Test: Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise

Von Jeremiah David am 08. Juli 2020

Deadly Premonition ist das The Room der Videospiele. Man spielt es nicht, weil es gut ist, sondern um darüber zu lachen wie schlecht es ist. – so hat Kollege Andreas den ersten Teil von Deadly Premonition vor einigen Tagen bei uns im Forum beschrieben.

Diese Aussage ist zweifelsohne sehr passend. Tommy Wiseau trägt seine häufig völlig sinnfreien Zeilen in The Room entweder mit solch übertriebener Inbrunst oder mit so bizarrem Desinteresse vor, dass man sie nie ernst nehmen kann. Johnny’s „You're tearing me apart, Lisa!“ ist längst in unzähligen Memes verarbeitet worden. Die Dialoge im Film sind allgemein so mies, dass The Room als schlechtester Film aller Zeiten gilt. Aber dennoch, und da sind sich viele einig, ist The Room sehr unterhaltsam. Deadly Premonition wurde ebenfalls von Kritikern zerrissen, genießt heute aber, genau wie The Room, Kultstatus. Ist Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise ähnlich amüsant?

Zugleich Vorgänger und Nachfolger

Deadly Premonition 2 vergeudet keine Zeit und bereits nach wenigen Sekunden ist klar, dass es sich hier um ein etwas „anderes“ Spiel handelt. Die FBI-Spezialagentin Aaliyah Davis und der Analytiker Simon Jones sind im Treppenhaus eines größeren Gebäudes unterwegs. Als Spieler dürfen wir in die Rolle von Ms. Davis schlüpfen, sie aber nicht wirklich steuern, denn egal in welche Richtung wir den Analogstick drücken, Aaliyah steigt stur die Treppe hinauf und zeigt null Interesse an ihrer Umgebung. Das ist erst einmal durchaus irritierend. In einem oberen Stockwerk betreten sie und Simon eine Wohnung und setzen sich, um mit dem ehemaligen Spezialagenten Francis Zach Morgan zu sprechen. Sie wollen einen Mordfall aus dem Jahre 2005 noch einmal aufrollen. Damals wurde die jugendliche Lise Clarkson brutal zerstückelt und in einem großen Eisblock eingefroren. Morgan konnte den Fall lösen, aber wie? Die Methoden und Erklärungen des schizophrenen Agenten sind Aaliyah nicht geheuer, also beginnt sie ein seltsames Verhör. Sie konfrontiert Morgan mit Berichten und Fotos (und ein paar scheinbar willkürlich gewählten Gegenständen), bis er über den Fall zu reden beginnt. Fortan springt Deadly Premonition 2 zwischen den Jahren 2005 und 2019 hin und her und spielt damit sowohl neun Jahre nach als auch fünf Jahre vor den Ereignissen des Vorgängers. Als Spieler schlüpfen wir abwechselnd in die Rollen von Aaliyah Davis in der Gegenwart und Francis Morgan in der Vergangenheit.

Im Jahr 2005 will Francis York Morgan – Zachs Alter Ego – im verschlafenen Städtchen Le Carré im US-Staat Louisiana eigentlich nur Urlaub machen, als er von Lises Mord erfährt und sich selbstredend sofort der Sache annimmt. Unterstützung bekommt er dabei von der 10-jährigen, ortskundigen Patricia, die ganz stolz darauf ist mit einem FBI-Agenten einen Vertrag abgeschlossen zu haben. Dass dieser Vertrag nur mit den Folgen des Rauchens zu tun hat, ist ihr völlig egal und nicht nur ihr. Ganz allgemein ist in Deadly Premonition 2, genau wie im ersten Teil, nicht viel Platz für Logik. Kurz gesagt: alle Einwohner Le Carrés haben einen Knall und/oder sind völlig exzentrisch. Sämtliche Dialoge werden mindestens ebenso schlecht vorgetragen wie in The Room, sind inhaltlich jedoch noch deutlich bizarrer.

