Test: Ary and the Secret of Seasons (Nintendo Switch)

Von Jeremiah David am 05. September 2020

Endlich wieder ein guter Zelda-Klon?

Der von vielen Gamern heiß erwartete Nachfolger zu The Legend of Zelda: Breath of the Wild hat leider noch keinen konkreten Veröffentlichungstermin, mit Ary and the Secret of Seasons möchte uns das belgische Entwicklerstudio eXiin jedoch die Wartezeit versüßen. Es ist mehr als offensichtlich, dass sich die Entwickler inhaltlich und spielerisch von Nintendos großer Abenteuerserie inspirieren ließen, aber kann Ary auch qualitativ mithalten? Das klärt unser Test!

Ary heißt eigentlich Aryelle, ist aber keine Meerjungfrau, sondern ein ganz normales Mädchen – nun ja, fast ganz normal. Sie ist die Tochter eines Jahreszeiten-Wächters in dem fantastischen Land Valdi. Arys Vater ist der Wächter des Winters und so herrscht in dem von ihm bewachten Landstrich Yule immer eisige Kälte. Den Leuten dort gefällt das allerdings. Sie haben sich an Schnee und Eis gewöhnt und fangen zu jammern an, wenn ihnen zu warm wird.

Von ihrer Mutter wird Ary eines morgens zum Marktplatz geschickt. Das junge Mädchen soll mehr im Haushalt mithelfen, denn ihr Bruder Flynn ist seit einiger Zeit spurlos verschwunden und ihr Vater, der noch um den Verlust seines Sohnes trauert, sitzt nur teilnahmslos herum. Der Marktplatz ist eigentlich ein friedlicher Ort, aber als Ary dort ankommt, brechen zwei Hyänen wortwörtlich durch eine Mauer und sorgen für Chaos. Die Hyänen, die auf ihren Hinterbeinen gehen und optisch den Bokoblins aus Breath of the Wild nicht unähnlich sind, schlagen sich erst die Bäuche voll und greifen dann Ary an, die sich mutig mit einem langen Kochlöffel verteidigt. Eine der Hyänen trägt ein Holzschwert bei sich, das mit dem Namen „Flynn“ versehen ist. Ary erkennt das Schwert ihres Bruders sofort wieder.

Als wäre der Angriff der Hyänen nicht schon schlimm genug, stürzen kurze Zeit später riesige rote Kristalle vom Himmel und bringen das Wetter komplett durcheinander. Der Schnee schmilzt, alles wird grün. Den Leuten in der Stadt passt das gar nicht und auch Ary ist vom plötzlichen Sommer nicht begeistert. Als neugieriges, abenteuerlustiges Mädchen möchte sie dem Geheimnis der Kristalle und natürlich dem Verschwinden ihres Bruders auf die Spur kommen, doch ihre Mutter verbietet ihr beides. Selbstredend lässt sich Ary aber nicht lange von dem Verbot aufhalten. Sie schneidet sich die Haare und zieht andere Kleidung an, um wie Flynn auszusehen. Dann klaut sie den magischen Winter-Kristall ihres Vaters und zieht heimlich in die Welt hinaus.

