Test: Sniper Elite 4

Von Robert Emrich am 16. November 2020

Der vierte Teil der Serie hat es nun endlich auf die Nintendo Switch geschafft.

Während wiederholte Fortsetzungen den meisten Filmen, von einigen rühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen, keinen Gefallen tun, gilt dies aus irgendeinem Grund nicht für Spiele. Hier kann jede Fortsetzung eines Spiels einen qualitativen Ausreißer machen und der Reihe viel Kritik einbringen oder ihr umgekehrt neues Leben einhauchen. So war es dann auch 2017 beim vierten Teil der Sniper-Elite-Reihe, in dem Entwickler Rebellion den Spielern offenere und größere Areale sowie mehr Bewegungsfreiheit gab und der Reihe damit nach den beiden mäßig guten Vorgängern positiven Aufschwung brachte.

Jetzt ist das Spiel auch auf der Nintendo Switch erhältlich und wir haben uns daran gemacht, den Stealth Shooter für euch auf Herz und Nieren zu testen.

Ciao Bella!

Wir schreiben das Jahr 1943. Nachdem die alliierten Streitkräfte in Nordafrika erfolgreich waren, drängt Churchill zur Invasion Italiens und Eisenhower beginnt mit der Planung der Operationen Husky und Avalanche, die die Invasionen von Sizilien und Italien zum Ziel haben. Das Land ist zu diesem Zeitpunkt noch fest in der Hand der Achsenmächte und nur einige vereinzelte Partisanenverbände leisten den Faschisten erbitterten Widerstand, während Teile der Mafia Mittel und Wege suchen, aus der Situation den größtmöglichen Profit zu machen.

Als erste Berichte über eine neue, funkferngesteuerte Antischiffsrakete der Nazis auftauchen und ein Aufklärungsschiff, das die Lage untersuchen soll, prompt versenkt wird, schickt man euch in der Rolle des Scharfschützen Karl Fairburne auf die fiktive Insel San Celini. Hier sucht ihr zunächst den Luftwaffengeneral Tobias Schmidt, um die Pläne der Deutschen in Erfahrung zu bringen, ehe ihr euch im weiteren Verlauf des Spiels daran macht, Sizilien und andere Teile Italiens an der Seite von Partisanen und Mafiosi zu befreien, um die finsteren Machenschaften der Nazis zu verhindern. Der weitere Verlauf der relativ einfachen Handlung wird euch vor und nach jeder Mission in Cutscenes präsentiert und bildet den roten Faden, der euch über Strände, durch verträumte Hafenstädte, in schneebedeckte Wälder und zu monumentalen Nazifestungen führt. 

Die Kunst des (unsichtbaren) Krieges

Sniper Elite 4 zählt, wie schon seine Vorgänger, zu den Stealth-Shootern, sodass es hier, anders als in vielen Konkurrenzprodukten, vorrangig darum geht, Gegner aus dem Verborgenen und am besten mit viel Sicherheitsabstand zu töten. Allerdings ist diese Spielweise gerade in den unteren drei Schwierigkeitsgraden eher empfohlen als obligatorisch. Viele Passagen der Level könnt ihr auch wie einen regulären Shooter spielen, was dem Spiel frischen Wind verleiht und eine willkommene Abwechslung zum regulären Schleichen, Zielen und Verstecken ist. Insgesamt bringen die größeren und offenen Karten viele Vorteile mit sich und motivieren dazu, sie auch nach dem ersten Durchspielen noch einmal zu besuchen, um gesonderte Nebenmissionen und Herausforderungen zu absolvieren.

