Test: Pikmin 3 Deluxe

Von Mark Schäfer am 28. Oktober 2020

Die Liste der auf Nintendo Switch erschienener Wii-U-Titel erhält einen neuen Eintrag: Pikmin 3 Deluxe. Lohnt sich der Neukauf auch für Kenner des Originals?

Auch wenn Pikmin-Schöpfer Shigeru Miyamoto bereits 2015 die Entwicklung eines neuen Pikmin-Teils bestätigte, warten Fans bis heute auf dessen Erscheinen. Statt des lang erwarteten vierten Teils schickt Nintendo nun erst einmal die Deluxe-Version von Pikmin 3 ins Rennen. Das ist wenig verwunderlich, konnten doch schon zahlreiche andere Wii-U-Titel auf Switch neu aufblühen. Die Neuauflage bekommt dabei neben allen DLCs des Originals auch einige weitere Funktionen und Modi verpasst. Gleichzeitig verschwinden jedoch auch Features, wie die externe Kartendarstellung auf einem zweiten Bildschirm oder optionale Steuerungsmöglichkeiten mit einer Wii-Fernbedienung.

Über Pikmin

Pikmin, das sind kleine, pflanzenähnliche Wesen, die wie Blumen in der Erde wachsen. Zieht sie heraus, und sie werden euch überall hin folgen. Sie sind eure Gefährten, die sich bereitwillig für euch in den Kampf stürzen, Wände einreißen, Schätze bergen oder Brücken bauen, wenn ihr denn ihre speziellen Eigenschaften nutzt. Ihr wollt auf die andere Seite eines Baches, aber weit und breit ist keine Brücke in Sicht? Stellt sicher, dass ihr nur blaue Pikmin mit auf diese Mission nehmt. Ihr wollt einen unterbrochenen Stromkreislauf wiederherstellen, um eine dunkle Höhle zu beleuchten? Bildet eine Kette gelber Pikmin, um das defekte Kabel zu überbrücken. Ein Monster speit Feuer sobald ihr euch ihm nähert? Dann sind rote Pikmin eure erste Wahl, denn sie sind nicht nur die besten Kämpfer, sondern auch resistent gegen die Flammen.

Die Pikmin leben auf dem Planeten PNF-404, auf dem eure Crew bestehend aus Alph, Brittany und Charlie gestrandet ist. Das Trio wurde entsandt, um neue Nahrungsquellen für die Bewohner des Planeten Koppai zu finden. Doch die Mission verläuft anders als gedacht. Beim Eintritt in die Atmosphäre verlieren die drei Astronauten nicht nur ein wichtiges Teil ihres Raumschiffes, auch sie selbst werden voneinander getrennt und stranden an verschiedenen Orten auf PNF-404. Doch zum Glück machen sie schnell Bekanntschaft mit den hilfsbereiten Pikmin.

Wer den Abenteuer-Modus von Pikmin 3 beginnt, wird zunächst damit beschäftigt sein, Alph, Brittany und Charlie wieder miteinander zu vereinen. Auch das Sammeln von Obst hat ab Tag eins oberste Priorität, denn ohne genügend Vorräte ist an eine längere Expedition nicht zu denken. Die Pikmin sind dabei eine willkommene Hilfe, da sie euch nicht nur den Weg durch die großen Gebiete ebnen, sondern gemeinsam auch riesige Früchte zu eurem Raumschiff tragen können. Der daraus gewonnene Saft ist nötig, um auch am nächsten Spieltag wieder auf Erkundungstour gehen zu können. Pro Tag stehen euch dafür rund 15 Minuten zur Verfügung, ehe die Nacht hereinbricht und es auf der Oberfläche nur so von gefährlichen Kreaturen wimmelt. Aufgrund der Menge an Obst, die ihr schon in den ersten Spieltagen finden werdet, ist das Zeitlimit praktisch kein Problem, sodass auch mal Tage ohne neue Früchte überstanden werden können. Trotzdem ist eine gute Planung das A und O, wenn ihr mit euren Pikmin überleben wollt. Glücklicherweise verfügt ihr aber über das sogenannte KopPad, das euch allerhand nützliche Informationen und eine Karte der Levelumgebung anzeigt. Während das KopPad im Wii-U-Original über den Bildschirm des GamePads aufgerufen werden konnte, wird das Spiel in der Deluxe-Version stattdessen pausiert. So bleibt genug Zeit, um die Karte im Detail anzusehen und mögliche Routen zum nächsten Stück Obst zu planen. Auch elektronische Daten-Embleme, die ihr immer wieder an verschiedenen Stellen des Spiels findet, lassen sich über das KopPad öffnen. So lernt ihr wichtige Einzelheiten über den Umgang mit den Pikmin, deckt die Schwachstellen eurer Gegner auf und erfahrt außerdem, dass sich auch ein gewisser Captain Olimar auf PNF-404 aufhält.

