Test: Torchlight 3 (Nintendo Switch)

Von Michael Prammer am 10. November 2020

Eigentlich sollte Torchlight in die Gefilde der MMOs treten und als Ableger Frontiers sein Unwesen treiben, die verworfene Idee wurde dann jedoch zum Diablo-ähnlichen Torchlight 3. Ob diese Tatsache dem Titel geschadet hat oder nicht, erfahrt ihr in unserem Test.

Die bunte Fantasywelt Novastraia dient auch in Torchlight 3 als fiktiver Spielkontinent und muss vor einer Invasion der sogenannten Netherim gerettet werden. Der selbst erwählte Held startet alleine oder im Online-Koop-Modus, da es die Entwickler nicht für notwendig gehalten haben, einen Couch-Koop-Modus zu implementieren. Das ist ein erster großer Wermutstropfen, da sich das Hack-&-Slay-Spielprinzip von Torchlight 3 bestens für einen gemütlichen Abend gemeinsam mit Freunden geeignet hätte. Auch die Geschichte rund um die Invasion der Netherim kann an dieser Stelle bereits getrost ignoriert werden, da sie eine mehr als untergeordnete Rolle spielt. Die Story wird in relativ langweiligen Textboxen oder spärlichen Comic-Zwischensequenzen erzählt und bietet dabei kaum Unterhaltungswert, zumal die Texte teilweise schlampig übersetzt sind.

Fade Story, tolles Spieltempo

Die Geschichte ist zum Glück allerdings nicht das Hauptaugenmerk der Spielserie. Im Fokus stehen stattdessen Spieltempo, Charakterentwicklung und schnelle Kämpfe. Während die Spielgeschwindigkeit, die motivierende Item-Sammelei und die rasanten Gefechte ordentlich Spaß machen, bereitet die Charakterentwicklung ein wenig Sorgen. Diese wirkt nämlich etwas überhastet zusammengewürfelt und ergibt in den einzelnen Bausteinen wenig Sinn. Das liegt daran, dass mehrere Talentsysteme ineinandergreifen, kaum aufeinander bauen und der Spieler zu Beginn des Spiels mit Möglichkeiten des Charakterausbaus fast schon erschlagen wird. Im späteren Spielverlauf, wenn man den Bogen dann raushat und sich gerade mit solchen Themen besser beschäftigen könnte, gibt es kaum noch Neuheiten zu entdecken und der Spieler „verwaltet“ einfach nur noch seine Talente. Im Grunde reicht es dann völlig aus, jeweils einen „Flächenangriff“ und einen „Einzelangriff“ hochzuskillen, und der Charakter ist für den Rest des Spiels gewappnet.

Beim Thema Charakterentwicklung müssen wir die sogenannten Reliktwaffen ansprechen. Diese wurden in der Early Access-Variante noch als Kritikpunkt angesehen, weswegen man sich dazu entschieden hat, die Waffen als eigene dauerhafte Unterklasse in den Skilltree einzubauen. Das Problem an der Sache: Man muss sich bei der Charaktererstellung bereits für eine Reliktwaffe entscheiden und kann diese nicht mehr, wie in der EA-Variante, im Laufe des Spiels zusammenbauen. Da sich die Waffe auch später nicht mehr ändern lässt, ergibt das ganze System wenig Sinn und nur Fans der ersten Stunden werden wohl die kompletten Hintergründe verstehen, warum diese Variante besser sein soll – uns erschloss sich das ganze während des Tests jedenfalls in diesem Zusammenhang nicht.

Tolle Klassen, technisch durchschnittlich

Das Spielprinzip von Torchlight 3 lässt sich wie bereits erwähnt mit Diablo vergleichen. Zu Beginn wählt man aus fünf Schwierigkeitsstufen, erstellt einen Charakter aus vier Klassen, bekommt einen Begleiter und legt in typischer Diablo-Manier los. Die unterschiedlichen Klassen haben dabei ihre ganz speziellen Eigenarten. Der Zwielichtmagier bedient sich dunkler Magie und verschießt Magie-Geschosse, der Scharfschütze darf sich eines besonderen Begleiters, wie dem Eis-Golem oder einem Goblin bedienen, der Schienenkämpfer hat einen Zug hinter sich herfahren, der dank vorhandener Geschütze viel Arbeit für ihn erledigt und zu guter Letzt wäre da noch der Roboschmied, der mit Geschützen und Schlagwaffen ausgerüstet werden kann. Grundsätzlich spielen sich alle Klassen komplett verschieden und es lohnt sich durchaus, alle Charaktere auszuprobieren.

