Test: Raji: An Ancient Epic

Von Michael Prammer am 19. November 2020

Brahma, Shiva, Vishnu, Krishna.

Mit Raji: An Ancient Epic begeben sich die Entwickler Nodding Heads Games in die hinduistische Mythologie, was für Videospiele eher untypisch ist. Ob wir dennoch ein spannendes Spiel erleben durften, verrät unser Test.

In der Welt von Raji tobt ein Krieg zwischen Göttern und Dämonen. Nachdem die dunklen Wesen während der letzten Auseinandersetzung von den Gottheiten noch in ihre Schranken verwiesen werden konnten, ist deren oberste Priorität jetzt die Vernichtung der gesamten Menschheit. Viel haben die Menschen den einfallenden Dämonen nicht entgegenzusetzen, weshalb deren Ende kurz bevorzustehen scheint. Als Ausgangspunkt der Geschichte übernimmt der Spieler während des Krieges die Rolle der Protagonistin Raji, die für den eigentlichen Krieg aber gar keine Zeit hat. Das Waisenkind hat es sich eigentlich zum Ziel gesetzt, ihren entführten Bruder aus den Fängen der Dämonen zu befreien, weshalb sie nun unweigerlich Teil des Krieges wird. Gut für die Hauptdarstellerin: Sie wurde von den Göttern auserwählt und kann sich auf die Unterstützung zweier großer hinduistischer Gottheiten verlassen. Diese erzählen nicht nur die Geschichte weiter, sondern statten die tapfere Heldin auch mit allerlei Waffen und Extras aus.

Auf den Spuren des antiken Indiens

Das Spiel lässt euch weder zu Beginn noch später alleine und steht euch, wann immer es nötig ist, mit Rat und Tat zur Seite - natürlich in Form der bereits erwähnten Gottheiten. Das geht soweit, dass neue Aktionen erst sauber durchgeführt werden müssen, ehe ihr eine weitere Passage betreten dürft. Was am Anfang noch als nettes Tutorial fungiert, entpuppt sich nach einiger Zeit als leicht nerviger Ballast, der allerdings kaum ins Spielgeschehen eingreift. Der Vorteil ist allerdings, dass euch das Spiel seine Mechaniken, egal ob klettern, springen oder kämpfen, ganz behutsam beibringt. Für Profis wird das leider schnell eintönig. Das Kampfsystem ist dabei ein Highlight des Spiels und macht richtig Spaß: Raji ist artistisch unterwegs, kann ihre Moves pfeilschnell in Szene setzen und dabei zwischen leichten und schweren Attacken wechseln. Dadurch lassen sich auch schicke Combos auf den Bildschirm zaubern, um die Gegner zu erledigen. Im Verlauf der Handlung gesellen sich dann weitere Waffen dazu, welche noch mächtigere Angriffe ermöglichen. Besiegte Gegner oder bestimmte Statuen setzen magische Kugeln frei, die in einem Skill-Tree eingesetzt werden können, um die Fähigkeiten der Protagonistin zu verbessern. Es lohnt sich deshalb, die Augen offen zu halten, um möglichst viele der begehrten Kugeln zu sammeln - nur so wird eure Heldin stärker.

Das Abenteuer selbst ist recht linear aufgebaut und passend dazu, wenn auch untypisch fürs Genre, gibt es eine nicht frei justierbare Kamera. Diese funktioniert zwar in den meisten Fällen ganz gut, kann aber auch in verschiedenen Passagen zu etwas ungeschickten Überblendungen von Objekten führen. Dann wäre da noch das Problem mit der Story selbst: Die Grundidee ist eigentlich nett und der Beginn durchaus verheißungsvoll, doch leider flacht die Geschichte schnell ab, bietet kaum Spannung und ist nicht wirklich der Höhepunkt des Spiels. Auch der Umfang kann im Vergleich zu Genre-Kollegen nicht wirklich überzeugen. In knapp sechs Stunden hat man das Spiel beendet und der Wiederspielwert ist nicht so enorm, denn abseits der bereits angesprochenen Magiekugeln zur Charakterverbesserung gibt es nichts Wertvolles zu entdecken.

Die Optik zählt dagegen zu den Stärken des Spiels. Zwar sollte man sich im Zeitalter von PlayStation 5 und Xbox Series X nicht auf ein Grafikfeuerwerk einstellen, allerdings weiß Raji mit einigen interessanten Grafikeffekten, schicken Gemälden und tollen Charaktermodellen zu begeistern. Der Titel läuft zwar nicht durchgehend rund, will heißen, dass man sich hier und da auf einiger Ruckler gefasst machen sollte, jedoch bleibt all das in einem annehmbaren Rahmen. Etwas negativer fallen hier die teils unnötig langen Ladezeiten und ein paar Bugs auf, die sich in Spiel geschlichen haben. So bleiben Gegner manchmal teilnahmslos in der Ecke stehen, wenn sie einen ungünstigen Winkel zur Spielwelt gewählt haben. In der Summe kamen diese kleineren Fehler nicht allzu häufig vor, stören allerdings das Gesamtbild.

Fazit:

Raji: An Ancient Epic bietet vor allem ein herrlich unverbrauchtes Setting. Die Welt im alten Indien zu erkunden und dabei noch etwas über die Geschichte kennen zu lernen, haben noch nicht viele Videospiele fertig gebracht. Im Grunde ist das Action-Adventure ganz gut geworden, bietet tolle Kämpfe und eine nette Optik. Und eigentlich wäre die Geschichte auch ganz nett. Nur beginnt hier leider die Mängelliste. Die Story verliert schnell an Reiz und kann nicht durchgehend bei der Stange halten. Das Spiel selbst ist ziemlich kurz geraten und liefert kaum Gründe für einen zweiten Durchlauf. Zu guter Letzt wären da noch ein paar technische Schwächen, die Rajis Abenteuer leider nur zum mittelmäßigen Spiel machen. Schade, hier wurde einiges an Potential verschenkt.

Zweite Meinung von Nico:

Der Reiz dieses Adventures geht eindeutig von seinem Setting aus, das wir in Videospielen bislang sehr selten zu sehen bekamen. Gerade dieser Fakt ist es aber auch, der die Story von Raji so sehr zurückhält, denn die Entwickler wollten hier direkt noch eine Geschichtsstunde in indischer Mythologie mitliefern. Die Erzählung hängt sich also immer wieder an den Hintergrundgeschichten der verschiedenen Gottheiten auf, während Raji ihrem Bruder immer wieder sehr nahe kommt. Die Dringlichkeit dieser Situation scheint den Göttern nicht ganz klar zu sein, muss Raji sich doch nach jedem aufregendem Kampf erst einmal eine Reihe von Wandbildern anschauen, um etwas über antike Geschehnisse zu lernen.

Das Gameplay an sich ist zwar durchaus gut gelungen und ist für diese Art von Spiel auch ausreichend abwechslungsreich, kann aber letztlich auch nicht das ganze Spiel alleine tragen. Auch die hin und wieder eingestreuten Rätsel erfordern nie wirkliches Nachdenken. Dazu kommen einige schwerwiegende Bugs, die zum Teil einen Neustart der Konsole erzwangen. So bleibt ein durchschnittliches Spiel mit unverbrauchtem Setting, dass man im Grunde nur denjenigen Leuten empfehlen kann, die auch Interesse an diesem Schauplatz haben.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

6.0

Michael Prammer meint:

"Im Ansatz ein nettes Abenteuer mit geschichtlich interessantem Hintergrund - leider nicht komplett zu Ende gedacht."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Durchschnittlich

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