Test: Ghost of Tsushima

Von Michael Prammer am 22. Juli 2020

Sony schickt euch im vermutlich letzten großen Exklusivtitel für die PlayStation 4 ins fernöstliche Japan. Warum sich diese Reise nicht nur für Nachwuchs-Samurai lohnt, verrät unser Test.

Japan, Ende des 13. Jahrhunderts: Ein Nachfahre des berühmten Dschingis Kahn fällt mit einer Horde Mongolen auf der Insel Tsushima ein. Die Übermacht der Invasoren lässt sich nicht aufhalten, dennoch stellt sich eine Armee mutiger Samurai-Krieger in einem Himmelfahrtskommando gegen den drohenden Verlust der Heimat. Protagonist Jin und sein Onkel überleben das Massaker, letzterer wird jedoch ein Gefangener der mongolischen Streitkräfte. Blind vor Rache stellt sich der gerade „zusammengeflickte“ Hauptdarsteller Jin dem übermächtigen Mongolen-Führer Kahn, um ein zweites Mal in die Schranken gewiesen zu werden. Die Rettung des Onkels und die Befreiung von Tsushima sind fortan die Aufgaben, die sich der stolze Samurai auf die Fahne schreibt. An dieser Stelle steigt auch die Hauptgeschichte ein.

Der Weg des Samurai

Die, je nach Spielweise, rund 20 bis 30 Stunden lange Story von Ghost of Tsushima weiß zu überzeugen und den Spieler jederzeit zu motivieren. Dabei ist es gar nicht das Hauptgeschehen ansich, welches den Spieler wie gebannt vor den Bildschirm fesselt, sondern vielmehr die zahlreichen kleinen Geschichten und Erzählungen, auf die wir im Laufe des Spiels treffen. Ghost of Tsushima erzählt nämlich nicht nur den Weg eines Samurai zu Ruhm und Ehre, sondern viele kleine und große Märchen aus fernöstlicher Kultur. Dabei werden selbst kleine Nebenmissionen so interessant verpackt, dass auch diese ihre Daseinsberechtigung haben und neben den teils üppigen Belohnungen durch ihre gut inszenierte Erzählweise zur Unterhaltung beitragen.

In einer Nebenmission müssen wir eine Grabstätte eines berühmten Samurai finden, um dessen Bogen zu ergattern - die eigentlich harmlos klingende Aufgabe endet dann jedoch in einen denkwürdigen und imposanten Kampf. An anderer Stelle löschen wir ein komplettes Mongolenlager aus, vorzugsweise lautlos, um uns anschließend ein paar Schätze zu ergattern. Die Belohnungen für diese Missionen reichen von einem neuen Bogen, über neue Schwerttechniken bis hin zu einer feschen, neuen Samurai-Rüstung. Wem das noch nicht reicht, der sucht verschiedene Bambus-Stäbe, die via Quick-Time-Event im richtigen Augenblick zerlegt werden müssen, um so die Aktionsleiste zu erweitern. Diese ist notwendig, um sich im Kampf zu heilen. Und dann sind da ja noch die zahlreichen Anführer, die besonders schwierig zu bezwingen sind, euch jedoch mit jedem Sieg neue Kampftechniken freischalten. Ghost of Tsushima wird dementsprechend nie langweilig, es gibt immer genügend zu tun und auch abseits der Haupthandlung weiß das Spiel mit kleineren Aufgaben zu überraschen. Die eingangs erwähnten 20 bis 30 Spielstunden fallen dabei alleine für die Hauptstory an. Wer sich ausgiebig mit den Nebenmissionen beschäftigt, kann noch mit einer ganze Menge mehr Spielzeit kalkulieren.

Stolzer Krieger oder „feiger“ Taktiker?