Nicht uninteressant sind auch die Begleiter, die es zu Beginn zu wählen gibt. Diese werden entweder als Packesel verwendet und schleppen eure Items herum, die ihr nicht mehr tragen könnt oder sie machen sich insofern nützlich, als dass sie euer Hab und Gut in der nächsten Stadt verkaufen. In der Theorie unterstützen sie euch auch im Kampf, praktisch funktioniert das jedoch mehr schlecht als recht. Die tierischen Gehilfen haben ihren eigenen Kopf und zeigen eine stellenweise ziemlich dämliche KI. Direkte Befehle lassen sich leider nicht geben, weshalb die Tiere wirklich nur als Transportmittel für Items taugen. In den ersten beiden Schwierigkeitsstufen ist das kaum der Rede wert, da die niedrigste Stufe komplett witzlos ist und die zweite auch relativ locker von der Hand geht. Jedoch wäre in den höheren Schwierigkeitsgraden Hilfe von elementarer Bedeutung und hier sollte man sich eher auf die eigenen Fähigkeiten verlassen, als auf die tierischen Freunde.

Technisch gesehen ist Torchlight 3 nicht makellos, sieht allerdings ganz hübsch aus. Der Comiclook ist stimmig und liefert einige schöne Effekte. Auch der Sound passt, wenngleich man sich mit englischer Sprachausgabe anfreunden sollte, denn auf Deutsch sind nur die Bildschirmtexte. Nicht ganz so schön sind die vielen kleinen Ruckler, die immer wieder auftreten können. Die Bildrate wirkt instabil, gerade wenn es auf dem Bildschirm zur Sache geht. Unschön sind auch Übersetzungsfehler, die den Eindruck erwecken, dass nicht sauber bis zum Schluss an dem Spiel gefeilt wurde. Völlig unverständlich ist zudem die bereits angesprochene Tatsache, dass der Titel nicht im lokalen Koop gespielt werden kann. Liebe Entwickler: Wenn nicht so ein Spiel, was für ein Spiel denn sonst?

Fazit:

Dass Torchlight 3 ursprünglich mal ein MMO hätte werden sollen, merkt man dem Titel an einigen Stellen an. Vielleicht wäre es der bessere Weg gewesen dieses Konzept weiter zu verfolgen. Torchlight 3 ist kein schlechtes Spiel. Die Sammelmechanik motiviert, die unterschiedlichen Charaktere spielen sich klasse, das Spieltempo und die Kämpfe fühlen sich toll an. Auch der Umfang kann mit seinen 40 bis 50 Spielstunden lange motivieren. Aber Torchlight 3 ist dennoch kein richtig gutes Spiel. Die Charakterentwicklung, die Spiele dieses Genres für gewöhnlich ausmacht, wirkt einfach nicht durchdacht. Hier kommt zu Beginn zu viel auf den Spieler zu und später zu wenig. Außerdem trüben unschöne technische Mängel das Gesamtbild, und der fehlenden Offline-Multiplayer tut richtig weh. So bleibt unter dem Strich ein mittelprächtiges Action-RPG, das weit weg von der Genialität eines Diablo 3 ist und dessen Kauf nur für Genre-Fans wirklich Sinn macht.

Wertung:

6.0

Michael Prammer meint:

"Einige nette Ansätze täuschen nicht über das mittelprächtige Gesamtergebnis hinweg."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Herausragend
Technik: Durchschnittlich

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3 Kommentare:


GF0P
vor 1 Woche | 0
Schade, hätte auf ein lokalen Coop gehofft.
Interessant, dass es als MMO geplant war, ging das erste Torchlight nicht aus der Beta zum Online-RPG Mythos hervor?

michi1894
vor 1 Woche | 1
Kann ich leider nicht beantworten. Jedoch ist die Tatsache mit dem fehlenden Koop echt ärgerlich.
GF0P
vor 1 Woche | 1
https://www.gamestar.de/news/runic_games,1947967.html