So oder so laufen die Level, für die ihr jeweils zwei bis drei Stunden Zeit einplanen solltet, alle nach einem relativ identischen Schema ab: Ihr beginnt in einer Ruhezone, in der ihr von einem Funkgerät und den zwei bis drei anwesenden NPCs eure Missionen für die folgende Karte einholt. Wenn ihr bereit seid, verlasst ihr in einer kurzen Cutscene endgültig den Ruhebereich und findet euch im aktuellen Level wieder, das mit den diversen Haupt- und Nebenaufgaben gefüllt ist. Diese könnt ihr in beliebiger Reihenfolge abarbeiten, die Hauptaufgaben müssen aber natürlich in jedem Fall erledigt werden. Die Aufgaben drehen sich beinahe alle darum, jemanden zu töten, etwas zu zerstören oder eine Information zu beschaffen. Das mag zwar nach wenig Abwechslung klingen, wird aber durch die jedes mal komplett neuen Landschaften der Level kompensiert und - mal Hand aufs Herz - viel weiter erstreckt sich das Aufgabenfeld eines Commando Snipers im Grunde auch nicht. 

Dafür bietet euch die vielseitige Ausrüstung eine Fülle an Möglichkeiten, den Feinden den Weg ins Jenseits zu ebnen. Verschiedene Minen, Sprengstoffe und Sprengfallen lassen sich strategisch einsetzen, um Patrouillen zu dezimieren. Handgranaten und Panzerfäuste bieten denselben Effekt auf einem direkteren Weg. Mit Pfiffen und Steinen lockt ihr Feinde in die Nähe von explosiven Fässern und den Benzintank von Fahrzeugen, bevor ihr diese in die Luft jagt. Und natürlich bleibt euch neben den drei immer ausgerüsteten Waffen (einem Scharfschützengewehr, einer Pistole und einer dritten Schusswaffe, die in der Regel eine Schrotflinte oder Automatikwaffe ist) immer noch die Option, Gegner im Nahkampf schnell und leise zu töten. Optional ausrüstbare Unterschall-Munition, die ihr bei Gegnern und auf der Karte finden könnt, rundet das Arsenal ab und gibt euch die Möglichkeit, Level vollkommen unentdeckt zu absolvieren. Das erfordert neben gutem Timing aber auch viel Zeit, denn Rebellion hat die K.I. der Gegner verbessert und ihnen die Möglichkeit gegeben, eure Position nach einigen Schüssen triangulieren zu können. Regelmäßige Stellungswechsel beim Kampf gegen die Nazis ist deswegen der Schlüssel zum Sieg.

Für jeden besiegten Gegner, jedes zerstörte Fahrzeug und jede abgeschlossene Mission erhaltet ihr Erfahrungspunkte, mit denen ihr Dienstgrade bzw. Level aufsteigt. In den ersten 30 Leveln eures Charakters könnt ihr euch in einem sehr schlicht gehaltenen Talentbaum alle fünf Level eine neue passive Fertigkeit aussuchen, die euch das Leben ein wenig erleichtert. Die Talente können außerhalb der Missionen frei gewechselt werden, innerhalb einer Mission setzt ein Talentwechsel allerdings den Neustart der Mission voraus, damit die Anpassung aktiv wird. Nach Level 30, das ihr noch vor Abschluss der Kampagne erreichen könnt, sind alle weiteren Charakter-Level nur noch kosmetischer Natur und können Mitspielern einen Eindruck vermitteln, wie oft ihr das Spiel wohl schon gespielt habt. Auch die Schusswaffen lassen sich allesamt aufwerten, indem ihr mit ihnen spezielle Aufgaben erfüllt, die jeweils einen Wert der Waffe signifikant erhöhen.

