Test: Watch Dogs Legion

Von Robert Emrich am 21. November 2020

Einer für euch und alle für euch. Ubisofts Hacker-Abenteuer geht vielfältiger denn je in die dritte Runde.

Ihr seid die 99 Prozent! Alle Macht dem Volke! Im neuesten Teil der Serie gibt euch Ubisoft Toronto die Kontrolle über die Bürger des totalitären Londons der Zukunft und versucht dabei ein Zeichen zu setzen: Jeder Mensch ist im Kampf gegen Faschismus und Unterdrückung wichtig. Wir haben uns der Revolution in der Rolle von jedermann und -frau angeschlossen und Watch Dogs Legion für euch auf Herz und Nieren getestet.

Rebirth of a Nation

Die Story beginnt ein paar Jahre in der Zukunft: England hat die Europäische Union verlassen und befindet sich in einem technologischen Aufschwung, nachdem die Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz und Automatisierung massive Fortschritte gemacht hat – sehr zum Leid der einfachen Bevölkerung, deren Jobs jetzt computergesteuerte Systeme übernommen haben. London hat aus den Vorfällen in Chicago und San Francisco nichts gelernt und das stadtweite Netzwerk ctOS der Firma Blume Industries eingeführt. Auch Dedsec, die Hackergruppe aus den ersten beiden Teilen, ist wieder am Start, um die Bürger der Stadt vor der totalen Überwachung zu beschützen.

Als in einer Nacht mehrere Gebäude in London in die Luft gejagt werden, wird Dedsec zu Unrecht beschuldigt und die Situation gerät außer Kontrolle. Albion, eine private Sicherheitsfirma, erhält von der Regierung den Auftrag, die innerstädtische Sicherheit zu gewährleisten und Dedsecs Hacker werden ab sofort rigoros gejagt und verhaftet. Als eines der letzten freien Mitglieder der Gruppe obliegt es euch, den Widerstand gegen Albions brutale Söldnerarmee neu aufzubauen, den wahren Schuldigen für die Anschläge zu finden und Londons Bürger in die Freiheit zu führen.

Power to the people

Wer Ubisofts Open-World-Spiele im Allgemeinen und die Watch-Dogs-Serie im Besonderen kennt, wird direkt ins sprichwörtlich lauwarme Wasser der Routine geworfen. In der gewohnten Third-Person-View navigiert ihr euren Charakter laufend, fahrend und (sehr selten) schwimmend durch die Stadt und erledigt die Quests der Haupthandlung, sowie unzählige optionale Nebenquests in nahezu beliebiger Reihenfolge. Hilfe bieten euch dabei die vorlaute Supercomputer-K.I. „Bagley“, euer Handy, mit dem ihr wie schon in den ersten beiden Teilen Kameras, Autos und andere Gerätschaften übernehmen konntet und – zumindest theoretisch – jeder Bürger in den Straßen der Stadt. Die können nämlich ausnahmslos alle rekrutiert werden und bringen, abhängig von ihrem vorherigen Berufsstand, unterschiedlich nützliche Fertigkeiten mit. Bauarbeiter besitzen eigene Baudrohnen, Hooligans schlagen härter zu, Anwälte holen eure verhafteten Teammitglieder schneller aus dem Gefängnis und Attentäter haben exklusive Schusswaffen im Gepäck. Diese und viele andere Berufsgruppen begegnen euch auf den Straßen und machen die Erledigung der gestellten Aufgaben einfacher oder auch schwerer.

Die Rekrutierung der Bürger ist, je nachdem wie gut die jeweilige Person auf euch zu sprechen ist, mehr oder weniger komplex und umfasst fast immer ein Problem mit einer der gegnerischen Gruppen in der Stadt, das ihr dann aus der Welt schaffen müsst. Sind sie dann einmal Mitglied eurer Gruppe, bleiben euch die Charaktere aber treu ergeben und können jederzeit eingesetzt werden. Der Wechsel zwischen den verfügbaren Hackern ist schnell und einfach und kann nur im Kampf und in Sperrgebieten nicht vorgenommen werden. Eure Charaktere verfügen außerdem über einen Pool aus gemeinsamen Fähigkeiten und Gegenständen, die mit Fertigkeitspunkten freigeschaltet werden und sicherstellen, dass nahezu alle Quests von jedem Einwohner erledigt werden können. Nur einige wenige Aufgaben verlangen nach einer spezifischen Personengruppe und die entsprechende Rekrutierung ist in solch einem Fall in der Regel direkter Teil der Handlung.

