Test: Descenders

Von Robert Emrich am 17. November 2020

Endlich mal wieder mit dem Fahrrad raus in die Natur und auf's Gesicht fallen.

3D-basierte Extremsport-Spiele wie die Tony Hawks Pro Skater Serie erfreuen sich schon seit einer ganzen Weile dank ihrer guten Steuerung und nachvollziehbaren Physikengine einer großen Beliebtheit. Roguelikes wie Dead Cells, Enter the Gungeon, Hades und The Binding of Isaac stehen dem in wenig nach und fordern hartnäckige Spieler mit einem knackigen Schwierigkeitsgrad, prozedural generierten Leveln und vielen freischaltbaren Belohnungen. Das Niederländische Entwicklerstudio RageSquid hat die beiden Genres jetzt kombiniert und schickt uns in Descenders mit einem BMX Rad in zufällig generierten Leveln über steile Strecken und halsbrecherische Hindernisse. Wir haben uns für euch auf die Buckelpiste gemacht und den Titel ausgiebig getestet.

Es geht bergab

Das Prinzip des komplett handlungsbefreiten Spiels ist dabei denkbar einfach: Ihr spielt euch durch vier Gebiete, in denen jeweils 20 bis 30 Parcours nach zufälligem Muster verteilt wurden. Auf einer Karte des aktuellen Gebietes sucht ihr euch aus den verfügbaren Strecken eine aus, während das System euch anhand einer einfachen Grafik darüber informiert wie steil, kurvig und Stunt-lastig es den Parcours generieren wird und nach einer kurzen Ladezeit heißt es „Bergab geht die Lutzi.“

In jedem Parcours startet ihr am oberen Ende eines abschüssigen Tals und müsst ins Ziel am unteren Ende desselben gelangen. Wie ihr die Strecke zwischen Start und Ziel bewältigt, ist dem Spiel dabei allerdings weitestgehend egal und es ist euch jederzeit erlaubt, Hindernisse zu umfahren oder den vorgegebenen Pfad für eine Weile zu verlassen. Ganz gemütliche Naturen können den Gebietsabschnitt theoretisch auch komplett abseits der Strecke befahren und das Ziel in beliebiger Geschwindigkeit und sogar im Schritttempo erreichen, um sich dann zum nächsten Abschnitt der Zone aufzumachen. Letzteres kann aber kaum jemandem empfohlen werden, da Spaß und Spannung auf diese Weise nicht aufkommen und die Landschaft der einzelnen Gebiete selten einen sonderlich hübschen Anblick bietet.

Viel interessanter wird es, wenn man fleißig in die Pedalen tretend der generierten Strecke folgt und versucht, die zahlreichen Hindernisse und Rampen für waghalsige Tricksprünge zu nutzen. Diese bringen euch außerdem deutlich mehr Punkte ein mit denen ihr regelmäßig neue Crewmitglieder freischalten könnt, die das Fahrverhalten eures Rades, die Beschaffenheit der Strecke oder eure Sicht auf die Zonenkarte verbessern. Aufmerksame Leser werden sich an dieser Stelle vielleicht fragen, ob all diese Verbesserungen überhaupt nötig sind, wenn man einfach keine Risiken eingeht und tatsächlich müsst ihr immer wieder zwischen dem Gewinn von Punkten und dem möglichen Verlust eines eurer wertvollen Leben abwägen.

Mit dem Abschluss des Parcours schaltet ihr weitere mögliche Strecken frei und arbeitet euch so durch das Gebiet, bis ihr den Boss-Level erreicht, in dem ihr einen besonders waghalsigen Stunt wagen oder umgehen müsst, um in das nächste Gebiet zu kommen.

Ein Multiplayermodus für bis zu vier Spieler ist ebenfalls gegeben, kann aber nur online genutzt werden und beschränkt sich darauf, Strecken entweder schneller oder mit mehr Punkten als die Gegner abzuschließen. Gemeinsame Wettkämpfe zu mehrt und vor dem heimischen Fernseher fallen damit leider flach. Wer mit seiner Switch online ist, erhält immer mal wieder Besuch von anderen Spielern, die eure Parcours dann ebenfalls befahren. Diese stören aber in der Regel nicht, da sie immateriell sind und ihr euch dementsprechend nicht berühren oder vom Rad werfen könnt. Ein aktuell leeres Scoreboard zeigt außerdem die Namen aller Spieler an, die es in einer Sitzung durch alle vier Zonen geschafft haben. Man darf gespannt sein, wann hier die ersten Namen vermerkt werden.

