Test: Urban Flow

Von Andreas Held am 09. Juli 2020

Am Anfang war das Chaos. Dann sagte Gott: "Es werde Stau!" - und erschuf die Ampel.

Dein neuer Job: Verkehrsdirigent

Ampeln verfügen normalerweise über relativ komplexe Logik-Schaltungen, die ihnen sagen, ob sie rot oder grün sein sollen. In Urban Flow müsst ihr diese Entscheidung selbst treffen und schaut dazu mit einer Überwachungskamera auf ein kleines Straßennetz, auf dem mehrere Ampeln platziert sind. Jeder Ampel ist ein Knopf auf dem Controller (oder eine Tastenkombination) zugewiesen, mit der ihr zwischen rotem und grünen Licht umschalten könnt. Mit diesem Werkzeug ausgestattet müsst ihr nicht nur Autofahrern, sondern auch Spezialfahrzeugen oder Straßenbahnen die sichere Weiterfahrt ermöglichen. Die Fahrer verfügen derweil über keinerlei KI, sondern rauschen einfach blind in jede Kreuzung hinein, sofern sie nicht von einer roten Ampel aufgehalten werden.

Damit diese Aufgabe nicht zu einfach wird, haben die Entwickler einige Gemeinheiten in ihr Spiel eingebaut. Zum einen haben Autofahrer nur begrenzt viel Geduld - stehen sie zu lange an einer roten Ampel, hacken sie sich in bester Watch-Dogs-Manier in euer City-Betriebssystem ein und schalten die Ampel geradewegs selbst auf grün. Zum anderen müsst ihr auf verschiedene Spezialfahrzeuge reagieren: Rettungswagen müssen beispielsweise innerhalb eines bestimmten Zeitlimits zu ihrem Zielort gelangen. Piloten am Steuer eines Panzers treten derweil wie ein Seat-Leon-Fahrer ohne jegliche Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer ihr Gaspedal durch und räumen dabei wenn es sein muss sogar die vor ihnen an einer roten Ampel wartenden Fahrzeuge aus dem Weg. Wenn es zu Unfällen kommt oder ein Krankenwagen im Stau stecken bleibt, macht ihr irgendwann Bekanntschaft mit dem Game-Over-Bildschirm - gelingt es euch hingegen, eine vorgegebene Anzahl von Fahrzeugen sicher durch die Stadt zu führen, werdet ihr dafür mit bis zu drei Sternen belohnt.

Simpel, aber nicht einfach

Dass Urban Flow nicht zu leicht wird, hängt auch mit dem guten und kreativen Leveldesign zusammen. Im Verlauf der 100 Levels umfassenden Kampagne zeigen uns die Entwickler sehr eindrucksvoll, auf wie viele verschiedene Weisen man kleine Straßennetze mit zwei bis drei Ampelkreuzungen designen kann. Manchmal müssen wir einen einfachen Reißverschlussverkehr regeln - im späteren Spielverlauf bedienen wir dann eine Ampelanlage auf einer siebenspurigen Einbahnstraße und steuern den Verkehr so, dass die durch Baustellen und Brückenpfeiler erzwungenen Spurwechsel der Autofahrer nicht zu Unfällen führen. In einem anderen Gebiet müssen wir Straßenbahnen mit dem richtigen Timing über einen Highway schicken. Leider sind nicht alle Levels derart kreativ - manchmal wird uns einfach eine bereits bekannte Kreuzung mit einem neuen Gimmick präsentiert, sodass wir dasselbe Level mit ein wenig Erweiterung noch einmal spielen müssen.

So richtig gefordert werden wir von Urban Flow allerdings auch nicht, da Fehler nicht konsequent bestraft werden. Wenn wir eine falsche Ampel schalten oder die Autos an einer Kreuzung zu lange warten lassen, kann es durchaus sein, dass es zwar knapp und brenzlig wird, letztendlich aber nicht zu einem Unfall kommt. Außerdem können wir uns pro Level zwei Patzer erlauben und am Ende trotzdem die Höchstwertung von drei Sternen einfahren. Dadurch werden auf der einen Seite Frustmomente verhindert, da eine Unachtsamkeit am Ende eines ansonsten fehlerfreien Durchlaufs ohne Konsequenzen bleibt und man somit nicht in die Situation kommt, ein schwieriges Level kurz vor Schluss komplett neu starten zu müssen. Auf der anderen Seite könnten sich Vielspieler, die sich eine Herausforderung wünschen, etwas bevormundet fühlen, wenn sie im Laufe eines Levels mehrere Fehler machen und am Ende - eher durch Glück als durch Können - trotzdem eine perfekte Bewertung erhalten.

Zu anderen Aspekten des Titels kann es hingegen keine zwei Meinungen geben: Technisch ist Urban Flow nämlich einwandfrei umgesetzt. Die zweckmäßige, aber durchaus ansprechende Grafik passt gut zum Spielprinzip und präsentiert das Spielgeschehen so, dass man als Spieler immer die bestmögliche Übersicht behält. Technische Patzer oder Grafikfehler sind uns bei unserem Test praktisch überhaupt nicht begegnet. Die von den Entwicklern als "Urban Music" bezeichnete Hintergrundmusik, die oftmals mit nicht ganz so tollen Vocals daherkommt, ist eher Geschmackssache - aber immerhin ist der Soundtrack recht umfangreich, sodass wir nicht ständig von denselben Musikstücken genervt werden. Außerdem dürfen sich jederzeit bis zu drei weitere Spieler in einen Koopmodus einwählen, was vor allem in Levels, in denen wir mehrere Kreuzungen gleichzeitig im Auge behalten müssen, sehr hilfreich sein kann.

Fazit:

Urban Flow zeigt recht gut, wie man auch als kleines Studio und ohne ein riesiges Budget ein gutes Spiel entwickeln kann: Es nimmt eine innovative Idee, reizt diese spielerisch vollständig aus und versilbert sie mit einer sauberen technischen Umsetzung und einem ordentlichen Umfang. Sicherlich hätte man sich noch etwas mehr Abwechslung beim Leveldesign wünschen können, und manche Vielspieler könnten die Anforderungen für eine Drei-Sterne-Wertung als zu lasch empfinden - aber auch unabhängig davon sollte klar sein, dass Urban Flow keine möglichst intensive Spielerfahrung bieten will, sondern eher als kleiner Action-Puzzler für zwischendurch konzipiert ist, der den tragbaren Aspekt der Switch-Konsole in den Vordergrund stellt. Wer damit leben kann oder sogar nach einer solchen Spielerfahrung sucht und Interesse am Spielprinzip von Urban Flow hat, wird einen Kauf sicherlich nicht bereuen.

Wertung:

7.5

Andreas Held meint:

"Urban Flow punktet mit einem einfachen, aber nicht anspruchslosen Spielprinzip, das sehr kompetent umgesetzt wurde."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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