Test: Shinsekai Into the Depths

Von Andreas Held am 06. April 2020

Seid ihr Fans von Limbo, Endless Ocean und Metroid? Dann ist Shinsekai das perfekte Spiel für euch.

Wer bin ich eigentlich?

In Shinsekai übernehmen wir die Kontrolle über einen Taucher, der auf einer komplett zugefrorenen Erde immer tiefer unter die Meeresoberfläche vordringen muss, um vor den sich immer weiter ausbreitenden Eismassen zu fliehen. Selbst diesen einen Story-Ansatz kennen wir jedoch nur aus der Nintendo-Direct-Ausgabe bzw. der eShop-Beschreibung des Capcom-Titels, denn für sich genommen ist Shinsekai ein Spiel komplett ohne Story. Zwar gibt es kurze Zwischensequenzen, in die man einige Dinge hineininterpretieren könnte, aber rational betrachtet erzählen uns die Entwickler keine verständliche Handlung. Diese Erzähltechnik kennen wir vor allem aus Indie-Platformern wie Limbo oder Braid, aber auch aus Walking-Simulatoren wie Journey oder Virginia.

Genre-Mix aus Walking Simulator und Metroidvania

Kein Wunder also, dass sich Capcom auch in anderen Aspekten an diesen Titeln orientert hat - der wichtigste davon ist die Steuerung. Ganz ähnlich wie in Limbo steuern wir in diesem Metroidvania keine durchtrainierte Kopfgeldjägerin, sondern einen ganz normalen Alltagshelden, der spürbar unter dem Gewicht seines Taucheranzugs leidet. Sämtliche Spielaktionen fühlen sich daher extrem langsam und träge an. Selbst wenn wir den Motor unseres Taucheranzugs als Quasi-Jetpack benutzen, um uns frei in alle vier Richtungen zu bewegen, ändert sich wenig an diesem Spielgefühl. Dieses Spielerlebnis ist natürlich kein Produkt eines unfähigen Entwicklerteams, sondern ein bewusst gewähltes Stilmittel, mit dem uns Shinsekai vermitteln will, dass wir eben keinen großen Helden steuern und keine Superkräfte haben. Aber eine schlechte Steuerung, die als Stilmittel eingesetzt wird, ist eben immer noch eine schlechte Steuerung.

Das ist vor allem deshalb kritisch, weil Shinsekai deutlich stärker als seine Genreverwandten auch auf Action-Elemente setzt. Und in diesen Situationen, in denen wir von Seeungeheuern und feindlich gesinnten Maschinen ganz ordentlich unter Druck gesetzt werden, stolpert und fällt unser gesichts- und namenloser Protagonist so unbeholfen durch die Spielwelt, dass es fast schon peinlich, vor allem jedoch extrem frustrierend ist. Da die Speicherpunkte nur wenige Minuten weit auseinanderliegen und wir ständig mit neuen Heilungsitems versorgt werden, die wir in Kampfsituationen zur Not im Sekundentakt einsetzen können, sind ernsthafte spielerische Herausforderungen jedoch eine Ausnahme. Wer trotzdem noch überfordert ist, kann einen einfachen Spielmodus aktivieren.

Toll präsentierte Suchaufgaben

Die größte Herausforderung bildet somit die Suche nach Upgrades für unseren Taucheranzug, die auch den Hauptaspekt des Gameplays ausmacht. Shinsekai ist für ein Metroidvania sehr linear aufgebaut und wir besuchen die einzelnen Gebiete in einer streng vorgegebenen Reihenfolge, während das Spiel mütterlich darauf aufpasst, dass wir kein wichtiges Upgrade verpassen. Trotzdem gestalten sich diese Suchaufgaben nicht immer einfach, da die einzelnen Gebiete recht groß und zum Teil auch recht unübersichtlich ausfallen können. Wir bekommen zwar ziemlich früh im Spiel einen Roboter-Begleiter zur Seite gestellt, der uns die grobe Richtung zum nächsten wichtigen Upgrade anzeigt - allerdings tut er das nur mit seltsamen Piktogrammen, die wir erst einmal verstehen müssen.

Capcom weist uns beim ersten Spielstart darauf hin, dass wir Shinsekai für die "beste Unterwasser-Sounderfahrung" mit Kopfhörern spielen sollten. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass man den Titel wie ein gutes Horror-Spiel am besten nur Nachts spielen sollte. Shinsekai baut mit seinem gesamten audiovisuellen Design eine sehr dichte Atmosphäre auf, die bisweilen auch ein bisschen gruselig sein kann. Es tut auch sicherlich nicht weh, dass die meisten Gebiete sehr schön anzusehen sind, auch wenn die Engine leider nicht immer flüssig läuft. Die meisten Spielertypen werden für ihren Spieldurchlauf etwa acht bis zehn Stunden brauchen. Das ist nichts Besonderes, aber immerhin ist Shinsekai nicht so lächerlich kurz wie einige seiner Vorbilder.

Fazit:

Fans von Konzepten wie Journey oder Limbo dürften auch an Shinsekai Into the Depths ihre helle Freude haben, da Capcom alle wichtigen Aspekte dieser Titel aufgegriffen und hervorragend gut umgesetzt hat. Wer mit diesem Genre eher weniger anfangen kann, wird dieselben Kritikpunkte jedoch auch hier wieder vorfinden: Die nur mit abstrakten Andeutungen erzählte Handlung und die schwerfällige, bisweilen störrische Steuerung sind nicht jedermanns Sache. Hier wirken sie sich vor allem deswegen negativ aus, weil Shinsekai zeitweise auch auf Action-Sequenzen setzt, die aufgrund der eingeschränkten Beweglichkeit der Hauptfigur ein gewisses Frustpotential entwickeln können. Wer dafür die nötige Geduld mitbringt und sich von der Präsentation der manchmal wunderschönen, manchmal beklemmenden Unterwasserwelt verzaubern lässt, könnte jedoch zu einem echten Fan von Shinsekai Into the Depths werden.

Wertung:

7.0

Andreas Held meint:

"Audiovisuell herausragendes Metroidvania mit frustrierender Steuerung."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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