Hirn, Herz, Hoden und Hakenkreuze

Je nach eingestellter Option belohnt das Spiel gezielte Schüsse mit dem Scharfschützengewehr oder ausgelöste Sprengfallen regelmäßig mit einer X-Ray-Kill-Cam: Die Handlung pausiert und die Kamera folgt der verlangsamten Kugel und zeigt in einer Röntgendarstellung relativ exakt, welchen Schaden die Kugel im Körper des Kontrahenten anrichtet und welche Organe in Mitleidenschaft gezogen werden. Die gezeigten Treffer fühlen sich sehr belohnend und bei langen Flugbahnen sogar spektakulär dynamisch an, verlieren aber nach einer Weile ihren besonderen Reiz. Das ist aber kein größeres Problem, da ihr sie jederzeit abbrechen und in den Optionen reduzieren oder sogar ganz abschalten könnt. Ein wenig über das sprichwörtliche Ziel hinaus schießt diese Kamera, wenn es darum geht, Treffer in der Leistengegend darzustellen. Man kann Rebellion beim Versuch, anatomisch exakt zu arbeiten, schwerlich einen Vorwurf für ihre Konsequenz machen. Und doch bereitet der Anblick von aus dem Körper geschossenen Testikeln, wenn auch in der abstrakten Röntgendarstellung, ein gewisses solidarisches Unbehagen - digitale Nazi-Feinde hin oder her. Von der Kill-Cam einmal abgesehen bleibt das Spiel mit Ausnahme einer Szene am Spielende aber vergleichsweise unblutig. Auch umgeht es jegliche Hakenkreuz-Diskussionen, indem auf die Darstellung der Swastika in allen Versionen des Spiels konsequent verzichtet wurde. Selbst Hitler, der im käuflichen DLC zum Ziel wird, muss ohne das Symbol seiner Partei auskommen.

Ein Sniper kommt selten alleine

Im Multiplayer-Bereich lässt das Spiel kaum Wünsche offen und kann kooperativ mit bis zu drei anderen Mitspielern lokal und online gespielt werden, sofern diese eine eigene Konsole samt Spiel besitzen. Ein Splitscreen-Modus wird leider nicht angeboten. Kooperativ können die Spieler entweder an der Kampagne des Hosts teilnehmen, sich gegen immer stärker werdende Gegnerwellen so lange wie möglich behaupten oder in asymmetrischen Überwachungsmissionen ihr Teamwork auf die Probe stellen.

Der PvP-Teil des Spiel erfordert als einziges einen zusätzlichen Download und bietet die Möglichkeit, sich alleine oder in Teams mit bis zu sieben anderen Spielern auf einer Karte zu bekämpfen. Das mag gemessen an großen Weltkriegs-Shootern wie der Battlefield-Reihe unspektakulär klingen, passt aber sehr gut, wenn man bedenkt, dass jeder Gegner ein Scharfschütze ist und viele Treffer direkt tödlich sind. Um sich optisch von anderen Spielern abzuheben, bietet das Spiel mehrere Charaktere an, mit denen ihr in den Kampf ziehen könnt. Diese können auch für den erneuten Besuch von Zonen im Singleplayer-Modus genutzt werden. Lediglich beim ersten Durchspielen eines Levels ist der Charakter Karl Fairburne obligatorisch. 

Ein Wunderwerk der Technik

Aus technischer Sicht liefert Rebellion mit Sniper Elite mustergültige Arbeit ab. Die Grafik spielt in der oberen Liga der Switchspiele mit und stellt in Sachen Detailfülle und Texturqualität viele Portierungen bisheriger AAA-Titel in den Schatten. In einem Spiel, in dem es hauptsächlich darum geht, Feinde auf 60 bis 400 Meter Entfernung hinter Bäumen und anderen Hindernissen aufzuspüren, mag das selbstverständlich klingen und doch ist es bemerkenswert, wie sauber und schnell das Spiel alle Ressourcen auf dem Bildschirm darstellt. Die Kantenglättung funktioniert bemerkenswert gut und nur vereinzelt wird ein Gegenstand in der Landschaft zu spät geladen, was nicht weiter ins Gewicht fällt. Die Gegner sind, sofern sie sich nicht clever verstecken, klar auszumachen und auch die Framerate gerät zu keiner Zeit ins Stocken. Natürlich kommen gerade die Charaktermodelle nicht an die Detailtreue ihrer Gegenstücke auf dem PC und den anderen Konsolen heran, weswegen sie in den Zwischensequenzen hin und wieder leicht wächserne Gesichtsausdrücke aufsetzen. Dennoch sind Gesten und Minenspiel der Charaktere auch in der reduzierten Grafik überzeugend genug, um der Handlung kein Bein zu stellen. Lediglich eine einzelne Pfütze fiel negativ auf, weil sie ein falsches Gebäude reflektierte.