Ebenfalls über das KopPad zu erreichen ist die Pikoplädie, welche eigens für die Switch-Version hinzugefügt wurde. Sie liefert Informationen über jedes Monster, das ihr im Laufe eures Aufenthaltes auf PNF-404 besiegt habt sowie einen persönlichen Kommentar der einzelnen Crew-Mitglieder. Auch die Foto-Funktion, mit der im Original Screenshots im MiiVerse gepostet werden konnten, ist noch vorhanden, speichert eure Schnappschüsse nun aber direkt auf der Switch.

Jedes Stück ein Unikat!

In einem Interview sagte Shigeru Miyamoto einmal, dass Pikmin 3 im Grunde die perfekte Version von Pikmin 1 sei. Endlich habe man alle Ideen und Elemente umsetzen können, die man für das Franchise im Hinterkopf hatte. Das ist auch sieben Jahre nach dem ursprünglichen Release noch der Fall. Der Abenteuer-Modus ist so vollgestopft mit Gameplay-Elementen, dass man fast von einer Kreativüberschwemmung reden möchte. Fast jeder Gegner aus den bisherigen zwei Pikmin-Titeln feiert ein Comeback. Dazu kommen natürlich auch viele komplett neue Feinde. Durch diese Fülle verbraucht sich das Spiel so gut wie gar nicht und die letzten Schritte im Abenteuer-Modus fühlen sich genauso frisch an wie die ersten.

Um all der Gefahren Herr zu werden, trefft ihr neben den bekannten roten, gelben und blauen Pikmin auch auf zwei neue Gattungen: Stein-Pikmin und Flug-Pikmin. Die Stein-Pikmin sind ziemlich schwer, können nicht von euren Gegnern plattgetrampelt werden und sind sehr effektiv gegen Kristalle oder Panzerungen. Die Flug-Pikmin hingegen machen ihrem Namen alle Ehre und haben durch ihre Luftkünste unterschiedliche Vor- und Nachteile.

Die vier Hauptareale im Abenteuer-Modus sind unglaublich groß. So groß, dass ihr sehr froh darüber sein werdet, stets auf die Kartenansicht wechseln zu können. Besonders wenn ihr die drei Hauptcharaktere getrennt voneinander agieren lassen wollt, wird die Karte nützlich, denn sie erlaubt es, einen Zielpunkt zu setzen, den das jeweilige Crew-Mitglied samt Pikmin-Schar dann automatisch ansteuert, während ihr mit den übrigen Astronauten andere Ziele verfolgt. Auch Pikmin, die ihr aus den Augen verloren habt, sind dort sichtbar und warten darauf, von euch aufgesammelt zu werden. Um ein Areal vollständig zu erkunden, werdet ihr zudem immer mehrere Spieltage benötigen. Das liegt nicht nur an deren Größe, sondern auch an den Gegnern, die ihr sorgfältig und mit der richtigen Taktik aus dem Weg räumen müsst. Außerdem gibt es wie von Pikmin gewohnt verschiedene Barrikaden, die nur von bestimmten Pikmin-Arten eingerissen werden können. So können nur gelbe Pikmin Elektrozäune aus dem Weg räumen, während Wasserhindernisse nur von blauen Pikmin durchquert werden können. Das Spiel lädt euch also dazu ein, nach Finden einer neuen Pikmin-Art in die anderen Gebiete zurückzukehren.

Teamwork ist alles!

Während Captain Olimar im ersten Pikmin noch allein unterwegs war, bekam er in Pimin 2 seinen etwas tollpatschigen Kollegen Louie zur Seite gestellt. Spieler konnte dann jederzeit zwischen den beiden Anführern hin- und herschalten und so zwei separate Pikmin-Truppen befehligen. In Pikmin 3 wird diese Mechanik durch ein neues Team aus drei Anführern sogar noch weiter ausgebaut. Manche Hindernisse erfordern das Zusammenspiel aller drei Charaktere. Etwa wenn fehlende Brückenteile auf der anderen Seite einer kleinen Schlucht liegen und eines der Crew-Mitglieder seine Kameraden samt Pikmin hinüberwerfen muss. Überwindet ihr solche Hindernisse erfolgreich, werdet ihr irgendwann auf den Bossgegner des Areals treffen. Ein Sieg gegen die meist riesigen Kreaturen ist unabdingbar, um die Story voranzutreiben und neue Areale freizuschalten. Diese Kämpfe sind allesamt ziemlich anspruchsvoll und verlangen euch viel Geschick ab. Nicht selten streckt sich ein Kampf auch über zwei Spieltage, wobei sich die Energie von angeschlagenen Bossgegnern am Folgetag nicht regeneriert.

