmos. Stattdessen spendiert uns Entwickler Sumo Digital aus Sheffield einen waschechten 3D-Plattformer mit einfallsreichen Ideen und jeder Menge Charme. Ob der Titel, der zeitgleich für PS4 und PS5 erschienen ist, sogar mit Super Mario mithalten kann, klärt unser Test.

Sackboy im Super-Mario-Style

Zum ersten Mal in der Geschichte des Franchise dürfen wir den kunterbunten Planeten Craftworld vollends in 3D bewandern und um die Wette hüpfen, denn anders als in den Little-Big-Planet-Spielen liegt der Fokus nicht auf dem Bauen und Teilen von Levels, sondern auf dem Spielen und Erkunden der vorgefertigten Welten. Dementsprechend ist Sackboy: A Big Adventure trotz einiger bekannter Elemente aus Little Big Planet eher mit Titeln wie Super Mario 3D World vergleichbar. Wer also mit der LBP-Serie bisher nichts anfangen konnte, sollte den Titel nicht vorverurteilen und dem sympathischen Helden aus Sackleinen eine faire Chance geben.

Kreativpunkte für die Story gibt es hingegen nicht, auch wenn die kindgerecht verpackte Geschichte Erwachsene gelegentlich dann doch zum Schmunzeln bringt: Alles dreht sich um das mystische Wesen Vex, das aus Chaos und Furcht geboren wurde und nun sein Unwesen treibt. Vex führt selbstverständlich Böses im Schilde und entführt kurzerhand Sackboys Freunde. Als wäre das noch nicht schlimm genug, verknackt er diese auch gleich zur Zwangsarbeit, um für ihn einen „Auf-den-Kopf-Steller“ zu erbauen. Mit diesem teuflischen Gerät will der Bösewicht das friedliche und farbenfrohe Craftworld in einen ausgedörrten, kargen Schandfleck voller Albträume verwandeln. Folglich liegt es nun an Sackboy die entführten Eidgenossen zu befreien und den fiesen Plan von Vex zu vereiteln. Unterstützung erhält dieser von der weisen Scarlett, die unseren Helden sogar für einen der sagenumwobenen Sackritter hält, die extra dafür auserwählt wurden, um die Welt zu retten. Na, dann los!

Was die Entwickler beim Ideenreichtum der Geschichte noch eingespart haben, das wurde mit Liebe zum Detail und enorm viel Kreativität in die Spielwelt und ins Spieldesign gepumpt, auch wenn einige Features ihre Inspiration ganz offensichtlich in anderen Größen des Genres gefunden haben. So beginnt die Reise für unseren wollenen Helden auf einer vernähten Weltkarte und führt euch auf insgesamt fünf verschiedene Planeten. Die Karte könnt ihr dabei grundsätzlich frei begehen und dann die einzelnen Welten, wie z.B. in zahlreichen Super-Mario-Ablegern, auswählen und in diese hineinhüpfen. In diesen angekommen gilt es stets den vorgegebenen Pfad bis zum Levelende zu folgen und dabei möglichst viele Punktebläschen, Sticker und insbesondere die blauen Träumerkugeln einzusammeln. Manche der kostbaren Kugeln werden von Gegnern bewacht, andere sind hingegen einfach gut versteckt und müssen z.B. durch das Auffinden eines Geheimweges ergattert werden. Für andere Träumerkugeln müssen kleinere Rätsel gelöst werden oder mit Fallen bespickte Hindernisse überwunden werden. Mit dem fleißigen Auffinden der blauen Materialien habt ihr die Chance neue Welten freizuschalten und euch so dem weit entfernten Heimatplaneten von Vex zu nähern, der euch überdies immer wieder im Spiel zu kurzweiligen Bossgefechten herausfordert.