Mittels eurer Rekruten arbeitet ihr euch so durch die einzelnen Bezirke der Stadt, die gerne befreit werden möchten. Gesondert markierte Missionen auf der Karte erfordern von euch die Rettung einer Person, die Sabotage von Ausrüstung, die Veröffentlichung von Daten oder andere Aktionen, die den bösen Buben das Leben schwermachen. Dabei steht euch die Art eures Vorgehens immer frei. Ob unbemerkt durch die Gegend schleichend, mit allerlei Hacks und ferngesteuerten Gerätschaften wie dem Spiderbot von außen agierend oder mit geladenen Waffen frontal von vorne – das Spiel überlässt euch zu jeder Zeit die Wahl und die Aufgabe, die richtige Strategie für die entsprechende Situation zu finden.

Nur wer das Spiel gerne im Koopmodus erleben möchte, guckt wieder einmal in die Röhre. Zwar kann man sich voraussichtlich ab dem 03. Dezember zusammen mit Freunden in einer gesonderten Version der Stadt treffen und ähnlich wie schon im vorherigen Teil spezielle Mehrspielermissionen erledigen, die reguläre Handlung muss aber jeder Spieler für sich alleine erleben. Ein Jammer, wenn man bedenkt, dass Ubisoft in dem großartigen Ghost Recon Wildlands vor ein paar Jahren bewiesen hat, dass sie es eigentlich auch anders können.

Too much posse - Who stole the soul?

Die Möglichkeit, jeden auf den Straßen sichtbaren Charakter steuern zu können, bringt eine erstaunliche Diversität mit sich, wirft aber natürlich auch verschiedene Fragen auf. Kann man sich als Spieler an einen Charakter binden, der per Definition komplett austauschbar ist? Kann eine austauschbare Figur innerhalb der Handlung des Spiels eine für den Spieler interessante und plausible Entwicklung durchleben? Kann die Handlung selber packend und motivierend sein, wenn Protagonisten als Fixpunkte fehlen? Und kann ein Entwickler abertausende unterschiedliche Charaktere generieren, ohne dass man als Spieler Wiederholungen bemerkt?

Die Antwort auf all diese Fragen lautet aktuell leider „Nein“ und zeigt, dass Ubisoft sich von seinem Konzept ein wenig zu viel versprochen hat. Das fängt bei den Charakteren an. Das Spiel kann aus einer Datenbank voller Namen, Kleidungsstücke, Daten und körperlichen Merkmalen Millionen unterschiedliche Figuren generieren, aber es fehlt natürlich dieselbe Menge an unterschiedlichen Synchronsprechern und individuellen Dialogen. So kommt es zwangsläufig vor, dass sich bestimmte Telefonate und Gespräche von Passanten merklich wiederholen. Auch haben alle Einwohner der Stadt einen vergleichbaren BMI und sind mindestens volljährig. Überhaupt wirkt die Stadt so kinderlos, dass man befürchten könnte, Clive Owen aus „Children of Men“ über den Weg zu laufen.

Auch die grundsätzlich sehr gute Handlung muss Kompromisse eingehen und wirkt dadurch ein wenig beschnitten, da sie auf einen jungen Influencer genauso gut passen muss, wie auf eine Pensionärin. Das Spiel muss davon ausgehen, dass ihr die Charaktere innerhalb einer Mission wechselt. Natürlich wurden alle Figuren weitestgehend authentisch vertont und haben sogar einen für ihr Metier und Alter angemessene Ausdrucksweise erhalten, aber ihre emotionalen Reaktionen auf Ereignisse innerhalb der Geschichte bleiben immer gleich, was der Geschichte ein wenig Tiefgang und dem Spieler die Bezugsperson nimmt. Selbst die anderen fixen Personen in den Handlungen schaffen es nur schwer, sich von der Masse abzuheben und so bleibt es ironischerweise an Bagley, der künstlichen Intelligenz, die uns auf unseren Missionen unterstützt, mit seinen zynisch-humorvollen Kommentaren eine Beziehung zum Spieler aufzubauen.

Über Umwege, etwa durch den Verzicht mehr als eine Figur zu nutzen und wahlweise sogar durch die Aktivierung des Permadeath-Modus könnten viele der oben erwähnten Probleme umgangen werden. Das nähme dem Spiel aber sein Alleinstellungsmerkmal, in das Ubisoft somit vergeblich so viele Mühen investiert hätte. Ihr habt also die Qual der Wahl.

