Test: Amnesia: Rebirth

Von Jeremiah David am 25. Oktober 2020

Halloween kann kommen...

Das schwedische Entwicklerstudio Frictional Games hat schon einige Horrorspiele veröffentlicht. SOMA und diverse Teile der Penumbra- und Amnesia-Reihen boten Spielern stets gruselige Abenteuerkost. Nach satten fünf Jahren Entwicklungszeit haben die Schweden mit Rebirth nun ein neues Amnesia-Spiel veröffentlicht. Was der Titel zu bieten hat, verrät unser Test.

Über den Wolken

Der Anfang von Amnesia: Rebirth weckt Erinnerungen an den ersten Bioshock-Teil: Es ist das Jahr 1937 und wir sitzen in einem Flugzeug, das über den westafrikanischen Nachthimmel gleitet. Anders als in Bioshock spielen wir hier allerdings nicht einen Mann, sondern die Zeichnerin Tasi Trianon. Sie ist mit ihrem Ehegatten und Archäologen Salim Hannachi auf dem Weg zur Ausgrabungsstätte Tin Hinan in Algerien, als der Flieger plötzlich zu beben beginnt. Dicke Rauchschwaden ziehen an den Fenstern der Maschine vorbei. Draußen ist zudem flüchtig ein gewaltiges Bauwerk zu sehen, das mit einem unheimlichen grünen Lichtstrahl fast wie ein Leuchtturm aussieht, obwohl es nicht im kalten Atlantik, sondern mitten in der Wüste steht.

Das Flugzeug stürzt ab und legt in den Dünen der Sahara eine Bruchlandung hin. Unsere Hauptprotagonistin  erwacht einige Tage später in den Wrackteilen und der wabernden Hitze der unwirtlichen Umgebung. Von ihrem Ehemann und den anderen Insassen des Fliegers fehlt jede Spur, außerdem leidet sie unter Gedächtnisverlust.

Amnesie ist ein abgedroschenes Thema, das in Horrorfilmen und -spielen viel zu häufig vorkommt, aber angesichts des Tatsache, dass die ganze Spielereihe danach benannt ist, kann man Amnesia: Rebirth deswegen wohl kaum einen Vorwurf machen. Tatsächlich führt der akute Gedächtnisverlust dazu, dass wir uns zunächst wunderbar mit Tasi identifizieren können. Sie weiß genauso viel oder besser genauso wenig wie wir und muss erst Stück für Stück herausfinden, was unmittelbar nach dem Absturz passiert ist. In der Nähe des Flugzeugswracks gibt es einige Felsen und dazwischen wartet der Eingang in ein Höhlensystem auf uns. Notizen und ein paar hinterlassene Gepäckstücke und andere Gegenstände lassen vermuten, dass die Passagiere des Flugzeugs hier Unterschlupf gefunden haben, also beginnt Tasi in den finsteren Höhlen und Felsgängen mit der Suche nach Überlebenden.

Bleib im Licht!

Amnesia: Rebirth ist ein First-Person-Horrorspiel und so sehen wir alles stets durch Tasis Augen. In der Nähe von Lichtquellen wie Fackeln, Kerzen, Feuerstellen und Öllampen fühlt sie sich sicher, in der Finsternis muss sie dagegen rasch aufkommende Panik niederkämpfen. Wenn Tasi der Angst verfällt, verschwimmt der Bildschirm und dunkle Adern ziehen sich von außen ins Bild, außerdem hören wir ihren gesteigerten Herzschlag wie eine Trommel. Im schlimmsten Falle wird sie wahnsinnig und das Spiel muss am letzten Checkpoint neu begonnen werden. Streichhölzer, die immer wieder an unterschiedlichen Orten zu finden sind, stellen essentiell wichtiges, aber rar gesätes Equipment dar und können genutzt werden, um an besonders dunklen Orten die Panik in Schach zu halten, oder besser noch, um Lampen und Kerzen anzuzünden. Etwas irritierend ist allerdings, dass alle Lichtquellen zunächst nur stationär nutzbar sind. Tasi ist nicht in der Lage Kerzen oder Fackeln einfach aufzuheben und mitzunehmen. Stattdessen muss sie also von Licht zu Licht huschen, bis sie nach einiger Zeit eine Laterne findet, die sie bei sich tragen kann. Das ist bisweilen nicht nur unlogisch, sondern auch nervig, denn die Streichhölzer brennen nur wenige Sekunden lang und selbst eine voll gefüllte Öllampe spendet nur für einen übertrieben kurzen Zeitraum und in einem sehr geringen Radius Licht. Die Entwickler zwingen uns so praktisch immer wieder, im Dunkeln weiterzulaufen. In der Finsternis werden nur Außenwände wie mit schwachem Schwarzlicht bläulich beleuchtet, so dass das Vorwärtskommen unabhängig von Tasis Angstzustand mühsam ist. Sich im zuckenden Schein einer winzigen Flamme durch unheimliche Höhlen oder verlassene Gebäude zu schleichen macht Laune, dasselbe in absoluter Dunkelheit zu tun ist dagegen weniger spaßig.