Darüber hinaus erwarten euch in Sackboys Abenteuer zahlreiche Hüpfpassagen in liebevoll designten, abwechslungsreichen Kulissen, die mit jeder Menge weiterer Spielideen kombiniert werden. So durchstreift ihr unter anderem eisige Gipfel, Dschungel-Ruinen, eine Unterwasserwelt im Stile von Atlantis sowie interstellare Weltraumkreuzungen. Zwar müsst ihr in nahezu allen Welten überwiegend ganz klassisch Hindernisse überwinden, um die Wette hüpfen, Fallen ausweichen und knuffig aussehenden Gegnern auf die Mütze hauen, doch mitunter kommen auch verschiedene Gadgets wie ein Bumerang, Düsenantrieb-Schuhe, die euch schweben lassen, oder ein Kletterhaken zum Einsatz. So wechselt das Spielgeschehen immer wieder nahtlos von Hüpfpassagen zu kleinen Shooter- oder Rennspieleinlagen. An anderen Stellen findet ihr euch mit Sackboy auf dem Dach eines rasenden Zuges wieder oder geht mit einem U-Boot auf Tauchstation, um Schätze zu bergen, während ihr von einem Monster-Fisch gejagt werdet. In wiederum anderen Gegenden flutschen wir von Luftblase zu Luftblase, um nicht im stacheligen Abgrund zu landen oder sauen uns mit Klebstoff ein, um der Schwerkraft zu trotzen und dem Level eine gänzlich neue Perspektive zu geben. Obwohl verschiedene Spielelemente zwar immer wiederkehren strotzt der Titel förmlich vor cleveren Ideen und Abwechslung, sodass in den rund 15 Spielstunden, die ihr bis zum Abspann benötigt, nie Langeweile aufkommt. Stark!

Ein Sackboy kommt selten allein

Da unser Sackjunge nicht nur ein unheimlich fröhlicher Zeitgenosse, sondern auch ein geselliger Typ ist, können sämtliche Levels in Sackboy: A Big Adventure sowohl allein als auch mit bis zu drei weiteren Freunden lokal im Couch-Koop gemeinsam angegangen werden. Und das funktioniert in der Praxis erstaunlich gut und sorgt für jede Menge Spaß, da sich die kleinen Sackboys auch untereinander piesacken können und ihr gegeneinander wetteifert, wer die meisten Boni und Punkte gesammelt hat. Doch auch auf Teamwork kommt es an: Egal, ob es darum geht Feinde gemeinsam zu besiegen, von mehreren Seiten gleichzeitig an Fäden zu ziehen oder einige Rätsel zu lösen. In anderen Spielsituationen müsst ihr euch gegenseitig auf höhergelegene Ebenen werfen, oder ein Spieler aktiviert entsprechende Schalter, um Plattformen in Gang zu setzen, während die anderen Spieler Objekte transportieren. Hin und wieder kommt es im Multiplayer, insbesondere mit 4 Spielern gleichzeitig, zwar zu Übersichtsproblemen, da die Kamera nicht jedem Spieler einzeln folgen kann. Dies ist jedoch verschmerzbar, da der Spielspaß darunter nicht leidet. Einen Online-Multiplayer-Modus wollen die Entwickler zusätzlich bis Ende des Jahres 2020 via Patch nachreichen. Dann können sogar PS4- und PS5-User zusammenspielen und auch ihre Spielstände von der PS4 auf die PS5 übertragen.

Wer jedoch nur selten oder schlichtweg nicht gerne im Koop zockt, muss den Titel aber nicht von seiner Liste streichen. Alle Spielsituationen lassen sich grundsätzlich auch problemlos allein meistern, zumal sich die Welten minimal voneinander unterscheiden, abhängig davon, ob ihr gerade allein oder mit Freunden spielt (z.B. müsst ihr allein nur an einer Garnschnur ziehen, um eine Blockade zu lösen und nicht an vier Schnüren gleichzeitig). Zwar gibt es auf den fünf Planeten einige extra gekennzeichnete (optionale) kooperative Level, doch Sackboys Abenteuer ist als Plattformer prinzipiell auch sehr gut für Solisten geeignet. Dafür sorgt auch der ansteigende Schwierigkeitsgrad. Zu Beginn sind die ersten Level noch kinderleicht, sodass ihr beim Meistern der Sprünge und beim Verhauen der Gegner keinerlei Schwierigkeiten haben werdet und die ersten Levels mit allen Träumerkugeln, sammelbaren Extras und genügend Punkten für eine Gold-Trophäe abschließen werdet. Doch je weiter ihr kommt, desto vielfältiger und anspruchsvoller wird es.