Auch wenn sich die Spielstrukturen mit jedem Areal wiederholen, fällt dies durch den hohen Abwechslungsreichtum innerhalb der Areale fast gar nicht auf. Zu viel gibt es zu entdecken, sodass auch nach Abschluss der Story weitere Früchte geborgen werden möchten. Wer alle Früchte sammelt, kann bis zu 100 Spieltage überleben. Geübte Pikmin-Spieler absolvieren die Hauptstory mit ca. 20 Spieltagen aber schon deutlich schneller, was einer Spielzeit von rund 8-10 Stunden entspricht, je nachdem ob man einzelne Spieltage wiederholt oder nicht. Wer im Anschluss noch alle Früchte und Daten-Embleme sammeln möchte, verlängert die Zeit im Abenteuer-Modus auf bis zu 15 Stunden. Damit ist Pikmin 3 nicht ganz so umfangreich wie sein Vorgänger, kommt dafür aber auch ohne redundante Passagen aus. Außerdem ist jeder Zentimeter in Pikmin 3 so liebevoll gestaltet, dass man den Controller erst dann aus der Hand legt, wenn auch die letzte Frucht entsaftet wurde.

Modi-Nachschlag für Pikmin-Profis

Neben dem Hauptspiel bietet euch Pikmin 3 unter dem Punkt Missionen diverse kleine Challenges an. Diese unterteilen sich in drei Kategorien und erfordern von euch, unter hohem Zeitdruck alle Schätze zu sammeln, alle Gegner zu besiegen oder einen Endboss aus dem Abenteuer-Modus zu vernichten. Am Ende gibt es für eure Leistung entweder eine Bronze-, Silber- oder Goldmedaille. Schafft ihr es, die komplette Karte mit euren Pikmin leerzuräumen, winkt sogar die Platinmedaille. Dies ist aber besonders in der Variante „Besiege die Kreaturen!“ fast ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest wenn man alleine spielt. Aufgrund des kurzen Zeitlimits in den Missionen ist es oft nötig, sein Team zu trennen, um parallel an mehreren Stellen Schätze zu bergen oder Gegner zu besiegen. Perfekt also für einen zweiten Spieler, der im Splitscreen die Steuerung eines der Kameraden übernehmen kann. Manche der Karten sind explizit auf kooperatives Spielen ausgelegt, da die Crew-Mitglieder nicht immer vom gleichen Punkt aus starten. Im Solo-Modus verliert man also viel Zeit, wenn man nur an einer Stelle agieren kann. Weitere Missionen werden schrittweise freigeschaltet, einschließlich der DLC-Inhalte, die auf Wii U noch kostenpflichtig heruntergeladen werden mussten. Durch den knackigen Schwierigkeitsgrad sind diese Missionen klar an Strategie-Experten gerichtet. Wer eine Gold- oder gar Platinmedaille erlangen will, der muss die Levelumgebung genau kennen, alle Laufwege im Voraus planen und seine Pikmin geschickt lenken.

Der Multiplayer-Modus beginnt und endet aber nicht mit den Missionen. Im Gegensatz zur Wii-U-Fassung kann das gesamte Hauptspiel zu zweit abgeschlossen werden. Idealerweise steht dafür jedem Spieler ein eigenes Paar Joy-Con oder ein Pro Controller zur Verfügung, notfalls ist (unter Verzicht einiger Aktionen) aber auch das Spielen mit jeweils einem Joy-Con möglich. Grundsätzlich orientiert sich die Steuerung an der klassischen Steuerung aus Pikmin 1. Der linke Analogstick steuert einen kleinen Zielkreis, an den Pikmin geworfen oder hinkommandiert werden können. Entfernt man den Zielkreis etwas weiter von seinem aktiven Charakter, fängt dieser an zu laufen. Die Pointer-Steuerung der Wii beziehungsweise Wii U erlaubte es den aktiven Charakter und den Zielkreis separat zu steuern. Das ist nun natürlich nicht mehr möglich, trotz dieser Einschränkung steuert sich Pikmin 3 Deluxe jedoch ausgezeichnet.

Wer in Pikmin 3 lieber kompetitiv statt kooperativ gegen einen Mitspieler antritt, der dürfte mit dem Bingo-Multiplayer seine Freude haben. Hier spielen zwei Spieler auf einer im Vorfeld ausgewählten Karte gegeneinander Bingo. Dabei erhält jeder Spieler eine Bingo-Karte bestehend aus Früchten, Gegenständen und Kreaturen, die es im gewählten Areal zu finden gilt. Dabei lässt es sich nicht immer vermeiden, seinem Gegenspieler aus dem Weg zu gehen, wenn z.B. beide hinter einem gleichen Monster her sind. Leider hat Nintendo darauf verzichtet, den Bingo-Multiplayer um einen Online-Modus zu erweitern. Das gleiche gilt auch für das kooperative Spielen im Abenteuer- und Missionsmodus, bei dem lediglich Online-Ranglisten verfügbar sind.

