Test: Remothered: Broken Porcelain

Von Jeremiah David am 17. Oktober 2020

Kurz vor Halloween kommen natürlich wieder einige neue Horror-Spiele auf den Markt. Was kann der Indie-Shocker?

Remothered: Broken Porcelain vom italienischen Entwicklerstudio Stormind Games erzählt in chronologisch verkehrter Reihenfolge die ziemlich bizarre Geschichte der 15-jährigen Jennifer, kurz Jen, die in den 1970er-Jahren aus einem Mädcheninternat geworfen wird und anschließend mit der schüchternen Violinistin Lindsay als Dienstmädchen im Gasthaus Ashmann Inn unterkommt.

Zunächst scheint es so, als wäre das düstere Ashmann Inn willkürlich gewählt worden, um die sturen Geister im Kopf der rebellischen Jennifer zu bändigen, tatsächlich aber hatte Stefano Ashmann, der Besitzer des fast leerstehenden Gasthauses, eine langjährige, komplizierte Beziehung zu Jennifers Mutter, deren Person im Laufe des Spiels noch für einige andere Storywendungen sorgt. Jennifer selbst hält sich für eine Waisin und weiß nichts über ihre echten Eltern. Ashmann hat - sofern ich alles richtig verstanden habe - die Jugendliche zu sich gelockt, um eine Droge namens Phenoxyl an ihr zu testen. Das Medikament wird mit Hilfe einer bestimmten Mottenart hergestellt und kann angeblich zur Unterdrückung traumatischer Erinnerungen genutzt werden. Zu den Nebenwirkungen zählen unter anderem allerdings Paranoia, Wahnsinn und abscheuliche Halluzinationen, sowie in Ausnahmefällen die Fähigkeit andere mit Phenoxyl infizierte Menschen mittels telepathischer Fähigkeiten zu beherrschen. Die Angestellten im Gasthaus werden mit der Droge sowie dem Lautsprechersystem des Gebäudes einer Gehirnwäsche unterzogen. Weil Jennifers Mutter während der Schwangerschaft bereits mit Phenoxyl in Kontakt kam, ist Jennifer gegen manche Nebenwirkungen der Droge jedoch immun und kann sich so der Gehirnwäsche widersetzen.

Die Geschichte, die zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herwechselt und auf den Ereignissen aus dem ersten Teil der Serie, Remothered: Tormented Fathers, aufbaut, setzt auf viele wirre Dialoge und klischeehafte Charaktere. Ganz allgemein ist die Story höchstens auf B- oder eher C-Movie-Niveau, mangelnde Kreativität kann man den Autoren aber sicher nicht vorwerfen.

Lauf, Jen, lauf!

Das Gameplay der Remothered-Reihe dürfte heutigen Gamern aus Titeln wie Outlast oder Amnesia: The Dark Descent zumindest ansatzweise bekannt sein. Noch besser vergleichbar ist es mit den Spielmechaniken älterer Spiele wie Clock Tower oder Haunting Ground: Jennifer kann sich gegen vermeintlich übermächtige Gegner kaum zur Wehr setzen und so muss sie immer wieder fliehen und sich in Truhen, Schränken oder hinter diversen Möbelstücken verstecken. Statt hunderten Gegnern, die praktisch nur als Kanonenfutter dienen, gibt es lediglich eine Handvoll Feinde, die unter dem Einfluss von Phenoxyl Jennifer nach dem Leben trachten und kreuz und quer durch das Ashmann Inn verfolgen. Da wären beispielsweise die Haushälterin Andrea, eine mysteriöse, rot gekleidete Nonne oder Stefano Ashmann höchstpersönlich. Ashmann geht gar mit einem Revolver auf die Mädchenjagd.

Jennifer kann durch Drücken des linken Analogsticks schleichen oder mit Hilfe der rechten oberen Schultertaste des Controllers rennen, etwas umständlich ist allerdings, dass zum Rennen die Schleichoption erst wieder durch ein zweites Drücken des Analogsticks deaktiviert werden muss. In hektischen Situationen kann Frust aufkommen, wenn sich Jennifer trotz gedrückter Rennen-Taste im Schneckentempo bewegt, nur weil sie immer noch im Schleichmodus festhängt. Stellenweise ebenso frustrierend ist der übermäßige Gebrauch der X-Taste, die nicht nur zum Öffnen von Türen, zum Verstecken in Möbelstücken und zum Krabbeln unter Tischen und Anrichten, sondern auch zum Aufheben oder Betrachten sämtlicher Items genutzt wird. So kann es schnell mal vorkommen, dass Jennifer ein Item aufhebt, statt eine Türe zu schließen oder irgendwo eine Schublade öffnet, statt ein Item aufzuheben.

Die Items sind in erster Linie Gegenstände, mit denen Jennifer ihre Gegner bekämpfen oder zumindest in die Irre führen kann. Mit einem simplen Crafting-System können Items zudem miteinander kombiniert werden, allerdings vermag das Mädchen maximal vier Items zu tragen, wovon nur drei aktiv eingesetzt werden dürfen. Der vierte Gegenstand - beispielsweise ein Messer oder eine Schere - dient zur Selbstverteidigung, wenn Jennifer von einem Gegner erwischt wurde. Ist das Inventar voll, kann Jennifer zwar weiterhin Items aufheben, lässt dafür aber stets automatisch einen anderen Gegenstand an Ort und Stelle fallen.