The Legend of Ary: Breath of the Fetch-Quest

Spätestens nachdem Ary ihren Heimatort verlassen hat, wird das Spiel zu einer Art Breath-of-the-Wild-Lite. Valdi ist bei weitem nicht so groß wie Hyrule, aber dennoch relativ weitläufig und in kleine Ortschaften, ländliche Gebiete, feindliche Lager und Tempel aufgeteilt. Die Tempel erkundet Ary, um neue Items zu finden und die Hauptstory voranzutreiben. Dort und an ein paar anderen Orten warten außerdem Bossgegner darauf, besiegt zu werden. Wichtige Items befinden sich in und außerhalb der Tempel in goldenen Schatztruhen. In braunen Schatztruhen befinden sich viel häufiger Münzen, die Ary bei verschiedenen Händlern für Upgrades oder kosmetische Items wie neue Kleider, Hüte oder Masken ausgeben kann. Münzen bekommt Ary auch für das Erledigen von Side-Quests, diese sind aber selten mehr als belanglose Fetch- oder Sammelaufgaben. Ein Koch möchte beispielsweise, dass Ary ihm Fische für sein Restaurant bringt. Anderswo will eine Mutter, dass ihrem Sohn eine warme Jacke gebracht wird. Die Anzahl ähnlicher Aufgaben ist groß, und generell ist das Quest-Design eine Schwäche des Spiels. Manche Main-Quests sind noch sinnfreier als die ohnehin nicht sonderlich einfallsreichen Nebenaufgaben. Im Örtchen Ostara vermisst der Hauptmann der städtischen Gardisten zum Beispiel eine Wache. Ohne den Vermissten lässt er Ary nicht ins Schloss. Um ihm zu helfen, muss Ary mehrere Bewohner in der Ortschaft nach dem Wachmann befragen. Praktisch heißt das: Das Mädchen klappert markierte Punkte der Mini-Map ab und spricht an den so vorgegebenen Orten mit scheinbar willkürlich gewählten Fremden. Weil niemand weiß wo der Wachmann abgeblieben ist, kehrt Ary zum Auftraggeber zurück, der sich bei ihr entschuldigt und lapidar meint: „Er stand die ganze Zeit hinter mir“. Sollte es nicht bereits offensichtlich sein: Der eigenwillige Humor des Spiels zündet nicht immer.

Gewöhnungsbedürftig ist zudem, dass die Mini-Map sich nicht wie ein Kompass dreht, wenn Ary ihre Laufrichtung ändert. Ebenso ist es nervig, dass mindestens zwei Questziele grundsätzlich in Textform eingeblendet werden und einen nicht unerheblichen Teil des Bildschirms bedecken. Anders als die Mini-Map lassen sich diese Texte auch nicht ausblenden. Ein Bug sorgte bei unserem Testdurchlauf zu allem Überfluss dafür, dass eine erfolgreich beendete Quest nicht als abgeschlossen erkannt wurde und so über Stunden hinweg die Sicht verdeckte. 

Ary and the Will of the Seasons

Der Spieler steuert Ary aus der 3rd-Person-Perspektive und kann mit der A-Taste jederzeit springen. Mit der linken Schultertaste visiert Ary Gegner an und begibt sich in einen Kampfmodus. Die Hyänen und andere Feinde vermöbelt sie dann mit ihrem Schwert, oder entwischt gegnerischen Attacken mit einer Ausweichrolle. Alternativ kann sie Angriffe auch blocken. Im Vergleich zu Breath of the Wild fühlt sich die Steuerung jedoch unpräzise an, was aber kaum stört, denn selbst im höchsten der vier Schwierigkeitsgrade ist das Spiel so leicht, dass selbst ungeübte Spieler abseits der Bosskämpfe selten vor Herausforderungen gestellt werden sollten, zumal die meisten Kämpfe optional sind. In der linken oberen Ecke des Bildschirms wird Arys Lebensenergie in der Form von roten Herzen dargestellt, diese füllen sich aber nach einem Kampf ganz von alleine wieder auf, wenn Ary über einige Sekunden hinweg keinen Treffer einstecken musste. Zudem kann sie Äpfel essen, um sofort wieder Energie zu bekommen. Von der ersten Minute an ist klar, dass Ary and the Secret of Seasons für ein junges Publikum entwickelt wurde.

Spielerisch setzt sich Ary and the Secret of Seasons vor allem durch den Einsatz der Jahreszeiten-Kräfte von Nintendos Zelda-Titeln ab. Am Anfang des Spiels kann Ary mit dem Kristall ihres Vaters eine Wintersphäre erzeugen. Im Prinzip ist das eine transparente, blau leuchtende Kuppel, unter der sich Wasser in Eis verwandelt. Bestimmte, mit mystischen Symbolen versehene Monolithen verstärken den Effekt der Sphäre und lassen so Schnee und Eis über ganze Räume, Inseln oder Höhlen hereinbrechen. Im Laufe des Spiels bekommt Ary Zugriff auf Kräfte aller vier Jahreszeiten. Verschiedene passiv oder aktiv anwendbare Items wie spezielle Stiefel, eine Halskette oder eine Schleuder helfen Ary zudem beispielsweise höher zu springen, zu tauchen oder ihre Jahreszeitenkräfte auch auf entfernte Gegenstände anzuwenden. Elementarangriffe, die sich durch Kombos und das Kontern gegnerischer Angriffe aufladen, helfen beim Vermöbeln von Feinden. Am Häufigsten finden diese Fähigkeiten und Items in den Tempeln Anwendung und dort macht Ary and the Secret of Seasons zumindest stellenweise auch richtig Spaß. Einige der Puzzles sind durchaus auf Zelda-Niveau. Umso bedauerlicher ist es, dass die anderen Gebiete nicht halb so kurzweilig sind und das Spiel auch technisch nicht annähernd so gut umgesetzt wurde wie Links letztes Abenteuer.

