Test: Shenmue III

Nutzer-Story von Tobsen am 18. Juni 2020

18 Jahre nach dem direkten Vorgänger erscheint mit Shenmue III die lang ersehnte Fortsetzung zu Yu Suzukis legendärer Action-Adventure-Reihe. Ob das Spiel in der heutigen Spiele-Landschaft bestehen kann, lest ihr in diesem Test.

Shenmue III setzt nahtlos am Ende von Teil 2 an und da knapp 20 Jahre seit der Veröffentlichung vergangen sind, müssen jetzt keine allzu leuchtenden Spoiler-Alarm-Schilder geschwenkt werden, um bedenklos kleinere Infos bezüglich Setting und Story nennen zu können: Ryo Hazuki, der 18-jährige Protagonist unserer Geschichte, verschlägt es auf seiner, im wahrsten Wortsinne, epischen Reise von seinem kleinen japanischen Heimatort Yokosuka über Umwege ins chinesische Binnenland, um dort Antworten zu finden. Antworten darauf, wieso sein Vater von einem mysteriösen Mann ermordet wurde; darauf, wieso der Mörder - komme was wolle - die zwei chinesischen Spiegel, den Phoenix und den Dragon Mirror an sich zu reißen versuchte; und Antworten darauf, wohin der Vater der chinesischen jungen Frau Shenhua, die man am Ende von Teil 2 traf, verschwand. Und nicht zuletzt dürstet es Ryo natürlich nach schierer Rache. Dieses Unterfangen stellt sich als relativ schwierig umzusetzen heraus, da vom Vatermörder namens Lan Di weiterhin so gut wie jede Spur fehlt und umso praktischer ist es, dass Ryo in weiten Teilen Shenmue IIIs von bereits oben erwähnter Steinmetztochter Shenhua eskortiert wird.
hCp1iScenery.jpg

"Have you seen any thugs?" "No." "I see."

Mit Shenhua als ortskundige Begleiterin im Schlepptau macht sich Ryo auf, in Shenhuas Heimatdorf Bailu allen Hinweisen bzgl. obiger Fragen nachzugehen und seien diese noch so klein. Die Dorfbewohner sind Fremden gegenüber zunächst einmal skeptisch und unterkühlt, besonders, da vor ein paar Tagen eine Gruppe von Schlägern Bailu aufmischte und allen ortsansässigen Steinmetzen eine veritable Abreibung verpasste. Moment!? Ein Schlägertrupp, der Steinmetze verprügelt? War Shenhuas Vater nicht auch Steinmetz von Beruf? Na, das ist doch mal ein Anhaltspunkt!

Und so fragt sich Ryo durch das komplette Dorf (, das übrigens eine sehr hohe Steinmetz-pro-Kopf-Dichte aufweist) und putzt Klinken. Wenn ein Gespräch einen hilfreichen Hinweis auf den Verbleib Shenhuas Vater liefern sollte, wird dieser aufgegriffen - und automatisch in Ryos Notizbuch a.k.a. Questlog notiert - und wiederum diesem gilt es dann nachzugehen; und die große Interview-Runde durchs Dorf beginnt von Neuem. Ihr seht, in Shenmue III wird sehr viel gesprochen, gegangen, sich umgeguckt und mit Shenhua geplaudert. Wem das zu hektisch wird, der kann Kontemplation im Verbessern von Ryos Kung-Fu-Fähigkeiten, im Holzhacken oder im Blumenpflücken finden. Und ihr werdet ausgiebig Blumen pflücken, glaubt mir. Die gepflückten Blumen kann man büschelweise in Apotheken verkaufen und auch scheint Bailu einen unstillbaren Hunger an Holzscheiten zu haben. Für jeden in einem simplen Minispiel gehackten Scheit erhält Ryo ebenso wie für abgelieferte Pflanzen Yuan, die er wiederum einsetzen kann, um sich Gesundheits-Items (sprich Knoblauchzehen, da diese das beste Verhältnis von Preis zu wiederhergestellter Ausdauer von allen Items im Spiel liefern) oder Kung-Fu-Schriftrollen, die neue Moves bereithalten zu kaufen. Auch die allseits beliebten Kapselspielzeugautomaten sind wieder mit von der Partie und diese wollen schließlich auch gefüttert werden.

An dieser Stelle kommt der Tester leider nicht umhin, den wohl größten Makel des Spiels expliziter hervorzuheben: die Ausdauerleiste. Stellt sie euch nicht(!) wie beispielsweise die Ausdauerleiste in einem Soulsborne-Spiel vor, die losgelöst von der eigentlichen Energieanzeige der Spielfigur existiert. Das tut sie in Shenmue III nicht. Sie ist Energie- und Ausdaueranzeige zugleich. Sprich: zurückgelegter Weg lässt die Leiste sinken, ein Treffer in einem der stattfindenden Martial-Arts-Faustkämpfe ebenfalls. Im ungünstigsten Fall ist ein Kampf relativ weit von Shenhuas Haus, das Ryo als Unterschlupf dient, entfernt und die Leiste bei Ankunft am Kampfplatz bereits halb geleert - einfach durch das schiere Dorthingehen. Möchte man nicht geschwächt in den Ring steigen, schmeißt man eine Knoblauchzehe ein. Hat Ryo keine dabei? Nicht schlimm, kann man an den sporadisch verteilten Gemüseständen kaufen. Oh, kein Geld? Egal, du kannst ganz zurücklaufen zum Händler, der am Dorfeingang seinen Laden errichtet hat und dort eben Holz hacken. Alternativ kann man auch wieder zum Fluss zurücklaufen und dort Blumen pflücken. Das Suchen nach ihnen und das damit verbundene Laufen lassen die Leiste, die es ja eigentlich zu füllen galt, freilich noch weiter fallen. Im Prinzip ist der Spieler häufig einfach damit beschäftigt, Ryo mit Knoblauch zu versorgen, damit dieser nicht unterknoblaucht. 2004 hat an dieser Stelle angerufen und hätte gern seine Gamedesign-Entscheidung zurück. Spaß beiseite: wieso Yu Suzuki und sein Team sich hierfür entschieden haben, kann nur gemutmaßt werden, allerdings haben Shenmue I und II auch wunderbar ohne eine permanent nervende Ausdauerleiste funktioniert.