Einige Items benötigt Jennifer auch zum Lösen simpler Rätsel, diese Gegenstände werden aber nicht im Inventar angezeigt. Health-Items gibt es derweil gar nicht, stattdessen kann sich das Mädchen vor einigen wenigen Spiegeln, die auch als Speicherpunkte fungieren, auf wundersame Weise selber heilen.

Remothered: Broken Mess

Die Gegner, die Jennifer jagen, verhalten sich wie Wahnsinnige, aber leider nicht wie intelligente Wahnsinnige. Sie greifen Jen zwar an, sobald sich diese in ihrem Blickfeld befindet, lassen sich aber schnell abschütteln. Sie öffnen Truhen oder Schränke nur, wenn sie Jennifer beim Verstecken beobachtet haben. So ist Jennifer selbst dann in einem offensichtlichen Versteck sicher, wenn der Raum ansonsten vollkommen leer ist. Mit erschreckender Häufigkeit fallen Gegner zudem Glitches zum Opfer. An einer Stelle im Spiel drehte Stefano Ashmann während einer Verfolgungsjagd einfach urplötzlich ab, um für die nächsten Minuten völlig willkürlich in einer sich endlos wiederholenden Schleife über eine Tischplatte zu springen. Anderswo wurde Jennifer von einem Gegner in eine Zimmerecke gedrängt, bevor dieser einfach gefror. In beiden (und zahlreichen anderen) Situationen musste das Spiel neu gestartet werden. Der Ausgang mancher Verfolgungsjagden ist so leider zu selten vom eigenen Können abhängig, sondern einfach nur dem Zufall überlassen.

Die vielen Bugs und Glitches machen Remothered: Broken Porcelain zwar nicht unspielbar, rauben dem Titel aber einiges an Spielspaß. Die ohnehin träge Steuerung mit der unüberlegten Tastenbelegung wird noch nerviger durch die Tatsache, dass Jennifer immer wieder an Kanten und Ecken hängenbleibt und die Framerate nicht immer 30 FPS hält. Manche Tasteneingaben werden nicht registriert, Animationen laufen verkehrt ab, Cut-Scenes scheinen vollständig oder teilweise zu fehlen. An einer Stelle noch früh im Spiel muss Jennifer beispielsweise eine Waschmaschine ausschalten, um einen Schlüssel aus dem Innern der Wäschetrommel zu ziehen. Zum Starten der Szene wird die X-Taste eingeblendet. Wenn der Spieler stattdessen jedoch eine andere Taste drückt, beginnt Jennifer dieselbe Animation, aber die Umgebung wird nicht angepasst, das heißt das Mädchen greift in die noch geschlossene, laufende Waschmaschine. Während einer besonders kuriosen Cut-Scene etwas später wurde ein völlig falscher Charakter in die Szene geladen, der dann mit spastischen Zuckungen zwischen den üblichen Figuren Pirouetten schlug, während im Hintergrund auch noch eine falsche Tonspur lief. Noch später im Spiel wurde eine geheime Türe nicht richtig geladen, weil ich einen davorstehenden Müllcontainer offenbar zu früh weggeschoben hatte. Dass die Türe überhaupt existierte, erfuhr ich erst durch ein Youtube-Video. Weiterspielen konnte ich erst nach dem Laden eines früheren Speicherstandes.

Wiederholte Probleme gab es auch beim Hochleveln von Jennifers Fähigkeiten. In der Theorie kann Jennifer durch das Auffinden von Motten-Schlüsseln verschiedene Fertigkeiten (zum Beispiel ihre Crafting- oder Schleich-Skills) verbessern. Das dazu benötigte Menü ließ sich stellenweise aber einfach nicht öffnen, außerdem war das Spiel nicht in der Lage, sich zu merken, welche Skills bereits verbessert worden waren. Dass Remothered: Broken Porcelain schlicht unfertig scheint, ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass der Titel eine volle Woche früher als zunächst beabsichtigt veröffentlicht wurde. Immerhin wurden die düsteren Umgebungen größtenteils kompetent modelliert und verleihen dem Titel im Zusammenspiel mit der passenden Hintergrundmusik eine schaurig-schöne Atmosphäre.

Fazit:

Seit dem vorschnellen Release des Spiels wurden fast täglich neue Patches veröffentlicht. Im Internet sind außerdem so gut wie keine Reviews zu finden, denn Publisher MODUS-Games scheint keine Testmuster verschickt zu haben. - Sowohl die Patches als auch die fehlenden Testmuster lassen sich leicht erklären: Remothered: Broken Porcelain hat stellenweise massive technische Mängel und wirkt schlichtweg unfertig. Auch ohne die technischen Probleme wäre das Spiel kein Meisterwerk, aber immerhin ein solides, atmosphärisches Survival-Horrorspiel zum Budgetpreis. Vielleicht werden weitere Patches das Spiel verbessern und einige Probleme ausmerzen, aber bis das der Fall ist können wir keine Empfehlung aussprechen. Schade!

Von uns getestet: PS4-Version

Wertung:

4.5

Jeremiah David meint:

"Massive technische Probleme rauben einem ansonsten soliden Horrorspiel den Spaß."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

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1 Kommentare:


Tobsen
vor 2 Wochen | 1
Krass, wie viel Arbeit du dir auch bei Tests zu misslungenen Spielen machst! Saubere Arbeit!
Das Spiel, denke ich, werde ich aber skippen.