Test: Paper Mario: The Origami King

Von Jeremiah David am 26. Juli 2020

Das neue Papier-Abenteuer im Test

Das erste Paper-Mario-Spiel kam tatsächlich erst im 21. Jahrhundert auf den Markt, wenn auch zugegebenermaßen gleich am Anfang des Jahrhunderts. Gefühlt ist die Serie viel älter, das liegt aber wohl nur daran, dass sie sich seit ihren Anfängen auf dem N64 im August 2000 zu einem absoluten Dauerbrenner entwickelt hat. Verschiedene Ableger der Serie fanden fortan ihren jeweiligen Weg auf absolut jede stationäre Nintendokonsole und so ist es wenig verwunderlich, dass Nintendo jetzt auch die Switch mit einem neuen Paper-Mario-Spiel beglückt. Nur einen knappen Monat vor dem 20. Geburtstag des Originals dürfen wir mit The Origami King wieder in Marios Papier-Universum eintauchen. Der Titel verspricht ein königliches Origami-Vergnügen. Ob das wirklich so ist, verrät unser Test.

Die Story von The Origami King lässt sich relativ leicht zusammenfassen: Mario und Luigi sind mit einem Kart unterwegs, um Prinzessin Peach in ihrem Schloss am Rande des Örtchens Toad Town einen Besuch abzustatten. Die beiden Brüder wurden eingeladen, um mit ihr das Origami-Fest zu feiern, aber noch vor Betreten des Schlosses wird klar, dass etwas nicht stimmt. Der gesamte Palast und die umliegenden Gebiete wurden von Olly, dem titelgebenden Origami-König überfallen. Der Bösewicht hat die Prinzessin und Bowser wortwörtlich zusammengefaltet und verschleppt. Bowsers Handlanger verwandelt er dann in sogenannte Faltschergen, ehe er das Schloss kurzerhand mit bunten Luftschlangen umwickelt und dann an die Spitze eines aktiven Vulkans verfrachtet – wohin auch sonst. Um ihn aufzuhalten, verbündet sich unser Lieblingsklempner mit Ollys kleiner Schwester Olivia, die ihn fortan begleitet und mit viel Optimismus und Tatendrang unterstützt. Zusammen wollen sie das Land von den bösen Pappkameraden befreien, das Schloss wieder zurück an seinen angestammten Platz setzen und natürlich Prinzessin Peach retten.

Wie für Nintendo typisch ist die Geschichte mehr Mittel zum Zweck als wirklich spannende Unterhaltung, allerdings gibt es wie in jedem Paper-Mario-Spiel wieder unzählige lustige Dialoge, die mit vielen Wortwitzen und kreativen Sprüchen auch ohne eine Sprachausgabe gut amüsieren können. Viele dieser Sprüche kommen dabei von Olivia, die wie Navi in The Legend of Zelda: Ocarina of Time ständig um Mario schwirrt und auf Knopfdruck – oder auch ohne Knopfdruck – gut gemeinte Ratschläge und lustige Anekdoten von sich gibt. Wie ein guter Pixar- oder Dreamworks-Film besticht The Origami King mit einem Charme, der sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen Anklang finden sollte, wobei das Spiel ganz klar auf eine jüngere Zielgruppe ausgerichtet ist. Schade ist allerdings, dass es abseits der netten Haupt-Story, den Sprüchen am Rande und ein paar Minispielen praktisch keine Rahmenhandlungen gibt. Klar, Paper Mario ist schon lange keine reinrassige RPG-Serie mehr, aber die ein oder andere Sidequest hätte The Origami King gutgetan, besonders angesichts der mehr oder weniger offenen Welt, in der sich alles abspielt.

