Test: SnowRunner

Von Andreas Held am 28. April 2020

Spintires und MudRunner machten das Spielkonzept "Baumstämme von A nach B transportieren" zu einer kleinen Erfolgsgeschichte. Nun erscheint der überarbeitete und erweiterte Nachfolger.  

It Was Autumn Time in Northern Michigan

Wir starten SnowRunner nicht etwa im Schnee, sondern an Bord eines Pickup-Trucks auf einer matschigen Straße in der Gemeinde Black River, die im Nordosten des amerikanischen Bundesstaats Michigan angesiedelt ist. In einem kurzen Tutorial erklärt uns das Spiel, wie wir eine Seilwinde, eine halbautomatische Gangschaltung und den zuschaltbaren Allradantrieb einsetzen müssen, um uns zu unserem ersten richtigen Truck vorzuarbeiten - der niemandem zu gehören scheint, sodass wir ihn einfach mitnehmen können. Danach startet die erste Mission, für deren Erfüllung wir aus dem Lagerhaus der Stadt einige Metallstreben und anschließend aus dem etwas abseits gelegenen Sägewerk eine Ladung Holzplanken zu einer Baustelle transportieren müssen, damit am Zielort eine Brücke gebaut werden kann.

So oder so ähnlich laufen fast alle der insgesamt 215 Haupt- und Nebenmissionen ab, die wir in SnowRunner absolvieren können. Manchmal müssen wir einen irgendwo in der Spielwelt platzierten Anhänger abtransportieren oder einen defekten Truck aus einem Sumpf bergen, aber letztendlich geht es in der Regel immer darum, eine oder mehrere Frachten von A nach B zu bewegen. SnowRunner ist dabei keine Wirtschaftssimulation wie z.B. der American Truck Simulator, sondern eher eine Open World, wie man sie von Ubisoft kennt. Beim ersten Kontakt mit einem neuen Areal sollten wir erst einmal verschiedene Wachtürme anfahren, um die umliegende Karte aufzudecken und den Fundort von Collectibles und Nebenaufgaben zu erfahren. Neue Trucks und Upgrades wie stärkere Motoren oder spezielle Offroad-Reifen liegen einfach zum Mitnehmen in der Spielwelt herum.

Insgesamt befahren wir in SnowRunner elf Karten, die auf drei verschiedene Gebiete - Michigan, Alaska und das russische Taymyr - aufgeteilt sind. Anders als der Name des Spiels vermuten lässt ist dabei nur Alaska von Schnee bedeckt; Michigan und Taymyr werden von schlammigen Straßen und überfluteten Sumpflandschaften dominiert. Die Karten sind ziemlich groß und jede einzelne von ihnen bietet, wenn wir wirklich alle Collectibles sammeln und alle Nebenaufgaben erfüllen wollen, eine Spielzeit von über 10 Stunden. Auch der Fuhrpark aus rund 40 lizenzierten Trucks, die mit halbwegs gängigen LKWs, kleineren Geländewagen und hochspezialisierten Offroad-Monstern ein sehr breites Spektrum abdecken, kann sich durchaus sehen lassen. Beim Design der Landschaften haben sich die Entwickler ebenfalls redliche Mühe gegeben: Von noch halbwegs befahrbaren asphaltierten Straßen bis hin zu überfluteten Feldwegen, engen Serpentinen und zugefrorenen Seen, die unsere Trucks an ihre Grenzen bringen, wurden alle Straßenzüge mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet.

SnowCrawler - The Enemy in White

Trotz all des durchaus berechtigten Lobes ist es schwierig, für SnowRunner eine allgemeine Empfehlung auszusprechen. Während bereits Spielkonzepte wie der American Truck Simulator bei den wenigsten Spielern auf Verständnis stoßen, ist SnowRunner nochmal ein ganzes Stück spezieller. Wenn wir uns Meter für Meter durch einen überfluteten, schlammigen Straßenabschnitt graben oder in einem Sumpf stecken bleiben, sodass wir unser Fahrzeug wirklich nur noch mit der Seilwinde von Baum zu Baum ziehen können, wird das für die wenigsten Zielgruppen noch etwas mit Spielspaß zu tun haben. Außerdem dürfte ein Titel, in dem PS-starke Abgasschleudern glorifiziert werden und die Expansion der Ölindustrie eines der hauptsächlichen Ziele darstellt, bei vielen Spielern schon allein aus politischen Gründen durchfallen.