Francis York selbst unterhält sich ständig mit seiner gespaltenen Persönlichkeit Zach und verlässt sich auf bizarre Orakel, um Schritt für Schritt den Fall zu lösen. Er setzt dabei auf eine innere Logik, die Außenstehenden völlig willkürlich erscheint, aber dennoch hoch effektiv ist. Ein Beispiel gefällig? Wenn im Orakel von „zehn gefallenen Jungfern“ die Rede ist, dann ist Francis sofort klar, dass damit nur die Pins einer Bowlingbahn gemeint sein können und er zum Auffinden weiterer Hinweise sofort ein Lokal mit einer Bowlingbahn auftreiben muss. Dort trifft er natürlich auf eine Frau, die ihm weitere Hinweise gibt.

Es sind solche Momente und unzählige verrückte Dialoge, die das Spiel einzigartig machen und einen Charme verleihen, der nicht von der Hand zu weisen ist. Stellt euch vor, Uwe Boll und David Lynch hätten bei einer Staffel der Serie Akte-X zusammen Regie geführt, die Dialoge jedoch von einem 12-jährigen Autisten schreiben lassen – das ist Deadly Premonition.

Eine offene, aber leblose Welt

Le Carré ist so groß, dass Deadly Premonition 2 problemlos als Open-World-Spiel bezeichnet werden kann. Weil ihm sein Auto geklaut wurde, fährt Francis Morgan auf einem Skateboard durch die lieblos gestalteten und ziemlich leblosen Straßen. Personen stehen meist nur regungslos in der Gegend herum, Fahrzeuge sind kaum unterwegs, die Häuser sehen mit wenigen Ausnahmen alle gleich aus und am Horizont verschwindet alles aufgrund einer nicht vorhandenen Weitsicht in einer fast monotonen Fläche.

Das Skateboard kann Morgan jederzeit aus seiner offenbar sehr tiefen Jackentasche ziehen und ebenso schnell wieder verschwinden lassen. Das wundersame Board rollt außerdem problemlos über jeden Untergrund und funktioniert auf einer asphaltierten Straße dadurch genauso gut wie auf einer Schotterpiste oder einer Wiese. Bordsteinkanten stellen übrigens ebenfalls kein Hindernis dar und werden ganz ohne gesonderte Animation oder spezielle Geräusche überwunden. Bei Zeitrennen beziehungsweise Parcours kann Francis den Umgang mit dem Brett üben, grundsätzlich ist es jedoch unmöglich vom Board zu fallen. Von Mauern oder Zäunen prallt Francis lediglich wie ein Gummiball ab. Wenn er dennoch mal keine Lust auf sein Skateboard hat, kann er stattdessen eine Art Taxi-Service als Schnellreisesystem nutzen. Dazu sind rote Luftballons als Anlaufpunkte vor storyrelevanten Plätzen in Le Carré platziert, allerdings müssen diese erst einzeln aktiviert werden, das heißt die Schnellreisefunktion ist nur für bereits besuchte Orte nutzbar.

Technisch und spielerisch eher 2005 als 2019

Le Carré unterliegt einem relativ realistischen Tag-Nacht-Rhythmus und bestimmte Aktivitäten können dementsprechend nur zu vorgegebenen Zeiten oder sogar nur an bestimmten Wochentagen ausgeführt werden. Etwas nervig ist dabei allerdings, dass die Zeit im Spiel wahnsinnig langsam verstreicht und nur durch Schlafen effektiv überbrückt werden kann. In seinem Hotelzimmer (mit Voodoo-Altar) darf sich Francis im Bett ausruhen, Gegenstände in seinem Koffer ablegen, frische Kleidung anziehen, sich duschen oder ein Ermittlungsdiagramm ansehen. Letzteres besteht aus Notizzetteln und Fotos, die mit verschiedenen Markierungen und Linien an einer Wand festgepinnt wurden. Im Hotel und an einigen anderen Orten gibt es außerdem Getränke- und Snack-Automaten sowie Telefone. Die Automaten braucht Francis, um mit diversen Limonaden, Kaffee, Keksen und Donuts seinen Hunger oder Durst zu stillen, an den Telefonsäulen wird das Spiel abgespeichert. Geld für die Automaten oder für den Erwerb sogenannter Fetische zur Verbesserung der Fähigkeiten verdient Francis für das Absolvieren von Missionen, wobei das Spiel gefühlt jeden Handgriff als eine eigene Mission sieht und Francis deshalb ständig belohnt. Selbst für reines Herumfahren auf dem Skateboard bekommt er eine Wegprämie.