Dschinns und Ghule

Tasis Reise durch die Gräber von Tin Hinan und einigen weiteren Gebieten beginnt eher gemächlich. Die erste Hälfte des rund neun Stunden langen, linearen Spiels besticht zwar mit einer zum Schneiden dicken Atmosphäre, aber wirkliches Horrorfeeling kommt hier nur durch Tasis irrationaler Furcht vor der Dunkelheit auf. Objektiv gibt es keine Gefahren, wodurch sich Amnesia: Rebirth zunächst wie ein Walking-Simulator anfühlt. Das Spiel legt einen eindeutigen Fokus auf das Erkunden der Umgebungen, die Entwicklung der Charaktere und dem Lösen einiger Rätsel. Die Story entfaltet sich mit Hilfe von Briefen und Zeichnungen, die Tasi in den Katakomben von Tin Hanan, einer militärischen Anlage und außerirdisch anmutenden Sci-Fi-Gebieten findet und die ihr immer wieder zu plötzlichen Erinnerungsschüben verhelfen. In diesen Rückblenden, die meist aus statischen, aber schön angefertigten Bleistift- oder Kohlezeichnungen und im Hintergrund ablaufenden Dialogen bestehen, lernen wir ihre Familie und Freunde näher kennen. Tasi findet zudem schon früh ein mysteriöses Amulett, das wie ein Kompass funktioniert und an bestimmten Stellen Tore in eine andere Welt öffnet.

Ab etwa der Hälfte des Spiels steigert sich der Horror-Anteil des Titels, was vor allem durch die Einführung echter Gegner und einiger blutigerer Umgebungen geschieht. Tasi muss jetzt nicht nur gegen ihre eigenen Emotionen ankämpfen, sondern zudem noch vor widerlichen, abgemagerten Wesen flüchten, die in ihrem Aussehen an die Ghule aus Fallout oder eher noch an die Wendigo aus Until Dawn erinnern. Waffen zur Selbstverteidigung gibt es nicht und so kann Tasi nur davonrennen oder sich hinter Gegenständen, Wänden oder Säulen verstecken, bis die Luft rein ist. Durch Drücken des linken Analogsticks kann sie sich auch flach auf den Boden legen. Dann ist sie zwar bewegungsunfähig, kann aber nicht entdeckt werden. Während der Szenen mit Gegnern läuft Amnesia: Rebirth atmosphärisch zur Höchstform auf und zeigt, was die Horror-Veteranen von Frictional Games auf dem Kasten haben, allerdings kommen solche Momente insgesamt nur selten vor und die Gegner-KI könnte definitiv ausgefeilter sein. In der Regel ist es nicht schwer den abgemagerten Wesen zu entkommen.

Saubere Technik

Technisch kann Amnesia: Rebirth größtenteils überzeugen: Die Umgebungen wurden detailliert ausgearbeitet, lediglich die Charaktermodelle und Wasserdarstellungen sehen etwas altbacken aus. Die Licht- und Partikeleffekte sind auf dem Niveau großer AAA-Produktionen. Auch der Sound ist erstklassig und trägt einen gewaltigen Teil zur gelungenen Atmosphäre des Spiels bei, wobei erwähnt werden sollte, dass es keine deutsche Sprachausgabe gibt, nur Englisch mit deutschen Untertiteln. Das Spiel hält zudem eine stets stabile Framerate und Tasi lässt sich einwandfrei steuern.

Wirklich lästig waren während unserem Testdurchlauf neben einem vereinzelten Absturz eigentlich nur die langen Ladezeiten. Sogar das Laden des Hauptmenüs vor dem eigentlichen Spielbeginn zwingt den Spieler zu einer relativ langen Zwangspause. Wieso erfordert ein kaum animiertes Menü mit vier Optionen eine mehr als 60 Sekunden lange Ladesequenz? Und ja, nach dem Verlassen des Menüs folgt ein weiterer, langwieriger Ladeprozess während das eigentliche Spiel vorbereitet wird. So vergehen zu Beginn jeder Spielesession mehr als drei Minuten mit Laden. Weniger störend, aber etwas seltsam ist, dass Tasis Hände im Spiel fast nie sichtbar sind. Wenn also ein Gegenstand aufgehoben wird, dann schwebt dieser wörtlich in der Luft. Lässt Tasi den Gegenstand wieder los, wandert er nicht automatisch an seinen alten Platz zurück, sondern fällt physikalisch mehr oder weniger korrekt zu Boden und kann in der Dunkelheit dadurch schon mal verloren gehen.

Fazit:

Amnesia: Rebirth ist über weite Strecken hinweg kein reinrassiges Horrorspiel. Der Adventure-und Rätsel-Anteil ist größer als noch in den Vorgängern. Wer sich wirklich nur gruseln möchte oder gar auf ein Splatter-Fest hofft, wird mit Rebirth weniger Spaß haben als mit vergleichbaren Konkurrenzprodukten. Wer dagegen düstere Ruinen, Katakomben und fremdartige Sci-Fi-Bauwerke erkunden sowie eine interessante, unheimliche Geschichte erleben möchte, ist hier genau richtig. Das algerische Setting wirkt frisch, die Technik ist fast auf dem Niveau großer Blockbuster, die Atmosphäre über jeden Zweifel erhaben. Nur einige langatmige Passagen, die Ladezeiten und ein paar ungünstige Designentscheidungen verhindern eine noch höhere Wertung. Für Halloween kommt Amnesia: Rebirth gerade recht!

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

7.5

Jeremiah David meint:

"Stellenweise etwas langatmige, aber atmosphärisch packende Horror- und Adventure-Kost."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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