Hier sind nicht nur die Witze flach

Apropos offene Welt: Die Welt, durch die sich Mario bewegt, besteht aus fünf fantasievoll gestalteten Sub-Welten, die alle mit Warp-Röhren verbunden sind und zwar nicht sehr groß, aber sehr kompakt sind. Überall gibt es interessante, manchmal irrwitzige Orte zu entdecken. So kann es schon mal vorkommen, dass Mario mitten in einem Dungeon in ein kleines Café stolpert, wo sich klassische Mario-Gegner wie Shy-Guy oder Gumba von ihrem stressigen Alltag zurückziehen. Eine Sub-Welt kommt gar als ganzer Vergnügungspark daher. Präsentiert wird das alles in einem kunterbunten Mix aus typischen Paper-Mario-Figuren, Pappmaché-Gegenständen beziehungsweise -Kreaturen und gefalteten Elementen. Letztere machen den quantitativ größten Teil des Spiels aus und so erinnern die Umgebungen stilistisch an Titel wie Yoshi’s Crafted World oder die Tearaway-Serie. Nintendo zeigt hier viel Liebe zum Detail und so sieht wirklich jedes Gebiet aus, als wäre es tatsächlich aus gefaltetem oder zusammengerolltem Papier hergestellt worden. Sogar Goldmünzen bestehen aus gelben Papierscheiben, die auf Wellpappe geklebt wurden.

Wenn Mario mit seinem Hammer gegen Bäume oder auf Blumen schlägt, regnet es buntes Konfetti, das benutzt werden kann, um Löcher in den Pappkulissen zu stopfen. Diese Öffnungen erlauben dem Spieler einen Blick auf ein Drahtgestell, das unter der Papierwelt steckt. Geschlossene Löcher ermöglichen es Mario bis dahin unpassierbare Gebiete zu betreten, um die Hauptstory voranzutreiben oder eines von unzähligen Sammelitems zu finden. Die meisten dieser Sammelitems sind nicht wirklich Items, sondern Toads, die von Olly zusammengefaltet und an unterschiedlichsten Orten versteckt wurden. Einige der Toads wurden wortwörtlich in oder zwischen die Landschaft geschoben und sind sehr einfach zu finden, andere erfordern dagegen das Lösen kleinerer Rätsel. Die gutmütigen Pilzköpfe sind wirklich überall versteckt und so zwingt das Spiel Komplettisten mehr oder weniger dazu, jeden Stein und Grashalm abzuklopfen, wobei es eine Glocke sowie einen Toad-Radar gibt, die diese Fleißaufgabe einfacher machen. Manche gerettete Toads sind Händler und verkaufen Mario dann an Ständen Gegenstände, die während Kämpfen eingesetzt werden können, die meisten Toads dienen aber bei besagten Kämpfen als Publikum. Im Klartext heißt das: Je mehr Toads wir retten, desto mehr Zuschauer haben wir bei den Kämpfen gegen Ollys Faltschurken. Das sieht nicht nur lustiger aus und steigert die Motivation, sondern macht auch spielerisch Sinn, denn Mario kann für schlagkräftige Hilfe aus dem Publikum zahlen.

Auf in den Ringkampf

Für die rundenbasierten Kämpfe haben sich die Entwickler ein komplett neues System ausgedacht. Wenn Mario auf einen Gegner trifft, wechselt das Geschehen in eine Art Arena, von deren Mitte aus unser Klempner agiert. Jede Arena besteht aus vier konzentrischen Kreisen, und die so entstehenden Ringe bestehen jeweils wiederum aus mehreren Feldern, die in der Arena strahlenförmig angeordnet sind. Die Gegner kommen stets in Gruppen von mindestens vier Kämpfern daher und müssen vor jedem Angriff durch das Verschieben der Felder oder durch Drehen der Ringe sortiert werden. Dazu haben wir nur begrenzt Zeit zur Verfügung, allerdings können Goldmünzen für ein großzügigeres Zeitlimit eingesetzt werden und spezielle Broschen, die Mario bei sich tragen kann, sorgen ebenfalls für mehr Zeit oder andere Boni.