Grand Theft Texture

Technisch unterscheidet sich Ary and the Secret of Seasons deutlich von Breath of the Wild, aber beginnen wir vielleicht besser mit den Ähnlichkeiten und damit den positiven Aspekten der Präsentation: Die Hintergrundmusik passt stets wunderbar zum Geschehen und die englische Sprachausgabe wurde absolut professionell umgesetzt – auch wenn diese nur während den Videosequenzen Verwendung findet. Die restliche Soundkulisse ist ebenso über jeden Zweifel erhaben. Leider lässt sich selbiges jedoch nicht über die Grafik sagen. Ary and the Secret of Seasons profitiert von einer stilisierten, fast comichaft bunten Darstellung, die übermäßig viele Details unnötig macht, aber die ein oder andere extrem matschige Textur sticht dennoch negativ ins Auge. Auffällig ist zudem, dass es in der Switch-Version des Spiels fast gar keine Licht- oder Schatteneffekte gibt und jede Weitsicht durch eine Art blauer Nebel zunichtegemacht wird. Die vielen Gewässer im Spiel sehen zudem lachhaft schlecht aus und bestehen aus wenig mehr als verschwommenen Umrisslinien. Befindet sich Ary im Wasser, ziehen sich stets Kreise um sie, selbst wenn sie sich gar nicht bewegt. Die meisten NPCs sehen analog dazu aus, als wären sie einem billigen Animationsfilm der späten 90er-Jahre entsprungen. Sie stehen stets nur mehr oder weniger bewegungslos in der Gegend herum und besitzen häufig weder Mimik noch Gestik. Leider ist auch die Framerate inkonstant, Pop-Ups sind allgegenwärtig und Ladebildschirme können nicht nur beim Wechsel der Areale oder beim Betreten von Gebäuden plötzlich den Spielfluss unterbrechen. Auch Bugs und Glitches gehören bedauerlicherweise zum Gesamtpaket dazu. So stürzte uns das Spiel mehrfach komplett ab und Gegenstände wurden an falscher Stelle oder gar nicht geladen. Weniger nervig, aber doch kurios sind Übersetzungsprobleme, die dafür sorgen können, dass zwischen den deutschen Untertiteln hin und wieder auch englische oder französische Texte erscheinen können.

Fazit:

Ary and the Secret of Seasons ist ein Zelda-Klon, der besonders jüngere Spieler ansprechen will. Im direkten Vergleich mit Breath of the Wild zieht das Spiel jedoch in praktisch jeder Hinsicht deutlich den Kürzeren. Mit einer Spielzeit von 10 bis 12 Stunden ist Arys Abenteuer nicht sonderlich lang, die Steuerung ist unpräzise, die Quest-Gestaltung ist mit einigen Ausnahmen nicht sonderlich abwechslungsreich und die Technik besonders im TV-Modus der Nintendo Switch mangelhaft. Hier verschenkt das Spiel viel Potenzial. Ary selbst ist aber zum Glück ein kecker, sympathischer Charakter, die Hauptstory kann trotz einiger billiger Aufgaben gut unterhalten und die Manipulation der Jahreszeiten innerhalb der Tempel macht größtenteils ebenfalls Laune. Wer den Release von Breath of the Wild 2 absolut nicht abwarten kann, sollte sich ein paar Videos zu Ary and the Secret of Seasons auf der Switch anschauen und dann für sich entscheiden ob er dem Spiel eine Chance geben möchte. Alle anderen warten besser noch etwas länger.

Wertung:

5.5

Jeremiah David meint:

"Ein Zelda-Klon für jüngere Spieler, der leider unter einigen technischen Problemen leidet"
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

Schreibe einen Kommentar: