Test: Dirt 5

Von Robert Emrich am 11. November 2020

Die Schlammschlacht von Codemasters geht in die nächste Runde.

Der schottische Rallyefahrer Colin McRae weilt schon seit dem Absturz seines Hubschraubers 2007 nicht mehr unter uns. Doch der ursprünglich nach ihm benannten Rennspielserie tut das keinen Abbruch, sodass uns mit Dirt 5 der vierzehnte Teil der Reihe ins Haus steht. Wir haben uns den Boliden für euch einmal angesehen und ihm unter die Haube geguckt. 

Get Ready, 3, 2, 1, GO!

Wie bereits im Vorgänger legt auch Dirt 5 den Schwerpunkt auf eine ausgewogene Mischung aus realistischem Fahrverhalten und einer auf das Wesentliche reduzierten Steuerung. Kurz: Auf den Spaß am Fahren. Komplexe Tuningsysteme, in denen ihr Fahrzeugkomponenten oder die Materialien aus denen sie bestehen austauschen könnt, sucht ihr in Dirt 5 vergebens. Auch andere Kenngrößen, die für Mechaniker, Tuner und Rennsportfreunde interessant sein könnten, wurden weitestgehend weggelassen. Stattdessen gibt es ein simples Benotungssystem, das die Werte eines jeden der aktuell 63 Wagen in den Bereichen Performance (Leistung) und Handling (Steuerbarkeit) anzeigt und es damit auch Fahranfängern gestatten, ein für sie passendes Auto auszusuchen und die Pisten der einzelnen Spielmodi unsicher zu machen. 

Der matschige Weg zum Ruhm

Erste Anlaufstelle für Einzelspieler wird an dieser Stelle vermutlich der Karrieremodus sein, in dem ihr in die Rolle eines namenlosen Neulings schlüpft. Als solcher werdet ihr von dem Rennsportveteranen Alex “AJ” Janiček unter die Fittiche genommen und mausert euch im Laufe der Zeit zum Profi, um es zuletzt mit dem überheblichen Ausnahmetalent Bruno Durand aufzunehmen. Die beiden Rennfahrer werden im Englischen von den Sprechern Troy Baker und Nolan North gesprochen, die PlayStation-4-Spieler aus “The Last of Us” und der “Uncharted”-Serie kennen könnten. Die Handlung enthält keine Zwischensequenzen, wird aber zwischen den Rennen durch den Donut Media Podcast vorangetrieben, in dem sich die real existierenden Moderatoren Nolan Sykes und James Pumphrey miteinander sowie mit den Fahrern enthusiastisch über den Motorsport austauschen.

Der Modus umfasst 130 Rennen, oder auch “Events”, von denen euch fast immer mehrere parallel angeboten werden und die auf fünf Story Abschnitte aufgeteilt worden sind. Am Ende jedes Abschnitts erwarten euch mehrere gesonderte Rennen - so genannte Main-Events - für die ihr in den vorherigen Rennen eine feste Anzahl Stempel sammeln müsst, um an ihnen teilnehmen und das Kapitel abschließen zu können. Da die Teilnahme an einem Rennen selber schon einen Stempel bringt und die Zahl der benötigten Stempel für ein Main-Event immer höchstens der Zahl der vorher verfügbaren Rennen entspricht, kann der größte Teil des Karrieremodus relativ mühelos absolviert werden, mit Ausnahme der Main-Events selber, in denen ihr zumindest den dritten Platz erreichen müsst. Bessere Platzierungen in den regulären Rennen gewähren euch neben höheren Sponsoren-Gehältern, Autoaufklebern, speziellen Lackierungen und anderem freischaltbarem Kleinkram auch mehr Stempel und damit die Möglichkeit, Events auszulassen und schneller zum Abspann des Spiels zu kommen. Außerdem bietet euch diese Mechanik die Möglichkeit, Eventtypen an denen ihr einfach keine Freude habt zu umgehen, ohne dadurch Nachteile zu haben. Ungeachtet dessen könnt ihr die Rennen aber zu jeder Zeit nachholen, wenn ihr entweder mehr Stempel benötigt oder einfach alles gesehen haben wollt, was euch das Spiel zu bieten hat.

Und das ist tatsächlich nicht wenig. In zehn Ländern der Welt wurden über 70 Strecken entworfen, die zusätzlich mit verschiedenen Wettereffekten und Tageszeiten ausgestattet wurden. Zudem können Wetter und Tageszeit zuweilen auch mitten im Rennen wechseln und die Bedingungen der Strecke verändern. Aus staubigen Straßen in Afrika werden bei Regen rutschige Schlammpfade und ein Sonnenuntergang über den Ruinen in Griechenland oder Italien ist zwar wunderschön, kann euch aber auch den Sieg kosten, wenn einem die Sonne in der dritten Runde plötzlich frontal ins Gesicht scheint. Überhaupt ist das Spiel mit tausenderlei Effekten wie Staubwolken, spritzendem Schlamm, Schnee, Reflektionen aller Art, sprühenden Funken, Qualm, Konfetti und Rauchwolken ausgestattet, die einen hinter jeder Kurve erwarten können. Das wirkt nicht immer gänzlich fotorealistisch, sieht aber absolut beeindruckend aus und unterstützt die freie, wilde Stimmung der Dirt-Rennen sehr. Gänzlich neu in diesem Teil ist die Möglichkeit, den Karrieremodus im Split-Screen mit bis zu drei anderen Spielern anzugehen und sich somit gemeinsam durch die Handlung des Modus zu spielen. 

Wenn ihr euren Bildschirm lokal nicht teilen könnt oder wollt, aber trotzdem Lust auf ein Rennen gegen echte Spieler habt, gibt es natürlich auch noch den Onlinemodus in dem ihr euch entweder in regulären Rennen gegen elf andere Mitspieler messen könnt oder eines der drei Partyspiele “Vampire”, “King” und “Transporter” spielen könnt, die alle verschiedene Varianten des “Räuber-und-Gendarm”-Spiels mit Autos darstellen. Der Modus unterscheidet sich ansonsten nur marginal vom Singleplayer-Modus, da fast alle Events des Karrieremodus auch hier gefahren werden können und es als Belohnung nur ein paar andere kosmetische Items für eure Autos gibt. Codemasters hat außerdem bereits angekündigt, dass PlayStation-4-Spieler online mit und gegen PlayStation-5-Spieler antreten können. Selbiges gilt auch für Xbox-Spieler der aktuellen und kommenden Version.

Neben den beiden oben genannten Modi bietet euch das Spiel noch einen Arcade-Modus, in dem ihr Strecken gegen die Zeit oder einfach frei fahren und trainieren könnt. Außerdem kommt ihr über das Hauptmenü in die Garage, in der ihr virtuelles Geld in neue Autos investiert und diesen neue Lackierungen verpasst und - ganz neu in diesem Teil - den Baukasten-Modus, in dem ihr eigene Hindernisparcours bauen und mit anderen Spielern teilen könnt. Echte Rennstrecken können in dem Editor allerdings nicht gebastelt werden. Er ist daher eher ein nettes Gimmick als ein Kaufgrund.

Der Blick unter die Haube

Dirt 5 bietet euch in den Grafikeinstellungen der PlayStation-4-(Pro)-Variante zwei mögliche Optionen an, mit denen ihr das Spiel bestreiten könnt: Den Quality-Modus, in dem das Spiel sich optisch bestmöglich präsentiert und mit 30 Frames pro Sekunde über den Bildschirm läuft und den Performance-Modus, der die Bildqualität merklich reduziert, dafür aber auf stabile 60 Frames pro Sekunde kommt. Die Pro-Variante der PS4 bietet identische Frameraten, dafür aber ein insgesamt etwas hübscheres Bild in beiden Optionen. Für welchen der Modi man sich entscheidet, ist letztlich reine Geschmackssache. Das Spiel läuft selbst im Quality-Modus immer flüssig und auch im Performance-Modus sieht es noch gut genug aus, um Spaß zu machen.

Der Soundtrack des Spiels, den ihr euch auch online bei diverse Streaming-Plattformen anhören könnt, springt fließend zwischen den Genres Rock, Pop, Elektro und Rap hin und her, untermalt das Geschehen auf dem Bildschirm immer stimmungsvoll und macht Lust auf mehr. Alle anderen Soundeffekte wie das Spritzen des Schlamms, das Aufheulen der Motoren und ganze Wagenladungen kleiner Steine, die gegen den Unterboden schlagen wurden erwartungsgemäß hochwertig vertont und verleihen euch besonders mit Kopfhörern auf den Ohren - und in der Cockpit-Perspektive - das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. 

