Test: Mary Skelter 2

Von Andreas Held am 18. März 2020

Einer der wohl unbekanntesten Nischentitel aller Zeiten bekommt einen Nachfolger.

Auf den Ranglisten der besten Spiele, die niemand gespielt hat, dürfte Mary Skelter: Nightmares ganz vorne rangieren. Der fanservicelastige Dungeon Crawler erschien 2016 exklusiv für die PlayStation Vita, also zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Elektronikmärkte ihre Vita-Regale längst abgebaut hatten. Der wahrscheinlich letzte nennenswerte Titel für Sonys tragbare Plattform fand jedoch trotzdem eine kleine Fanbase, sodass sich Compile Heart sogar zur Entwicklung eines zweiten Teils entschieden hat, der nun für Switch und PlayStation 4 erhältlich ist.

Mary, Mary, who the (...) is Mary?

Spieler des zweiten Teils erfahren in einer kurzen Introsequenz, dass die Welt von Mary Skelter 2 ein riesiges Gefängnis ist, bei dem es sich in ferner Vergangenheit offenbar um eine florierende japanische Großstadt handelte. Die noch lebenden Menschen werden von Monstern, sogenannten Märchen, eingesperrt und gefoltert. Ihnen entgegen stellen sich die Blood Maidens, ausschließlich weibliche Kämpferinnen mit übermenschlichen Kräften, in deren Rolle der Spieler schlüpft. Die Namenskonvention des Titels setzt sich bei den Blood Maidens fort, sodass eure ersten beiden Wegbegleiterinnen auf die Namen Little Mermaid und Red Riding Hood hören. Parallelen zu den gleichnamigen Märchenfiguren sind jedoch eher oberflächlich und selten.

Obwohl Mary Skelter: Nightmares mittlerweile auch auf Steam vetrieben wird, waren sich die Entwickler durchaus darüber bewusst, dass nur ein sehr kleiner Teil der potentiellen Käufer des Nachfolgers die bisherige Story kennt. Mary Skelter 2 ist tatsächlich ein direkter Nachfolger, der eng an die Story des ersten Teils anknüpft, Neulinge aber nicht im Regen stehen lässt. Zum Verständnis der Story nötiges Vorwissen wird bei Bedarf in ein bis zwei Sätzen zusammengefasst. Obendrein hat Compile Heart sogar den ersten Teil als kostenloses Extra beigelegt - allerdings müssen wir zunächst den zweiten Teil komplett durchspielen, bevor wir dann den Vorgänger angehen dürfen. Warum auch immer.

Wer über diese unverständliche Entscheidung hinwegsehen kann oder den Vorgänger vielleicht sogar schon kennt, darf sich jedoch auf eine durchaus spannende und unterhaltsame Handlung freuen. Compile-Heart-Spiele werden normalerweise von belanglosem Smalltalk und eindimensionalen Charakteren bestimmt, aber Mary Skelter 2 trotzt dieser Kritik und kann sowohl seine Story als auch seine Charaktere auf ein sehr solides Niveau hieven. Die sympathischen und nicht übermäßig sexualisierten, aber trotzdem hübschen weiblichen Figuren bilden dabei einen sehr starken Kontrast zu der eher vom Horror-Genre inspirierten Spielwelt. Wenn H.P. Lovecraft fanservicelastige Animes produziert hätte, wäre wohl so etwas wie Mary Skelter 2 dabei herausgekommen.

Mary Had a Giant Spider

Doch trotz der guten Story-Ansätze und des recht textlastigen Beginns ist Mary Skelter 2 im Herzen ein Dungeon Crawler, sodass ihr den Großteil der Spielzeit in den zahlreichen, ausladenden Verliesen verbringen werdet, die es aus der Egoperspektive zu erforschen gilt. Glücklicherweise sind die Dungeons sehr ordentlich gestaltet und warten sogar mit einigen Rätseln auf, deren Lösungen nicht immer sofort offensichtlich, mit etwas Geduld aber auch nicht allzu schwer zu erraten sind. Zur Bewältigung dieser Aufgaben bringt jede der zwölf Figuren ihre eigene Spezialfähigkeit mit, die beispielsweise zur Überquerung von Abgründen oder dem Erreichen entfernter Schalter genutzt werden kann. Eine weitere Auflockerung bringen Echtzeit-Elemente in Form von verschiedenen Fallen, denen ihr möglichst ausweichen solltet, was mit etwas Geschick jedoch kein Problem darstellt.

