Test: Fall Guys: Ultimate Knockout

Von Andreas Held am 10. August 2020

Ein Battle-Royale-Videospiel im Stil von Takeshi's Castle - ist das genauso spaßig, wie es klingt?

Seit dem Erfolg von PlayerUnknown's Battlegrounds im Jahr 2017 ist das Battle-Royale-Genre aus der Videospielewelt nicht mehr wegzudenken. Dank etlicher Nachahmer ist der Markt mittlerweile jedoch völlig übersättigt, sodass sich Neueinsteiger etwas einfallen lassen müssen, wenn sie den Platzhirschen Marktanteile streitig machen wollen. Neuartige Spielideen sind für den in London ansässigen Entwickler Mediatonic jedoch kein Fremdwort: Neben der skurrilen Dating-Simulation Hatoful Boyfriend hat das Studio auch Murder By Numbers entwickelt, das man als Crossover zwischen Phoenix Wright und Nintendos Picross-Serie beschreiben könnte. Für ihr drittes Spiel ließen sich die Briten von der in den späten 80er Jahren produzierten Fernsehserie Takeshi's Castle zu einem Battle-Royale-Titel inspirieren, in dem Spieler in die Rolle einer der armen Japaner oder Japanerinnen schlüpfen dürfen, die in der TV-Show allerlei waghalsige Prüfungen absolvieren mussten, um sich für eine Finalrunde zu qualifizieren.

Hindernisläufe, Survival-Runden und mehr

Ganz im Sinne der TV-Vorlage könnt ihr euch in Fall Guys für eine Episode anmelden, die aus bis zu fünf Spielrunden besteht und anfangs bis zu 60 Teilnehmer zählt. In den ersten vier Spielrunden wird meist jeweils etwas weniger als ein Drittel der Teilnehmer eliminiert, sodass am Ende rund zehn Spieler in einer Finalrunde um den Gesamtsieg kämpfen. In den einzelnen Spielrunden bestreitet ihr eines von derzeit insgesamt 24 Minispielen, das etwa zwei Minuten dauert. Die meisten dieser Minispiele sind Hindernisläufe, in denen ihr möglichst schnell die Ziellinie erreichen müsst - wer Erfahrungen mit 3D-Platformern hat, ist hier klar im Vorteil. Das restliche Inventar besteht aus Survival-Herausforderungen und Team-Runden. In diesen Challenges müsst ihr beispielsweise auf einem rotierenden Zylinder balancieren oder die gegnerische Mannschaft in einem Fußball-Match bezwingen.

Mediatonic haben ihr Spiel bewusst so gestaltet, dass in allen Minispielen ein starker Glücksfaktor eine Rolle spielt. Das liegt zum Teil an der Steuerung, die einerseits sehr simpel, aber andererseits auch sehr schwammig gehalten ist. Die eiförmigen Spielfiguren fallen und stolpern recht unbeholfen durch die Gegend und sind außerdem recht träge. Team-Minispiele sind praktisch ein Münzwurf, denn wenn 45 Spieler in drei 15er-Teams aufgeteilt werden, spielt die eigene, individuelle Leistung fast keine Rolle mehr. Dadurch können auch geübte Spieler mal vorzeitig ausscheiden, insbesondere wenn sie in einem ungünstigen Moment von einem anderen Teilnehmer umgerannt oder festgehalten werden. Dieser Glücksfaktor ist ein potentieller Kritikpunkt, letztendlich aber auch ein notwendiges Übel, da sonst ein Großteil der Spieler fast nie über die ersten beiden Spielrunden hinauskommen würde. So jedoch darf jeder vom Gesamtsieg träumen.

Es lebe der Battle Pass

Nach dem Abschluss einer Episode erhaltet ihr - selbst dann, wenn ihr direkt in der ersten Runde ausgeschieden sein solltet - Prestige und Kudos. Bei der Prestige handelt es sich quasi um Erfahrungspunkte, durch die ihr im Level aufsteigen und neue kosmetische Items sammeln könnt - dieses Feature ist mittlerweile, meist unter dem Begriff "Battle Pass", ziemlich etabliert. Ebenfalls aus zahlreichen anderen Multiplayer-Titeln bekannt ist das Konzept der Seasons: Die erste Staffel endet Anfang Oktober, danach werdet ihr auf Level 1 zurückgesetzt und es gibt einen neuen Battle Pass mit neuen Belohnungen. Anders als in Fortnite ist der Battle Pass übrigens komplett kostenlos.

Bei den Kudos handelt es sich um eine Ingame-Währung, die ihr bei Bedarf auch mit Echtgeld kaufen könnt. Diese kann im Ingame-Shop zum Kauf weiterer kosmetischer Items eingesetzt werden. Daneben gibt es noch eine zweite Ingame-Währung: Kronen, die nur als Belohung für Gesamtsiege und in geringen Mengen über den Battle Pass verliehen werden und auch nicht erkauft werden können. Es versteht sich von selbst, dass ihr eure Kronen fürsorglich behüten und nur für Items ausgeben solltet, die ihr auch wirklich haben wollt. Neben den Outfits, die ihr über den Battle Pass freischalten oder mit freigespielten Kudos und Kronen kaufen könnt, gibt es noch ein paar weitere Kostüme, die ausschließlich als kostenpflichtige DLC-Pakte zur Verfügung stehen.