Das grundlegende Spielprinzip von Ghost of Tsushima lässt sich als Action-Adventure einstufen, das jedoch mit vielen weiteren Gameplaymechaniken, teils auch bekannten Spielelementen aus anderen Genrevertretern, aufwartet. Grundsätzlich bleibt euch beim Bekämpfen eurer Widersacher immer die Wahl, ob ihr lautlos vorgeht, hohe Gräser oder Dächer zur Deckung nutzt, oder einfach auf den Gegner zustürmt und euer Kampfgeschick einsetzt. Erster Weg ist so gar nicht der Wille der Samurai und führt immer wieder zu Gewissenskonflikten des Hauptdarstellers; dennoch ist das Heranschleichen an Gegner sogar unabdingbar, um manche Missionen zu beenden. Gerade im Bereich der lautlosen Techniken, welche die Samurai auch gerne als „feige“ ansehen, erinnert das Spiel an die Assassin’s-Creed-Reihe. Hier darf ein lautloser Kill aus dem Gras vollführt, ein Feind durch eine dünne Papptür heimtückisch gemeuchelt oder der klassische Todessprung vom Dach vollzogen werden. Etwas ehrenvoller geht es dann zu, wenn die klassischen Samurai-Techniken angewendet werden. Im Eins-gegen-Eins wird im richtigen Moment pariert, ausgewichen oder mit einer starken Attacke der Schild durchbrochen. Je nach Gegnertyp wird mit einer bestimmten Kampfhaltung begonnen, die gegen unterschiedliche Feinde besonders effektiv eingesetzt werden kann. Dadurch kommt viel Dynamik in die Kämpfe und gerade auf einem hohem Schwierigkeitsgrad müssen sämtliche Mechaniken des Spiels sinnvoll genutzt werden. Einen Wermutstropfen hat das Ganze: Die Kamera lässt euch hin und wieder im Stich. Sie wirkt dann störrisch, muss im Kampfgetümmel fummelig nachjustiert werden und ist ohne eine Lock-Funktion wenig hilfreich.

Ein cooles Feature darüber hinaus: Bevor ein Kampf beginnt, könnt ihr euch einem Duell stellen, bei dem ihr mittels Quick-Time-Event im richtigen Moment eurem Gegenüber mit nur einem Schlag zur Strecke bringt. Diese Fähigkeit lässt sich ausbauen, sodass sich bei geschickter Abfolge gleich mehrere Feinde auf einen Schlag besiegen lassen. In diesem Moment spielt Ghost of Tsushima seine komplette Stärke aus und wird herausragend gut in Szene gesetzt. Aber das ist immer noch nicht das Ende der Fahnenstange. Unser Samurai erweist sich zudem als ausgesprochen talentierter Bogenschütze und erledigt seine Gegner mittels präziser Distanzschüsse. Unterschiedliche Bögen helfen hierbei die Ziele auf unterschiedlichen Entfernungen aufs Korn zu nehmen. Egal ob Bogen, die Hauptwaffe Katana oder die unzähligen Rüstungen, die es zu finden gibt; alles darf aufgewertet werden. Hilfreich sind dabei die vielen Materialien, die teils als Belohnung, teils aber einfach auch in der Spielwelt anzutreffen sind.

Wunderschöne Spielwelt

Ghost of Tsushima ist ein wirklich wunderschönes Spiel. Die Insel sieht mit seinen endlos wirkenden Blütenfeldern einfach nur idyllisch aus und lädt zum Träumen ein. Die Landschaft wirkt wie gemalt, die Charaktere kommen filmreif daher und was Entwickler Sucker Punch in Sachen Inszenierung aufs Parkett gezaubert hat, ist aller erste Güte. Da ist es fast zu verzeihen, dass viele Dörfer sich ähneln und man sich manchmal fragt, ob man das eine oder andere Dorf nicht schon einmal besucht hätte. Streift ihr anschließend jedoch zu Pferde durch die dichten Wälder oder überquert einen reißenden Fluss und bekommt dabei einen dynamischen Wetterwechsel mit, dann verliert sich der Spieler vollends in der atemberaubenden Welt des mittelalterlichen Japans. Auch musikalisch wird viel getan, um das Spiel pompös in Szene zu setzen. Neben den dramaturgisch geschickt gesetzten Musikstücken begeistert vor allem die tadellose Synchronisation.

Aber auch bei der Technik gibt es ein paar Extras. So lässt sich ein Schwarz-Weiß-Filter über das Spielgeschehen legen, um noch nostalgischer in die Welt eintauchen zu können. Wem das nicht ausreicht, bekommt mit japanischer Sprachausgabe und deutschen Untertiteln die volle Packung Samurai-Feeling. Und immer wieder trumpft das Spiel mit filmreifen Zwischensequenzen auf, die selbst bei den bereits erwähnten Nebenmissionen die gleiche Qualität an den Tag legen, wie bei der Haupthandlung. Dass der komplette Titel nicht einwandfrei läuft, fällt vor allem in den ersten Spielstunden auf. Kleinere technische Einbußen, wie einbrechende Bildraten, leichtes Kammerflimmern oder kleinere Grafik-Schnitzer (Katana schaut durch den Mantel) fallen vor allem in den ersten Spielstunden auf. Erwähnen sollte man noch, dass wir das Spiel auf der PlayStation 4 Pro getestet haben und nach einiger Zeit kaum noch technische Mängel erkennbar waren.

