Test: The Outer Worlds (Nintendo Switch)

Von Nico Zurheide, Jeremiah David am 06. Juni 2020

Wie schlägt sich die Switch-Fassung?

Im letzten Dezember ging unser Review zu The Outer Worlds online. Damals konnten wir die Xbox One Version testen. Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen und Obsidians Rollenspiel gibt uns nun auch auf Nintendos Switch die Ehre. Kann die Portierung überzeugen?

Zunächst einmal muss gesagt werden: Inhaltlich unterschiedet sich die Switch-Version kein bisschen von den Anderen und so können wir hier getrost einigen Text aus unserem damaligen Review recyceln: Wir übernehmen die Kontrolle über einen Kolonisten, der im Cryoschlaf zusammen mit vielen weiteren Abenteurern von der Erde aus in einen weit entfernten Winkel der Galaxis geschickt wurde, um die dort ansässigen Kolonien zu bevölkern. In der Zukunft, die Outer Worlds uns präsentiert, haben Megafirmen weitgehend die Kontrolle über sämtliche Geschäfte und das Privatleben der Leute übernommen. Mächtige Konglomerate kaufen Teile der Galaxie, um sie mit ihren gemeinsamen Mitteln zu bevölkern und wirtschaftlich auszubeuten. Unser Protagonist befindet sich in einem von zwei Schwesterschiffen, die von der Erde aus in die entfernte Halcyon-Kolonie gesandt wurden - unser Schiff erreicht aber nie offiziell sein Ziel. Etwa 50 Jahre nach dem planmäßigen Eintreffen der beiden Kolonistenschiffe werden wir vom etwas verrückten Wissenschaftler Phineas Welles aus dem Cryoschlaf erweckt und die Geschichte nimmt seinen Lauf.

Weiterentwicklung alter Prinzipien

Schon bei der Charaktererstellung fällt auf, dass hier Entwickler am Werk sind, die nicht zum ersten Mal ein Rollenspiel programmieren. The Outer Worlds lockert das traditionelle Klassen-System etwas auf, indem es die Spieler auf verschiedene Werte sechs Punkte zur freien Verfügung verteilen lässt. Die Skala reicht hier jeweils von -1 bis +3. Zusätzlich können noch weitere Punkte verteilt werden, dafür bekommt der Charakter aber an anderer Stelle einen Malus. Die Persönlichkeit und ein beruflicher Hintergrund runden die Charaktererstellung ab. Die gewählten Eigenschaften und Vorteile machen sich direkt im Spiel bemerkbar. So bekommen wir beispielsweise in Dialogen auf der Basis unserer Auswahl unterschiedliche Optionen zum Weiterführen des Gesprächs. Wir können andere Personen belügen, einschüchtern, überzeugen, mit unserer Kenntnis eines speziellen Themas beeindrucken oder einfach dumm antworten, wenn wir unserem Protagonisten entsprechend wenig Ausstattung im Oberstübchen mitgegeben haben. Oft nützlich kommt in den Dialogen übrigens die optionale Anzeige des gesamten Gesprächsverlauf daher.

Ganz klassisch verbessert die gewählte Dialogoption unseren Charakter dann etwas in diesem Gebiet. Die Dialoge sind auch eng mit dem Skill-System verknüpft, denn für besonders fundierte Antworten zu schwierigen Themen, zum Beispiel in den Bereichen Medizin oder Technik, benötigen wir ausreichend viele Punkte in eben diesem Skill, um unser Fachwissen in diesem Bereich zu verbessern. Die Skills selbst sind aufgeteilt in einige simple Kategorien (Nahkampf, Fernkampf, etc.) und diese besitzen wiederum jeweils drei Unterkategorien, um die Spezialisierung noch etwas auf die Spitze zu treiben. Pro Level bekommen wir zehn Fähigkeitenpunkte, die wir bis zum Wert 50 gleichzeitig auf die drei Werte jeder Kategorie und dann von 50 bis 100 auf die einzelnen Unterkategorien verteilen können. Losgelöst davon werden uns im Verlauf des Spiels immer wieder wertvolle Vorteilspunkte angeboten, sollten wir denn im Gegenzug einen Nachteil annehmen. So könnten wir einen Punkt erhalten, wenn wir zu oft beim Stehlen erwischt wurden, dafür müssen wir aber auch die Eigenschaft „nervös“ für unseren Charakter in Kauf nehmen und so einen schlechteren sozialen Skill verkraften.