Mediatonic möchte Fall Guys langfritsig unterstützen und auf diese Weise zu einem echten Dauerbrenner etablieren. Zu diesem Zweck soll das Spiel - wahrscheinlich mit Updates zum Beginn jeder Season - regelmäßig mit neuen Inhalten und Features erweitert werden. Das ist dringend nötig, denn mit 24 Minispielen, die jeweils nur zwei Minuten dauern, ist der Umfang bisher recht dünn und viele Spielrunden wiederholen sich ständig. Auch die Anzahl der freispielbaren Outfits ist derzeit noch sehr überschaubar.

Spielerische und technische Schwächen

Es ist kein Geheimnis, dass Fall Guys einen unglaublich erfolgreichen Launch hatte. Das Spektakel konnte quasi aus dem Stand über 150.000 gleichzeitige Twitch-Zuschauer und über eine Million Spieler anlocken. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr - wenn sechzig Tollpatsche gleichzeitig über einen Hindernisparcours wuseln, ist das Ergebnis ein absolutes Fest. Auch die meisten der anderen Minispiele können Spaß machen, aber nicht alle haben denselben Unterhaltungsfaktor. Die Survival-Runden sind beispielsweise zu leicht, sodass in diesen Minispielen fast niemand ausscheidet. Ein generelles Problem ist die Grabbing-Mechanik: Wer stehenbleibt und einen anderen Spieler festhält, schadet damit gleichermaßen sich selbst, aber das bringt viele Spieler natürlich trotzdem nicht davon ab, anderen eine Spielrunde zu versauen. Wenn der Anteil der Trolle und Griefer irgendwann zunimmt, könnte sich dieser Aspekt zu einem echten Spielspaßkiller entwickeln.

Bei meiner Kritik am Gameplay handelt es sich größtenteils um Meckern auf hohem Niveau - deutlich härter muss ich mit der technischen Seite des Spiels ins Gericht gehen. Das liegt nicht nur daran, dass die Server nach dem Release fünf Tage lang fast durchgehend unerreichbar waren - erst am späten Samstagabend konnte ich zum ersten Mal eine längere Spielsitzung absolvieren. Vorher hätte ich dies aber auch gar nicht gekonnt, da ich mich tagelang mit gravierenden technischen Fehlern der PC-Version herumschlagen musste. Fall Guys startete in einer falschen Sprache, und die Bildwiederholrate war auf 20 FPS beschränkt. Beide Probleme musste ich eigenständig durch Workarounds lösen, da meine Support-Anfragen an den Kundendienst von Mediatonic auf sämtlichen Kanälen unbeantwortet blieben.

Immerhin: Wenn Fall Guys dann irgendwann einmal funktioniert, funktioniert es richtig gut. Während der eigentlichen Matches kommt es fast nie zu Verbindungsabbrüchen oder Lags. Einige Spieler berichten jedoch davon, dass sie nach erfolgreich absolvierten Spielrunden regelmäßig vom Server fliegen und in der Folge keine Belohnungen in Form von Kudos oder Prestige erhalten. Grafisch ist das Battle Royale eher simpel gehalten, sieht jedoch trotzdem richtig toll aus. Im Gegensatz zu den meisten AAA-Produktionen besticht der Indie-Titel nicht mit Polygonzahlen, sondern durch eine gestochen scharfe, farbenfrohe Optik. Bei der Musikuntermalung haben sich die Entwickler offensichtlich von Splatoon inspirieren lassen und bieten uns unaufdringlichen Elektropop mit subtilen Vocals in einer Fantasiesprache.

Fazit:

Wäre Fall Guys am 04. August 2020 in eine Early-Access-Phase gestartet, stünde an dieser Stelle eine überschwängliche Lobeshymne mit der abschließenden Einschätzung "Herausragend". Mediatonic hat eine kultige TV-Serie mit dem populären Battle-Royale-Genre gekreuzt und auf diese Weise ein wirklich einzigartiges, unglaublich spaßiges Spielerlebnis erschaffen. Zweifelsohne hat der Titel das Potential dazu, sich irgendwann neben Fortnite oder Rocket League als einer der besten und einflussreichsten Multiplayer-Titel aller Zeiten zu etablieren. Hier liegt aber gleichzeitig das Problem begraben: Bei einem fertigen Spiel, das für zwanzig Euro plus DLCs plus Mikrotransaktionen verkauft wird, ist mir bloßes Potential zu wenig. Ständige Serverausfälle, Bugs in der Client-Software und ein zu geringer Umfang sind ernsthafte Kritikpunkte, die sich das Spiel in diesem Stadium einfach gefallen lassen muss. 

Wer einen PS-Plus-Account hat, kann Fall Guys kostenlos auf seine PS4 herunterladen und sollte dies auch unbedingt tun. Wer unbedingt von Anfang an dabei sein möchte und den Entwicklern einen Vertrauensvorschuss gewähren will, kann ebenfalls schon jetzt zugreifen. Alle anderen sollten Fall Guys auf ihre Wunschliste setzen und in ein paar Monaten noch einmal nachlesen, ob der Titel hinreichend gut supported wurde.

Von uns getestet: PC-Version

Wertung:

7.5

Andreas Held meint:

"Fall Guys verfolgt ein unglaublich spaßiges Spielkonzept, dessen Potential die Entwickler jetzt möglichst schnell ausschöpfen müssen, damit der Titel relevant bleibt."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

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