Test: CrossCode

Von Lars Peterke am 17. Juli 2020

Mit nur 25 Jahren Verspätung erscheint das vielleicht beste SNES-JRPG. Natürlich ist das gelogen, denn CrossCode ist nicht wirklich ein Spiel für das Super Nintendo. Und dennoch ist das mit Crowdfunding realisierte Indie-JRPG aus Deutschland weitaus mehr als die Summe seiner Teile. Wir haben uns den wuchtigen Liebesbrief an eine längst vergangene Videospiel-Ära angesehen.

Mit dem Super Nintendo begann der Siegeszug der JRPGs endlich auch in Europa. Zuvor oft dem Japanischen Publikum vorbehalten, wurden ab Mitte der 90er die ersten Großproduktionen auch für den westlichen Markt lokalisiert, allen voran die SNES-Titel von Enix und Squaresoft. Rollenspiele wie Secret of Mana, Illusion of Time und natürlich Terranigma gehörten zu den ersten Japano-Rollenspielen, die auch in Deutschland eine ganze Generation prägte, bevor sich das Nischengenre mit Titeln wie Final Fantasy VII endgültig im Mainstream etablierte.

Hi! Lea! Hi!

Nun sind die Spieler von damals inzwischen erwachsen. Und manche von ihnen haben damals so viel Blut geleckt, dass sie irgendwann selbst solche Spiele machen wollten. In diversen Online-Communities wurden mit dem RPG-Maker 2000 Spiele gebaut, die irgendwann mehr aus dem kleinen Editor herausholten als die Entwickler von God of War aus der PlayStation 2. Dank Mods und Fan-Patches entstanden irgendwann absurd komplexe Spiele, die oft niemals fertiggestellt wurden, etwa „Velsabor” von Felix “Lachsen” Klein, bevor dieser dann später mit ein paar Freunden Radical Fish Games gründete und 2012 mit der Entwicklung von CrossCode begann.

CrossCode spielt sich hauptsächlich in der Welt CrossWorlds ab, ein MMORPG in dem sich Spieler aus aller Welt einloggen und dort tun, was man eben so macht in einem Online-Rollenspiel: Quests absolvieren, Gildenaufträge erledigen, Grabenkriege mit anderen Spielern im PvP austragen und natürlich massig Monster plätten. Der wesentliche Unterschied: CrossWorlds ist keine digitale Welt, sondern existiert tatsächlich auf einem fernen Planeten. Genau dort findet ihr euch in der Rolle des Avatars Lea wieder. Eine Spielerin von CrossWorlds, die allerdings ihre Erinnerungen verloren hat und zu Beginn des Spiels kaum mehr als “Hi!”, “Bye!” und ihren Namen sagen kann.

Im Verlauf des Spiels erkundet ihr die unterschiedlichsten Bereiche von CrossWorlds und helft Lea dabei ihre Erinnerungen zurückzuerlangen. Dabei wird die MMO-Metapher jederzeit glaubwürdig mitgetragen. So spielt ihr etwa im Regelfall allein, könnt aber über den (natürlich rein fiktiven) Ingame-Chat nachsehen, welche eurer “Online-Bekanntschaften” gerade online sind und diese in eure Party einladen.

Anspruchsvolles Kampfsystem, detaillierte Spielwelt

In CrossCode kommt ein Echtzeit-Kampfsystem zum Einsatz, bei dem ihr die Gegner entweder im Nahkampf attackiert oder sie aus der Ferne mit sogenannten Balls attackiert. Sind eure SP aufgeladen, zündet ihr mächtige Spezialangriffe und falls ihr euch schützen wollt, könnt ihr wahlweise mit eurem Schild blocken oder feindlichen Attacken mit einem Dash ausweichen. Beim Angriff mit den Balls könnt ihr frei mit dem rechten Analogstick zielen. Das Spielgefühl alterniert im Sekundentakt zwischen Button-Masher und Twin-Stick-Shooter. 

