Kommentar: Sony vs. Microsoft - wer macht das Rennen?

Von Andreas Held am 21. September 2020

Beide Konzerne haben ihre Karten auf den Tisch gelegt. Die Machtverhältnisse sind klar: PlayStation ist unangefochtener Marktführer, Xbox muss ordentlich aufholen. Kann das in der nächsten Konsolengeneration gelingen? Wir wagen einen Blick in die Kristallkugel.  

Faktor 1: Der Preis 

Während auf Messen gerne von Megahertz, Gigabyte und Teraflops gesprochen wird, ist am eigentlich Markt tatsächlich eher der Preis als die Hardware-Leistung entscheidend. Die Xbox One war zum Zeitpunkt ihrer Markteinführung viel zu teuer, nun dreht Microsoft den Spieß um: Mit der Xbox Series S kommt eine Lite-Variante mit schwächerer Hardware und ohne Laufwerk auf den Markt. 299€ sind als Day-One-Preis für eine neue Spielekonsole auffallend günstig. Bei Sony sieht es etwas anders aus: Wer auf ein Laufwerk verzichtet kann dadurch nur 100€ sparen, bekommt jedoch im Gegenzug die vollwertige Hardware. Die High-End-Modelle kosten auf beiden Seiten 499€, was ein recht saftiger, aber nicht rekordverdächtiger Preis ist. 

Während man die Xbox Series S als echtes Zugeständnis an Gelegenheitsspieler verstehen kann, wirkt die laufwerkslose PS5 eher wie eine eigennützige Kampfansage an den Gebrauchtmarkt. Die Frage ist jedoch, ob Microsoft mit der Low-Budget-Variante tatsächlich den Massenmarkt erschließen kann, oder ob dieser Schuss sogar nach hinten losgeht. Denn während man als Käufer von Musik-CDs heutzutage ausgelacht wird, ist die Akzeptanz von Digitalkäufen bei Videospielen immer noch sehr gering. Mein Kollege Jerry widmete der Tatsache, dass er Life is Strange 2 nicht an seine Nachbarin verleihen kann, einen kompletten Artikel. 

Gleichzeitig äußern viele 3rd-Party-Entwickler schon jetzt ihren Unmut darüber, für Microsoft zwei verschiedene Versionen entwickeln zu müssen - denn das Konzept, dass man einfach die Auflösung reduziert und dann auf der Xbox Series S alles flüssig läuft, geht in der Realität natürlich nicht auf. Wenn Microsoft nicht genug Marktmacht bekommt, um 3rd-Party-Entwicklern dieses zweigleisige Konzept aufzuzwingen, bringen diese ihre Spiele entweder gar nicht auf Xbox - oder entwickeln nur eine Version für die Series S, die dann auf der Series X deutlich schlechter aussieht als auf der PlayStation 5. Beides wäre für Microsoft fatal.

Faktor 2: Das Spieleangebot 

"Software sells Hardware" - diesen Grundsatz macht sich vor allem Nintendo zu Nutze. Und hier hat Sony nach jetzigem Stand klar die Nase vorn. Fans freuen sich auf die Launch-Titel Demon's Souls Remastered und Spider-Man: Miles Morales genauso wie auf kommende Highlights in Form von Ratchet & Clank, Gran Turismo 7, Final Fantasy XVI, God of War oder Horizon: Forbidden West. Bei Microsoft ist hingegen überhaupt nicht klar, welche Launch-Titel - nach der Verschiebung von Halo Infinite auf 2021 - überhaupt noch kommen sollen. Hellblade: Senua's Saga, Psychonauts 2, Everwild und ein geteasertes Forza Motorsport werden irgendwann erscheinen - sind jedoch keine echten Highlights. 

Einen großen Vorteil hat Microsoft beim Thema Abwärtskompatibilität: Sony verbesserte sich in den letzten Monaten von "etwa 100 PS4-Spiele werden unterstützt" über "die meisten eurer Lieblingsspiele sollten laufen" zu "99% der PS4-Spiele sollten laufen". Microsoft ist da eindeutiger: Alle Spiele, die auf der Xbox One abgespielt werden können, werden auch auf den neuen Konsolen funktionieren. Das umfasst nicht nur 100% der Xbox-One-Bibliothek, sondern auch alle Xbox- und Xbox-360-Spiele, die auf der Xbox One gespielt werden können. Eine Kompatibilität zu älteren Konsolen ist bei Sony überhaupt nicht gegeben. 