Das innovativste Gameplay-Element ist gleichzeitig der Aspekt, in dem sich Mary Skelter 2 am engsten am Horror-Genre orientiert. Jeder Dungeon wird von einem sogenannten Nightmare bewohnt, der jederzeit aus dem Nichts auftauchen und euch in eine Jagdsequenz verwickeln kann. Dann wird die Minimap ausgeblendet und ihr müsst eine gewisse Distanz zwischen euch und euren Jäger bringen. Werdet ihr dabei in eine Sackgasse gedrängt, bleibt als einziger Ausweg die direkte Konfrontation - schafft ihr es dann, dem Monster genug Schaden zuzufügen, kommt ihr noch einmal mit dem Leben davon. Das klingt alles recht spannend, aber da ihr auch innerhalb der Dungeons fast beliebig oft speichern könnt, geht von den Nightmares keine echte Gefahr aus.

Auch viele andere Aspekte des Spiels wurden von den Entwicklern offenbar nicht zu Ende gedacht - allen voran die Art und Weise, wie ihr an neue Ausrüstungsgegenstände gelangt. Zu diesem Zweck müsst ihr innerhalb der Verliese Blumen pflanzen, mit dem Blut besiegter Gegner gießen und durch das Absolvieren von Zufallskämpfen wachsen lassen. Die so geernteten Waffen und Rüstungen sind allesamt deutlich stärker als die Gegenstände, die ihr aus den in Sackgassen und hinter optionalen Rätselaufgaben versteckten Schatztruhen erhaltet. Dadurch fehlt ein konkreter Anreiz für einen der Kernaspekte des Dungeon-Crawler-Genres: Das vollständige Erforschen der einzelnen Karten und das Aufdecken aller Secrets.

And Then Along Comes Mary

Zu Beginn des Spiels stellen euch die Entwickler drei Schwierigkeitsgrade zur Verfügung, von denen der dritte auf den für Genrefans verführerischen Namen "Fear" getauft wurde. Tatsächlich ist Mary Skelter 2 aber auch auf der höchsten Spielstufe relativ moderat gehalten. Gewisse Spielmomente wie das Betreten eines neuen Dungeons und die recht seltenen Bosskämpfe stellen euch zwar immer wieder vor kleine Herausforderungen, aber das Gros der Zufallskämpfe kann problemlos mit normalen Angriffen und bei Bedarf eingesetzten Heilzaubern überwunden werden.

Der Entwickler Compile Heart ist jedoch nicht unbedingt bekannt für herausfordernde Spiele, und so überrascht es wenig, dass die tatsächliche Spieltiefe von Mary Skelter 2 mehr Schein als Sein darstellt. Euch werden zwar unzählige verschiedene Jobs, Party-Konstellationen oder Ausrüstungsgegenstände zur Auswahl gestellt, allerdings sind viele davon klar besser als andere. Einfachstes Beispiel: Ein Support-Zauber, der ausschließlich Vergiftungen heilen kann, kostet euch genauso viele Magiepunkte wie ein Zauber, der alle möglichen Statusveränderungen wieder beseitigen kann, sodass ihr auf die erstere Variante keine Skillpunkte zu verschwenden braucht. Schusswaffen sind in allen Bereichen klar besser als Bögen oder Armbrüste, was eine komplette Waffenklasse obsolet macht.

Heilzauber, die die HP eurer kompletten Party heilen können, müssen erst aufgeladen werden, bis eure Heilerin das nächste Mal am Zug ist. Da ist es viel besser, einfach mit den mächtigen und sofort wirkenden Heilungsitems um euch zu werfen, die ihr im Shop zu Dutzenden hamstern könnt. Ganz anders als beispielsweise in der Persona-Serie müsst ihr auch nicht auf den effizienten Einsatz eurer Magiepunkte achten, denn Items die diese wiederherstellen gibt es ebenfalls wie Sand am Meer. In einem klassischen JRPG könnte man diese Balancing-Fehler sicherlich verkraften, aber in einem Dungeon Crawler, der das Kampfsystem in seinen Mittelpunkt stellt, erwarten wir einfach ein deutlich besser durchdachtes Spieldesign.

