Test: The Suicide of Rachel Foster

Von Nico Zurheide am 17. Februar 2020

Selbstmord, Spannung, Horror, Zahnspange.

Rein namentlich erinnert der Titel vom Entwicklerstudio One-O-One Games recht deutlich an bekannte Walking Sims wie „What Remains of Edith Finch“ oder „The Vanishing of Ethan Carter“ und, wenig verwunderlich, schlägt das Adventure auch spielerisch in die gleich Kerbe. Doch kann es dabei ebenso überzeugen wie die beiden genannten Genre-Größen?

The Shining ohne Jack Nicholson

Zumindest die Prämisse verspricht feinste Walking-Sim-Unterhaltung: Wir spielen Nicole, die nach dem Tod ihrer Mutter das alte Familienhotel verkaufen soll, dieses dafür aber erst einmal begutachten muss. Denn das abgelegene Berghotel in Montana wird schon seit Jahren nicht mehr aktiv betrieben, geschweige denn regelmäßig gewartet oder in Schuss gehalten. Nicole hatte sich beim Verlassen des Hotels selbst geschworen, nie mehr an diesen Ort zurückzukehren, der für sie zum Symbol für das Unglück ihrer Familie geworden ist. Ihr Vater hatte sich dort in Nicoles Freundin Rachel Foster verliebt, diese auch geschwängert und seine eigentliche Frau für die neue Liebe verlassen. Rachel konnte mit der Situation nicht umgehen und schon wissen wir, wie der Name des Spiels zustande kam.

Nicole will sich im Hotel mit ihrem Makler treffen, unterschätzt in der Situation aber den verheerenden Schneesturm, der sich gerade anbahnt, und sitzt schließlich im Berghotel fest. Wie es der Zufall so will, fährt ihr Makler zu spät los, wird vom Sturm erwischt und muss umkehren und schon ist Nicole auf sich allein gestellt. Nun, nicht ganz auf sich allein, denn in ihrem alten Zimmer findet sie ein Mobiltelefon, das sie mit einem unbekannten FEMA-Agenten verbindet, der ihr in dieser Situation mit Rat und Tat zur Seite steht. FEMA ist die Federal Emergency Management Agency, also die nationale Koordinationsstelle der Vereinigten Staaten für Katastrophenhilfe.

Dieser FEMA-Mitarbeiter versorgt uns das Spiel über mit neuen Aufgaben, deren Abschließen uns in der Story voranbringen. Ähnlich wie in Stanley Kubricks Horrorklassiker The Shining, dessen Setting für The Suicide of Rachel Foster sicher Modell stehen musste, startet die Geschichte sehr gemächlich und steigert sich langsam immer weiter.

Dies ist ein Gehen-Simulator

Emotional allerdings befinden wir uns dabei vor allem zum Start des Spiels leider auf einem Niveau, das in seiner Klischeehaftigkeit salopp gesagt eher für 14-jährige Teenagerinnen angemessen erscheint, alle anderen Spieler jedoch nicht abholen kann. Die Gefühlsknöpfe, die die Entwickler gerade in den ersten Spielminuten versuchen zu drücken, kennen wir schon zur Genüge aus beliebigen B-Movies. Der schlechte Eindruck gerade zu Beginn des Spiels wird zusätzlich durch wirklich lange Ladezeiten, falsche Untertitel, eine stockende Bildrate und nicht ladende Objekttexturen verstärkt. Ein besonders wichtiges Objekt, nämlich die Grundrisskarte des Hotels, mit der wir uns aufgrund nicht existenter Questmarker orientieren müssen, wollte in der zweiten Spielhälfte sogar gar nicht mehr laden. Glücklicherweise kennen wir uns bis dahin schon einigermaßen in dem dreistöckigen Gebäude aus. Allerdings: Die technischen Mängel liegen eventuell an der Pre-Release-Version und könnten im finalen Produkt gepatcht sein.

