Test: Thronebreaker: The Witcher Tales

Von Michael Prammer am 10. Februar 2020

Cyberpunk 2077 wurde erst kürzlich verschoben. Doch CD Projekt Red sitzt nicht auf der faulen Haut, sondern bringt ein Kartenspiel. Klingt abgedroschen? Nicht so voreilig, denn Thronebreaker hat es in sich.

Die The-Witcher-Serie ist angesagt und das nicht nur aufgrund der Videospiele. Die passende Fernsehserie, die auf dem Streamingdienst Netflix im vergangenen Jahr gestartet ist, begeisterte die Zuschauer und zählte wohl zu den aufwendigsten TV-Produktionen des vergangenen Jahres. Das Kartenspiel Gwint (bzw. Gwent) aus The Witcher 3 hat auch als eigenständiges Spiel ganz gut funktioniert und so haben die Entwickler kurzerhand das 2018er Singleplayer-Spiel mit dem Namen Thronebreaker: The Witcher Tales auch für Nintendo Switch veröffentlicht. Dabei hat das Abenteuer um Königin Meve so gar nichts mit Geralt von Riva und dessen Mitstreitern aus den Spielen und der TV-Serie zu tun. Lediglich die Welt steht Pate, die Ereignisse spielen zu einer anderen Zeit. 

Erzählerische Meisterleistung

Wir übernehmen die Kontrolle über Königin Meve, die eine prächtige Streitmacht aufbaut, um sich der Armee von Nilfgard entgegenzustellen. Zurück von ihrem glorreich geglaubten Kreuzzug wird sie in ihrer Heimatstadt ausgerechnet von ihrem eigenen Sohn hintergangen, des Throns beraubt und in den Kerker geworfen. Schwer gedemütigt aber voller Enthusiasmus, den Anspruch auf die eigene Regentschaft zurückzuerlangen, flieht sie aus der eigenen Stadt, um sich eine neue Streitmacht aufzubauen und die Intrigen der eigenen Sippschaft zu beenden. Die überragende Story, die teilweise ohne Probleme mit beispielsweise Game of Thrones mithalten kann, wird größtenteils in kleinen Dialogen und Textfenstern erzählt. Auf Zwischensequenzen verzichten die Entwickler zwar, allerdings schafft es das Spiel dank hervorragender Szenenwechsel, toll gezeichneter Bilder und eindrucksvoller Vertonung, eine herausragende Atmosphäre zu schaffen.

Die gesamte Geschichte wird von einem Erzähler vorgelesen, der einen klasse Job macht und seine Zuhörer zu fesseln weiß. Würde man hier kein Videospiel vor sich haben, könnte das Abenteuer um Meve auch locker als unterhaltsames Hörbuch durchgehen. Die bereits angesprochene Geschichte hat viele Wendungen, auf die der Spieler Einfluss nehmen kann. Hier und da sind Entscheidungen zu treffen, die den Verlauf mehr oder minder beeinflussen. Hilft man zum Beispiel einem bestimmten Charakter, kann das einen anderen Mitstreiter verärgern und er entfernt sich aus dem Team. Oder aber ihr steht vor der Wahl, ein Dorf nach einem schwierigen Kampf mit dem hart verdienten Gold zu versorgen, damit die Menschen überleben, andererseits habt ihr euch die Belohnung redlich verdient und könnt sie selbst gut gebrauchen. Die Moral spielt immer wieder eine wichtige Rolle und ihr als Spieler müsst mit einigen teils schwierigen Entscheidungen „kämpfen“. In den 25 bis 30 Spielstunden, was für einen reinen eShop-Titel beachtlich ist, zählen die Wendungen der Geschichte zwar zu den Höhepunkten, der eigentliche Verlauf bleibt aber geradlinig, sprich ihr habt keine offene Spielwelt, sondern immer ein vorgegebenes Ziel.

Kartenspiel meets Rollenspiel

Das Spielprinzip lässt sich in zwei Grundtypen gliedern. Auf der einen Seite steht ein Top-Down-Rollenspiel, bei dem ihr die Protagonistin über eine Karte bewegt, Ressourcen einsammelt und Gespräche mit NPCs führt. Die Ressourcen sind notwendig, um das eigene Lager zu verbessern und stärker zu werden. Außerdem braucht man zum Beispiel Gold oder Holz immer mal wieder in der Spielwelt, um bestimmte Ereignisse zu lösen. Da gibt es zum Beispiel eine Brücke, die sich nicht überqueren lässt, da sie beschädigt wurde. Jetzt steht der Spieler vor der Wahl, ob er Gold investiert oder ein wenig Holz und Krieger locker macht, um die Kohle zu sparen. Dann gibt es hin und wieder Teile von Spielkarten zu finden, die sich zu ganzen Karten zusammenbauen lassen und hier kommen wir zum zweiten Teil des Spielprinzips.

