Test: Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant

Von Jeremiah David am 20. November 2020

Die 90er lassen grüßen.

Die Älteren unter euch werden sich an eine Zeit erinnern, als erfolgreiche Filme wie Disneys Aladdin oder Das Dschungelbuch häufig in 2D-Platformer verwandelt wurden. Diese Titel auf dem SNES hatten außer einigen bekannten Charakteren wenig mit den jeweiligen Filmen gemein, waren für sich genommen jedoch unterhaltsame Jump'n'Runs. Genau in diese Zeit fühle ich mich jetzt mit Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant zurückversetzt.

Norwegische Piraten

Die Vorlage für Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant (und ja, das Spiel heißt in Deutschland so, obwohl es kein deutschsprachiges Cover dafür gibt) ist ein gleichnamiger computeranimierter Kinderfilm, der 2019 in die Kinos kam – zumindest in Norwegen. Ich bin mir nicht sicher, ob der Film, der bereits der dreizehnte (!) rund um den bleichgesichtigen Piratenkapitän Säbelzahn ist, auch hierzulande über Kinoleinwände flimmern durfte. Die Filme basieren auf einer in Norwegen sehr beliebten Kinderbuch- beziehungsweise Theaterstückreihe des Autors Terje Formoe, von der ich bis vor kurzem allerdings noch nie gehört hatte. Inzwischen weiß ich zumindest grob, worum es darin geht: Zu Käpt’n Säbelzahn und seiner Mannschaft, die mit ihrem Schiff über die sieben Weltmeere segeln, gehören neben diversen Piraten auch der kecke Schiffsjunge Pinky und dessen Freundin Sunniva. Gemeinsam auf der Suche nach sagenumwobenen Schätzen erleben sie kindgerechte Abenteuer.

In der Versoftung von Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant dürfen wir wahlweise in die Rolle von Pinky oder Sunniva schlüpfen, um genau solch ein Abenteuer selber zu erleben. Nunja, mehr oder weniger. Eine Geschichte erzählt das Spiel nicht wirklich. Pinky ist auf der Suche nach einem magischen Diamanten - das war's. Wer mehr wissen möchte muss sich vermutlich den Film anschauen.

Im Stile der Lizenztitel der 1990er-Jahre setzt Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant einfach auf simple Geschicklichkeitskost ohne nennenswerten Schnickschnack drum herum. Die Aufgaben erfordern Fingerspitzengefühl, aber keinen Hirnschmalz. Eine Story wird gar nicht erst erzählt. Das ist aber nicht so negativ wie es vielleicht klingt. Ein wenig hatte ich während dem Testen des Spiels das Gefühl, die Entwickler von Ravn Studio waren sich ihrer Stärken und vor allem ihrer Limitierungen jederzeit bewusst. Sie haben sich deshalb auf das Wesentliche konzentriert und einen altmodischen Platformer entwickelt, der absichtlich auf viele Elemente modernerer Titel verzichtet, dafür aber gut spielbar ist und in seiner Kerndisziplin durchaus überzeugen kann.

Pinky Kong Country

Egal ob wir uns als Spieler für Pinky oder Sunniva entscheiden, das Spiel bleibt abgesehen vom Aussehen der Figur, die wir steuern, absolut identisch. Es gibt keine Cutscenes, und während Dialogen mit Piraten oder anderen Charakteren werden nur deren bewegungslose Köpfe neben Textfeldern eingeblendet, wobei das Spiel voll vertont wurde und uns sogar eine gute deutsche Sprachausgabe bietet. Während die Inselwelt an sich zweidimensional ist, werden die sauberen, vorgerenderten Hintergründe dreidimensional dargestellt und erinnern in ihrem Stil an die Donkey-Kong-Country-Reihe. Um sich auch spielerisch mit dem Genrevertreter aus dem Hause Nintendo messen zu können, fehlt es Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant allerdings an Höhepunkten und etwas an Abwechslung. Das Spiel besitzt wenige echte Stärken, dafür aber auch so gut wie keine Schwächen.

