Test: Genshin Impact

Von Andreas Held am 24. Oktober 2020

Oder: Wie sich ein kostenloses Handyspiel vom dreisten Breath-of-the-Wild-Klon zu einem der besten Open-World-Titel des Jahres entwickelt hat.

Die chinesische Wirtschaft strebt auf - das gilt auch für den Videospielesektor. War das Reich der Mitte vor zehn Jahren noch für kaum funktionstüchtige LCD-Spiele bekannt, beherbergt die angehende Weltmacht nun unter anderem die Holding-Gesellschaft Tencent, der neben Riot Games (League of Legends) auch große Anteile an Activision-Blizzard, Epic Games und Ubisoft gehören. Tencent generiert einen jährlichen Umsatz von umgerechnet 56 Milliarden US-Dollar, was in etwa dem gesamten Bruttoinlandsprodukt von Serbien entspricht. Chinesische Spieleentwickler haben mit Handyspielen wie Azur Lane, Arknights oder Honkai Impact 3rd mittlerweile große Teile des asiatischen Markts erobert. Letzteres stammt von der Spieleschmiede MiHoYo, die im Juni 2019 ihr neues Projekt Genshin Impact vorstellte - und damit erst einmal viele Negativschlagzeilen erntete, da das Spiel in etwa einem Breath of the Wild mit ausgetauschten Charaktermodellen entsprach und daher als dreister Klon empfunden wurde. Ein gutes Jahr später ist von diesen kritischen Stimmen nicht mehr viel übrig: Genshin Impact wurde über 17 Millionen Mal heruntergeladen und generierte für MiHoYo in den ersten drei Wochen nach seinem Release über 100 Millionen Dollar Umsatz.

Urlaub in der Fantasy-Welt

Genshin Impact entführt euch in die fiktive Spielwelt von Teyvat. Diese besteht aus mehreren Ländern, die real existierende Regionen mit einem mittelalterlichen Fantasy-Flair kombinieren. Unsere Reise startet im europäischen Mondstadt, wo wir in einer von Windmühlen und Fachwerkhäusern geprägten Festungsstadt einen Ritterorden im Kampf gegen einen bösartig gewordenen Drachen unterstützen. Anschließend reisen wir in das von China inspirierte Liyue weiter und besuchen eine Hafenstadt, klettern auf hohe Berge und erforschen unzählige alte Ruinen, die diverse Mysterien bereithalten. Insgesamt soll Teyvat auf schließlich acht Regionen erweitert werden, die uns unter anderem in den Orient und nach Japan, Frankreich und Russland entführen werden.

An die Hand genommen werdet ihr von verschiedenen Questreihen. Die Archon Quests erzählen die Hauptgeschichte des Spiels, in deren Rahmen ihr alle sieben Gottheiten von Teyvat treffen wollt, die jeweils über ein Gebiet der Spielwelt wachen. In den Story Quests rücken hingegen einzelne Figuren in den Vordergrund - ihr unterstützt zum Beispiel Xiangling, die Tochter eines Restaurantbesitzers, beim Gewinnen eines Kochduells oder treibt für die Bibliothekarin Lisa einige in Verzug geratene Bücher ein. Die Handlungen an sich sind nichts Besonderes, werden aber so gut inszeniert und erzählt, dass sie nicht zuletzt dank der sympathischen Charaktere sehr angenehm unterhalten können. Darüber hinaus findet ihr in Teyvat auch einige Sidequests, die euch manchmal nur eine einfache Sammelaufgabe geben, manchmal aber auch über den gesamten Kontinent scheuchen, um ein Mysterium zu lüften, dessen Spur sich über mehrere Schauplätze erstreckt. Jeweils im Abstand von sechs Wochen sollen regelmäßige Updates erscheinen, die Teyvat um neue Quests und neue Gebiete erweitern.

Am meisten Spaß macht das simple Herumstreunern in der gigantischen Spielwelt, die von den Entwicklern mit tausenden Collectibles vollgestopft wurde. Neben Zutaten für das Kochen von Gerichten und einigen Quest-Items werdet ihr hunderte Schatztruhen mit unzähligen Materialen zum Aufleveln eurer Spielfiguren und deren Ausrüstung vorfinden. Vor allem in Liyue kommt es dabei nicht selten vor, dass ihr auch mal über einen größeren Ruinenkomplex stolpert, in dessen Gebäuden ihr viele kleine Puzzles findet, deren Lösung jeweils mit einer Schatztruhe belohnt wird. Es gibt in Genshin Impact keine NPCs und erst recht keine Questmarker, die euch zu diesen Ruinen führen würden - ihr müsst einen Großteil davon selbstständig entdecken. Außerdem werden eure Ausflüge durch die malerischen Landschaften von Mondstadt und Liyue mit einem sehr ruhigen Klavier- und Orchester-Soundtrack untermalt, der die Atmosphäre des Spiels perfekt unterstreicht.