Die Gegner werden schon zu Beginn des Spiels hart mit euch ins Gericht gehen. Es ist daher unabdingbar sich ihre Bewegungen einzuprägen, um im richtigen Moment ausweichen zu können. Da sich auf den Maps teilweise viele Gegner gleichzeitig tummeln, ist allerdings Vorsicht geboten. Darüber hinaus ist anzumerken, dass CrossCode ein wirklich schnelles Spiel ist und artverwandte Titel wie Terranigma einem dagegen vorkommen wie in Zeitlupe. 

Das Kampfkonzept wird von CrossCode mit Zuckerbrot und Peitsche noch intensiviert. Habt ihr einen Gegnerpool besiegt, beginnt ein kurzer Countdown. Greift ihr innerhalb dieses Zeitintervalls die nächsten Monster an, gilt der Kampf als nicht unterbrochen und ihr könnt einen EXP-Multiplikator in die Höhe treiben. Wer allerdings zu gierig wird und stirbt, verliert hingegen alles. Manchmal kann es also sinnvoller sein den Countdown verstreichen zu lassen, da sich die Lebensenergie eure Party nach Kampfende mit der Zeit automatisch regeneriert und ihr dann frisch erholt die nächsten Gegner plätten könnt. 

Abseits des Kampfsystems gibt es viel zu tun in der Welt von CrossCode. Reihenweise NPCs erzählen euch allerhand Wissenswertes über die Spielwelt. Dabei sind die Dialoge angenehm unangepasst und reichen von Claude M. Moyses Signature-Begrüßung „Hölerö“ bis hin zu den verschiedensten Dialekten, die selbst kleineren Randfiguren viel Flair verleihen.

Beim Spielgeschmack der Entwickler ist es kaum verwunderlich, dass insbesondere das 2011 erschienene Xenoblade Chronicles einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben muss. Auch in CrossCode sind die Nebenquests transparent nach Arealen aufgeteilt. Ein Symbol über den Köpfen der NPCs signalisiert euch eine verfügbare Quest, die ihr dann annehmen könnt, erledigt und später eure Belohnung abholt. Damit ist CrossCode einerseits trotz des klaren Fokus auf die SNES-Ästhetik ein sehr zeitgenössisches JRPG, allerdings hat die neue Definitive Edition von Xenoblade Chronicles inzwischen auch gezeigt, dass es beim damaligen Quest-Design durchaus noch Raum für das ein oder andere Quality-of-Life-Feature gab, welche man in CrossCode nun leider vermisst.

Tolle Rätseleinlagen und (zu) viel Spieltiefe

Besonders viel Freude kommt in den Dungeons auf, die immer mit Lea alleine gespielt werden müssen. Hier werden die Mechaniken des Kampfsystem und insbesondere das Schießen von Balls für haufenweise Rätseleinlagen recycled. Diese sind gut durchdesignt und oftmals ziemliche Kopfnüsse. Schon recht früh überragt der Schwierigkeitsgrad der Dungeons die eines Zelda. Dieser Ansatz führt tatsächlich soweit, dass wir CrossCode nicht als reines JRPG bezeichnen möchten, sondern als erfrischenden Genre-Mix. 

Auch in den Arealen der Oberwelt finden sich ein paar dieser Anleihen. So kann Lea etwa automatisch über kleinere Aufhänge und Abgründe springen. Das ermöglicht den Entwicklern trotz SNES-Optik ein horizontaleres Level-Design, in dem sich viele Secrets verstecken lassen. Es gibt eigentlich so gut wie keinen Screen in CrossCode, der nicht irgendwo ein kleines Secret bereithält, etwa ein Item, welches ihr nur über größere Umwege einsammeln könnt.

All diese Versatzstücke fügen sich nach und nach zu einem JRPG mit ungemeiner Spieltiefe zusammen. Allein die erste Stadt Rookie Harbor ist riesig und erschlägt den Spieler mit seiner Fülle an Gebäuden, NPCs und seinen großen und kleinen Geheimnissen. Puristen wird das freuen, sie können zahllose Spielstunden in CrossCode investieren und bekommen ein extrem umfassendes Spiel. 