All About Mary

Da Compile Heart für gewöhnlich mit eher niedrigen Budgets arbeitet ist es kaum überraschend, dass sich Mary Skelter 2 visuell eher zweckmäßig präsentiert. Zumindest in der von uns getesteten Switch-Version gerät die Framerate in einigen der späteren Dungeons leider auch konstant ins Ruckeln. Die englische Lokalisierung ist eher misslungen, was sich sowohl durch die ziemlich schlechte und nur sporadisch vorhandene Sprachausgabe als auch durch die zahlreichen Rechtschreib- und Grammatikfehler in den geschriebenen Texten bemerkbar macht. Immerhin könnt ihr jederzeit auf die japanische Tonspur ausweichen, mit der dann auch wirklich alle Dialoge vertont sind. Der Soundtrack bietet abgesehen von ein paar auffallend guten Stücken weitestgehend Standardkost. Dafür kann sich der Umfang wirklich sehen lassen: Ein gründlicher Spieldurchgang sollte euch mindestens 80 Stunden lang beschäftigen.

Und dann wäre da nicht zuletzt noch der Fanservice, der in einem von Idea Factory gepublishten Spiel natürlich ebenfalls nicht fehlen darf. Wer zur entsprechenden Zielgruppe gehört darf sich auf ein (vollständig optionales) Minispiel freuen, in dessen Rahmen ihr die nur mit Unterwäsche bekleideten Blood Maidens auf dem Touchscreen am ganzen Körper berühren und mit Blut einreiben dürft. Die ohnehin nur spärlich vorhandene Kleidung kann dabei transparent werden. Moralapostel dürften sich vor allem daran stören, dass eine der Figuren in Mary Skelter 2 ein sehr kindliches Verhalten zeigt und vom Spiel auch gar nicht versucht wird, diese als volljährig darzustellen.

Fazit:

Auf den ersten Blick versucht Compile Heart mit Mary Skelter 2, endlich mal ein wirklich ernsthaftes und nicht nur auf belanglosem Fanservice aufbauendes JRPG in die Läden zu stellen. Eine bizarre und vom Horror-Genre inspirierte Anime-Welt, gute Story-Ansätze, mit Fallen und Rätseln versehene Dungeons, ein insgesamt solider Soundtrack, ausgefallene Spielmechaniken, ein sehr großer Umfang und Endbosse, die zumindest auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad eine echte Gefahr darstellen, sind eigentlich die perfekte Zutatenliste für einen gelungenen Dungeon Crawler. Leider scheitert es an der Umsetzung, denn viele der guten Ideen sind schlichtweg nicht zu Ende gedacht. Fehlende Anreize zum Erforschen der ausladenden Dungeons und offensichtliche Balancing-Fehler im Kampfsystem sind dabei die beiden größten Kritikpunkte, die sich der Nischentitel gefallen lassen muss. Stattdessen flüchtet sich auch Mary Skelter 2 wieder in Compile-Heart-typischen Fanservice, der mit plumpen Mitteln ein paar Käufer gewinnen soll. Unter'm Strich ist der exzentrische Dungeon Crawler immer noch ein deutlich besseres Spiel als die meisten anderen Auswüchse des japanischen Studios, das trotz seiner geringen Größe alle zwei bis drei Monate ein neues Spiel auf den Markt schmeißt. Anspruchsvolle Genrefans sollten jedoch einen klaren Qualitätsunterschied zu Persona Q oder der Etrian-Odyssey-Serie erkennen können.

Wertung:

6.5

Andreas Held meint:

"Mary Skelter 2 ist wie ein guter Vorsatz: Es steckt sich viele Ziele, gibt diese jedoch irgendwann auf und setzt dann doch lieber auf ausladenden Fanservice."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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