Test: Observer System Redux

Von Jeremiah David am 23. November 2020

Der Cyberpunk-Horror-Thriller eilt auf die neuen Konsolen

Observer war mein Halloween-Spiel 2019. Im PlayStation-Store war es günstig zu haben und weil ich sowieso einen Artikel über unheimliche Spiele für das herbstliche Gruselfest schreiben wollte, holte ich mir Bloober Teams eigenwilligen Cyberpunk-Horror-Thriller auf meine Festplatte. Seitdem ist ein Jahr vergangen, eine neue Konsolengeneration steht uns bevor und Observer kehrt mit dem Beinamen System Redux in einer Remastered-Fassung für Xbox Series X und PlayStation 5 zurück. Seltsamerweise scheint der Titel heute jedoch viel aktueller als noch vor einem Jahr oder gar in 2018, als das Spiel ursprünglich veröffentlicht wurde, denn die Ereignisse in Observer finden während einer weltweiten Pandemie statt. Fast alle Personen im Spiel stehen unter Quarantäne. Gruselig.

Cyberpunk 2084 vor Cyberpunk 2077

Im Spiel schlüpfen wir in die Rolle des etwas in die Jahre gekommenen Kriminalbeamten Daniel Lazarski. Es ist das Jahr 2084 und Lazarski – gesprochen vom inzwischen verstorbenen Schauspieler Rutger Hauer, der dem ein oder anderen Gamer noch aus Blade Runner bekannt sein dürfte – sitzt in seinem Auto, während er eine verwirrende Nachricht seines entfremdeten Sohnes Adam erhält. Dieser steckt in nicht näher beschriebenen Schwierigkeiten und hat zudem eine seltsame Warnung parat: „Remember: You‘re not in control!“ Die Situation ist so ernst, dass er sich offenbar von seinem Vater verabschieden möchte, obwohl sich die beiden seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Als Lazarski machen wir uns deshalb auf, um Adam in einem heruntergekommenen Mietshaus im polnischen Krakau zu suchen. Dort angekommen finden wir in Adams verwüsteter Wohnung neben irrwitzigen Mengen an Kabeln und Computerkram jedoch nur einen übel zugerichteten Toten. Ist es Adam? Weil der Leiche der Kopf fehlt, ist die Frage nicht zu beantworten und so müssen wir uns durch die verwinkelten Korridore und engen Wohnungen des Mietkomplexes schlagen, um mit diversen Anwohnern zu sprechen und weitere Tatorte zu untersuchen. Der Clou dabei: Im Jahre 2084 tragen fast alle Menschen kybernetische Implantate. Mit verschiedenen Scannern analysieren wir als Lazarski also nicht nur die Orte der Verbrechen. Wir dringen mit einer neuralen Sonde über die Implantate direkt in die Gehirne von Opfern ein und werden so mit deren schrecklichen, die Realität auf den Kopf stellenden Erinnerungen konfrontiert.

Die Gehirne Verstorbener sind selbstredend nicht mehr voll funktionstüchtig und so sind die Bilder, mit denen wir regelrecht überflutet werden meist alptraumhafte Visionen mit massig Glitches und anderen Fehlern. Während die Toten verwesen, fallen die Welten in ihren Köpfen wortwörtlich auseinander. Je älter eine Leiche, desto schlechter ist der Zustand der Erinnerungen. Das zieht bizarre Grafikeffekte nach sich, die unsere Besuche in der Matrix in wirre Drogen-Trips mit klaustrophobischem Sci-Fi-Einschlag verwandeln. Kabel schlagen wie Tentakel aus, Wände scheinen zu pulsieren, Gegenstände flackern oder verpixeln. Bugs im System werden zu dämonenhaften Wesen, die Lazarski als ungebeten Gast aus der jeweiligen Traumwelt reißen wollen.

Atmosphärische Thrillerkost

Spielerisch ist Observer mit anderen Titeln von Bloober Team, wie beispielsweise dem neueren Blair Witch vergleichbar. Auch Spiele wie Amnesia: Rebirth, SOMA oder The Vanishing of Ethan Carter könnten zu Vergleichszwecken hergenommen werden. Daniel Lazarski ist kein wild gewordener Actionheld, der mit gezückter Pistole durch die heruntergekommenen Wohnhäuser zieht. Er bewegt sich eher gemächlich durch die gleichermaßen futuristischen wie schmutzigem Umgebungen und verhört mit störrischer Ruhe und grenzwertig emotionsloser Stimme die in Quarantäne sitzenden Anwohner.