Andere hingegen sind eventuell von diesem größeren Zeitinvestment abgeschreckt. Und manchmal hat man leider auch das Gefühl, dass sich CrossCode bei seiner Fülle an Features und Möglichkeiten hin und wieder verstolpert und seinen Fokus verliert. Die durchweg gelungene Story und der erstklassige Soundtrack geben ihr bestes um den Spieler auch in solchen Passagen zu motivieren, doch vieles im Spiel kommt einem oft etwas zu lang und groß vor.

Fazit:

Es hat zwar eine halbe Ewigkeit gedauert, aber nach knapp acht Jahren Entwicklungszeit ist CrossCode tatsächlich endlich fertig und auch für die Nintendo Switch erhältlich. Damit hat das Spiel den zahllosen RPG-Maker-Produktionen nicht nur hinsichtlich der Veröffentlichung etwas voraus: CrossCode brilliert in allen Facetten, vom Kampfsystem über das Leveldesign bis hin zur Optik und seinem Soundtrack. Hin und wieder verliert das Spiel zwar seinen Fokus und will ein bisschen zu viel auf einmal, doch Genre-Fans werden sich daran kaum stören. Sie bekommen ein ungemein tiefes und umfassendes JRPG mit zahllosen Stunden Spielspaß spendiert. Auf der Switch wird der Spaß aktuell zwar noch durch ein paar kleine technische Problemchen wie Menü-Lags und Sound-Problemen geplagt, die jedoch in Kürze durch einen Patch behoben werden sollen.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

8.5

Lars Peterke meint:

"CrossCode ist ein in allen Belangen gelungener Liebesbrief an das goldene Zeitalter der Retro-JRPGs."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Gut

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5 Kommentare:


Tobsen
vor 3 Wochen | 0
Schöner, ausführlicher Test, nur leider ist das Spiel kein JRPG ^^'.

prog4m3r
vor 3 Wochen | 0
Stimmt, zumal es Lars in diesem Bereich meines Erachtens auch gewaltig an Expertise mangelt - allein es als "vielleicht beste SNES-JRPG" zu bezeichnen ist blasphemisch - und man lieber Deniz oder Vyse drauf ansetzen hätte sollen. Hab da allerdings schon eine weile ein Auge drauf und werde da einfach mal die 29,99€ für ausgeben.

Vyse
vor 3 Wochen | 1
Der Test macht auf jeden Fall Lust auf das Spiel und auch der ArtStyle gefällt mir super.

Wenn es Ende des Jahres noch im Game Pass ist und ich bis dahin eine Xbox Series X habe, schaue ich auf jeden Fall mal rein.

Samus_Aran
vor 3 Wochen | 1
Haha, fight me. Ich habe das Spiel sehr bewusst in die SNES-JRPG-Schublade gesteckt, da es stark von vielen Spielen dieser Subgenres inspiriert ist und ich dadurch klarer verargumentieren kann, wie viel das Spiel im Detail richtig macht und daher trotz seiner Schwächen die 8.5 verdient. Wem das nicht gefällt, der ist wohl beim 6er-Review von Gamespot besser aufgehoben :D

Denios
vor 2 Wochen | 0
JRPG oder nicht, "SNES Spiel" oder nicht, ich freue mich sehr drauf, wenn endlich mal die Retail-Fassung fertig ist, die ich für Switch bestellt habe. Und wenn ich dann auch mal die Zeit dafür finde :D Ich war zwar nie wirklich Teil der RPG Maker Community, habe die Projekte von Leuten wie Lachsen aber auch mit halbem Auge verfolgt und meine ersten Gehversuche damals mit 2003 und VX und so weiter gemacht. Unterstütze ich auf jeden Fall gerne und sah bisher auch echt vielversprechend aus.