Test: Mortal Shell

Von Michael Prammer am 07. September 2020

Ist Mortal Shell nur ein weiterer Dark Souls-Klon oder ein Action-Adventure mit eigenständigen Elementen? Kann es spielerisch überzeugen? Diese Fragen soll unser Test klären.

Eine kryptische Geschichte, die auf den ersten Blick niemand versteht, ein Schwierigkeitsgrad, der Spieler an den Rand der Verzweiflung treibt und ein dunkles Setting – das sind die Hauptmerkmale sogenannter „Soulslike“-Spiele. Die Spieleschmiede Fromsoftware hat es geschafft, ein Subgenre im Segment der Action-Adventures zu etablieren, welches in der aktuellen Spielkultur kaum noch wegzudenken ist. Dementsprechend muss sich aber auch jeder potentielle Titel, der es mit Dark Souls und co. aufnehmen möchte, an der Spieleserie messen lassen. Letzteres ist in diesem Fall womöglich nicht wirklich fair, denn Mortal Shell ist ein kleines Projekt, das von gerade einmal fünf Entwicklern programmiert wurde. Das sieht man dem Spiel aber keineswegs an. Im Gegenteil: der Indie-Titel bringt sogar einige frische Ideen mit, von denen sogar der „große Bruder“ lernen könnte.

Körper sucht Hülle

Der Protagonist, ein loser Körper, begibt sich in die mysteriöse Welt Fallgrimm. Er selbst ist schwach, gebrechlich und kann lediglich einen einzigen Treffer einstecken. Das ist aber kein Problem, immerhin sind in der Welt vier seelenlose Hüllen verteilt, die einst großen Kriegern gehörten. In einer der Hüllen ist der Körper plötzlich gar nicht mehr so schwach auf der Brust – im Gegenteil. Jede Hülle hat andere Fähigkeiten und zeigt unterschiedliche Stärken und Schwächen. Die Attribute des Ritters sind ausgeglichen und so ist er zu Beginn der ideale Begleiter auf der Reise. Der Schurke besitzt jede Menge Ausdauer, während der Gelehrte viele Aktionspunkte (Entschlossenheit) besitzt und dadurch mehr Spezialtechniken anwenden kann. Diese vier Klassen sind die einzigen Rollenspiel-Elemente in Mortal Shell, welches ansonsten als reiner Action-Adventure-Titel daherkommt, was den größten Unterschied zu Dark Souls ausmachen dürfte. Zwar lassen sich 10 Fähigkeiten pro Charakter freischalten, eine Entwicklung des Protagonisten im eigentlichen Sinne gibt es allerdings nicht.

Besiegte Feinde geben dabei die notwendige „Währung“ zur Freischaltung neuer Fähigkeiten. Zusätzlich werden sogenannte Einblicke benötigt, die ebenfalls von Feinden zu holen sind. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Heilungssystem. Anders als beispielsweise in Dark Souls, gibt es keine Flakons, die dem Hauptcharakter sofort eine große Menge Lebensenergie schenken, sondern Pilze, die in einem bestimmten Zeitraum einen kleinen Anteil an Leben wiederherstellen. Der Vorteil an der Geschichte: die Pilze regenerieren sich wieder und können nach einer gewissen Zeit erneut geerntet werden. Der Nachteil: die Ressourcen sind rar und wenn in einem Kampf einmal Treffer eingesteckt werden, dann geht ruckzuck eine große Anzahl an Pilzen für die Gesundheit drauf.

Tolles Kampfsystem 

Deshalb ist es wichtig, das Kampfsystem von Mortal Shell zu beherrschen. Das Grundsystem unterscheidet sich nicht großartig von anderen Genrevertretern: Gegner anvisieren, schlagen, ausweichen, kontern – alles wie gehabt. Die Hitboxen lassen dabei zwar zu wünschen übrig, was hin und wieder auch mal zu eurem Vorteil ausfallen kann, im Grunde funktioniert die Grundmechanik aber ganz gut, nicht zuletzt, weil das altbekannte Schema durch ein paar neue Ideen bereichert wurde. Via Tastendruck dürft ihr zu Stein erstarren, was euch für kurze Zeit unverwundbar macht. Direkt danach lässt sich ein Angriff ausführen, was zu einem wichtigen Mittel im Kampf gegen Bosse werden kann. Natürlich lässt sich diese Technik erst nach einer Abklingzeit wiederholen, wer allerdings das System verinnerlicht, zusammen mit der Parade und dem Ausdauersystem ordentlich ausweicht und sich die Angriffsmuster der Gegner einprägt, der wird das Kampfsystem von Mortal Shell lieben. Gerade die bereits angesprochenen Bosskämpfe werden dadurch zu echten Höhepunkten.

Neben dem Gameplay ist definitiv die Spielwelt ein Highlight des Spiels. Der größte Teil spielt sich in einem Wald ab, aber während der etwa 20-stündigen Story betreten wir auch immer wieder düstere Verliese oder schneebedeckte Landschaften. Dabei sollte man auch stets die Augen offenhalten, denn es gibt eine Menge Gegenstände zu entdecken. Der Clou ist hier, dass es nicht einfach reicht, einen Gegenstand aufzusammeln, um den kompletten Sinn und Zweck dahinter zu begreifen. Erst wenn man von einem Item eine bestimmte Anzahl gefunden hat, offenbart sich die komplette Geschichte beziehungsweise der Nutzen hinter dem jeweiligen Gegenstand. Die Story entwickelt sich ansonsten nur beim Auffinden der Hüllen, beim Besiegen der Bosse und bei einem NPC, der beim Aufleveln hilft, weiter.

Optisch zeigt sich die von uns getestete PS4-Version Mortal Shell wunderbar atmosphärisch und technisch sauber. Die Framerate ist weitestgehend stabil. Die düsteren, nebligen Umgebungen im gotischen Stil erinnern mit vielen Statuen, schlanken Türmen, abgestorbenen Bäumen, Grüften und Tempeln an alte Horrorfilme. Bemängeln kann man allerdings die deutschen Übersetzungen, die teilweise grausam sind, sowie die bereits angesprochenen Hitboxen, die für ein nicht immer akkurates Trefferfeedback sorgen. Anders als beispielsweise in Dark Souls, können Gegner durch Glitches aber kaum bezwungen werden.

Fazit:

Mortal Shell ist für mich wie ein inoffizieller Nachfolger zu Dark Souls 3. Und damit ist der Ritterschlag perfekt. Dieser Indie-Titel muss sich vor keinem Soulslike-Spiel verstecken. Was die Handvoll Entwickler hier auf die Beine gestellt haben, ist aller Ehren wert. Mortal Shell macht keinen Hehl daraus, dass man sich bei Dark Souls inspirieren ließ, schafft es allerdings dennoch, neue Ideen einzubringen und trumpft mit einem tollen Kampfsystem auf. Der Wiederspielwert hält sich zwar  in Grenzen und nach 20 Stunden ist die Luft deutlich raus. Die Charakterentwicklung kommt außerdem sehr dünn rüber und die Hitboxen sowie die deutsche Übersetzung sind nicht perfekt, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Die Lernkurve stimmt, die Welt ist stimmig, die Atmosphäre passt – für Fans des Genres ein gelungenes Paket. Wer die Souls-Reihe liebt, kommt um diesen Titel nicht herum.

Wertung:

8.0

Michael Prammer meint:

"Ein tolles, neues Kampfsystem trifft auf die typische Dark-Souls-Formel – so macht „Soulslike“ Spaß"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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