Ein für den Massenmarkt vielleicht nicht relevanter, aber trotzdem erwähnenswerter Aspekt ist übrigens, dass die PlayStation den Status als Japano-Konsole längst verloren hat. Sony hat neue Richtlinien aufgestellt, durch die es vor allem für kleinere japanische Studios sehr schwer geworden ist, ihre Titel auf die PlayStation-Plattform zu bringen - vor allem, wenn diese auch noch Fanservice enthalten sollten. Spätestens seit der Nintendo-Direct-Ausgabe mit Disgaea 6, Rune Factory 5, Monster Hunter Rise und Monster Hunter Stories 2 sollte klar sein, dass die meisten dieser Entwickler längst zu Nintendo Switch abgewandert sind. Das Kaufargument "auf PlayStation gibt es mehr japanische Spiele" ist also Geschichte. 

Faktor 3: Der Game Pass 

Microsofts größte Chance auf wachsende Marktanteile ist der Game Pass, der entsprechend aggressiv vermarktet wird. Bis auf weiteres werden nicht nur sämtliche First-Party-Titel, sondern auch einige aktuelle Spiele der 3rd Parties gegen eine recht geringe monatliche Gebühr uneingeschränkt spielbar sein. Dank der Abwärtskompatibilität können Käufer einer Xbox Series S oder Series X sofortigen Zugriff auf über 100 Spiele erhalten - z.B. Forza Horizon 4, Sea of Thieves, Yakuza Zero, NieR Automata, The Outer Worlds oder Kingdom Hearts 3. Würde man all diese Spiele einzeln kaufen, läge der Preis deutlich über dem Anschaffungspreis einer Xbox Series X. 

Sony hat mit PlayStation Now ebenfalls einen Abo-Service - dieser ist jedoch nicht mit dem Game Pass zu vergleichen. Sowohl aktuelle First-Party-Spiele als auch hochwertige 3rd-Party-Titel sucht man bei Sony eher vergeblich. Statt das Loch zu stopfen, hat Sony nun noch eine zweite, parallele Online-Bibliothek eröffnet: Die PlayStation Plus Collection. Ob die derzeit 18 Titel umfassende Sammlung überhaupt noch erweitert wird, ist nicht eindeutig klar. So oder so besteht jedoch auch hier keine Konkurrenz zum Game Pass: Wichtige Exklusivtitel wie Beyond: Two Souls oder Horizon Zero Dawn fehlen in der Collection; aktuellere Spiele wie The Last of Us Part 2 oder Ghost of Tsushima sowieso.

Der Game Pass ist für Microsoft jedoch noch aus einem anderen Grund ein Ass im Ärmel: Phil Spencer macht in Interviews keinen Hehl daraus, dass es ihm eigentlich egal ist, wie gut sich die neuen Xbox-Konsolen verkaufen. Wichtig ist dem Xbox-Frontmann die Anzahl der Game-Pass-Abonennten - ob diese nun eine Xbox oder einen Gaming-PC zu Hause stehen haben oder die Titel über xCloud auf einen Laptop oder gar ein Smartphone streamen, ist Microsoft eigentlich egal. Sony ist hingegen komplett auf die Verkaufszahlen der PlayStation 5 angewiesen, und die sind alles andere als gesichert: Die anhaltende Corona-Krise und die nach der US-Wahl zu erwartenden politischen Ausschreitungen könnten sich sehr negativ auf beide Konsolenanbieter auswirken.