Als Spieler sehen wir alles durch Lazarskis Augen und nutzen seine Implantate mit einer elektromagnetischen und einer biologischen Ansicht zur Spurensicherung. Später kommt noch eine Nachtsicht dazu. Während Gesprächen werden meist mehrere mögliche Antworten eingeblendet, einen wirklichen Einfluss auf das Geschehen scheinen diese jedoch nicht zu haben. Erst gegen Ende gilt es eine Entscheidung zu treffen, die eine von zwei möglichen Endsequenzen nach sich zieht. Bedingt durch die Pandemie im Spiel war und ist die Welt von Observer zudem fast menschenleer. Zwar gibt es unzählige fantastische Details zu entdecken und überall sind Dinge in Bewegung, aber Lazarski begegnet so gut wie nie anderen Menschen in Person. Ganz am Anfang spricht er mit einem grobschlächtigen Androiden hinter einer Glaswand, ansonsten jedoch praktisch nur mit gesichtslosen Stimmen hinter verschlossenen Türen. Das hat zur Folge, dass die vielen Dialoge, während denen wir uns nicht frei bewegen können, in der Regel wie Telefonate ablaufen, während wir in der Gegend herumstehen und Türen anstarren. Auf Dauer nervt die Pseudo-Einsamkeit, auch wenn dieser Umstand im Kontext des Spiels Sinn macht. Kämpfe gegen klassische Gegner gibt es im Übrigen nicht. Wenn Feinde in der Nähe sind, ist Schleichen, Verstecken und Flüchten angesagt. Observer setzt definitiv mehr auf seine Krimi-Story und dichte Atmosphäre als auf packendes Gameplay. Etwas schade ist dabei, dass sich die Story zwischenzeitlich in ausufernden Effekten verliert und so inhaltlich kaum voranschreitet. Manchmal fühlt sich das Spiel dadurch wie ein Blockbuster an, der seine Zuschauer mit Effekthascherei statt mit einer interessanten, kohärenten Geschichte überzeugen will, das aber durchaus auch schafft. Manche Szenen sind so abartig bizarr, dass sie allein durch ihren Surrealismus wunderbar unterhalten können.

Ähnlich wie die Story schwanken auch die Rätsel in ihrer Qualität. Einige scheinen nur integriert worden zu sein, um die Spielzeit zu strecken, andere machen dagegen nicht nur Spaß, sondern machen auch im Kontext des Spiels absolut Sinn. Positiv zu erwähnen ist unabhängig von alledem, dass uns die Entwickler nicht an die Hand nehmen und wie ein Kleinkind durch die Level führen. Es gibt keine Marker auf einer Karte oder irgendwelche In-Game-Markierungen. Wir müssen selber herausfinden, was hier vor sich geht und wo wir als nächstes hinmüssen. Viele kleine Nebengeschichten werden außerdem durch E-Mails oder Fotos auf fremden Computern erzählt.

Die Verbesserungen der Redux-Version

Bereits 2018 war Observer ein ausgesprochen gutaussehender Titel. Die düsteren Umgebungen der heruntergekommenen Mietswohnungen – genannt The Stacks – wurden von Bloober Team unglaublich detailliert ausgearbeitet. Eine Konsequenz der Grafikpracht war jedoch eine instabile Framerate. Besonders, wenn ein neues Gebiet geladen werden musste kam es zu vermehrten Rucklern. Auf der PlayStation 5 gehören diese Probleme der Vergangenheit an. Observer läuft endlich mit einer stabilen Framerate von 60 FPS, wenn auch nur dann, wenn Ray-Tracing ausgeschaltet bleibt. Mit Ray-Tracing sehen einige Pfützen und Glasscheiben dank realistischerer Spiegelungen besser aus, die Framerate leidet allerdings minimal darunter, wobei Observer trotzdem einwandfrei spielbar bleibt. Auf der Xbox Series X wird Ray-Tracing aktuell noch gar nicht angeboten und soll erst später per Patch nachgereicht werden. PlayStation-exklusiv sind auch einige Features rund um den Dual-Sense-Controller. Wenn wir beispielsweise eine verschlossene Tür öffnen wollen, vibrieren die Trigger und lassen sich nicht vollständig eindrücken, außerdem kommen verschiedenste Umgebungsgeräusche aus dem integrierten Lautsprecher.

Unabhängig vom System kommt die Cyberpunk-Welt von Observer System Redux auf beiden Next-Gen-Konsolen mit knackigen 4K-Texturen und HDR-Unterstützung daher. Die Entwickler haben zudem mehr Gegenstände in den Räumen untergebracht und das ein oder andere Objekt an eine andere Stelle geschoben. Wieso sie letzteres getan haben lässt sich schwer sagen. Auch, dass die PlayStation-5-Version einige Umgebungen etwas dunkler und mit bläulicheren Farben darstellt als die Playstation-4-Version, scheint eine eher sinnfreie Änderung zu sein. In den nachfolgenden Screenshots seht ihr die Küche aus Adams Apartment erst auf der PS4, dann auf der PS5. So oder so ist Observer System Redux jedoch ein technisch beeindruckender, fantastisch detaillierter Titel, der in der Neuauflage zusätzlich zu den oben genannten Punkten auch noch von verbesserten Partikeleffekten und verkürzten Ladezeiten profitiert.

Fazit:

Observer System Redux ist technisch eine Wucht, aber ein absoluter Psycho-Trip ohne nennenswertes Gameplay. Das sollte jedem potentiellen Käufer klar sein. Daniel Lazarskis Geschichte lebt von den unzähligen Effekten, die die Realität im Spiel auf den Kopf stellen, um die eigene Achse drehen und dann noch ordentlich durchschütteln. Die Effekte können das Spiel aber tatsächlich tragen, nicht zuletzt weil sie auf den Next-Gen-Konsolen besser aussehen als jemals zuvor. Wer auf Action und klassisches Gameplay verzichten kann, der darf mit Lazarski eine psychodelische, sechs bis acht Stunden lange Reise antreten, die er so schnell nicht wieder vergessen wird.

Von und getestet: PlayStation-5-Version

Wertung:

7.5

Jeremiah David meint:

"Technisch brillanter, aber spielerisch seichter Psycho-Trip."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


2null3
vor 4 Monaten | 1
Guter Test!
Sollte sich jemand für das Spiel interessieren: Ich hab seit Jahren einen Steam-Key rumliegen, den ich gerne an den ersten, der mir eine PM schickt abgebe.

Asinned
vor 4 Monaten | 1
Schöner Test. Wird mit meiner Freundin nach Vampyr und Visage als nächstes Horrorgame angegangen.