Mehr als nur Deluxe

Während andere „Deluxe“-Wiederveröffentlichungen auf Switch wie Mario Kart 8 Deluxe lediglich das ursprüngliche Spiel samt nachträglich veröffentlichter DLC-Inhalte anbieten, liefert Nintendo bei Pikmin 3 Deluxe etwas mehr Inhalt. Neben dem schon erwähnten Koop-Modus, enthält das Spiel nun auch drei Schwierigkeitsgrade. Wer es gerne knackig schwierig mag, ist im Schwierigkeitsgrad „Ultra-Motiviert“ richtig. Er ist jedoch erst nach Abschluss des mittleren Schwierigkeitsgrades oder der kostenlosen Demo des Spiels aus dem eShop verfügbar.

Komplett neu sind auch einige Bonus-Missionen rund um Olimar und Louie, die im Laufe des Abenteuers freigeschaltet werden. In Form von fünf Prolog- und zehn Epilog-Missionen dürft ihr hier wieder die Rollen von Olimar und Louie übernehmen. Während im Prolog erzählt wird, wie Louie und Olimar in die brenzlige Situation geraten sind, über die ihr in den Daten-Emblemen des Hauptspiels erfahrt, geht es im Epilog wieder darum, Raumschiffteile zu bergen. Wie ihr an dem Wort Missionen aber vermutlich schon erkannt habt, handelt es sich hierbei leider nicht um einen mit dem Abenteuer-Modus vergleichbaren Inhalt. Vielmehr sind es neue Missionen, die zwar lose mit einer Hintergrundstory verknüpft wurden, spielerisch aber sehr nah an die Inhalte aus dem Missionsmodus angelehnt sind. Mal geht es darum, ein Gebiet von Monstern zu befreien, mal darum, Olimar und Louie wieder zu vereinen oder ein zu bergen. Ein freies Spielen über mehrere Tage ist hier nicht möglich, denn jede Mission hat ihr festes Ziel sowie Zeitlimit. Fans des Missionsmodus kommen hier aber auf ihre Kosten und werden für mehrere zusätzliche Stunden gut unterhalten. Denn wie auch in den anderen Modi bietet Pikmin 3 Deluxe hier fabelhaftes Gameplay voller Innovation und Ideenreichtum. Und auch wenn Nintendo es versäumt hat, den Port für die Switch auf 1080p zu hieven, sieht er auch heute noch unglaublich gut aus. Die Lichteffekte, die Tiefenunschärfe, die liebevollen Animationen der Gegner und die bis zu 100 Pikmin, die zeitgleich auf dem Bildschirm ihre Arbeit verrichten, kommen in einem rundum gelungenen Gesamtpaket zusammen. Da ist es fast schade, dass es abseits des Fotomodus keine Möglichkeit gibt, in das Geschehen zu zoomen. Auch die klangliche Untermalung steht dem Optischen in nichts nach. Bekannte Soundeffekte paaren sich mit verträumten Melodien und allerhand Umgebungsgeräuschen, sodass man die Natur wieder in seinem ganzen Wohnzimmer spüren kann.

Fazit:

Pikmin 3 Deluxe lässt euch erneut eintauchen in eine liebevoll gestaltete Welt und bietet noch immer eine Spielerfahrung, die ihresgleichen sucht. Besonders für Erstkäufer hat die Deluxe-Version einiges zu bieten. Die neuen Inhalte in Form von 2-Spieler-Abenteuer-Modus, den neuen Schwierigkeitsgraden und den neuen Bonus-Missionen schaffen in Summe aber auch für Kenner des Wii-U-Originals genügend Anreize, noch einmal zuzugreifen. Aber eine Frage ist nach wie vor offen: Nintendo, wo bleibt Pikmin 4?

Wertung:

9.0

Mark Schäfer meint:

"Die Pikmin bieten auch auf der Switch ein herausragendes Spielerlebnis."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


Falco
vor 3 Wochen | 0
Definitiv eins der schönsten Spielerlebnisse der Wii U Ära :)

Sefgodio
vor 3 Wochen | 0
Ich habe es damals ausgelassen und freue mich es nun doch endlich spielen zu können.
Ein Pikmin 4 würde ich auch sehr begrüßen. Ich mache mir momentan ein bisschen Sorgen das Nintendo sich kaum noch traut mutige Projekte auf den Weg zu bringen.
Also Daumen drücken das sich Pikmin gut verkauft.