Ein Loot-Festival wie Diablo

Das Action-Kampfsystem von Genshin Impact entspricht ungefähr dem, was wir aus Titeln wie Ys VIII oder Trials of Mana kennen. Ihr kämpft allerdings grundsätzlich alleine, sofern ihr euch keine Hilfe von menschlichen Mitspielern holt. Dafür könnt ihr fast jederzeit auf Knopfdruck zwischen bis zu vier Charakteren wechseln, um von ihren speziellen Fähigkeiten Gebrauch zu machen: Amber kann mit ihren Feuerpfeilen hölzerne Schilde verbrennen, Noelle zerstört mit ihrem Großschwert den Steinpanzer bestimmter Gegnertypen, und Kaeya kann seine Widersacher eine Zeit lang einfrieren. Die vielen verschiedenen Mechaniken, mit denen ihr euch einen taktischen Vorteil verschaffen könnt, täuschen darüber hinweg, dass Genshin Impact generell ziemlich einfach ist, auch wenn euch der Titel ab und zu vor wirklich ernstzunehmende Herausforderungen stellt.

Um diese zu bewältigen, könnt ihr eure Charaktere und ihre Ausrüstung mit mehreren ineinandergreifenden RPG-System aufleveln. Sowohl die Figuren selbst als auch deren Waffen verfügen jeweils über ihr eigenes Erfahrungslevel, das ihr mit bestimmten Items steigern müsst. Darüber hinaus verfügen alle Figuren über einige passive Skills, die ihr ebenfalls aufleveln könnt. Neben den Waffen kann jeder Kämpfer ein aus fünf Artefakten bestehendes Rüstungsset anlegen. Da diese in verschiedenen Qualitätsstufen daherkommen, zufällige Zusatzeffekte haben und bestimmte Set-Boni mitbringen, ist spätestens an dieser Stelle ein Vergleich zur Diablo-Serie nicht unangebracht. Und natürlich könnt ihr jedes einzelne dieser Artefakte auch noch einmal aufleveln. Zu tun gibt es also mehr genug.

Auch wenn Genshin Impact an keiner Stelle das Rad neu erfindet wäre es unfair, den Titel in irgendeiner Weise als einen einfachen Klon zu bezeichnen. Ja, viele Gameplay-Elemente wie das Klettern und den Gleiter kennen wir aus Breath of the Wild, und auch die verschiedenen Gegnertypen lassen auffällige Parallelen zum Zelda-Epos erkennen. Ein Loot-System gibt es in fast jedem West-RPG, eine an reale Länder angelehnte Fantasy-Welt kennen wir aus Pokémon, und das Konzept einer riesigen und frei erforschbaren, mit Mini-Aufgaben vollgepumpten Spielwelt ist spätestens seit Xenoblade Chronicles X nicht neu. Aber es ist die Kombination dieser Elemente, die Genshin Impact zu einer einzigartigen Spielerfahrung machen. In einem anderen Aspekt ist der Titel außerdem ein echter Vorreiter: MiHoYo kombiniert zum ersten Mal ein ernsthaftes Single-Player-Abenteuer mit aus dem Smartphone-Sektor bekannten Gacha Games.

Viel diskutierte Kritikpunkte

Genshin Impact enthält derzeit etwa zwanzig spielbare Charaktere, von denen ihr die meisten über eine Charakter-Lotterie gewinnen müsst. Mittelfristig wird jeder Spieler auch ohne Echtgeldeinsatz ein paar seltene Figuren freischalten können. Allerdings werden die zum Ziehen eines Loses benötigten Items innerhalb des Spiels nur in sehr spärlichen Mengen verteilt. Habt ihr diese nicht, kostet eine einzelne Ziehung aus der Lotterie gut zwei Euro - und ihr werdet mit einer Wahrscheinlichkeit von über 85% im Gegenzug nur eine völlig nutzlose Waffe erhalten, die ihr gleich wieder wegschmeißen könnt. Habt ihr es gezielt auf einen bestimmten, besonders seltenen Charakter abgesehen, müsstet ihr im Schnitt etwa 900 Lose kaufen oder erspielen, bis ihr das gewünschte Ergebnis erzielt. Für Glücksspielsüchtige könnte sich ein Spiel wie Genshin Impact zur Schuldenfalle entwickeln.