Jede geskillte Fähigkeit erleichtert uns natürlich das Leben, sei es in Dialogen, in Kämpfen, beim Hacken von Terminals oder ganz einfach in der Spielwelt selbst. Müssen wir etwa beim Hacken normalerweise einige der Gegenstände einsetzen, die wir überall in der Spielwelt finden, können wir die Sicherheitsmaßnahmen mit einem genügend hohen Skill einfach umgehen. Dazu kommen uns technische Fertigkeiten beim Angreifen verschiedener Basen zugute, da wir so Verteidigungsanlagen ausschalten, Türen öffnen, Roboter deaktivieren und andere Tricksereien durchziehen können, um in eine Basis zu gelangen, ohne uns gewaltsam durch die Wachmannschaft zu ballern. Dieser Spielstil wird einerseits durch das simple und funktionelle Skillsystem und andererseits natürlich durch das Design der Spielwelt und der Siedlungen ermöglicht.

Eine Kolonie am Rande des Nervenzusammenbruchs

Kleine Lager, größere Siedlungen, wild angelegte Camps und weitere menschliche Gemeinschaften finden wir auf den bewohnten Planeten des Halcyon-Systems überall. Dazu kommt eine von den Megafirmen weitgehend unabhängige Raumbasis, die in dem Schwesterschiff unseres Kolonistencruisers angesiedelt ist, und einige kleinere Nebenschauplätze wie das Labor von Phineas Welles. Und natürlich unser eigenes Raumschiff namens „Unreliable“, in dem wir uns mit dem kecken Bordcomputer unterhalten können, ein ständiges Item-Lager in unserer Kabine haben und unsere Crewmitglieder in eine Unterhaltung mit uns verwickeln können. Da sich die verschiedenen Spielabschnitte stark unterscheiden und wir im Verlauf der Story ohnehin kreuz und quer durch das Sonnensystem reisen müssen, bietet uns das Spiel dauerhaft schöne Abwechslung, die wir in einem ordentlichen Sci-Fi-Rollenspiel allerdings auch erwarten dürfen - immerhin können sich die Designer in den Weiten des Weltalls beinahe frei ausleben.

FUUU-SION! HA!

Generell erinnert das Bereisen verschiedener Planeten mit einem eigenen Schiff und selbst zusammengewürfelter Crew stark an die Mass-Effect-Reihe, genauer Mass Effect 2. Und damit wären wir bei den offensichtlichen Vorbildern von The Outer Worlds: Mass Effect und Fallout. Obsidian Entertainment, das 2010 das gefeierte Fallout: New Vegas für Bethesda entwickelte, bedient sich ordentlich an seiner früheren Arbeit. Das Phänomen der sogenannten „Taktischen Zeitdilatation“, das im Spiel mit dem enorm langen Cryoschlaf unseres Protagonisten erklärt wird, ist beinahe eine 1:1-Kopie des Vault-Tec Assisted Targeting Systems (kurz: V. A. T. S.) aus Fallout, mit dem wir in Gefechten die Zeit verlangsamen und für besonders viel Schaden verschiedene Körperteile unserer Gegner anvisieren können.