Bei der Steuerung verabschiedet sich Dirt 5 allerdings endgültig vom Realismus anderer Rennspiel-Simulationen und reduziert die Anzahl der für die Steuerung benötigten Elemente in der Default-Einstellung auf zwei Schultertasten zum Beschleunigen und Bremsen, eine Taste für die Handbremse und den Controlstick zum Lenken. Theoretisch kann man mit den anderen Schultertasten noch durch die Kameraeinstellungen schalten und mit dem rechten Controlstick um sich gucken. Außerdem könnt ihr mit der manuellen Gangschaltung noch zwei weitere Tasten belegen, womit der Realismus dann schon wieder in greifbare Nähe rückt. Nötig ist das alles aber nicht, um auf den Strecken Spaß zu haben. 

Ein paar Schrammen hier und da

Codemasters Arcade-Racer spielt sich in weiten Teilen großartig und macht, wenn man erst einmal auf der Piste unterwegs ist, richtig Spaß, schafft es aber leider nur selten, Tiefgang zu entwickeln. Die Handlung ist nett und den Moderatoren zuzuhören kann sich lohnen, ist aber wie bei so vielen Sportspielen nicht wirklich nötig. Zumal sogar die bissigsten verbalen Schlagabtausche zwischen den beiden gegnerischen Fahrern es in ihrer Gediegenheit nicht mit dem alltäglichen Sprachgebrauch im öffentlichen Nahverkehr aufnehmen können. 

Ähnlich verhält es sich mit den Kämpfen um die ersten Plätze in den Rennen. Die K.I. verhält sich während der Rennen angenehm intelligent und beharrlich und teilt im Gerangel um die Spitze genauso gut aus wie sie einstecken kann. Den Autos selber ist das aber weitestgehend egal. Hier und da splittert gelegentlich das Metall und auch die Motorhaube sitzt am Ende nicht immer korrekt in der Karosserie. Doch letztlich ist es unmöglich, ein Auto zu verschrotten und selbst ein Sprung von der Klippe wird nur mit einem Respawn und mehreren Sekunden Zeitverlust geahndet. Diese mangelnde Konsequenz, zusammen mit den relativ entspannten Anforderungen im Karrieremodus, nehmen dem Spiel oft das Erfolgsgefühl und damit die emotionalen Höhepunkte, die man erreicht hätte, wenn man zum Beispiel den Erhalt von Stempeln erst mit dem Erreichen des neunten Platzes begonnen hätte, statt sie wahllos an alle zu verteilen.

Zugegeben ist das angesichts der ansonsten sehr guten Präsentation, die das Spiel abliefert, Gejammer auf hohem Niveau und so mancher Spieler wird sich über die Designentscheidungen im Karrieremodus freuen. Dennoch muss sich das Spiel an dieser Stelle den Vergleich mit einem Spiel wie Mario Kart gefallen lassen, das für das Freispielen späterer Strecken tatsächlich höhere Ansprüche stellt.

Freunde der Serie und des Genres werden aber trotzdem ihren Spaß haben und müssen nicht auf den Launch der kommenden Konsolengeneration warten, da Codemasters Playstation- und Xbox-Spielern ein kostenloses Upgrade anbietet, sobald die Spiele für die neuen Plattformen erhältlich sind. Käufer einer Konsole ohne optisches Laufwerk können allerdings nur die digital erworbene Version des Spiels upgraden und haben beim Kauf der Retail-Version des Spiels das Nachsehen.

Fazit:

Dirt 5 ist ein rundum gelungener Arcade-Racer, der den Spaß über den Realismus stellt, dafür aber hin und wieder etwas Tiefgang vermissen lässt. Die Menge der verfügbaren Events ist vorbildlich und alle Locations wurden mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt, während der zum Teil spielexklusive Soundtrack und die authentische Soundkulisse das Ganze schwungvoll begleiten und Stimmung machen.

Wer Spaß an Rennen abseits des Asphalts, quer über verschneite und von Nordlichtern beschienene Pfade in Norwegen oder die verschlammten Stolperpfade in den Favelas von Rio de Janeiro hat oder seine Freunde gerne mal den Staub einer Straße in Marokko schmecken lassen will, dem kann Dirt 5 an dieser Stelle wärmstens empfohlen werden. Freunde ultra-realistischer Rennsimulationen könnten sich aber aufgrund der vereinfachten Steuerung, der recht simplen Herausforderungen und der ausschließlich optischen Anpassungen an den Autos unterfordert fühlen.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

8.0

Robert Emrich meint:

"Spaßiger Arcade Racer mit tollem Umfang, dem die vereinfachte Spielweise ein wenig Substanz nimmt."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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