PIsMrMinigames.jpgGenerell ist es sehr mühselig in Shenmue III an Geld zu kommen, da jede Aktion zum Geldverdienen mehrere Minuten dauert und wirklich nicht viel Geld abwirft. Möchte man man eine coole Kampf-Schriftrolle kaufen, ist man schonmal gut und gern einen ganzen Tag im Spiel damit beschäftigt, China abzuholzen. Problematisch ist diese Designentscheidung erst recht, wenn das Spiel an einigen wenigen Stellen zwingend ein bestimmtes Item zum Weiterkommen verlangt, das es nur zu kaufen gibt. Als ich das erste mal auf eine derartige Pay-Wall stieß, dachte ich, dass das eine Finte sein sollte, da mir der erforderliche Betrag lächerlich hoch vorkam. Leider war es kein Scherz oder dergleichen und so ging ich einen kompletten Zocksamstag auf Tuchfühlung mit der Flora chinesischer Ufergebiete. Immerhin weiß ich jetzt, dass Lakritz offenbar kein sehr wertiges Kraut zu sein scheint, chinesischer Zimt hingegen schon.

Zen

Technisch gibt sich Shenmue III fairerweise gesagt nie die Blöße. Es werden zwar keine Effektfeuerwerke abgebrannt, aber das kleine Dorf Bailu und die deutlich größere Location der zweiten Spielhälfte sehen einfach stimmig und liebevoll designt aus. Die Farben leuchten über alle Maßen prachtvoll und besonders die Abendstunden sind einfach wunderschön ausgeleuchtet.

mB0hyScenery_2.jpg

Oft habe ich mich dabei ertappt, wie ich "einfach so" durch die Schauplätze streifte und hie und da etwas pflückte und eine Sammelfigur aus einem Kapselautomaten zog - einfach so, ohne Geldnot - aus Spaß an der Stimmung. Ich denke, dass ist das, was Suzuki wollte: die Spieler sollen sich in die und in der Welt Shenmue IIIs fallen lassen und nicht von Dialog zu Dialog hetzen. Auch mal abseits der Main-Quest etwas Zeit investieren und plötzlich ist auch der Geldmangel gar nicht mal mehr so groß. Nur, wenn man rusht, bekämpft das Spiel den Spieler und knallt ihm ein symbolisches "So nicht, mein Freund!" vor den Kopf. Das kann man sicherlich nicht mögen, ich tat es gewiss auch nicht immer, aber dann und wann hat es mich tatsächlich geerdet. Ich spiele hier gerade Shenmue III, ein Spiel, von dem ich dachte, ich werde es nie spielen. Ich muss hier gerade gar nicht schnell machen, warum genieße ich es nicht einfach?

Xgb38Scenery_3.jpg

Wenn man sich darauf einlassen kann und möchte, funktioniert das Spiel und auch sein Gameplay-Loop plötzlich richtig gut. Ebenso wie der sino-folkloristisch angehauchte Soundtrack. Dieser passt wie die Faust aufs Auge und hält einige Ohrwurm-Melodien parat. Ob chinesische Violinen über die Spielzeit von 35 Stunden für jedermanns Ohr etwas sind, bleibt dahingestellt.

Fazit

Es ist ziemlich schwierig, eine Schlussnote für ein derart aus der Zeit gefallenes Spiel, wie Shenmue III eines ist, zu finden. Das Spiel ist einfach zu sperrig, um es frei heraus zu empfehlen. Ehrlich gesagt glaube ich kaum, dass es Spielern unter 30 Jahren gefallen wird. Zu viel ist einfach nicht gut genug durchdacht und auch sonst merkt man das arg kleine Budget, das Suzuki zur Verfügung hatte, einfach an allen Ecken und Enden. Und von den wirklich richtig seltsamen Kämpfen bzw. deren Kampfsystem habe ich noch gar nicht gesprochen. Nur so viel: sie können richtig frustrieren. Das Spiel nicht zu empfehlen hat Shenmue III aber auch nicht verdient. Die Liebe, die in ihm steckt ist nicht zu übersehen und irgendwie ist es schön, dass es so abseitige Projekte doch noch auf die Festplatten einiger Spieler schaffen, auch wenn sie kein Death Stranding, The Last of Us Part II oder Red Dead Redemption 2 sind.

Wertung:

7.0

Tobsen meint:

"Shenmue III ist wie ein Haustier, das in die Jahre gekommen ist, man aber dennoch richtig lieb hat."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Gut
Technik: Gut

Schreibe einen Kommentar:

2 Kommentare:


Denios
vor 2 Wochen | 1
Nicer Test! Werde mir das Spiel aber nicht kaufen. Diese dämliche Ausdauer hat mir den Rest gegeben, davor hatte ich es zwar nicht auf meiner Wunschliste, aber immerhin noch nicht komplett abgetan :D

Matthew1990
vor 2 Wochen | 4
"unterknoblaucht" - mein Wort des Tages! :D