Feinde, die in Viererblöcken stehen, können von Mario mit dem Hammer bekämpft werden. Gegnern, die in Viererreihen stehen, springt er dagegen nacheinander auf den Kopf. Das klingt zunächst sehr simpel, aber es sind meistens deutlich mehr als nur vier Gegner in einer Arena und da kann die Übersicht schon mal flöten gehen. Bestimmte Gegner erfordern zudem bestimmte Items oder Vorgehensweisen. So kann Mario beispielsweise nicht einfach auf rote Stachelpanzer springen – das geht nur mit eisernem Schuhwerk. Etwas frustrierend ist, dass diese Items, die in den Kämpfen benötigt werden, vorher schon im Hauptmenü aktiviert werden müssen. Wer das nicht tut, hat dann eventuell zwar Eisenschuhe oder ähnliche Items im Inventar, kann diese bei einem Kampf aber nicht einsetzen.

Grundsätzlich ist Mario immer in der Lage, durch schlaues Manipulieren der Arena und durch den Einsatz passender Items und Angriffsmuster, alle vorhandenen Gegner in einer einzigen Angriffswelle zu besiegen. Schafft er das nicht, sind die Gegner am Zug. Diese versuchen Mario natürlich möglichst viele Kraftpunkte (KP) abzuziehen, wobei Mario durch rechtzeitiges Drücken der A-Taste Angriffe abblocken kann. Für einen erfolgreich abgeschlossenen Kampf bekommt Mario Konfetti und Goldmünzen. Bonuszahlungen erfolgen beispielsweise dann, wenn unser Klempner selber keine Treffer einstecken musste. Erfahrungspunkte gibt es übrigens nicht.

Mario X Zelda

Mario beginnt sein Abenteuer mit 50 Kraftpunkten, kann diese aber durch das Auffinden von großen roten Herzen fast wie in der Zelda-Serie erweitern. Mit mehr Kraftpunkten ausgestattet kann er im späteren Spielverlauf schwächere Gegner auch beseitigen, ohne extra in die Arena zu müssen. Kleine Herzen füllen die KP-Anzeige wieder auf, gleiches gilt für rote Pilze, die wie Zaubertränke eingesetzt werden. Grüne Pilze funktionieren dagegen wie Feen in Flaschen und dienen der Wiederbelebung. Allgemein kommt Paper Mario: The Origami King fast wie eine Mischung aus einem klassischen Mario-Platformer und einem Zelda-Spiel daher. Wie in Hyrule gibt es unterschiedliche Läden und Figuren, mit den Mario reden kann. Abgesehen vom Grafikstil und den Bewohnern würde sich Toad Town zum Beispiel sicher auch in einem Zeldaspiel heimisch fühlen. Außerdem gibt es Tempel, die ein wenig an alte Zelda-Dungeons erinnern und jeweils mit einem Bosskampf enden.

Auch bei diesen Kämpfen setzt das Spiel zwar auf ringförmige Arenen, ansonsten ist das Procedere jedoch grundlegend anders. Im Zentrum der Arena sitzt jetzt nicht mehr Mario, sondern der jeweilige Bossgegner. Marios Aufgabe ist es, die Arena von oben herab so zu manipulieren, dass er mit Hilfe von Richtungspfeilen zum Feind vordringen kann. An vorgegebenen Angriffspunkten oder an sogenannten Faltkreisen attackiert er dann verschiedene Schwachpunkte, bis der Endboss das zeitliche segnet. Die Bosskämpfe laufen so noch einmal deutlich taktischer ab als die normalen Kämpfe und sind wie in sich geschlossene Rätselaufgaben, die das sonst übliche Kampfgeschehen, das nach einiger Zeit durchaus langweilig werden kann, auflockern.