Das Gameplay ist absolut klassisch: Wir laufen von links nach rechts oder umgekehrt durch farbenfroh gestaltete Level mit Insel-Thematik und sammeln Goldmünzen und Juwelen ein. Sowohl das Edelmetall als auch die wertvollen Steine bekommen wir für das Öffnen von Schatztruhen sowie das Besiegen meist tierischer Gegner wie Krebse, Wildschweine, Spinnen oder Schlangen, die von Pinky oder Sunniva mit einer Schwertattacke oder einer Steinschleuder aus dem Weg geräumt werden können. Mit der Schleuder können auch Schalter betätigt werden, die Türen öffnen oder bestimmte Mechanismen, wie beispielsweise schwebende Plattformen aktivieren. Darüber hinaus gilt es Lava- und Säurebecken, gefährliche Dornen und allerlei andere Hindernisse zu überwinden.

Pinky oder Sunniva starten ihr Abenteuer ganz ohne Waffen, finden diese jedoch relativ früh in Schatztruhen. Weitere Items wie Schatzkarten oder eine Schaufel können bei einem freundlichen Piraten gekauft werden. Auch ein paar Herzteile zur Erweiterung der Gesundheit und zusätzliche Fähigkeiten wie einen Wandsprung oder Upgrades für das Schwert und die Schleuder gibt es zu finden, damit das Gameplay über mehrere Stunden hinweg nicht zu eintönig wird. Aufgelockert wird das Hauptspiel zudem um einige Minispiele. So dürfen wir beispielsweise mit Säbelzahns Bordkanone auf Zielscheiben schießen, mit einem Baumstamm einen Fluss mit Hindernissen hinabschippern oder mit einem überdimensionalen Flipperautomaten spielen. Die Minispiele dienen jedoch keinem anderen Zweck als der High-Score-Jagd.

Die einzelnen Level werden nicht über ein Menü angewählt, sondern hängen im Prinzip alle zusammen und bilden so ein großes Labyrinth aus unterschiedlichen Teilen verschiedener Inseln. Backtracking ist dadurch unvermeidbar, an bestimmten Punkten kann jedoch eine Schnellreisefunktion eingesetzt werden. Außerdem wird das Backtracking dadurch erträglicher, dass unser Hauptcharakter mit dem Erlernen neuer Fähigkeiten auch in bereits bekannten Gebieten noch Neues entdecken kann. So erlernt er beispielsweise erst relativ spät in tieferen Gewässern zu tauchen oder Kristalle mit seiner Schleuder zu sprengen.

Pinky und Sunniva steuern sich identisch und absolut zweckmäßig, allerdings auch ziemlich gemächlich. Vor allem, aber nicht nur unter Wasser hätte den Beiden eine etwas flinkere Gangart oder zumindest eine zusätzliche Rennen-Taste gutgetan. Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant soll wohl eher ein jüngeres Publikum ansprechen, tut das jedoch zum Glück ohne dabei zu leicht zu sein. Die ein oder andere Geschicklichkeitspassage erfordert trotz des gemächlichen Spieltempos perfektes Timing und kann auch geübte Spieler vor eine Herausforderung stellen.

Fazit:

Lizenzspiele haben nicht umsonst einen schlechten Ruf. Zu häufig werden bekannte Filmlizenzen verwendet, um blauäugigen, meist noch sehr jungen Fans ein minderwertiges Produkt anzudrehen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn das jeweilige Spiel nicht einmal viel mit der Vorlage gemeinsam hat. Auch im Falle von Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant bekommen Freunde des Films kaum Fanservice geboten. Die Story spielt keine Rolle, alle Charaktere sind im Prinzip völlig austauschbar. Ungeachtet dessen liegt uns hier jedoch überraschenderweise ein unterhaltsames und technisch wie spielerisch kompetent umgesetztes Jump'n'Run vor. Junge oder jung gebliebene Spieler können mit dem Titel viel Spaß haben, auch wenn sie den Film nicht kennen. Mit etwas mehr Feinschliff und vor allen Dingen mehr Abwechslung im Gameplay, zum Beispiel durch die Integration von Bossgegnern oder gescripteten Szenen, hätten die Entwickler eine noch höhere Wertung erzielen können, aber auch so sollte Käpt'n Säbelzahn und der magische Diamant Genre-Fans einen Blick wert sein.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.0

Jeremiah David meint:

"Simples, kindgerechtes Jump'n'Run mit wenigen Stärken, aber auch kaum Schwächen."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Tobsen
vor 3 Tagen | 0
Überraschend stark, aber ich denke, ich skippe es^^.