Test: Yakuza: Like A Dragon

Von Andreas Held am 04. November 2020

SEGA rebootet sein Franchise mit einem neuen Hauptcharakter und einem neuen Kampfsystem.

We Are Number One

In Yakuza: Like A Dragon schlüpfen wir in die Rolle von Ichiban Kasuga, der bisher in der Yakuza-Serie noch keinen Auftritt hatte und somit eine komplett neue Story erlebt. Serienkenner werden das ein oder andere Schlagwort zu vergangenen Ereignissen zuordnen können, doch ansonsten ist Like A Dragon ein komplett eigenständiges Spiel und vermutlich der Start einer neuen Serie. Somit beginnt die Handlung sehr gemächlich am Silvesterabend des Jahres 2000 und erklärt uns in zahlreichen Cutscenes die komplette Lebensgeschichte der wichtigsten Akteure. Anschließend werden wir in das Jahr 2019 verfrachtet, wo sich Ichiban ein komplett neues Leben aufbauen muss und in einen kalten Krieg zwischen den Yakuza sowie der koreanischen und chinesischen Mafia hineingezogen wird.

Die Handlung von Yakuza: Like A Dragon springt hastig zwischen verschiedenen Themen und Schauplätzen hin und her, ohne sich einem dieser Aspekte etwas ausführlicher zu widmen. Darüber hinaus wirkt die Story nicht sonderlich gut durchdacht: Zu Beginn wird Ichiban beispielsweise eine Schussverletzung angedichtet, mit der die Autoren ihr Unwissen darüber offenbaren, dass die Austrittswunde bei einer Gewehrkugel viel gefährlicher ist als die Eintrittswunde. An einer anderen Stelle des Spiels beschatten wir einen NPC und wollen ihm in eine Bar folgen, die aber nur für Mitglieder geöffnet ist. Statt einfach vor der Tür darauf zu warten, dass unsere Zielperson das Etablissement wieder verlässt, nehmen wir extra eine Arbeitsstelle in der Bar an, um auf diese Weise Zutritt zu erhalten. Drinnen kommt es dann zu einer großen Schlägerei, die vom Sicherheitspersonal und allen anderen Anwesenden völlig unbeachtet bleibt. So hangelt sich die Story leider das komplette Spiel über von einem Logikfehler zum nächsten.

Die Entwickler haben es glücklicherweise geschafft, in Ichiban einen Yakuza-Schlägertyp und eine sympathische Hauptfigur in einer Person zu vereinen. Auch die anderen Figuren, die sich Kasuga im Laufe der Handlung anschließen, sind alle auf ihre eigene Art und Weise skurril und sympathisch. In den sogenannten Drink Links, die offenbar an die Social Links aus Persona angelehnt sind, lernen wir die Figuren näher kennen. Ex-Polizeiinspektor Adachi erzählt uns beispielsweise, wie er dem Sohn eines unschuldig Verurteilten regelmäßig Geld sendet, um ihn bei seinem Jura-Studium zu unterstützen. Im Vergleich zu Makoto Makimura aus Yakuza Zero oder Futaba Sakura aus Persona 5 bleiben die Figuren aber eher dünn auf der Brust und haben es schwer, eine emotionale Brücke zum Spieler zu schlagen.

Es begann mit einem Aprilscherz

Am 01. April 2019 veröffentlichte SEGA ein Scherzvideo, in dem sich einige Figuren innerhalb des Yakuza-Universums einen rundenbasierten Kampf lieferten. Schnell wurde klar, dass das Gezeigte für einen Aprilscherz viel zu aufwändig wäre - sodass die offizielle Ankündigung, dass sich Yakuza mit Like A Dragon tatsächlich ins RPG-Genre begeben wird, nicht mehr allzu überraschend kam. Der achte Teil der Yakuza-Saga führt nicht nur ein rundenbasiertes Kampfsystem ein, sondern verheiratet das Franchise auch an anderen Stellen mit klassischen Elementen des RPG-Genres. So steht uns unter anderem auch ein Job-System zur Verfügung; allerdings wechseln wir unsere Berufung nicht in heiligen Tempeln, sondern auf dem Arbeitsamt, und machen unsere Charaktere nicht zu Rittern oder Magiern, sondern zu Türstehern oder Bauarbeitern. Sogar Beschwörungszauber haben es auf eine perfide Weise ins Spiel geschafft.

Natürlich musste SEGA davon ausgehen, dass viele Yakuza-Serienfans noch nie ein JRPG gespielt haben und hat sich redliche Mühe gegeben, damit Like A Dragon von diesen Spielern nicht als zu schwierig empfunden wird. In der Folge sind die meisten Gegner kaum dazu in der Lage, Ichiban und seinen Begleitern relevanten Schaden zuzufügen. Viele Spielsysteme - wie die Herstellung neuer Ausrüstung - müssen wir daher nicht wirklich beachten. Es stört auch zu einem gewissen Grad die Atmosphäre, wenn ein knallharter Mafia-Boss in Cutscenes als brandgefährlich dargestellt wird, nur um dann im eigentlichen Kampfgeschehen wehrlos zu Boden zu gehen. Ein wählbarer Schwierigkeitsgrad würde hier Abhilfe schaffen, allerdings ist die entsprechende Einstellung im Optionsmenü leider ausgegraut. JRPG-Fans, die sich von Anfang an eine Herausforderung wünschen würden, schauen somit in die Röhre.

