Test: The Complex

Von Nico Zurheide am 09. April 2020

Ein neuer interaktiver Thriller von Wales Interactive.

FMV-Spiele gewannen in den letzten Jahren gleichermaßen an Produktionsniveau und bekannteren Schauspielern, hier auf NplusX konnten wir euch beispielsweise bereits einen Test zum Mystery-Thriller Erica von Sony und Flavourworks liefern (zum Review). Die walisischen Entwickler von Wales Interactive haben sich in dem Genre nun schon einige Jahre ausgetobt und dabei bekanntere Titel wie Late Shift oder The Shapeshifting Detective veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit Good Gate Media haben sie Ende März den Thriller The Complex auf Steam, Nintendo Switch, PlayStation 4 und Xbox One gebracht.

Die Geschichte von The Complex wurde von Lynn Renee Maxcy geschrieben, die Teil des Emmy-prämierten Schreibteams der Dramaserie The Handmaid’s Tale ist, Regie führte der Newcomer Paul Raschid. Die Hauptdarsteller sind Michelle Mylett (Letterkenny, Bad Blood), Kate Dickie (Game of Thrones, The VVitch) und Al Weaver (Grantchester).

Von totalitären Staaten und Biowaffen

Wir als Zuschauer und Spieler übernehmen die Rolle der begabten Forscherin Amy Tennent, die im modernen Forschungszentrum The Complex eine neuartige Nanotechnologie entwickelt hat. Diese besteht aus vielen winzig kleinen Robotern in einer Flüssigkeit, die im Körper eines schwer Verwundeten Zellen reparieren und regenerieren kann. Auch bei chronischen Erkrankungen hilft diese Technologie, denn die Roboter lassen sich beliebig programmieren. Es ist wohl selbstverständlich, dass sowohl Geheimdienste als auch Regierungen totalitärer Staaten an einer solchen "Waffe" interessiert sind.

Das britische MI6 beobachtet die Nanotechnologie und die Einrichtung The Complex, weil dessen Gründerin Nathalie Kensington im Zuge der Testphase der neuartigen Tech zusammen mit dem Diktator des fiktiven Unrechtstaates Kendar einige Dörfer im besagten Land auslöschte. Bei diesem Teil der Story orientierten sich die Entwickler wohl am realen Luftangriff auf Guernica (1937). Kendarische Rebellen, die den Diktator stürzen wollen, schleichen sich ebenso in das Labor ein wie einige kendarische Schläfer, die der Regierung des Staates die Technologie beschaffen sollen. Nach einem kurzen Prolog nimmt die Story damit Fahrt auf, dass eine in The Complex angestellte Praktikantin plötzlich in einer Londoner U-Bahn Blut spuckt und daraufhin zu der Einrichtung zurückgebracht wird.

Persönlichkeit und Beziehungen

Wie in FMV-Spielen üblich bekommen wir im Verlauf der Story immer wieder die Wahl zwischen zwei oder mehr Dialog- oder Handlungsoptionen, die je nach Wahl die Geschichte unterschiedlich beeinflussen und letztendlich zu einem von neun verschiedenen Enden führen. Bei unserem ersten Spieldurchlauf haben wir insgesamt 82 Entscheidungen getroffen und damit auch 82 von 196 Szenen gesehen, die das Spiel zu bieten hat.

Basierend auf den getroffenen Entscheidungen wird außerdem eine Statistik zu unserer Persönlichkeit erstellt, die sich in die Bereiche Ehrlichkeit, Mut, Neugier, Intelligenz und Sensitivität aufteilt. Außerdem können wir am Ende einer Story den Beziehungsstatus zwischen Amy und neun mehr oder weniger wichtigen Personen der Story als Prozentangabe einsehen. Während die Bewertung der Persönlichkeit noch in etwa mit den gewählten Optionen übereinstimmt, wird die Errechnung des Beziehungsstatus nicht wirklich ersichtlich. Auch ein Charakter, der durch unsere Taten umgekommen ist, kann am Ende noch bei 30 bis 50 Prozent stehen. So ergibt der abschließende Bewertungsbildschirm letztendlich wenig Sinn.

Auch der Einfluss der getroffenen Entscheidungen auf die gesamte Story kann nicht ganz überzeugen. Abgesehen von den letzten 15 Minuten werden die Ereignisse durchgehend in eine bestimmte Richtung gelenkt und Entscheidungen haben selten wirklichen Einfluss auf die übergreifende Geschichte. Noch schlimmer ist es bei kleineren Dingen, so kann Amy etwa einen Luftschacht mit einem Mikroskop ebenso gut wie mit einem Skalpell öffnen und wir bekommen die genau gleiche Szene gezeigt, egal ob wir sie in diesem Schacht vorsichtiger oder schneller agieren lassen. Zum Ende des Films allerdings gehen die Stränge schon stark auseinander, daher ist es löblich, dass wir bei einem erneuten Versuch bereits bekannte Szenen einfach bis zur nächsten Entscheidung überspringen können.

Die Sprachausgabe gibt es übrigens ausschließlich auf Englisch, Untertitel sind aber in mehreren Sprachen verfügbar. Bei den deutschen Untertiteln wird allerdings deutlich, dass das Niveau der Übersetzung nicht merklich über dem des Google Übersetzers liegt.

Fazit:

So ausgelutscht die Story rund um eine neuartige Technologie, die nicht in die falschen Hände geraten darf, auch sein mag, The Complex bietet eine spannende Erzählweise, die uns aufgrund der vielen Entscheidungen zu keinem Zeitpunkt verliert. Die schauspielerische Leistung ist ebenso ordentlich wie die Regiearbeit, auch wenn man hier nicht unbedingt höchstes Hollywood-Niveau erwarten darf. Vor allem einigen Szenen merkt man den Greenscreen deutlich an. Die Entscheidungen haben leider nur wenig Einfluss auf den Großteil der Story, doch für einen Abend kann euch das etwa 90 Minuten lange FMV-Spiel sicherlich besser unterhalten als so mancher Film und dank der Möglichkeit, bekannte Szenen zu überspringen, stimmt auch der Wiederspielwert.

Von uns getestet: Xbox-One-Version

Wertung:

6.0

Nico Zurheide meint:

"Die etwas andere Art der Abendunterhaltung, aber kein Top-Vertreter des Genres."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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