FAZIT:

Eigentlich ist es undenkbar, dass Microsoft in der nächsten Konsolengeneration noch einmal so weit hinter Sony zurückfällt, wie es seit 2013 der Fall ist. Phil Spencer vermarktet die neue Konsole deutlich besser als Don Mattrick, was auch am Material liegt, das er zur Verfügung hat: Mit einem Low-Budget-Modell, vollständiger Abwärtskompatibilität und dem Game Pass holt Microsoft gleich zu mehreren Schlägen gegen Sony aus - wenn nur einer davon trifft, ist die Xbox wieder gut im Rennen. Dass Microsoft auf den ersten Platz vorstößt, kann ich mir jedoch kaum vorstellen: Markentreue, Accountbindung und das bessere Spieleangebot von Sony werden dafür sorgen, dass die PlayStation 5 Marktführer bleibt. Für Microsoft ist das jedoch nicht schlimm: Phil Spencer wird auf kommenden Messen keine Xbox-Verkaufszahlen, sondern Game-Pass-Abonnenten feiern. Von diesen wird es in naher Zukunft, vor allem dank der Streaming-Möglichkeiten, sehr viele geben. Und dieser Faktor könnte mittelfristig, also in fünf bis zehn Jahren, durchaus dafür sorgen, dass die Marke PlayStation an Relevanz verliert.

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9 Kommentare:


Asinned
vor 1 Monat | 0
XCloud auf Laptop - der war gut.
Sony wird wohl den klassischen Konsolenkampf gewinnen während MS fleißig daran werkelt die Gamebranche mit ihrem GamePass zu ändern.

Bei mir kommt die PS5 zum Launch ins Haus und sobald XCloud technisch mal ausgereift wird und beispielsweise auch auf Windows läuft (und das vll. mit mehr als 720p) wird auch der GamePass interessant.

Vyse
vor 1 Monat | 0
Momentan laufen die xCloud-Server ja noch auf Xbox-One-Hardware und sollen Anfang/Mitte 2021 auf Series-X-Hardware gehoben werden. Zeitgleich mit dem Umstieg würde ich dann auch Windows-Unterstützung erwarten.

prog4m3r
vor 1 Monat | 1
"Markentreue, Accountbindung und das bessere Spieleangebot von Sony werden dafür sorgen, dass die PlayStation 5 Marktführer bleibt."

Bei 2/3 der Leute ist es meiner Meinung nach eher "Kann ich mit meinen Freunden zusammen FIFA (/beliebiges generisches Sportspiel) spielen?", sollte Microsoft es schaffen hier mit Gamepass inkl. EA Play diesen Sog zu brechen, welchen Sony durch die Verhinderung von Crossplay aufrecht erhält, könnte es für die PlayStation 5 am Massenmarkt eng werden.

Das Argument der Accountbindung sehe ich hingegen eher bei Microsoft gegeben, natürlich habe ich auch eine Handvoll Titel digital auf PlayStation 4 (bzw. 3, aber eben auch nur auf 3), aber wenn Sony (und Nintendo) nicht lernen diese Bibliothek auf der nächsten Generation (ohne zusätzliche Kosten) aufrecht zu erhalten, hat Microsoft einen ganz klaren Vorteil. Über 200 Titel von Xbox, über Xbox 360 bis Xbox One habe ich auf meinem Microsoft-Account und die kann ich alle auf der neuen Konsole verwenden. Accountbindung -> Erfolgreich.

Das "bessere" (ist subjektiv, ich stimme dir allerdings aktuell noch zu) Spielangebot hat Sony vielleicht, aber wie du schon sagst, die japano Konsolen-Tage sind gezählt. Hier ist Nintendo jetzt das heißeste Eisen im Feuer, auch wenn manch ein Titel aktuell noch zuerst seinen Weg auf die PS4 findet, am Ende kommt die vollständige und UNZENSIERTE Version auf Switch. Gerade in der Sparte muss Microsoft aber noch gewaltig nachlegen, dass spekulierte Rebranding der Xbox in Japan als SEGA-Konsole hätte womöglich geholfen, aber die Bibliothek wächst trotzdem, langsam, aber beständig. Vor allem habe ich keine Zweifel: Final Fantasy XVI wird auch noch kommen - auch wenn mich das Spiel momentan NULL interessiert.

Vyse
vor 1 Monat | 0
Das was du ansprichst, meinte ich ja mit "Accountbindung"... man hat auf der PS4 seine Freundes- und Trophäenliste und beides wäre weg, wenn man wechselt. Wobei für den Normalverbraucher tatsächlich die Freundesliste der entscheidende Faktor ist.