Wenn Skurrilität allein ein ganzes Spiel tragen soll

Was Yakuza: Like A Dragon somit bleibt ist der teils schwarze und politisch inkorrekte, teils aber auch einfach nur extrem abgedrehte, serientypische Humor. Kasuga pflegt im Rahmen der Handlung zahlreiche Kontakte mit der Rotlicht-Industrie - zum Beispiel mit einem sogenannten Soapland, in dem Fotos der dort arbeitenden Frauen ausgestellt werden wie Produkte in einem Supermarktregal. Einer seiner Gegenspieler ist ein politischer Aktivist, der Protestmärsche organisiert und von Ichiban beinahe mit benutzten Taschentüchern überschüttet wird, die bestimmt nicht zum Naseputzen verwendet wurden. Das Minispiel, in dem wir mit Obdachlosen um leere Getränkedosen konkurrieren, könnte so auch in einem South-Park-Videospiel auftauchen. In einem anderen Minispiel müssen wir Männer mit Schafsmasken davon abhalten, Schlafzauber auf Ichiban zu wirken, damit er im Kino nicht einschläft. Oder wir kämpfen in einem bunten Kinderzimmer gegen nur mit Windeln bekleidete Yakuza.

Wer sich von solchen Dingen unterhalten fühlt und nicht gleich zu wütenden Twitter-Tiraden ausholt, bekommt in Like A Dragon jede Menge davon. Das etwas andere JRPG ist im Vergleich zu Yakuza 6 nämlich wieder deutlich umfangreicher und bietet seinen Spielern, abseits der ohnehin schon sehr umfangreichen Hauptstory und über 50 Nebenquests, etliche Minispiele an. Neben den bereits beschriebenen Aktivitäten hat SEGA seinem Adventure sogar einen kompletten Kart-Racer spendiert, in dem wir unter anderem mit einem Luchador und einem Bunny Girl um Podiumsplätze konkurrieren. Auch hier ist das Hauptproblem die mangelnde Spieltiefe: Erfahrene Videospieler dürften kaum ein Problem damit haben, in jedem der Minispiele beim ersten oder zweiten Versuch die maximale Punktzahl zu erreichen.

Damit der "Style-over-Substance"-Ansatz funktionieren kann, hat SEGA für Yakuza: Like A Dragon immerhin ein sehr ordentliches Budget bereitgestellt. Yokohama ist in seiner Grundfläche deutlich größer als bisherige Yakuza-Spielgebiete und in einer detaillierten, fast schon fotorealistischen Optik umgesetzt. Auch die vielen verschieden Charaktermodelle und deren Animationen können voll überzeugen. Dazu kommt, dass die Engine selbst in der von uns getesteten PS4-Version einen sehr stabilen Eindruck macht. Wer die Befürchtung hat, dass das auch für Xbox Series X/S und die PS5 angekündigte Spiel auf den scheidenden Konsolen nicht so gut laufen könnte, muss sich in dieser Hinsicht absolut keine Gedanken machen.

Fazit:

Yakuza: Like A Dragon dürfte ein polarisierendes Spiel werden. Der absurde Humor in Verbindung mit einem starken Hang zur politischen Inkorrektheit erinnert an frühe South-Park-Staffeln und es wäre extrem überraschend, wenn dieser Aspekt nicht im Zentrum zahlreicher Diskussionen stehen würde. Davon abgesehen hat der Titel nicht sonderlich viel zu bieten, denn die aufgrund von Logiklöchern völlig unglaubwürdige Story und das anspruchslose Gameplay werden kaum für Begeisterungsstürme sorgen können. Stattdessen versucht SEGA, mit einem riesigen Umfang, einer teuren Produktion und der schieren Quantität an skurrilen Nebenaufgaben über die mangelnde Spieltiefe hinwegzutäuschen, was zu einem gewissen Grad auch klappt. Yakuza: Like A Dragon ist kurzweilige Unterhaltung, die jeglichem Tiefgang bewusst aus dem Weg geht - wer genau das sucht, wird hier glücklich.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

7.0

Andreas Held meint:

"SEGAs Yakuza-Reboot ist ein unterhaltsames Gesamtwerk, das jegliche Spieltiefe vermissen lässt."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Herausragend
Technik: Sehr gut

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3 Kommentare:


prog4m3r
vor 2 Wochen | 0
"Spieltiefe" ist ein netter Euphenismus für vollbusige Waifus.

Denios
vor 2 Wochen | 0
ich bin auch ein großer Dragon Quest Fan

Matthew1990
vor 2 Wochen | 0
Klingt auf jeden Fall mega nice, aber leider kann man wohl in dem Spiel nicht mit einer 50-Jährigen Oma kickboxen gehen. Schade!