Test: Manifold Garden

Von Michael Prammer am 14. September 2020

Wenn Christopher Nolan ein Videospiel entwickelt hätte, würde es wohl in etwa so aussehen: Manifold Garden bringt euch an die Grenzen des Begreifbaren und begeistert an allen Ecken und Kanten.

William Chyr mag nicht den Bekanntheitsgrad eines Filmemachers wie Nolan innehaben, der sich mit Meisterwerken wie Memento, Inception oder Interstellar, einen Namen gemacht hat. Betrachtet man jedoch sein fertiges Werk, sind gewisse Parallelen durchaus zu erkennen. Da wäre zum Beispiel die grundlegende Genialität der Idee des Gesamtkonzepts, die von Anfang an greift und bis zum Ende hin fesselt. Dann gibt es da die vielen Aha-Momente, die immer wieder für Verblüffung sorgen und letztlich mehr oder weniger logisch erklärbar sind. Und letztlich muss der Spieler hin und wieder seinen Verstand ganz ausschalten und sich der fiktiven Welt hingeben, um das ihm hier gebotene Medium komplett aufzusaugen. Doch nun genug der Filmvergleiche.

Drehwurm zum Glück
Manifold Garden ist ein Puzzle-Spiel, das es mit der Physik, wie wir sie kennen, nicht ganz so ernst nimmt. Das eigentliche Ziel des Spiels ist es, sich einen Weg durch unterschiedliche Labyrinthe zu bahnen, die zumeist durch einige Türen versperrt sind. Manche dieser Türen lassen sich einfach per Tastendruck öffnen, andere wiederrum müssen durch das Neuanordnen von Blöcken erst entriegelt werden. Soweit eigentlich nichts Besonderes, wäre da nicht die komplett verrückte Spielwelt. Diese lässt sich nämlich per Tastendruck einfach drehen. Und zwar immer genau um 90 Grad. Dadurch gelangt der Spieler durch einen einfachen Tastendruck plötzlich an ganz andere Orte. Die Schwerkraft spielt dabei eine wichtige Rolle, springen kann unser unbekannter Held auch nicht und Gegenstände, die wir zum Entriegeln von Türen benötigen, fallen auch wie Blei, ist die Welt erst einmal gedreht.

Genau dieser Spielmechanismus macht den Reiz an Manifold Garden aus. Und genau diese Spielmechanik macht das Spiel so brillant. Ihr beginnt in einem Gebäude, das mit einfachen Schalterrätseln ausgestattet ist. Im letzten Raum befindet sich ein Würfel - auf dem Boden allerdings zwei Bodenplatten, um das dazugehörige Tor zu öffnen. Die Würfel haben Markierungen, welche anzeigen, wie sie sich in Sachen Schwerkraft verhalten. In unserem Beispiel „klebt“ der Würfel an der Decke. Was also tun? Wir drehen uns den Raum so zurecht, dass wir den Würfel zu greifen bekommen. Dann positionieren wir diesen genau auf den anderen Würfel, damit uns beim erneuten Drehen des Raums die Schwerkraft keinen Streich spielt und den Würfel zurückfallen lässt. Anschließen setzen wir beide Objekte in die gewünschte Position und betreten die nächste Ebene.

Gespielt wird dabei komplett aus der Ego-Perspektive, was ausgezeichnet funktioniert und für dieses Knobelspiel wie geschaffen scheint. Viele Eingabemöglichkeiten gibt es nicht und so bleibt euch, außer der Kamerasteuerung und dem Greifen von Objekten, kein weiterer Handlungsspielraum. Mehr ist auch nicht notwendig, da sich der Clou des Spiels sowieso um die Physik und die Schalterrätsel dreht. Ähnlich spartanisch wie auch genial verhält es sich mit der Technik. Die einfach gezeichneten Bauwerke, Hintergründe und Objekte wirken trotz ihrer Einfachheit verblüffend und laden zum Staunen ein. Vor allem immer dann, wenn ihr durch simple Drehereien seht, was eigentlich für ein umwerfendes Objekt geschaffen wurde und wie durch wenige Handgriffe etwas völlig anderes entsteht. Die musikalische Untermalung passt ebenfalls perfekt und unterstreicht das Spielgeschehen stets passend.

FAZIT:

Manifold Garden ist ein Kunstwerk. Und das nicht nur optisch gesehen, immerhin wirkt der Grafikstil rund um die Bauwerke teilweise sehr abstrakt. Es ist jedoch vor allem die gelungene Spielmechanik, die immer wieder für Verblüffung sorgt und das gesamte Spiel über bestens unterhält. Selten hat mich ein Knobelspiel so dermaßen gefesselt wie Manifold Garden und das obwohl der Titel gar keine komplizierten, ausufernden Kniffe bereithält. Wer natürlich für Knobelspiele generell nichts übrig hat, der wird auch mit diesem Titel natürlich eher wenig Freude haben, aber dieser Personengruppe sind auch andere Genre-Vertreter nicht zu empfehlen. Grundsätzlich erlebt ihr in den 8 bis 10 Spielstunden, die ihr für Manifold Garden benötigen dürftet, ein wirklich außergewöhnliches Videospiel, das zu den besten seiner Art zählt.

Wertung:

9

Michael Prammer meint:

"Ein künstlerisch herausragendes Knobelspiel, das auch spielerisch zu den besten seiner Art zählt."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Gut
Technik: Gut

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