Make it hardcore

Schon sehr früh weist euch das Spiel darauf hin, dass eure Handlungen bestimmen, wie die Menschen euch und Dedsec wahrnehmen. Viele NPCs der Stadt haben nicht nur Namen, sondern sind mit anderen Charakteren in der Stadt befreundet oder verwandt und dementsprechend wenig erfreut, wenn ihr ihre Liebsten überfahrt, erschießt oder in die Luft sprengt. Wirklich endgültig sind derlei Abneigungen zwar nie, aber sie können die Rekrutierung eines zukünftigen Agenten massiv verzögern und sogar dazu führen, dass rachsüchtige Hinterbliebene Teile eures Teams entführen, die dann erst einmal gerettet werden müssen, bevor ihr sie wieder spielen könnt. Eine subtile aber positive Erweiterung innerhalb von Ubisofts Open-World-Spielen, die die NPCs gerade in diesem Spiel, in dem alle Einwohner relevant sein wollen, aus dem Status des bloßen Hindernis-seins befreit.

Der Einsatz von nicht-tödlichen Schockwaffen, auf die jeder Hacker Zugriff hat, ist also immer eine kluge Wahl, da betäubte Gegner anders als in den vorherigen Teilen von ihren Kameraden nicht mehr aufgeweckt werden. Wer im Permadeath-Modus spielt, sollte sogar gänzlich auf Waffen verzichten und die Gegner so oft es geht schnell von hinten überwältigen oder sie im Nahkampf bewusstlos schlagen. Die Feinde eskalieren nämlich allesamt in Stufen und schießen erst dann auf euch, wenn ihr lange genug vor ihnen weglauft oder selber eine Waffe zückt. Auf diese Weise bietet das System Freunden von Feuergefechten eine Herausforderung und Schleichern eine faire Chance.

Show ‘em whatcha got

Von allen moralischen und inhaltlichen Bedenken einmal abgesehen, spielt sich Watch Dogs Legion aber überaus unterhaltsam und flüssig. Ubisoft hat seine Erfahrungen im Bau von Städten voll ausgespielt und präsentiert uns ein detailverliebtes London, das Kennern der Stadt einen mehr als vertrauten Anblick bieten wird. Zugegeben sind die Straßen der Vorlage deutlich stärker mit Fahrzeugen und Passanten bevölkert und selbst ein mordlüsterner Rennfahrer auf Speed würde es wohl nicht innerhalb von Minuten durch die Bezirke der realen Stadt schaffen. Dem Spielfluss kommt es aber nur zugute und es macht Spaß, die vielen Sehenswürdigkeiten auf einer Baudrohne fliegend einmal aus Winkeln zu sehen, die sonst Hubschrauberpiloten vorbehalten sind oder ganz simpel mit Auto und Motorrad durch die Gegend zu rasen. Lediglich der ungewohnte Linksverkehr und die suizidale K.I. der Passanten, die sich beim Ausweichen mit auffallender Sicherheit und auch bei den langsamsten Anfahrten direkt vor euer Auto werfen, trüben den Rausch der Geschwindigkeit ein wenig.

Die berühmt berüchtigte Ubisoft-Formel, die den Content durch sammelbare Items künstlich verdoppelt, ist natürlich ebenfalls wieder mit dabei, verzichtet aber dankbarerweise auf jegliche Darstellung des Sammel- und Spielfortschritts. Druck entsteht so nicht und viele Gegenstände befinden sich direkt in Missionszonen und können nebenbei einfach mit eingesammelt werden.

Spieler der ersten beiden Teile werden außerdem feststellen, dass der Umfang der hackbaren Gerätschaften merklich zurückgegangen ist. Autos, die zum beachtlichen Teil automatisch und fahrerlos durch die Gegend fahren, lassen sich widerstandslos kapern und auch parkende Fahrzeuge springen direkt und ohne jeglichen Alarm an. Passanten können weder beklaut noch ausgehorcht werden und auch Ampeln und Lichtquellen bleiben in diesem Teil unantastbar während Fahrzeuge jetzt von Anfang an gehackt und von außen gesteuert werden können. All diese Änderungen haben kaum Einfluss auf das laufende Spiel, da Verfolgungsjagden im Auto grundsätzlich seltener vorkommen und doch bleibt die Frage, warum ein Spiel, das doch von allem „mehr“ bieten will, ausgerechnet dem Kernelement der ganzen Serie die Vielfalt nimmt.

What kind of power we got

Technisch läuft Watch Dogs Legion in der PlayStation-4-Fassung tadellos. Die Ladezeiten beim Start des Spiels sind zwar alles andere als schnell, im Spiel selber läuft dann aber alles rund und auch die seltenen Ladevorgänge beim Betreten eines geschlossenen Areals sind ab da merklich kürzer. Die Grafik ist für die Verhältnisse der Konsole überaus anständig und läuft durchgehend flüssig. Selbstredend kann sie nicht mit aktuellen Hochleistungs-Grafikkarten oder der neuesten Konsolengeneration mithalten, sieht aber jederzeit gut aus. Lediglich einige Texturen, die nicht schnell genug vom System geladen werden können und daher erst recht grob wirken, sowie die Qualität von spritzendem Wasser, das man in anderen Spielen von Ubisoft schon schöner gesehen hat, trüben den Eindruck ein wenig. Man muss allerdings auch erwähnen, dass wir uns während unseren 20 Stunden Testzeit vielleicht drei Minuten lang im Wasser befunden haben.