Schaden teilen wir, wie sollte es anders sein, mit Fern- und Nahkampfwaffen aus, vorzugsweise je nach Punkteverteilung im Skillbaum. Sämtliche Waffen können wir an Werkbänken generell in ihren Werten verbessern, sie für einige Waffenteile zerlegen, oder sie mit entsprechenden Waffenmods für Zusatzfunktionen modifizieren. Dazu stehen an vielen Orten Verkaufsautomaten der Firmen bereit, an denen wir Waffen, Teile und Schrott ver- und neue Vorräte einkaufen können. Mit den beiden spielinternen Währungen Bits und Waffenteile können wir Items kaufen, unser Arsenal aufrüsten und Leute bestechen.

Die Besonderheiten der Switch-Version

Dass die Nintendo Switch nicht dieselbe Leistung besitzt wie die PS4 oder die Xbox One sollte jedem klar sein. Von einer Switch-Umsetzung waren grafische Einbußen daher von Anfang an zu erwarten. Wie sehr fallen diese jedoch auf? Zuerst die gute Nachricht: Auch auf Nintendos Hybridkonsole spielt sich The Outer Worlds nahezu einwandfrei. Die Framerate kommt gelegentlich minimal ins Stocken und Pop-Ups kommen zwar vor, stören aber nicht. Die Ladezeiten sind nicht kurz, aber auch nicht übermäßig lang. Die Steuerung wurde außerdem gut an das Tasten-Layout angepasst und ist weitestgehend mit der Steuerung der Xbox-One- oder PS4-Version vergleichbar, wobei in der Switch-Fassung optional mit den Gyro-Sensoren gezielt werden kann.  

Jetzt aber die schlechte Nachricht: Diese Spielbarkeit wurde durch ein massives technisches Downgrade erkauft. Die sonst so farbenfrohen Welten wirken auf der Switch blass und detailarm. Die Umgebungen kommen mit deutlich weniger Objekten daher und die Qualität der Texturen wurde so weit heruntergeschraubt, dass vor allem im Handheld-Modus alles immer irgendwie verschwommen aussieht. Selbst Charaktere erhalten erst aus nächster Nähe scharfe Konturen. Wenn die Switch im Dock steckt, springt die Auflösung von 720p auf 1080p. Alles wirkt dann ein klein wenig schärfer, aber unabhängig davon ist die Grafik meilenweit von dem entfernt, was uns die anderen Konsolen bieten, und zeigt, dass reine Zahlenwerte wie 1080p nur bedingt Rückschlüsse auf die optischen Qualitäten eines Titels erlauben. Vermutlich wird hier ein Bild mit deutlich geringerer Auflösung jeweils nur hochskaliert. Die nachfolgenden Screenshots zeigen im direkten Vergleich mit der PC-Version wie sehr die Switch-Fassung leiden muss, wobei wir an dieser Stelle darauf hinweisen möchten, dass die Bilder hier nicht in 720p dargestellt werden. Die Unterschiede fallen daher auf dem Bildschirm der Switch oder an einem Fernseher noch mehr (!) auf.

Fazit:

The Outer Worlds ist im Prinzip auch auf der Switch ein gutes RPG mit einem durchdachten Skillsystem, einem ansprechenden Kampfsystem, einer abwechslungsreichen Spielwelt und interessanten Charakteren. Im Prinzip ist es auch einwandfrei spielbar, aber diese Spielbarkeit geht auf Kosten der Grafik und die ist in diesem Falle nur selten auf dem Niveau der letzten Konsolengeneration. Alles wirkt verschwommen. Grafik ist nicht alles, aber hier verpasst die optische Umsetzung dem Spielspaß auf jeden Fall einen Dämpfer. Wer neben der Switch noch eine andere aktuelle Konsole oder halbwegs leistungsfähigen PC besitzt, sollte auf die mobilen Aspekte der Portierung verzichten und definitiv zu einer anderen Version greifen.

Anmerkung: Die Retail-Fassung der Switch-Version von The Outer Worlds beinhaltet kein Spielmodul, sondern lediglich einen Download-Code.

Wertung:

7.0

Nico Zurheide, Jeremiah David meint:

"Einwandfrei spielbare, aber optisch grausame Switch-Portierung"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Mangelhaft

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