Test: Stories Untold

Von Michael Prammer am 02. Februar 2020

Textadventures im Stile der 80er-Jahre und dann auch noch von Publisher Devolver Digital? Diese Kombination verspricht Spaß. Ob sie das auch halten kann, verrät unser Test.

Vier Episoden in vier unterschiedlichen Szenarien, gepaart mit sehr vielen bizarren Momenten – so lässt sich Stories Untold am ehesten beschreiben. Kein Wunder, Devolver Digital ist bekannt für Spiele, die eher „anders“ sind. Und so erlebt der Spieler die Rückkehr der 80er-Jahre, genauer gesagt der Zeit, in der Textadventures über die Röhrenmonitore flimmerten. Weder Maus, noch Joystick, und wenn überhaupt, dann hier und da mal eine einfache Konzeptzeichnung - ansonsten nur lange Texte. Die Eingabe erfolgt direkt über die Tastatur und der Spieler „sagt“ dem Spiel, was als nächstes zu tun ist. Das ist ein Textadventure. Und genau dieses Genre, welches in der heutigen Zeit, in der sich 4K-Auflösungen und hochdetaillierte Charakter-Modelle die Klinke in die Hand geben, keine Erwähnung mehr findet, wird in Stories Untold gefeiert.

Vier Geschichten – vier Szenarien

Die vier Geschichten, welche in dem Spiel verankert sind, schließen allesamt in sich ab und haben nichts miteinander zu tun. Einzige Parallele: In allen Kurzgeschichten, welche je nach Tempo in 20 bis 40 Minuten durchgespielt sind, setzen die Entwickler auf Retro-Computer, die an Geräte aus den 80er-Jahren erinnern, ohne hier einen echten Namen verwendet zu haben. Abseits von Texteingaben, welche die Geschichten in den Textadventure-Parts voran treiben, gibt es ein paar kleinere Erkundungsspielchen. Diese sind zunächst relativ schwierig zu durchschauen, liest man sich jedoch alle Hinweise durch und schaut sich gründlich um, ist das gesamte Abenteuer kein Problem. Überhaupt stößt man während eines Spieldurchlaufs auf keinerlei Hindernisse und kann so oft man will falsche Eingaben machen, falsche Knöpfe drücken oder ähnliches. Das Spiel bestraft keinerlei Fehlverhalten und setzt den Spieler weder durch Falscheingaben, noch durch ein Zeitlimit unter Druck, was im Grunde schade ist. Denn dadurch ist Stories Untold einfach nur ein beinahe selbstspielendes Abenteuerspiel mit einigen Interaktionsmöglichkeiten.

Warum sich die Kurztrip trotzdem lohnt, liegt schlichtweg an der ungewohnten Inszenierung und am überragenden und kaum vorhersehbarem Storytelling. Immer wieder bietet das Spiel kleinere oder größere Schockmomente, die den Spieler in Atem halten. Auch die Art und Weise, wie manche Rätsel gelöst werden und die Methoden, um auf die Lösung zu kommen, sorgen immer wieder für Begeisterung. Während der Spieler auf der PC-Variante die Befehle noch wirklich eingeben muss und so zum Beispiel „öffne Tür“ in die Tastatur tippen darf, wurde diese Mechanik für die Version auf Nintendo Switch stark vereinfacht. Hier gibt es einfach ein paar mögliche Textbausteine auf verschiedenen Bildschirmen, die zusammenhängend einen sinnvollen Befehl geben. Spaß macht das zwar auch, der „echte“ Flair kommt aber nur mit Tastatur auf.

Audiovisuell hat Stories Untold richtig was auf dem Kasten. Auf den ersten Blick mag das Abenteuer zwar etwas bieder wirken, ist doch der Blick auf einen Schreibtisch mit Fernseher und Retro-Konsole während der kompletten ersten Episode nicht unbedingt ein optisches Feuerwerk. Auf den zweiten Blick allerdings offenbart das Spiel seine Vorzüge. Im richtigen Moment flackert das Licht, während eines Szenenwechsels schaltet die Uhr um und die Hintergrundmusik passt sich der Spielsituation an. All das sorgt zusammen mit den Texten, bei denen man sowieso viel seiner Vorstellungskraft gebrauchen muss, für ein tolles Spielgefühl. Bei den Minispielen, die von den Text-Adventures zu den anderen Geräten übergehen und die Experimentierfreudigkeit des Spielers auf die Probe stellen, ist die Optik aber leider relativ verwaschen und wirkt ziemlich trist.

Fazit:

Stories Untold ist ein kurzes, aber sehr prägendes Videospielerlebnis. Wer mit dem Begriff „Textadventure“ nichts anfangen kann, sollte sich hier weiterbilden, denn die Entwickler schaffen es auf eine beeindruckende Art und Weise, den Charme und Flair dieses Genres gekonnt einzufangen und in einem gelungenen Paket auf moderne Spielgeräte zu generieren. Dass Entwickler No Code nicht alles zu 100 Prozent gelungen ist und einige Dinge sicherlich etwas besser gestaltet werden hätten können, darüber kann man angesichts der gelungenen Story hinwegsehen. Wer sich für 60 bis 90 Minuten bestens unterhalten möchte und ein paar Schockmomente verträgt, der kommt hier voll auf seine Kosten.

Wertung:

8.0

Michael Prammer meint:

"Kurzes, aber überragend inszeniertes Textadventure."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Durchschnittlich

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