Thronebreaker ist im Grunde ein Kartenspiel, wie man es in Gwint oder Hearthstone schon gespielt hat. Ziel ist es natürlich, durch das Legen bestimmter Karten seinen Gegenüber mit den eigenen Werten zu übertrumpfen. Dank eines wirklich gelungenen Tutorials bekommt ihr einen sehr guten Einstieg in die Welt der Kartenspiele und werdet bei der Komplexität nicht ganz im Stich gelassen. Es gilt jedoch der allgemeine Grundsatz, dass Thronebreaker sehr einfach zu erlernen ist, die ganz tückischen Kniffe und Mechaniken allerdings erst mit viel Übung zu meistern sind. Dank unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade ist das alles kein Problem und beim Leichtesten lassen sich die Kämpfe sogar nach einer Niederlage ganz überspringen, sodass man die Geschichte weiter erleben kann. Es gibt übrigens auch unterschiedliche Regeln, die wir jetzt nicht alle aufführen möchten, welche jedoch einiges an Abwechslung mit ins Spielgeschehen bringen. Zum Beispiel die Puzzlekämpfe, bei denen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden müssen, ehe sie gewonnen werden, etwa „Besiege Gegner XY“, „Bringe deine Einheiten in eine Reihe“ oder „Lasse nicht zu, dass ein wichtiger Charakter stirbt“.

Was wirklich überzeugt und was Thronebreaker im Vergleich zu Gwint zu einem überragenden Kartenspiel macht, ist die Art und Weise, wie manche Kämpfe inszeniert wurden. Hat man im Original einfach nur ein paar Gegner aus dem Weg zu räumen, steckt jetzt wirklich ein System dahinter. Ein Bosskampf kann hier aus mehreren Karten bestehen und es müssen da einige gezielt ausgeschaltet werden, will man erfolgreich bestehen. Ähnlich wie bei Gwint habt ihr Heldenfähigkeiten, die ihr wechseln könnt und teilweise je nach Kampf auch ändern müsst. Diese können ein Spielgeschehen komplett auf den Kopf stellen. Ein verheerender Schlag der Königin kann in einem aussichtslosen Kampf plötzlich ein paar Karten vor Schluss den entscheidenden Vorteil bringen.

Thronebreaker ist kein technisches Meisterwerk, das muss man dem Spiel leider vorwerfen. Das Abenteuer kocht zwar auf Sparflamme, tut das allerdings relativ ansehnlich. Die Karten sehen gut aus, die Hintergründe sind in Ordnung und die malerische Spielwelt wirkt trotz ihrer Schlichtheit dennoch einladend. Ein paar unschöne Bildrateneinbrüche und Ruckler haben sich dann leider doch eingeschlichen, die aber nur vereinzelt und überwiegend im Handheldmodus wahrzunehmen waren. Der Soundtrack ist hingegen grandios, die deutsche Synchronisation kann man fast schon als Meisterwerk abstempeln. Was leider fehlt, ist ein Multiplayermodus. Der hätte wie die Faust aufs Auge gepasst, wurde aber leider komplett ausgelassen.

Fazit:

Ich ziehe meinen Hut vor diesem Titel. Es steht CD Projekt Red drauf und man kann anhand dieses Tests vielleicht schon erahnen, dass hier auch etwas Großes drin steckt. Die Geschichte ist einfach grandios und was Game of Thrones mit der letzten Staffel verbockt hat, kann sich der Fantasy-Fan hier in bester Erzählform zurückholen. Dazu macht das Spiel einfach Spaß und kann dank leichtem Einstieg und sehr guter Lernkurve lange begeistern. Über 20 Stunden für einen reinen eShop-Titel zu veranschlagen, ist schon eine Nummer für sich. Und wer bei The Witcher 3 das Kartenspiel Gwint nicht mochte, der sollte sich dieses Werk hier mal genauer ansehen, denn Thronebreaker zeigt, wie es richtig geht. Ein fehlender Multiplayermodus und leichte technische Defizite sind übrigens die einzigen Gründe, warum ich keine 10 als Wertung zücke - und damit ist alles zum Thema Kaufempfehlung gesagt.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

9.0

Michael Prammer meint:

"Erzählerisches Meisterwerk mit toller Spielmechanik."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Herausragend
Technik: Gut

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4 Kommentare:


Asinned
vor 8 Monaten | 2
Toller Test! Das Spiel landet auf meiner Wishlist.

Denios
vor 8 Monaten | 0
interessant, da hat man mit Gwent/Gwint(?) schon ein Kartenspiel im Witcher-Universum und... macht einfach noch eins? :D Man hätte doch auch ein rundenbasiertes Strategie-Rollenspiel oder so machen können. Aber freut mich, dass es wohl sehr cool geworden ist. Viel Spaß allen Witcher-Fans!

michi1894
vor 8 Monaten | 0
Es ist im Prinzip das gleiche Kartenspiel, das einfach nur verbessert wurde und eine extrem gute Verpackung erhalten hat.
Vyse
vor 8 Monaten | 1
Gwent war ein Minispiel innerhalb von The Witcher 3, das aufgrund der Nachfragen von Fans zu einem Multiplayer-Standalone-Titel gemacht wurde. Dazu hat CDPR unzählige neue Karten eingeführt und das Regelwerk des Spiels ordentlich verändert, um mehr taktische Tiefe zu ermöglichen.

Thronebreaker ist nun einfach ein Single-Player-Titel mit dem angepassten Regelwerk des Online-Gwents. Es sollte ursprünglich sogar einfach ein Spielmodus innerhalb des Multiplayer-Titels werden, ist dann aber zu einem eigenständigen Spiel gewachsen. Deshalb fehlt hier auch der Multiplayer-Modus, er wäre einfach redundant, weil es Multiplayer-Gwent ja schon als Free-2-Play-Titel gibt.