Test: Shantae and the Seven Sirens

Von Deniz Üresin am 30. Juni 2020

Sieben Gründe, warum Shantae and the Seven Sirens mein Leben verändert hat. Der fünfte wird Sie schocken!

Grund #1: Ein Weg nach vorne!

Hat der Clickbait geklappt? Gut, dann fangen wir mal mit dem Review an. In der Indieszene hat sich Entwickler WayForward bereits mit zahlreichen Spielen verschiedenster Genres einen Namen gemacht, seit das Studio 1990 im sonnigen Kalifornien gegründet wurde. Das Aushängeschild des Indie-Entwicklers dürfte aber die bezaubernde Shantae sein, die sich bereits seit ihrem ersten Abenteuer auf dem Game Boy Color in die Herzen zahlloser Spieler gehüpft, gehaarpeitscht und gebauchtanzt hat. Wenn ein neues Shantae-Spiel angekündigt wird, können Fans also ungefähr abschätzen, was sie erwarten wird: schrille Charaktere, viel Witz und Charme, tolles Platforming, opulente Bosskämpfe, und ein (ordentlicher) Schuss Fanservice! Nur eines war nach dem doch überraschend linearen vierten Ableger, Shantae: Half-Genie Hero (zum NplusX-Test) nicht ganz klar: Wird der fünfte Teil wieder ein richtiges Metroidvania oder bleibt es jetzt bei dem linearen Design mit den in sich abgeschlossenen Levels?

Grund #2: Shantae 5: Shantae Returns

Wie schon Shantaes großes Vorbild Samus Aran 2017 kehrt auch die Halbdschinn-Dame wieder zurück in das Genre der verzweigten 2D-Areale, die nur so vor Bösewichten, Fallen und Collectibles wimmeln. Unterhalb von Arena Town, der Stadt in der Shantae und ihre Freunde eigentlich ihren Urlaub genießen wollten, erstreckt sich ein weitläufiges und verzweigtes Labyrinth voller Monster und Gefahren. Die anderen Halbdschinns, die zusammen mit Shantae auf die Insel eingeladen wurden, verschwanden aber leider während der Eröffnungszeremonie, sodass sich die Heldin mit den lila Haaren doch wieder aufmachen muss, den Tag zu retten. Dabei gerät sie nicht nur mit ihrer ewigen Rivalin Risky Boots, sondern auch mit den gefährlichen Sirenen aneinander, die die Macht der Halbdschinns für ihre finsteren Zwecke nutzen wollen.

In typischer Metroidvania-Manier hüpft und kämpft ihr euch also durch ein labyrinthartiges Netz aus abwechslungsreich gestalteten Gängen und Räumen, spürt Power-Ups auf und befreit nach und nach die verschleppten Halbdschinns, die sich dafür mit neuen Skills für Shantae erkenntlich zeigen, was euch wiederum Hindernisse überwinden lässt, an denen ihr zuvor noch nicht vorbeikamt.

Neben ihrem voluminösen Haar, mit dem sie Gegner zu Tode headbangen kann und einigen in Shops erwerblichen Magieangriffen wie beispielsweise Feuerbällen, die jedoch Magiepunkte verbrauchen, erweitert sich Shantaes Aktionsrepertoire also mit jeder geretten Halbdschinn-Freundin.

Grund #3: Shantae is my Dancing Queen

Während sich Shantae also im Grunde wie immer steuern lässt und sich auch - klammert man den vierten Ableger der Reihe aus - an der Struktur der Spielwelt wenig getan hat, wurde immerhin an einigen anderen Stellen geschraubt, um das Spielgefühl angenehmer zu gestalten. Bisher musstet ihr immer einen bestimmten Bauchtanz ausführen, um Shantae in die gewünschte Tierart zu verwandeln und von dessen Fähigkeiten zu profitieren. Der gesamte Vorgang dauerte zwar nur wenige Sekunden, nahm dem Spiel aber ein wenig Dynamik, vor allem da im späteren Spielverlauf häufig zwischen den verschiedenen Transformationen hin- und hergewechselt werden musste. Diese Transformationen geschehen im neuesten Teil jedoch im Nu durch Drücken der entsprechenden Taste. So könnt ihr ohne Tanzeinlage direkt zu einer Echse werden, die sich an Wänden fortbewegen kann oder euch in eine Schildkröte verwandeln, die sich wie ein Koopa-Panzer durch brüchige Felsen schleudert.