Die nicht garantierte Abwärtskompatibilität ist natürlich ein Schwachpunkt. Mit meinem Game-Pass-Tunnelblick nervt mich vor allem, dass man PS4-Titel über PSNow wahrscheinlich nur noch streamen und nicht auf die PS5 herunterladen kann, weil Sony ja nicht garantieren kann dass sie laufen. Wenn alle Titel zeitlich unbegrenzt spielbar und downloadbar wären, würde ich mir in jdem Fall eine PS5 statt einer XSX kaufen, alleine schon wegen der ganzen PS3-Titel.

Ach so, und was japanische Spiele angeht: Man müsste mal nachzählen, aber ich glaube, im Game Pass gibt es mehr JRPGs als auf PSNow.
prog4m3r
vor 1 Monat | 0
Die Freundesliste und mein Gamerscore sind verglichen mit den erworbenen Spielen mMn. eher nebensächlich und da dass Fallbeil des Generationswechsel diesen Umstand bei Microsoft nicht mehr auf null setzen wird, sehe ich hier den deutlich relevanteren Faktor. Der Normalverbraucher spielt aber womöglich auch mehr online Multiplayer-Titel als ich...

Ich finde es ja schon einmal vorteilhaft, dass man die PS4 dann irgendwann auch wegstellen kann und die Spiele auf der PS5 laufen, was ich mir persönlich mehr als vollwertige PS3 Unterstützung wünschen würde, wäre dass man die digital erworbenen Titel für PSP/Vita auf der PS5 spielen kann und natürlich gerne auch die PS1/2 Classics die man für PS3 laden konnte. Vollwertige PS3-Titel sind wohl ausgeschlossen, bei PS2 und 1 kann man noch auf eine vernünftige Emulation hoffen...

Mag sein, PSNow ist mMn. aber auch vollkommen uninteressant und der Gamepass Ultimate verkommt bei mir eher zum digitalen Rabatt-Coupon...


michi1894
vor 1 Monat | 1
Der Gamepass Ultimate (inklusive EA) wird dieses Mal für einen ausgeglicheneren "Fight" beider Hersteller sorgen, da bin ich mir fast sicher. Betrachtet man das Aufgebot zum Start neutral, dann kommt man mit Micrsoft einfach deutlich günstiger weg. Und Hand auf's Herz: wer nicht auf Demon's Souls und Spider Man steht, bekommt zum Launch der PS5 überhaupt nichts. Da fällt es auch kaum bis gar nicht ins Gewicht, dass es auf der XBOX Series X/S keine Spiele zum Start gibt. Der Gamepass ist voll und ich gehe fest davon aus, dass Käufer einer neuen Konsole ein paar Wochen bis Monate gratis mit dem Gamepass Ultimate verbringen dürfen. Wer wirklich die Nase vorne haben wird, dürfte sich dann im kommenden Jahr zeigen, wenn beide Hersteller ihre großen System-Seller aus den Ställen lassen. Aber Obacht: nicht das Nintendo der lachende Dritte ist, mit einem 4k-Modell nebst Metroid und neuem Super Mario im kommenden Jahr um die Ecke brescht und beide in den Sack steckt ;).

Vyse
vor 1 Monat | 0
Das ist übrigens auch ein gutes Argument zum Wechseln.

Beide Konsolen haben keine nennenswerten Launch-Titel, also bringt mir eine PS5 überhaupt nichts, während ich auf einer XSX die ganzen Xbox-One-Spiele nachholen kann. Alle fünf! Aber immerhin ^^

McClane
vor 1 Monat | 1
Der Artikel ist nun veraltet.

TraxDave
vor 1 Monat | 0
Objektiv finde ich das Angebot der Xbox besser. Das war seit Ankündigung meine Meinung und ist sie auch jetzt noch. Ob das großartig was an der Marktherrschaft ändert, wage ich zu bezweifeln. So dominant wird Sony sicher nicht mehr sein. Aber ob Microsoft großartig aufholen kann, will ich noch nicht abschätzen. Ich merke alleine in meinem Freundeskreis, dass einfach aus Prinzip die PS geholt wird, einfach weil sie glauben, dass sie besser ist. Wenn man fragt wieso, dann wissen sie eh keine Antwort. ^^

Ich hoffe auf gesunde Konkurrenz, denn die belebt das Geschäft und ist gut für uns Gamer.