Die oben genannten Faltkreise kommen auch außerhalb der Bosskämpfe immer wieder vor. Hier wachsen Mario lange Papierarme, mit denen er Teile der Spielwelt fest packen und schlagen oder wegreißen kann. Hinter Pappwänden kommen dann Toads, versteckte Wege oder Items zum Vorschein. Zum Bewegen der Arme werden standardmäßig die Gyrosensoren der Switch benutzt, allerdings ist die Bewegungssteuerung nicht wirklich präzise und bietet auch sonst keinerlei Mehrwert. Zum Glück kann sie im Hauptmenü ausgeschaltet werden. Abgesehen davon steuert sich Mario stets einwandfrei und auch die restlichen Aspekte der Technik bieten kaum Platz für Kritik. Die Grafik ruckelt nicht, die Ladezeiten sind schön kurz, der Soundtrack passt wunderbar zum Geschehen. Letzterer kann sogar mit einigen bekannten Melodien aus alten Mario-Spielen überraschen. Gespeichert wird vor wichtigen Szenen oder beim Wechsel einer Sub-Welt automatisch, ansonsten an Speicherpunkten, die mit einem bunt leuchtenden Block gekennzeichnet sind.

Fazit

Paper Mario: The Origami King ist spielerisch alles andere als schlecht, aber auch keine Offenbarung. Die geradlinige Story ist kaum mehr als Mittel zum Zweck. Das neue Kampfsystem wird zudem relativ schnell alt und bietet aufgrund einer Vielzahl an Hilfestellungen genau wie die simplen Rätsel bis spät in die zweite Hälfte des Spiels nur selten eine Herausforderung. Aber ungeachtet dessen ist das Spiel hoch unterhaltsam. Das liegt daran, dass Paper Mario: The Origami King nur so vor kreativen Ideen und Überraschungen strotzt. Hinter jeder Biegung wartet ein neuer Ort, an dem es wiederum neue Geheimnisse zu lüften gilt. Die Welt wurde liebevoll und mit vielen kleinen Details gestaltet und die irrwitzigen Dialoge und lustigen Charaktere sind auf eine kindliche Art und Weise super amüsant - ganz zu schweigen von den Tanz- und Gesangseinlagen und coolen Minispielen. Es macht einfach Spaß die Papierwelt zu erforschen und sich mit Olivia und anderen verrückten Gefährten zu unterhalten.

Paper Mario: The Origami King ist ein simples, einsteigerfreundliches Adventure; ein Gute-Laune-Spiel, das für rund 30 Stunden kurzweilige Unterhaltung bietet und so jungen oder jung gebliebenen Nintendofreunden fast uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

" The Origami King ist ein einsteigerfreundliches Gute-Laune-Spiel, das für rund 30 Stunden kurzweilige Unterhaltung bietet."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


Falco
vor 1 Monat | 4
Gibt nicht mehr viel zu sagen. Guter Test. Paper Mario ist ein gutes Spiel, keine Frage. Nur die Entwicklung und Zielgruppenanpassung ist nicht zufriedenstellend.

Nintendofan
vor 1 Monat | 3
Hab es gestern durchgespielt und jede Minute genossen. Das Spiel ist sehr kurzweilig und die Zeit verging wie im Flug (knapp unter 26h bei mir). Viel Witz und Charme, wunderschön anzusehen, und Wortspiele en masse. Sehr gute Arbeit vom Lokalisationsteam. Frage mich, ob es in den anderen Sprachen ebenfalls so gelungen ist.

Das Kampfsystem ist mit das Größte Manko: Es ist ein interessanter Ansatz, aber nicht zu Ende gedacht. Da steckt viel ungenutztes Potential drin. Nach kurzer Zeit sind die Kämpfe langweilig, weil man sie entweder in einer Runde beenden kann (wenn man die Gegner zuvor richtig anordnen konnte und entsprechend Starke Moves/Items einsetzt), oder sie werden lästig, weil man sie nicht anordnen konnte und sie daher ne Ecke länger dauern. Schwieriger werden sie dadurch allerdings nicht wirklich. Bosskämpfe sind das Gegenteil und sehr gelungen.