Ganz auf die Bauchtänze eurer Lieblings-Halbdschinn müsst ihr aber natürlich nicht verzichten: Die Tänze aktivieren dieses Mal eine von vier verschiedenen Skills, die vor allem das Weiterkommen im Spielverlauf möglich machen. Die erste Tanzfähigkeit, die ihr bekommt, macht es euch beispielsweise möglich, unsichtbare Objekte und Vorsprünge zu erkennen, eine weitere heilt eure Wunden und lässt vertrocknete Pflanzen wieder aufleben. Diese Fähigkeiten benötigt ihr deutlich seltener als die Transformationen, sodass es nicht mehr negativ auffällt, dass ihr immer erstmal eine kurze Tanzanimation anschauen müsst.

Eine weitere Verbesserung hat die Map in Shantae 5 erfahren. Diese zeigt euch nicht nur Städte und Dungeons (dazu gleich mehr) an, die verschiedenen thematischen Bereiche werden auch jeweils in einer anderen Farbe dargestellt, sodass ihr jederzeit darüber Bescheid wisst, in welchem Areal ihr euch gerade aufhaltet.

Grund #4: Dungeons & Dschinns

Die zusammenhängende 2D-Welt, die sich euch im Spielverlauf immer weiter öffnet, bildet jedoch nicht alle euch zugänglichen Räumlichkeiten ab. In jedem der farbcodierten Areale wartet nämlich noch eine große Tür auf euch, die euch in eine Art Dungeon führt. Dungeons in Shantae and the Seven Sirens sind zwar im Grunde genommen einfach nur weitere Räume mit Gegnern und Collectibles auf einer anderen Map, allerdings gilt es hier tatsächlich sogar ganz selten einmal ein kleines Rätsel zu lösen und natürlich dürfen auch die fulminanten Bosskämpfe nicht unerwähnt bleiben. Die Bossgegner sind oft anfällig für eine eurer Transformationen (Spoiler: Es ist meist die zuletzt erhaltene) und verlangen von euch, ihre Angriffsmuster frühzeitig zu erkennen und den richtigen Zeitpunkt für einen Transformations-Konter zu finden.

Grund #5: Shantae and the Seven Sidequests

Als Metroidvania-Spiel muss der neueste Shantae-Teil aber natürlich mehr bieten als einfach nur ein paar Gänge mit Gegnern und dem gelegentlichen Boss. Um alle Herzteile zu finden, von denen jeweils vier zu einem neuen Herzcontainer verschmolzen werden können (woher kommt uns das nur bekannt vor?), müsst ihr die Insel und ihre unterirdischen Katakomben mit stets wachsamem Auge durchkämmen. Magieattacken und andere Fähigkeiten können im Shop gegen Edelsteine eingetauscht werden, die ihr durch das Besiegen von Gegnern und dem Zerdeppern von Tonkrügen und dergleichen bekommt. Neu in Shantae 5 ist eine Art Sammelkartensystem: Von fast allen Gegnertypen gibt es Karten, die sie bei ihrem Ableben mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit fallen lassen. Habt ihr genug Karten desselben Typs gesammelt, könnt ihr bis zu drei verschiedene ausrüsten, um passive Boni zu erhalten, die zum Beispiel bewirken, dass ihr als Molch schneller Wände hochklettern könnt oder weniger Schaden durch stachelige Gegner erleidet.

Eine Tauschquest, bei der ihr ein Item bei einem NPC gegen ein anderes eintauscht und dann den nächsten NPC finden müsst, mit dem ihr das erhaltene Item wiederum gegen ein anderes tauschen müsst, darf in Shantae natürlich auch nicht fehlen. Wollt ihr aber die 100% erreichen, werden euch die zufällig ausgeteilten Karten und die gut versteckten Herzteile vermutlich am längsten beschäftigen, denn Edelsteine für die optionalen Attacken und deren Upgrades bekommt ihr mehr als genug in einem normalen Durchlauf.

Grund #6: Shantae hat die Haare schön

Der Artstyle von Shantae and the Seven Sirens ist quasi eine Mischung aus dem reinen 2D-Look von Pirate’s Curse und den mehr computeranimiert wirkenden 3D-Hintergründen von Half-Genie-Hero. Die Welt ist abwechslungsreich gestaltet, die Charaktere sind wie immer in der Serie farbenfroh designt und die drolligen Animationen sind von höchster Qualität im Indie-Bereich. Neben dem von Studio Trigger animierten Introvideo, in dem Shantae-Stimme Cristina Vee mal wieder ihre Gesangskünste präsentiert, gibt es nun auch erstmals in der Serie kleinere animierte Cutscenes (auch wenn diese sehr kurz sind und nicht von Trigger animiert wurden).  