Noch kontroverser diskutiert wird derzeit das Resin-System. Die zum Verstärken eurer Charaktere notwendigen Items könnt ihr nämlich, wenn ihr alle Haupt- und Nebenquests abgeschlossen und alle Schatztruhen geöffnet habt, nur noch durch den Einsatz von Resin erwerben. Der Haken daran: Ihr erhaltet nur alle acht Minuten ein Stück Resin, benötigt zum Abholen der entsprechenden Items aber bis zu 60 Einheiten auf einmal. Eine solche Spielmechanik ist in Gacha-Spielen nicht ungewöhnlich und es ist von den Entwicklern gewollt, dass ihr euch über Monate hinweg mehrmals täglich einloggen müsst, um eure Charaktere auf das maximale Level zu bringen. Und es gibt durchaus Spieler, die ein solches System als sehr motivierend empfinden. Wer von Genshin Impact jedoch einen traditionellen Open-World-Titel erwartet, den man ohne Unterbrechungen zu 100% durchspielen kann, für den könnte der Resin ein K.O.-Kriterium darstellen. Die meisten Spieler können dieses System aber ohnehin getrost ignorieren, denn es gibt derzeit keine nennenswerten Spielinhalte, zu deren Abschluss eine vollständig aufgelevelte Party notwendig wäre.

Ein weiterer großer Kritikpunkt ist die technische Seite der PS4-Version: Obwohl Genshin Impact auf Smartphones und durchschnittlichen Gaming-Laptops ohne Abstriche in 60 FPS läuft, ist die Sony-Hardware komplett mit dem Action-RPG überfordert. PlayStation-Nutzer müssen exorbitant laute Lüftergeräusche, ellenlange Ladezeiten sowie schwere Grafikfehler und Framerate-Einbrüche hinnehmen. Dazu gesellen sich ständige Fehler in der englischen Lokalisierung, durch die manche Dialogzeilen entweder gar nicht oder an den falschen Stellen einer Cutscene abgespielt werden. MiHoYo hat bereits zwei weitere Versionen für Nintendo Switch und die PlayStation 5 angekündigt, eine Xbox-Umsetzung jedoch ausgeschlossen.

Fazit:

So unglaubwürdig es auch klingen mag: Mit Genshin Impact hat es ein primär für Smartphones entwickelter Free-to-Play-Titel geschafft, qualitativ zu großen AAA-Produktionen aufzuschließen. Das Action-RPG muss sich selbst vor einer Genregröße wie Breath of the Wild nicht verstecken und macht mir persönlich deutlich mehr Spaß als das hochgelobte Ghost of Tsushima. Die riesige und mit Collectibles vollgestopfte Spielwelt, der stellenweise durchaus fordernde Schwierigkeitsgrad, die motivierenden RPG-Systeme und nicht zuletzt die audiovisuelle Präsentation des Titels konnten mich voll in ihren Bann ziehen, sodass ich mich auch nach dem Abschluss aller storyrelevanten Quests gerne zwei Mal täglich in das Spiel einlogge, um meinen Resin zu verbrauchen und ein paar Items zu sammeln. Wenn MiHoYo es wirklich schafft, Teyvat über Jahre hinweg im Sechs-Wochen-Rhythmus mit neuen Quests und Gebieten zu erweitern, könnte sich Genshin Impact langfristig zu einem absolut gigantischen Action-Adventure entwickeln, das hunderte Stunden Spielzeit bietet und mit nichts zu vergleichen ist. Die sehr fragwürdige Monetarisierung sowie schwere technische Mängel in der PS4-Version und der englischen Lokalisierung machen eine absolute Höchstwertung leider unmöglich, aber wer diese Dinge akzeptieren kann, bekommt mit Genshin Impact einen wirklich guten Open-World-Titel, der schon jetzt extrem lange unterhalten kann.

Von uns getestet: PlayStation-4-Version

Wertung:

8.5

Andreas Held meint:

"Vom billigen Klon zum Open-World-Highlight: Genshin Impact kann so manchem Vollpreis-Titel mühelos das Wasser reichen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Mangelhaft

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2 Kommentare:


Denios
vor 4 Wochen | 0
Freue mich drauf, das dann irgendwann auf der Switch zu spielen.

Asinned
vor 4 Wochen | 0
Habs mal ne Stunde auf der PS4 angezockt aber das ganze lief so grauenhaft, dass ich es danach wieder gelöscht habe. Vielleicht dann auf PS5 oder sie patchen die PS4 Version. Aber ehrlich gesagt gibts es demnächst sehr viele Spiele die mich deutlich mehr reizen.