Sound und Sprachausgabe des Spiels sind ebenfalls gut. Alle Sprecher sind klar zu verstehen und auch der Soundtrack, auch wenn er in weiten Teilen des Spiels stumm ist, damit man sich auf die Geräusche der Umgebung konzentrieren kann, passt gut zum Ambiente. Gelegentlich verwirrend ist, dass man Gegner, die sich etwas weiter entfernt unterhalten, oft erstaunlich gut verstehen kann und sie anfangs in der direkten Nähe vermutet, nur um sie dann in 80 Metern Entfernung durch die Gegend laufend zu sehen. Ob dies ein Fehler der internen Lautstärkesteuerung oder ein Feature sein soll, um dem unbedachten Sprint in die Arme der Feinde vorzubeugen, lässt sich schwer beurteilen. Nach einer Weile lernt man diese unbedachte Eigenschaft der Gegner aber zu schätzen. Das einzig wahre Manko der Nazis (von allen offenkundigen ethischen Mängeln einmal abgesehen) ist ihr Musikgeschmack. So scheinen sie alle auf dieselbe Schallplatte zu stehen, die eine sich nach zehn Sekunden wiederholende Melodie in Dauerschleife abspielt, sodass die Zerstörung der Stromversorgung oder des schuldigen Grammophons in späteren Leveln zu unserem persönlichen Kreuzzug wurde.

Auch die Steuerung funktioniert einwandfrei. Die Tasten wurden allesamt schlüssig belegt, ohne im Kampf hinderlich zu sein und mit der optionalen Bewegungssteuerung wird das Zielen über weite Entfernungen zur wahren Freude. Einzig Besitzer einer Switch Lite müssen aktuell leider ein wenig in die Röhre gucken, denn auf dieser Konsole scheint die Bewegungssteuerung bisher noch nicht richtig zu funktionieren. Es bleibt zu hoffen, dass Rebellion den Bug mit einem Patch beheben wird. Von diesem Fehler sowie diversen falschen Zeilenumbrüchen in den Missionsbeschreibungen einmal abgesehen, läuft das Spiel in allen anderen Belangen reibungslos und lädt komplette Level in rasanten zehn bis 15 Sekunden. 

Fazit:

Sniper Elite 4 schafft es, die Anspannung eines Scharfschützen, die Dynamik von Shootern und die Taktik von Stealth-Spielen in Harmonie zu bringen und nebeneinander gleichberechtigt zu präsentieren. Die neue Freiheit, die Rebellion angehenden Schützen gönnt, bringt frischen Wind in die Serie und motiviert auch zu wiederholten Besuchen der Level. Diese sind so groß, dass man sich problemlos ein paar Stunden in ihnen aufhalten kann. Die K.I. der Soldaten, die sich abhängig vom Schwierigkeitsgrad entweder wie blöde Schafe oder wie gnadenlose Meisterjäger verhalten, macht das Spiel auch für erfahrene Koop-Gruppen zu einer Herausforderung. All das, zusammen mit der für ein Switchspiel ausgezeichneten technischen Umsetzung, macht dieses Spiel zu einer wahren Kaufempfehlung für alle Freunde des Genres und solche, die es gerne einmal auf einer Konsole werden wollen. 

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

8.5

Robert Emrich meint:

"Technisch hochwertig umgesetzter Port mit genre-üblicher Handlung und großen offenen Leveln, die zum wiederholten Besuch einladen"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


Tobsen
vor 4 Tagen | 0
Ich denke, ich skippe das Spiel; es sagt mir leider gar nicht zu.