Faster! Harder! Roguelike!

Damit das Spiel auch langfristig fordernd bleibt und die Routine erst gar keine Chance zum Einzug hat, wurde Descenders mit allen möglichen Mechaniken versehen, die das Spiele ohne weiteres zu einem Roguelike machen. Zuerst einmal wären da die prozedural generierten Level, die sich durch das genutzte Zufallssystem theoretisch nie wiederholen sollten. Abhängig von den drei bereits genannten Eigenschaften jeder Strecke - Steigung, Kurvenanzahl und Menge der für Tricks geeigneten Hindernisse - baut das Spiel vor jedem Betreten eines Levels einen neuen, stets fair befahrbaren Parcours. Auf diesem platziert es dann noch gebietsspezifische Hindernisse und gelegentliche “Mini-Bosse”, also Hindernisse, die ein wenig kniffliger sind, nur in diesem einen Gebiet vorkommen können und mehr Punkte einbringen. Da die Zahl der unterschiedlichen Hindernisse sehr überschaubar ist, kann man jedes einzelne früher oder später mit ein wenig Übung meistern. Anordnung, Steigung und Kurven variieren aber trotzdem immer wieder, sodass es keine simple Anreihung von Hindernissen gibt, die man auswendig lernen könnte. Jeder Parcours bedarf neuer Vorbereitung, wobei auch eine optionale Kamerafahrt hilft, die die Strecke am Anfang jedes Levels zeigt.

Dann wären da als nächstes die Leben, die ihr als Fahrer habt. Jede Kollision, die euch vom Rad holt sowie jeder Sturz kosten euch wenigstens eines eurer Leben und sowie das letzte Leben ausgehaucht wurde, geht es ohne Continue wieder zurück an den Anfang des Spiels. Eine Bonusmission, die das System für euch während der Generierung jedes Levels zufällig auswürfelt und zum Beispiel einen spezifischen Stunt von euch fordert, bringt am Ende des Levels ein zusätzliches Leben ein, wenn man es erfolgreich ins Ziel geschafft hat. Damit ihr nicht zu lange trödelt und munter Leben und Punkte für spätere Strecken sammelt, verfügt das Spiel außerdem noch über einen Tageszeitenwechsel, der anspringt, wenn ihr deutlich mehr Zeit als nötig in einem Gebiet verbringt. Während der ersten beiden Parcours erleuchtet euch eure Lampe am Lenkrad in der Nacht noch ein wenig den Weg. Danach fahrt ihr aber beinahe blind und müsst im Schritttempo Hindernisse umgehen, um es überhaupt irgendwie ins Ziel zu schaffen, oder aber die Session aufgeben, was mit einem freiwilligen Game Over gleichkommt. Dies alles sowie die faire, aber steile Lernkurve sorgen mehr als einmal dafür, dass ihr das Spiel neu starten müsst, ehe ihr es in die Gebiete jenseits des Hügellandes schaffen werdet.

Das sollte euch allerdings nicht entmutigen. Am Ende jedes Spiels erhaltet ihr abhängig von euren Punkten und Leistungen kosmetische Items mit denen ihr das Aussehen eures Charakters und seines stählernen Rosses nach euren Wünschen anpassen könnt und auch eure gesammelten Punkte bleiben euch erhalten und schalten weitere Modi im Spiel frei. Außerdem schalten mehrmals erfolgreich bestandene Boss-Level nach einer Weile Abkürzungen frei, die euch direkt in spätere Gebiete bringen. Das wirkt nach nicht viel, funktioniert aber sehr gut und macht immer wieder Lust, es doch noch einmal mit einer kleinen Talfahrt zu versuchen.

Zu niedriger Gang für die Umsetzung

Technisch ist Descenders ein zweischneidiges Schwert. Das Spiel läuft auf allen Parcours durchgehend flüssig und auf steileren Strecken, auf denen wir Geschwindigkeiten von bis zu 90 km/h erleben durften, mit einer Rasanz, die sogar F-Zero-Rennfahrer erblassen lassen würde. Um diese allerdings erreichen zu können, wurde die Grafik des Spiels für die Switch so weit runtergefahren, dass man unweigerlich das Gefühl hat, mit dem Rad ins Jahr 2010 zurück gereist zu sein, in dem die simplen Modelle und unscharfen, sich ständig wiederholenden Texturen noch als akzeptabel empfunden wurden. Das ist grundsätzlich okay: Gerade auf späteren Strecken seid ihr so schnell unterwegs, dass ihr gar keine Zeit habt, um euch die Gegend anzuschauen und bei Spielen dieser Art ist die Optik eh oftmals zweitrangig. Dennoch ist die Qualität der Grafik selbst für die etwas schwächere Switch ein Schlag in den Magen, was sich wohl auch die Produzenten des Spiels gedacht haben müssen.