Wenn Francis nicht gerade auf seine unnachahmliche Art Hinweise entschlüsselt oder mit dem Skateboard durch das Städtchen düst, ballert er sich in der sogenannten Anderswelt durch Dämonenhorden, sammelt Items, beschäftigt sich mit Minispielen oder macht in Le Carré Jagd auf wilde Tiere und kleine UFOs. Für die Tierjagd benutzt Francis Gummigeschosse, die nicht tödlich sind. In der Anderswelt verwandelt sich seine Schusswaffe wortwörtlich in eine Verlängerung seiner Hand, wodurch er praktisch mit bloßen Fingern auf eigentümliche Gegner zielt. Das Schießen fühlt sich aber so oder so nicht gut an und macht angesichts der strohdummen Gegner nur wenig Spaß. Unabhängig von der jeweiligen Aktivität wirken sämtliche Animationen zudem furchtbar steif und obwohl das Spiel nur eine englische Sprachausgabe besitzt, passen die Mundbewegungen selten zu den Aussagen der Charaktere. Speziell die Außengebiete leiden zudem trotz der detailarmen Grafik unter starkem Kantenflimmern, lästigen Pop-Ups und einer inkonstanten Framerate. Die Optik der Umgebungen lässt das Spiel stellenweise wie einen billigen GTA-Klon erscheinen. Die Charaktere sehen dagegen aus, als hätten die Entwickler die Figuren aus Telltales' The-Walking-Dead-Serie mit Anime-Figuren gekreuzt. Der erste Teil von Deadly Premonition wirkte stilistisch noch wie eine Homage an düstere Spieleklassiker wie Silent Hill oder Project Zero, davon ist in Deadly Premonition 2 jedoch leider nichts mehr zu spüren. Die Hintergrundmusik und die Soundeffekte schwanken zwischen wunderbar albern und einfach nur nervig. Zu allem Überfluss ist der Titel nicht frei von Bugs und Glitches, die im schlimmsten Falle sogar das Weiterkommen unmöglich machen können. An einer Stelle reagierte Francis während unserem Testdurchlauf beispielsweise einfach nicht mehr auf bestimmte Tasteneingaben und erst das Laden eines älteren Spielstands konnte Abhilfe schaffen. Anderswo schwebten Passanten zwei Meter über dem Boden oder ein Truck crashte in ein Gebäude, eher er sich einfach in Luft auflöste. 

Fazit:

Deadly Premonition 2 hat immer wieder lustige Momente; Szenen, die so schräg und blödsinnig sind, dass sie allein dadurch gut unterhalten können. Aber alles dazwischen ist bestenfalls mittelmäßig. Gameplay und Technik wirken häufig, als hätte Entwickler Toybox Inc. ein 20 Jahre altes Spiel mit einer verbesserten Auflösung auf die Switch portiert, nur ist das hier eben nicht der Fall. Der neue Grafikstil tut dem Spiel ebenfalls keinen Gefallen, und auch dass dieses eindeutige Low-Budget-Spiel nicht zu einem Low-Budget-Preis verkauft wird, hinterlässt einen etwas faden Nachgeschmack. Wer den ersten Teil als absoluten Kult verehrt, der kann Le Carré wohl bedenkenlos einen Besuch abstatten. Andere Spieler greifen dagegen besser zu Konkurrenzprodukten oder sollten zumindest eine Preissenkung abwarten. 

Wertung:

5.5

Jeremiah David meint:

"Deadly Premonition 2 hat immer wieder unterhaltsame Momente, aber alles dazwischen ist bestenfalls mittelmäßig. "
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Mangelhaft

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2 Kommentare:


Pogo
vor 1 Monat | 0
Swery65 ❤
Toybox ist nur leider schrecklich untalentiert in Technik

Tobsen
vor 1 Monat | 0
Bei aller Liebe, aber hier vergällt es echt einem die Technik. Das läuft schlechter und sieht auch schlechter aus als bessere PS2-Spiele (abseits der Auflösung).
Das so auf den Markt zu werfen ist a) frech und b) weiß ich nicht, wem man damit einen Gefallen tut.