Das ist an sich natürlich kein K.O.-Kriterium, denn wer sich mit der Thematik anfreunden kann, bekommt mit SnowRunner ein wirklich einzigartiges Spielerlebnis geboten. Es kann durchaus Spaß machen, einen riesigen Truck eine eigentlich viel zu schmale Bergstraße entlang zu manövrieren. Somit gehören die erstmalige Erkundung einer neuen Karte und spezielle Missionen, in denen wir einen abgelegenen Aussichtspunkt erreichen sollen, zu den spielerischen Highlights. Der eigentliche Kern des Titels, das Transportieren von Frachten von A nach B, wird jedoch sehr schnell zu einer reinen Fleißaufgabe. Da es auf den großen Karten nur wenige Punkte gibt, an denen wir Rohstoffe abholen können, fahren wir immer und immer wieder dieselben Straßen ab. Gepaart mit dem sehr langsamen Spieltempo wird das zu einer Geduldsprobe, auf die die meisten Spieler keine Lust haben dürften.

Leider müssen wir auch die technische Umsetzung des Spiels, zumindest in der von uns getesteten PS4-Version, scharf kritisieren. Die detaillierten Spielwelten und Trucks werden zwar mit einer stabilen Framerate dargestellt (wir verwendeten eine PS4 Pro), Grafikfehler - z.B. in Form von aufploppenden Objekten, in der Luft schwebenden Ästen oder plötzlichen Änderungen in der Helligkeit - sind jedoch in sehr üppiger Zahl vorhanden. Auch die Wiedergabe der Hintergrundmusik scheint nicht richtig zu funktionieren, sofern die Entwickler nicht absichtlich versucht haben, schlechten Radioempfang zu simulieren. Die Physik-Engine wirkt unglaubwürdig, da das enorme Gewicht der tonnenschweren Trucks überhaupt nicht vermittelt wird - stattdessen hüpfen sie selbst beim Überfahren kleinerer Steinchen munter auf und ab und kippen ohne größeres Zutun auf die Seite. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass Bewegungen der Analogsticks nur mit einer deutlichen Latenz im Spiel umgesetzt werden. Das ist beim Platzieren von Wegpunkten auf der Gebietskarte sehr nervig und sorgt dafür, dass unsere Trucks erst mit einer Verzögerung von rund einer Sekunde auf Lenkbewegungen reagieren. Außerdem ist das Spiel bei unserem Test leider mehrmals abgestürzt. Bei meiner ersten Nachtfahrt wurde ich von einem Tutorial dazu aufgefordert, auf meinem Controller STING+STING zu drücken, um das Scheinwerferlicht einzuschalten. Ähm... bitte was? 

Fazit:

SnowRunner erinnert auf den ersten Blick an Spiele mit Namen wie "XY Simulator", ist im Gegensatz zu den meisten seiner Genrekollegen aber immerhin ein vollständiges, funktionierendes, umfangreiches und sauber ausgearbeitetes Videospiel. Trotzdem müssen wir natürlich festhalten, dass die sehr spezielle Thematik des Titels und der spielerische Fokus auf zeitaufwändige Fleißaufgaben nur die wenigsten Spielertypen ansprechen dürften. Wer sich zu dieser ohnehin sehr kleinen Zielgruppe zählt und mit der von uns getesteten PS4-Version liebäugelt, muss darüber hinaus auch noch dazu bereit sein, üble technische Fehler wie eine klar wahrnehmbare Latenz bei der Verarbeitung von Controller-Eingaben und gelegentliche Spielabstürze hinzunehmen. Dafür lockt uns der Titel mit einem wirklich einzigartigen Spielkonzept, einem potentiell gigantischen Umfang, schön gestalteten Landschaften und einem sehr ordentlichen Fuhrpark aus den verschiedensten Trucks und Geländewagen. Dass es dafür Käufer gibt, haben die zahlreichen Vorgänger von SnowRunner bewiesen, deren Erfolg die Entwicklung dieses ambitionierten Titels überhaupt erst möglich machte. Fans von Spintires, MudRunner und ihren zahlreichen DLCs und Erweiterungspaketen werden von SnowRunner also sicherlich nicht enttäuscht sein. Wer sich von konventionellen Genres gelangweilt fühlt und einfach mal was völlig Neues ausprobieren möchte, könnte an SnowRunner ebenfalls Gefallen finden - allerdings solltet ihr vor einem Kauf sehr genau wissen, worum es in diesem Spiel geht.

Wertung:

5.5

Andreas Held meint:

"SnowRunner ist kein schlechtes Spiel - aber aufgrund seiner sehr speziellen Thematik und einer technisch durchwachsenen PS4-Version nur bedingt empfehlenswert."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Mangelhaft

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