Fazit:

Sucker Punch liefert mit Ghost of Tsushima einen Pflichttitel für PlayStation-4-Besitzer ab und das nicht nur für diejenigen, die auf Samurai-Action stehen. Der Titel zeigt in beinahe allen Facetten eindrucksvoll, wie ein Exklusivspiel auszusehen hat und wie man es trotz eines bestimmten Settings schaffen kann, viele verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Ghost of Tsushima ist trotz einiger Kamera-Probleme sehr gut ausbalanciert, verfügt über verschiedene Spielstile und punktet mit einem üppigen Umfang. Die vielen kleinen und großen Geschichten sind nicht einfach nur Füllmasse, sondern begeistern von Anfang bis Ende und laden auch abseits der tollen Hauptgeschichte zu vielen weiteren Spielstunden in der grandiosen Spielwelt ein. Selten haben wir in einem Videospiel eine solch schöne Natur vorgefunden, wie in diesem japanischen Märchen. Die kleineren technischen Schnitzer stören dabei nur zu Beginn, denn man verliert sich irgendwann so in der traumhaften Spielwelt, dass leichte Ruckler oder gleich wirkende Dörfer kaum noch auffallen. Wer eine PlayStation 4 sein Eigen nennt, sollte auf jeden Fall den Ausflug in die Geschichte des mittelalterlichen Japans wagen. Bereuen werdet ihr es gewiss nicht.

Zweite Meinung von Andreas Held:

Ghost of Tsushima orientiert sich an der Open-World-Formel von Ubisoft mindestens genauso eng wie an den Samurai-Filmen von Akira Kurosawa. Das schlägt sich vor allem im Spieldesign nieder: Das Samurai-Epos von Sucker Punch ist nicht sehr kampflastig und konfrontiert seine Spieler gerne auch mal mit Stealth-Abschnitten, Klettersequenzen oder Tailing-Missionen. Letztere sind aber meiner Meinung nach langweilig wie eh und je, und insbesondere die immer wieder auftauchende Nebenaufgabe "spaziere einem Fuchs hinterher" raubte mir den letzten Nerv. Nebenbei bemerkt: Wenn es so viele kosmetische Items zu sammeln gibt, warum darf ich dann das Aussehen oder zumindest das Geschlecht der Hauptfigur nicht anpassen?

Die aus meiner Sicht größte Schwäche des Spiels ist leider das Kampfsystem. Zeitlupeneffekte und ungünstige Kameraperspektiven stören den Spielfluss, während Jin zum Teil automatisch gesteuert wird; ich darf zum Beispiel nicht selbst entscheiden, welchen Gegner ich anvisieren möchte. Dazu passt auch, dass Ghost of Tsushima selbst auf dem höchsten der drei Schwierigkeitsgrade nach einiger Zeit sehr leicht wird. Der Spieleinstieg ist von vielen Bildschirmtoden geprägt, aber nach dem Sammeln einiger Upgrades hat sich das schnell erledigt. Mit einem nahezu unerschöpflichen Fundus an Lebensenergie und mehreren übermächtigen Spezialattacken ausgerüstet stellen dann auch Gruppen aus über einem Dutzend feindlicher Mongolen keine Herausforderung mehr dar.

Ghost of Tsushima platziert sich somit ganz eindeutig als modernes Videospiel, dem altmodische Konzepte wie ein hoher Schwierigkeitsgrad und eine gute Steuerung vergleichsweise egal sind und das hauptsächlich von seiner Präsentation lebt. Da Sucker Punch ein ordentliches Budget zur Verfügung hatte, ist diese auch herausragend gut gelungen.

Wertung:

8.5

Michael Prammer meint:

"Ein wunderschön erzähltes, fernöstliches Action-Adventure mit einigen Schönheitsfehlern."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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2 Kommentare:


Jerry
vor 1 Monat | 1
Schöner Test! Wenn ich im Moment nicht so viele andere Spiele zu zocken hätte, würde ich definitiv einen Blick wagen, auch wenn mich japanische Geschichte beziehungsweise das Setting nicht wirklich reizt.

TraxDave
vor 1 Monat | 0
Auch Ghost of Tsushima habe ich überraschend geschenkt bekommen und werde es wohl diese Woche noch starten, nachdem FF7R endlich fertig ist. Seit dem ersten Blick auf die im Wind wehenden Graslandschaften von GoT war ich hin und weg und bin dementsprechend voller Vorfreude. Endlich ein halbwegs realistisches Action-Adventure/RPG mit Japan-Setting.