Gerade beim Abspringen braucht ihr den späteren Levels sehr gutes Timing, wenn sich die Rampen immer schneller bewegen, rotieren und Gegner euch zeitgleich das Leben schwer machen. Zudem gibt es im Spiel auch einige extra fordernde Geschicklichkeitslevels, die so genannten Strickritterprüfungen, in denen ihr auf Zeit knifflige Situationen überstehen und Passagen mit mehreren perfekten Sprungfolgen nacheinander meistern müsst. Für langjährige Plattformer-Experten sei dennoch explizit gesagt: Trotz ansteigendem Schwierigkeitsgrad ist Sackboy: A Big Adventure sicherlich alles andere als ein bockschweres Spiel. Aber es ist längst nicht so einfach (und ihr könnt anders als z.B. in den aktuellen Kirby- oder Yoshi-Titeln auch sterben!), wie es die Aufmachung des Titels zunächst vermuten lässt. Einige Stellen sind sogar knackig, ohne dabei aber je unfair zu sein. Das liegt auch daran, dass in jedem Level mehrere Checkpoints großzügig verteilt sind und auch zusätzliche Leben gefunden werden können. Etwas zu leicht geraten sind jedoch generell die verschiedenen Bossgegner, zumal sich einige in der Herangehensweise zu ähnlich sind. Doch insbesondere, wenn alle Kugeln, Boni und Gold-Trophäen eingesackt werden wollen, sind mitunter mehrere Anläufe nötig, sodass alle Spieler gleichermaßen ihren Anspruch im Titel finden werden und zusätzliche Spielstunden investieren können. Zudem gibt es über 60 freischaltbare Kostüme, deren Einzelteile frei miteinander kombinierbar sind, sodass ihr euren ganz individuellen Sackboy zusammenstellen könnt. Knuffig!

Musiklevel, starre Perspektive und knuddelige Präsentation

Neben den normalen Levels sowie den bereits erwähnten Strickritterprüfungen und optionalen Koop-Levels, haben es auch einige wirklich bemerkenswert gute Musiklevels mit Songs von bekannten Künstlern ins Spiel geschafft. Wenn auch etwas anders aufgebaut sind diese mit denen aus Rayman Legends vergleichbar. Aufgrund bestimmter Embargo-Richtlinien wollen und dürfen wir hier nicht zu sehr ins Detail gehen, jedoch ist es einfach grandios, wenn im Spielgeschehen plötzlich ein bekannter Song losgeht und das ganze Level sich in dessen Takt bewegt. Lasst euch hier einfach überraschen, ihr werdet definitiv mit einem fetten Grinsen belohnt.

Die Kamera im Spiel wurde indes im Vergleich zur Little-Big-Planet-Reihe überarbeitet und bieten euch nun deutlich mehr Übersicht. Das hat jedoch auch negative Konsequenzen. Die Kamera lässt sich weder manuell bewegen noch in bestimmten Spielsituation heraus- oder hineinzoom, denn die Perspektive ist zu jedem Zeitpunkt vom Spiel fix vorgegeben. So wird das Geschehen je nach Spielsituation fest von schräg oben, von hinten oder auch schonmal von vorne eingefangen. Das mag sich auf den ersten Blick etwas starr anhören, doch zumeist behaltet ihr gut den Überblick. Dennoch gibt es einigen Stellen, an denen ihr aufgrund der fixen Kamera euren Sackboy schonmal aus den Augen verliert oder eine Plattform unnötigerweise verpasst. Immerhin nutzen die Entwickler diese uneinsichtigen Bereiche wiederum geschickt für versteckte Boni. So lohnt es sich auch mal ohne freien Blick um eine Mauer oder einen Stein herumzugehen, um dann feststellen, was sich dahinter verbirgt. Deutlich besser als noch in den Little-Big-Planet-Spielen ist zudem die Steuerung ausgefallen. Diese ist glücklicherweise nicht mehr so schwammig, sondern sehr viel präziser, sodass ihr ganz gezielt über die zahlreichen Abgründe und rotierende Plattformen springen könnt. Dennoch ist die Steuerung auch längst nicht so perfekt und akkurat wie in einem Super Mario, wo ihr euch letztlich auch im Zusammenspiel mit der justierbaren Kamera einfach freier und intensiver austoben könnt.

