Test: Superliminal

Von Nico Zurheide am 06. Oktober 2020

Perspektive, die

Um die Darstellung räumlicher Verhältnisse geht es in dem neuen Puzzlespiel Superliminal von Entwickler Pillow Castle. Das Team, bestehend aus sechs Entwicklern rund um Game Director Albert Shih, begann bereits 2014 mit der Arbeit an dem Spiel und nahm sich dabei hauptsächlich die bekannten Puzzlespiele Antichamber und Portal als Vorbilder. Ersteres forderte von seinen Spielern, immer wieder um die Ecke zu denken und letzteres hält die Motivation durch viele kleine Puzzles mit ihren eigenen Aha-Momenten aufrecht. Diese beiden Kernaspekte sollten wir theoretisch also auch in Superliminial wiederfinden.

Vom Traum zum Albtraum

Unseren namenlosen Protagonisten steuern wir in First-Person-Perspektive zum PierceInstitut, um dort an einer Studie zur neuen SomnaSculpt-Technologie teilzunehmen. Diese soll dabei helfen, Patienten mittels einer Traumtherapie zu heilen. Wie das in Spielen dieser Art dann nun mal so ist, läuft das Experiment auf fatale Weise schief und wir sind in unserem eigenen Traum gefangen. Dort erhalten wir immer wieder Hinweise von Dr. Glenn Pierce, da uns die Aufseher der Studie nicht mehr in unserer Traumwelt finden können. Unser Ziel ist es nun, die verschiedenen Puzzles zu lösen und so aus dem Traum zu entkommen.

Dieses Prozedere spielt sich linear ab und Raum zum Erkunden gibt es nicht. Das ist aber auch gar nicht schlimm, denn die Rätsel sind stets kurzweilig und steigen in einer angenehmen Kurve in ihrer Komplexität und auch Absurdität. Denn je tiefer wir in unseren Traum vordringen, desto weiter entfernen wir uns von rationalem Denken und damit auch von den physikalischen Gegebenheiten der realen Welt. In den meisten Puzzles sieht das dann so aus: Wir greifen einen normal großen Spielwürfel und behalten ihn mittig in unserem Sichtfeld. Dann gucken wir in eine entfernte Ecke des Raums und lassen den Würfel fallen. Da der Würfel einen großen Teil unseres Sichtfelds eingenommen hatte, fällt er nun in der Größe auf den Boden, die perspektivisch für die Entfernung zwischen uns und Würfel richtig wäre - also deutlich größer als vorher.

Zu kompliziert? Im Trailer unten wird das Prinzip deutlicher, aber kurz gesagt ist es so: Weiter weg - Objekt größer, näher dran - Objekt kleiner. Ganz klassische erzwungene Perspektive also. Später im Spiel bekommen wir noch einige andere Spielmechaniken dazu, etwa das Verdoppeln von Objekten oder der Einsatz von Trompe-l’œils, also dreidimensional wirkenden Malereien. Diese sind im Spiel oft über verschiedene Wände und Objekte verteilt und wenn wir im richtigen Winkel auf das Bild gucken, setzt es sich zusammen und erscheint als Objekt im Raum. Zusammen mit der generell immer surrealer werdenden Optik des Spiels entstanden so einige eindrucksvolle Rätsel, die überdies stets ohne Erklärung gelöst werden können. Denn abseits von Dr. Glenn Pierce, der uns in die eine Richtung lotst, und einer K.I., die uns später in die andere Richtung lotst, kommt Superliminal ohne weitere Textboxen oder Charakterinteraktionen aus.

Ungenutztes Potenzial

Was den wichtigsten Faktor eines Puzzlespiels angeht, hat Superliminal also durchaus etwas zu bieten, auch wenn nicht alle Rätsel überzeugen und die meisten von ihnen entweder zu leicht sind oder durch bloßes Herumprobieren gelöst werden können. Die bloße Einzigartigkeit der Puzzle-Mechanik, auch gegenüber den beiden genannten Vorbildern, kann ganz alleine schon über die Spielzeit lang begeistern. Und das Potenzial für noch viele weitere ausgefallene Rätsel ist hier eindeutig vorhanden. Da ist es direkt doppelt schade um die leider sehr kurze Spielzeit von etwa zwei Stunden, denn das Grundgerüst für einen großartigen Puzzler steht bereits. Ich erwähne an dieser Stelle noch, dass zwischenzeitlich beinahe das gesamte Team abgesprungen war, weil die Entwickler ihr Studium beendeten. Das erklärt auch die relativ lange Entwicklungszeit, aber wir bewerten Spiele nun mal nicht nach der Größer ihrer Entwicklerteams.

Fazit:

Superliminial bietet eine einzigartige Spielmechanik mit erzwungener Perspektive, die zwar nicht unbedingt mit den Portalen aus Portal mithalten kann, aber doch so frisch daherkommt, dass die eigentlich leicht zu lösenden Rätsel hier niemals langweilig werden. Dazu gibt es in späteren Abschnitten auch noch kurze Abwechslung, was angesichts der kurzen Spielzeit und des enormen Potenzials der Spielmechanik aber eher die Frage aufwirft, warum die Entwickler nicht noch weiter versucht haben, alles aus ihrer eigentlichen Idee herauszuholen. Denn die Story kann hier sicher nichts retten, dafür ist sie in ihrer Erzählweise zu altbekannt und vorhersehbar. Wer gerne mit Perspektiven spielt, sollte sich das Spiel aber definitiv anschauen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

6.5

Nico Zurheide meint:

"Außergewöhnliche Spielmechanik trifft auf ungenutztes Potenzial."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Mangelhaft
Technik: Sehr gut

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1 Kommentare:


GF0P
vor 2 Wochen | 0
Könnte durch aus interessant sein. Das Spiel mit den Perspektiven hat mich just in Monument Valley auf Android echt abgeholt.
Das erste Spiel, das ich am Handy durchgespielt habe