Überstehen wir den etwas abschreckenden Start jedoch, werden wir im späteren Spielverlauf mit einer dichten und äußerst gut konstruierten Horroratmorphäre und vor allem einigen bemerkenswerten Situationen entlohnt, von denen mindestens zwei sogar Highlights des Genres darstellen. Gerade im Horroraspekt bedienen sich die Entwickler großzügig bei Klassikern wie der Saw-Reihe oder eben The Shining, was der Spannung natürlich nur gut tut. Ebendiese eskaliert ebenso langsam wie der Horror und hält uns durchgehend bei der Stange, auch wenn so einige Wendungen doch etwas vorhersehbar sind.

Gameplaymäßig erleben wir hier keine Überraschungen. Wir laufen mit Nicole durch das Hotel, um verschiedene Aufgaben zu erledigen, die allerdings nie auch nur den Hauch einer Schwierigkeit besitzen. Dabei inspizieren wir regelmäßig die Karte, sollte sie denn laden, und sprechen über das Telefon immer wieder mit dem FEMA-Agenten. Wirkliche Rätsel hat das Spiel nicht zu bieten, wir gehen an unserem Zielort im Grunde nur die vorhanden Objekte durch, bis die Story weiter voranschreitet. Sämtliche Aufgaben und Informationen erhalten wir dabei ausschließlich im Dialog mit dem Agenten, der sich im Verlauf des Spiels immer besser mit Nicole versteht. Die Auswahl zwischen zwei Antwortoptionen, welche uns regelmäßig zur Verfügung steht, hat absolut keine Auswirkung auf den Verlauf der Geschichte.

Als kleines Gimmick erhält Nicole nach und nach drei Items, genauer eine Polaroidkamera, eine Dynamo-Taschenlampe und ein Abhör-Mikrofon. Mit ersterer müssen wir uns bei einem Stromausfall durch die dunklen Gänge blitzen, was eine ausgezeichnete Atmosphäre erschafft. Diese wird mit der Einführung der Dynamo-Taschenlampe unverständlicherweise zunichte gemacht und auch sonst besitzt die Taschenlampe keinen Mehrwert, außer eben dass wir so besser im Dunkeln sehen können. Mit dem Mikrofon müssen wir ein akustisches Signal verfolgen, doch gerade für ein Horrorfeeling wurde hier viel Potential liegengelassen. So wirken die drei Items zwar wie ein netter Einfall, um das Gameplay aufzulockern, sie bringen jedoch letztendlich keinen wirklichen Mehrwert.

Fazit:

Wer ohnehin nichts mit dem Genre der Walking Sims anfangen kann, wird natürlich auch mit The Suicide of Rachel Foster keinen Spaß haben. Doch die Horroratmosphäre, die One-O-One Games in ihrem Adventure aufbauen können, gehört im Genre zur absoluten Spitze. Vor allem einige Situationen überzeugen dabei und hieven die sonst eher mäßige Geschichte auf ein annehmbares Level. Dem gegenüber stehen leider einige krasse technische Schnitzer, die im Falle der Karte auch negativen Einfluss auf das Gameplay nehmen, und die eher schlecht als recht implementierten Items, die das Spielgeschehen eigentlich auflockern sollen. Die langsam aufgebaute Spannung hält die Spieler dabei aber immerhin gut bei der Stange und resultiert nach etwa vier Stunden in einem doch unerwarteten Ende.

Von uns getestet: Steam-Version

Wertung:

7.0

Nico Zurheide meint:

"Atmosphärisch herausragender Walking Sim mit schwachem Gameplay."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

Schreibe einen Kommentar:

3 Kommentare:


Vyse
vor 8 Monaten | 0
Klingt sogar ganz interessant, zumal der Titel (deinen Beschreibungen nach zu urteilen) wirklich auf eine dichte Atmosphäre und nicht nur auf billige Jump Scares zu setzen scheint.

Aber für vier Stunden Spielzeit ist mir der angesetzte Preis selbst mit den 25% Vorbesteller-Rabatt auf Steam zu hoch. Wenn es irgendwann mal für unter 10€ im Sale ist, schlage ich vielleicht zu.

Pogo
vor 8 Monaten | 0
...Wie sehr schwenkt das Spiel hin zu der SAW Reihe? Die ist nämlich scheußlich.

nibez
vor 8 Monaten | 1
Es wird nicht blutig, man bediente sich nur an den Spannungselementen.