Aus optischer Sicht ist Sackboy: A Big Adventure sicherlich kein Titel, der die neuen Möglichkeiten der PlayStation 5 vollends ausreizt. Und dennoch ist der Titel aufgrund seiner charmanten Aufmachung und der der witzigen Animationen, egal ob auf der PS4 oder der PS5, richtig hübsch anzusehen. Die gesamte Spielwelt präsentiert sich aus einer Mischung aus Pappe, Stoffresten sowie einigen Objekten aus der realen Welt, die auf den Fantasie-Planeten riesig groß sind. In der von uns getesteten PS5-Version kommt der Titel zudem in knackig scharfer 4K-Auflösung daher, punktet mit realistischen Spiegelungen sowie tollen Lichteffekten und läuft dabei jederzeit flüssig mit 60 Bildern pro Sekunde über den Bildschirm. Zudem gibt es kaum mehr nennenswerte Ladezeiten. Negativ aufgefallen sind lediglich einige kleinere Clipping-Fehler bei den Kostümen der Sackboys. Beim Sound gibt es hingegen überhaupt nichts zu Meckern: Der Soundtrack ist schlichtweg großartig, die Effekte und Ausrufe der Gegner passen stets zum Spielgeschehen und die bereits erwähnten Musiklevels mit den voll lizenzierten Original-Musikstücken stellen noch einmal ein gesondertes Highlight dar. Auch die gute deutsche Sprachausgabe ist positiv hervorzuheben, wenn auch die englische Vertonung noch besser daherkommt.

Auch die Features des DualSense-Controllers wurden gut, aber längst nicht so überragend wie im Vorzeigetitel Astro's Playroom genutzt. So erhaltet ihr beim Verdreschen der Gegner ein passendes haptisches Feedback und könnt so auch mit geschlossenen Augen spüren, ob ihr selbst einen Schlag abbekommen habt oder gerade von einem Elektrozaun gegrillt werden. Auch fühlt es sich beim Laufen über die verschiedenen Oberflächen im Spiel spürbar anders an, ob ihr gerade über Filz lauft oder über rutschige Eisflächen schlittert. Die adaptiven Trigger werden zum Beispiel beim Verwenden der Düsenschuhe oder dem Bumerang genutzt, wenn auch nicht annähernd so gut wie beim erwähnten Astro's Playroom. An dieser Stelle ist noch Luft nach oben.

Fazit:

Ich bin verdammt positiv überrascht! Sackboy: A Big Adventure hat kaum mehr etwas mit den ursprünglichen Little-Big-Planet-Spielen zu tun, sondern präsentiert sich als unheimlich charmanter und spaßiger 3D-Plattformer. Dabei glänzt Sackboys großes Abenteuer mit jeder Menge kreativer Ideen, viel Abwechslung und einer liebevollen Präsentation. Da macht es kaum viel aus, dass einige Elemente aus Genregrößen wie Super Mario oder Rayman abgekupfert wurden, die starre Kamera manchmal störend sein kann und auch die Feature des DualSense Controllers nicht komplett ausgereizt wurden. Sackboy: A Big Adventure ist eine wirklich positive Überraschung im Launch-Line-Up der PS5 und neben dem vorinstallierten Astro's Playroom bereits der zweite richtig gute Plattformer! Gerne mehr davon.

Vielen Dank an Sony für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.
Von uns getestet: PlayStation-5-Version

Wertung:

8.5

Kamil Witecy meint:

"Abwechslungsreicher und knuffig-charmanter Hüpfspaß für die ganze Familie. Eine positive Überraschung im PS5-Launch-Line-Up!"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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4 Kommentare:


2null3
vor 1 Monat | 0
Hab tatsächlich ähnliches erwartet und freue mich, dass es dann auch so gekommen ist. Wird einer der Titel, die ich mir (in ferner Zukunft) zusammen mit der PS5 hole.

Schniko
vor 1 Monat | 0
Danke für den tollen Test.
Jetzt muss nur noch meine ratternde PS5 von der Reparatur zurückkommen und ich schlage zu.

Terry
vor 1 Monat | 1
Halt uns mal auf dem Laufenden, wie lange es dauert und was Sony damit gemacht hat :D

Tobsen
vor 1 Monat | 0
Cool, dass das Spiel so gut und so anders als die ursprünglichen LBPs geworden ist. In Astro's Playroom habe ich die Platin-Trophäe erreicht und das reicht mir diese Gen erstmal an J'n'Rs (außer, Knack 3 kommt - das wäre dann Pflichtprogramm).
Allen hier aber hf mit dem Sackjungen!