Test: Cannibal Cuisine

Von Nico Zurheide am 23. Mai 2020

Koop-Kochen con Kannibal-Carne.

Bei einem nachbarschaftlichen BBQ in Brüssel haben sich drei Gamedesigner getroffen, die alle große Fans des chaotischen Kochspiels Overcooked! waren und daraufhin beschlossen haben, unter dem Namen Rocket Vulture selbst an einem solchen Kochspiel zu arbeiten. Dieses sollte sich aber nicht aufs reine Kochen von Gerichten beschränken, sondern darüber hinaus auch Kämpfe und Platforming beinhalten. Ist das für chaotische Action zu viel des Guten? Wir haben uns den makaberen Spaß angesehen.

Die Gemeinsamkeiten zum Indiehit Overcooked werden schon auf den ersten Blick deutlich. In isometrischer Ansicht sehen wir eine "Küche" und steuern durch diese je nach Spieleranzahl einen bis vier Köche, um möglichst schnell bestimmte Gerichte zuzubereiten. Die Küche ist in diesem Fall ein kleiner Abschnitt einer tropischen Insel, denn Cannibal Cuisine ist auf eben dieser angesiedelt. Unsere Protagonisten entsprechen ebenfalls nicht unbedingt der standardisierten Definition von Köchen. Wir steuern einige Mitglieder des hiesigen Eingeborenenstammes durch die Level und versuchen dabei, möglichst viele Gerichte für Hoochooboo zu grillen. Dieser unfreundliche Vielfraß ist der Gott unseres Stammes und ihm gelüstet es vor allem nach Obst, Gemüse und... Menschenfleisch.

Unter Zeitlimit müssen wir nun also nicht nur Bananen, Orangen, Auberginen und Co aus Kisten fischen und auf Grillspieße stecken, sondern nebenbei auch noch einen ganzen Haufen Touristen um ihre inneren Organe und Rippen erleichtern. Dafür müssen wir jeden der unglücklichen Sightseer genau dreimal schlagen - besonders ausgefeilt ist das Kampfsystem also nicht. Etwas Tiefe kommt aber doch noch hinzu: Erstens wehren sich unsere Opfer verständlicherweise auch nach Leibeskräften und zweitens können wir uns mit zwei der vier Sonderfähigkeiten beim Touristen-Schlachtfest behelfen. Mit einem Stampfer lassen sich die Opfer für kurze Zeit paralysieren und das platzierbare Totem erzeugt einen kleinen Bereich, in dem unsere Kannibalen langsam heilen. Dazu kommt noch ein Sprint für das Überbrücken von Abgründen und der Feueratem, mit dem wir die Gerichte schneller zubereiten können. Diese sogenannten Voodoomächte lassen sich vor jedem Versuch frei wählen. Die Gesundheit unserer Köche können wir allerdings auch jederzeit durch den Verzehr des rohen Fleisches wiederherstellen.

Verschenktes Potenzial

Dadurch entsteht des öfteren ein Abwägen, ob wir nun beispielsweise das eine Gehirn noch in der Hinterhand behalten sollten, falls Hoochooboo plötzlich Heißhunger auf ein Banana Brain bekommt, oder ob wir uns das Cerebrum einfach selbst einverleiben sollten, um schnell wieder zu Kräften zu kommen. Das ist allerdings auch schon die einzige duale Gameplay-Mechanik des Spiels. Dabei wäre an dieser Stelle noch viel Potenzial vorhanden gewesen. So hätte etwa der Feueratem auch gegen Touristen oder das Totem zur Wiederherstellung verbrannten Essens eingesetzt werden können, um nur zwei schnelle Ideen zu nennen. Hier hat Rocket Vulture das Konzept leider nicht zu Ende gedacht.