Akustisch gibt uns das Spiel ordentlich was auf die Ohren. Neben dem spieleigenen Soundtrack hat Ubisoft Lizenzen für mehr als 100 Songs aus allen größeren Genres erworben und sie im Spiel auf mehrere genrespezifische Radiosender verteilt, sodass ihr zu jeder Zeit die für euch passende Musik hören könnt, während ihr in London unterwegs seid. Ein spieleigener Podcast rundet die Palette der verfügbaren Sender ab und bietet ebenfalls hin und wieder interessante Einblicke in die Gedanken der Bürger der Stadt. Auch alle anderen gesprochenen Dialoge passen grundsätzlich gut, wobei das System, das die Charaktere generiert, sich hin und wieder selber ein Bein stellt. An einer Stelle mussten wir eine wichtige Abgeordnete verführen und wollten es mit unserem Spion versuchen, den das System aber mit dem Körper eines Mitte Zwanzigjährigen erstellt hatte. Der Gute war wie James Bond gekleidet und konnte sein Ziel erfolgreich umgarnen, ließ es sich aber nicht nehmen, die gut 20 Jahre ältere Dame mehrfach mit „Alter“ anzusprechen.

Die Steuerung funktioniert ebenfalls sehr gut und bereitet keine Probleme. Fahrzeuge steuern sich sehr arcade-lastig, aber weitestgehend problemlos und auch euer Charakter reagiert fast immer perfekt. Nur einige kniehohe Hindernisse, vor denen wir zu dicht standen und die unser Hacker dann nicht direkt überwinden wollte, machten uns gelegentlich das Leben schwer.

Fazit:

Watch Dogs Legion macht viele Dinge gut und zum Teil sogar besser als andere Spiele von Ubisoft. Das Setting ist perfekt gewählt und in Szene gesetzt, die Handlung ist interessant und wird von einigen Teilen des Systems auch entsprechend unterstützt. Die oftmals kritisierte Ubisoft-Formel wurde zudem auf ein erträgliches Maß zurückgefahren und die Technik des Spiels läuft auf der PlayStation 4 größtenteils sauber und aktuell sogar besser als die PC-Version. Könnten wir es an dieser Stelle mit dem Fazit belassen, wäre Watch Dogs Legion ein sehr gutes Spiel. Die Quests, in denen die Designer sich abseits der ausgetretenen Pfade austoben durften und die vielen Situationen, in denen wir über sarkastische Kommentare unseres Begleiters Bagley schmunzeln mussten, lassen erahnen, dass der dritte Teil vielleicht sogar der beste der Serie hätte werden können.

Leider scheitert das Ganze aber an den viel zu hohen Ambitionen der Entwickler, die zwar ein interessantes Charaktersystem entwickelt, dieses dann aber nicht ganz zu Ende gedacht und damit dem emotionalen Tiefgang der Story eine Kniescheibe weggeschossen haben. Übrig bleibt ein quasi Singleplayer-Spiel, das sehr oft Spaß macht und dessen Kauf für Freunde von Action-Adventure-Spielen bestimmt kein Fehler ist, sich aber durch seinen Versuch besonders zu sein, doch wieder nur im oberen Mittelfeld einfindet.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

7.5

Robert Emrich meint:

"Atmosphärisch überzeugender dritter Teil mit viel Potential, der an den Ambitionen der Entwickler krankt."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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3 Kommentare:


Tobsen
vor 2 Tagen | 1
Richtig cooler, ausführlicher Test. Genauso hätte ich W_D 3 auch eingeordnet, denke ich.
Zwar kein schlechter Titel, aber man muss ihn ja ohnehin boykottieren, da er von Ubisoft ist.

michi1894
vor 1 Tag | 1
Der Test ist echt ein Brett. Vom Spiel hatte ich ein wenig mehr erwartet, hole das aber auf jeden Fall nach.

SantiagoWinehouse
vor 1 Tag | 1
Danke für den ausführlichen Test! Ich konnte mit den ersten beiden Titeln nicht warm werden, obwohl beide eigentlich nicht schlecht waren. Irgendwie fehlte den Titeln das gewisse Etwas. Ein Kumpel von mir hat sich Legion geholt, er meinte, dass es sich wohl ähnlich einreiht. ich denke, ich werde dieses Spiel überspringen