Der Komponist Jake Kaufman zeichnet zwar nicht mehr für den Soundtrack verantwortlich, allerdings haben Kentaro Sakamoto und co. sehr gute Arbeit geleistet, die actionreichen Szenen mit poppigen Beats zu untermalen, während die eher düsteren Unterwassergänge auch entsprechend von ruhigeren Tönen begleitet werden, die fast schon an 2D-Metroid-Stücke erinnern.

Grund #7: Zum Schluss gibt’s noch eine auf die Nuss

Da die bisherigen Gründe vorwiegend auf die positiven Aspekte des Spiels eingegangen sind, widme ich den siebten Grund nun den Punkten, die an Shantae 5 kritisiert werden können. Größtes Manko für Nicht-Einsteiger in die Welt der Platformer und Metroidvanias dürfte der Schwierigkeitsgrad sein, der vergleichsweise recht niedrig angesetzt ist. Heikle Platforming-Passagen und hektische Kämpfe gegen ein großes Gegneraufgebot sind im neuesten Abenteuer der Bauchtänzerin zwar auch vorhanden, kommen aber insgesamt seltener vor und durch den Heilzauber, den Shantae recht früh im Spiel erlernt, sind zur Neige gehende Herzen keine so große Bedrohung mehr. Der Zauber kostet zwar Magie, allerdings wird dies spätestens ab dem Punkt, an dem ihr euch im Laden ein Upgrade kaufen könnt, mit dem eure Magie sich mit der Zeit automatisch wieder auffüllt, vollkommen belanglos. Dafür müsst ihr auch nicht einmal viel tun, denn die dafür benötigten Edelsteine werden euch wie bereits angedeutet förmlich um die Ohren gehauen.

Was ebenfalls gerade bei spaßigen Spielen negativ auffallen könnte, ist die kurze Spieldauer, auch wenn Metroidvanias für gewöhnlich alle nicht sonderlich lang sind. Immerhin könnt ihr ein New Game+ in einem neuen Kostüm bestreiten, das euch mehr Magie gewährt, aber anfälliger für Gegner macht, sowie die verschiedenen Bonusbilder freischalten, für die ihr mehrere Durchläufe benötigen werdet. Etwas schade ist auch, dass es ein Feature, das es bereits in Super Metroid gab, immer noch nicht in die Shantae-Serie geschafft hat: Es wird auf der Karte weiterhin nicht angezeigt, wenn ihr irgendwo ein Herzteil gefunden habt. Gerade wenn ihr den 100%-Speedrun wagt, werdet ihr wohl in einen Guide schauen oder euch ausführliche Notizen machen müssen, damit ihr nicht wertvolle Zeit verliert, weil ihr zu einem Herzteil rennt, das ihr schon eingesammelt hattet.

Definitiv negativ anzumerken ist die deutsche Lokalisierung. Die deutschen Texte haben nicht nur einige Fehler, sondern wurden offensichtlich durch ein automatisches Übersetzungsprogramm generiert. So nennt Shantae beispielsweise ihre langjährige Feindin Risky gelegentlich "Riskant"...

Fazit:

Wenn ihr nun Grund #7 gegen die Gründe #1 bis #6 abwiegt, werdet ihr euch hoffentlich ein ziemlich gutes Bild davon machen können, ob Shantae and the Seven Sirens etwas für euch ist oder nicht. Das kurzweilige, spaßige, toll designte Metroidvania hat jede Menge Charme, ist aber auf keinen Fall perfekt. Gerade der zu niedrige Schwierigkeitsgrad könnte Genre-Veteranen sauer aufstoßen. Mit 27,99 Euro ist das lediglich fünf- bis zehnstündige Abenteuer auch nicht gerade ein Schnäppchen, vor allem im Vergleich zur meist günstigeren Konkurrenz auf der Switch.

Hattet ihr Spaß mit Shantae and the Pirate’s Curse, ist der neueste Ableger eigentlich ein No-Brainer, denn es ist vom Spielprinzip her sehr ähnlich. Half-Genie Hero hat zwar eine etwas andere Struktur, spielt sich aber auch ähnlich und hat den gleichen serientypischen Humor und Fanservice.

Meine allgemeine Empfehlung lautet: Wartet auf einen Sale und holt euch das Spiel dann – es sei denn, ihr konntet mit der Serie bisher noch nichts anfangen oder ihr werdet schnell von nicht ganz zu schwierigen Metroidvanias gelangweilt.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.5

Deniz Üresin meint:

"Shantae and the Seven Sirens ist mal wieder ein kurzweiliger Platformer mit tollen Ideen geworden, der Genrefans aber womöglich einen Ticken zu leicht sein wird."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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