Auch beim Umfang zieht das Geschicklichkeitsspiel vor allem im Vergleich mit seinem Vorbild Overcooked deutlich den Kürzeren. Wir bekommen hier in der Kampagne lediglich vier Welten mit jeweils sechs Leveln, wobei die letzte Mission jeder Welt etwas anders aufgebaut ist. Hier wird nicht gekocht, denn quasi als Endgegner treffen wir hier beispielsweise auf Gegnerwellen, die wir einfach nur wegmetzeln müssen. Diese Level erweisen sich durch den Gebrauch der richtigen Fähigkeiten und vor allem mit mehreren Spielern als nicht besonders schwer. Damit stehen sie im krassen Gegensatz zu den regulären Leveln einer jeden Welt, denn um hier wie in Overcooked die drei Sterne in einem Level zu erhalten, muss schon eine richtig ordentliche Leistung abgeliefert werden, wobei absolut kein Raum für Fehler gelassen wird. Dadurch zieht sich die Spieldauer natürlich noch in die Länge, was sich aber eher als Pluspunkt verbuchen lässt, denn das Spielprinzip bereitet vor allem im Koop viel Spaß und mit etwas Übung lassen sich auch zu zweit die drei Sterne schaffen. Als weiteren Modus gibt es Versus-Level, in denen die Spieler gegeneinander antreten.

Kochen, Kämpfen, doch was ist mit Platforming? Das ist zwar im Spiel enthalten, darf jedoch nicht im klassischen Sinne verstanden werden. Im Verlauf der Story werden die Level zunehmend komplexer und beweglicher, was die Navigation zwischen den wichtigen Punkten natürlich schwieriger gestaltet. Wir müssen hier jedoch nie selbst gezielt springen, sondern uns eher über bewegliche Fässer fortbewegen oder durch katapultierende Bodenplatten zu einem anderen Abschnitt des Levels bringen lassen. Sollten wir dabei mal ins Wasser oder in eine Fallgrube fallen, werden wir nach einigen Sekunden wiederbelebt. Auch als Abschlusslevel einer Welt kann eine reine Platforming-Challenge auftauchen. Overcooked beinhaltete zwar auch bewegliche Elemente, doch Platforming in dieser Form hat das Vorbild nicht geboten. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal bildet Hoochooboo, der innerhalb eines Levels auch mal in verschiedenen Farben auftreten kann. Dann müssen wir neben dem Kochen der Gerichte auch noch darauf achten, dass wir die Speisen auch beim richtigen Gott abliefern.

Technisch gibt es übrigens nicht viel zu meckern: Die Zwischensequenzen der Story sehen hübsch aus und die Steuerung wird höchstens durch den Gebrauch der Joy-Con etwas ungenau und damit vor allem auf beweglichen Objekten schwieriger. Leider gab es hin und wieder einige Bildruckler und dem Soundtrack hätten weitere Musikstücke sicher auch nicht geschadet.

Fazit:

Die Mischung aus Geschicklichkeit, Platforming und Kampfspiel wirkt auf den ersten Blick zwar wie ein billiger Abklatsch von Overcooked, doch dieses Fazit wäre unfair dem spaßigen Spiel gegenüber. Cannibal Cuisine nimmt das chaotische Spielprinzip gekonnt auf und fügt diesem eine weitere Komponente hinzu, die sich gut in das Gameplay einfügt. Durch das minimalistische Kampfsystem und die begrenzten Einsatzmöglichkeiten der Voodoomächte bleibt das Geschehen zwar übersichtlicher, doch das verschenkte Potential wird dafür umso deutlicher. Hier und auch bei der Technik hätte es noch an Feinarbeit bedurft, um den Titel zu einem würdigen Vertreter von Overcooked erklären zu können. Mit mehreren Spielern werdet ihr trotzdem ganz sicher euren Spaß haben.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

7.5

Nico Zurheide meint:

"Frischer und spaßiger Ansatz des Koop-Kochen-Genres, der an einigen Stellen nicht ganz zu Ende gedacht wurde."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Durchschnittlich

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