Denn auf der Eshop Seite werden - Stand heute - Screenshots und Videoaufnahmen der PC-Version gezeigt, die sich optisch so massiv von der Switch-Version unterscheidet, dass man hier fast von Betrug sprechen könnte.

Auch der Soundtrack polarisiert und wird die Spielerschaft wohl in zwei Lager teilen: Spieler die Drum ‘n Bass (der sehr gut zu dem Spiel passt) mögen und jene welche das Spiel komplett ohne Soundtrack spielen werden. Einen Kompromiss bietet die komplett elektronische Titelliste leider nicht. Hier haben sich die Entwickler aber nicht lumpen lassen und sich die Rechte an 29 Titeln von verschiedenen bekannten Größen der Branche gesichert. Unser Avatar und sein Rad machen sich ebenfalls akustisch korrekt bemerkbar, erheben sich dabei aber nicht über die Qualität und Varianz des Standards, den man heute von Sportspielen erwarten kann.

Das positive und alles überstrahlende Schlusslicht bilden in Descenders allerdings Steuerung und Physik, die in Kombination erst die rasanten Talfahrten und einige wirklich aberwitzige Kunstsprünge möglich machen und von RageSquid mit der dementsprechenden Liebe gehandhabt wurden. Hier sitzt, nachdem man sich an die Steuerung gewöhnt hat, nahezu alles, während uns die sauberen Flugbahnen und das Flattern des Lenkrades bei Höchstgeschwindigkeiten den Schweiß auf die Stirn treiben.


Fazit:

Descenders ist in weiten Teilen ein wirklich gutes Spiel, das aufgrund seiner sauberen Steuerung und der nahezu perfekt umgesetzten Physik für jeden Konsolen-Extremsport-Enthusiasten einen Blick wert sein sollte. Auch der Soundtrack, der die Fahrten über Berge und durch Wälder atmosphärisch unterlegt, weiß zu begeistern, wenn man nicht eine grundlegende Abneigung gegen Drum ‘n Bass im Besonderen oder elektronische Musik im Allgemeinen hat. Die im Spiel untergebrachten Roguelike-Elemente wirken sinnvoll und motivieren zu immer weiteren Versuchen, während der Zufallsgenerator durch die theoretisch nahezu unendliche Vielfalt der Level auch den ausdauerndsten Spielern immer neue Herausforderungen bieten kann.

Lediglich die Grafik wirft dem ausgezeichneten Eindruck des Spiels Steine in den Weg und die irreführenden Grafiken, die das Spiel im Eshop bewerben, lassen die Frage offen, ob man solch ein Verhalten der Entwickler wirklich belohnen sollte. Wer damit aber keine Probleme hat und auf der Suche nach einem Sportspiel ist, das sowohl kurz- als auch langfristig unterhalten kann, macht mit dem Kauf von Descenders nichts falsch.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.5

Robert Emrich meint:

"Schnelles Roguelike-Extremsportspiel mit viel Motivation und einem großartigen Umfang, das sich nur bei der Grafik selber Stöcke zwischen die Speichen steckt."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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5 Kommentare:


Falcon
vor 5 Tagen | 0
Danke für den Test! Könnte interessant für mich sein, muss ich mal im Auge behalten :)

michi1894
vor 5 Tagen | 0
Dank gamepass spiele ich da mal gerne rein. Danke für den Test.

2null3
vor 5 Tagen | 0
Immer gerne. Man muss sich ein wenig reinfuchsen, aber nach den ersten Stürzen vom Rad, hat man irgendwann den Bogen raus und dann geht's ab.
Und das obwohl ich mich bei Roguelikes eigentlich immer zu doof anstelle.

Tobsen
vor 5 Tagen | 0
Danke für den Test - das Spiel, denke ich, werde ich skippen.

GF0P
vor 2 Tagen | 0
Ein Roguelike ! Danke für den Test, jetzt habe ich das Spiel auch verstanden.
Habe es damals in der Beta gespielt und seit Release irgendwie nicht mehr kapiert. Schau ich mir dann noch mal an.