#Schmerzhaft: Die Retail-Version von Life is Strange 2

Von Jeremiah David am 11. Januar 2020

Ein gutes Spiel schlecht veröffentlicht?

Als die erste Episode von Life is Strange anno 2015 erschien, war ich zunächst skeptisch. Die Grafik des Spiels war mir zu comichaft und die Aufteilung in fünf Kapitel, von denen erst einmal nur das erste gespielt werden konnte, gefiel mir nicht. In meinem Kopf spukten bescheuerte Szenarien herum: Was, wenn das Spiel keinen Erfolg hat und dem Entwickler noch vor Vollendung des Spiels das Geld ausgeht?

Tatsächlich war dieser Gedanke natürlich unsinnig. Entwickler bekommen ihre Spiele in der Regel im Vorfeld von Publishern finanziert. Zwei andere Gedanken waren und sind dagegen weniger absurd und gelten grundsätzlich für alle nur online erhältlichen Games. Der erste: Was, wenn ich das Spiel nicht mag? Einen nur online verfügbaren Titel kann ich nicht einfach weiterverkaufen.

Und der zweite Gedanke: Werde ich mir das Spiel auch in ferner Zukunft noch auf meine Konsole herunterladen können? Ich muss trotz 2TB-Festplatte immer wieder Spiele deinstallieren. Bedenkt man, dass einzelne Titel heutzutage gut und gerne mal 100 GB schlucken können, ist das wenig verwunderlich. Was also, wenn mir ein Spiel zwar richtig gut gefällt, ich es aber aus Speichermangel löschen muss? Mit Red Dead Redemption 2 ist mir das erst kürzlich passiert. Im Moment kann ich RDR2 bei Bedarf einfach wieder herunterladen, aber wird das immer so sein? Die nächste Konsolengeneration steht bereits mehr oder weniger in den Startlöchern. Irgendwann werden nur noch die neuen Konsolen relevant sein. Server laufen nicht ewig.

Puh… Ich bin ein wenig vom Thema abgekommen. Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist folgende simple Aussage: Ich kaufe lieber physische Spiele, als reine Download-Titel.

Life is Strange holte ich mir trotz Bedenken zunächst nur digital. Der Titel entpuppte sich jedoch als so gut, dass ich das Spiel für den Fall der Fälle auch auf einer Disc haben wollte. Seit etwas über einem Jahr steht diese nun in meinem Regal, neben der Limited Edition von Life is Strange: Before the Storm. Und ich habe etwas Platz gelassen für Life is Strange 2. Das ist seit Dezember ebenfalls in einer physischen Version zu haben. Nur... Ist es das wirklich?

WTF, Square Enix?

Die erste Episode von Life is Strange 2 wurde am 26. September 2018 veröffentlicht, die letzte am 3. Dezember 2019. Pünktlich zum Release der letzten Folge stand auch die Retail-Version des Spiels in den Läden. Ein paar Tage vor Weihnachten wanderte ich also gut gelaunt in einen lokalen Elektronikmarkt und hielt wenig später die Box in den Händen. Ich war kurz davor zur Kasse zu gehen, als ich eine etwas kuriose Nachricht entdeckte.

Das Spielecover von Life is Strange 2 wurde werbewirksam mit toll klingenden Zitaten verschiedener Reviews versehen. Ganz oben steht beispielsweise „Eine emotionale Achterbahnfahrt“, nur wenig drunter: „Mitreißend“. - So weit, so gut. Ganz unten steht allerdings: „Internet benötigt“, und in kleinerer Schrift: „Details auf der Rückseite“.

Details? Welche Details? Des Rätsels Lösung: Tatsächlich wurden nur die ersten vier Episoden von Life is Strange 2 auf die Disc gepresst. Die fünfte und letzte Episode muss mit einem einmalig verwendbaren Code aus dem Internet heruntergeladen werden. Auf der PlayStation 4. Die Disc der Xbox One-Version enthält die 5. Episode zwar ebenfalls nicht, aber dort wird das letzte Kapitel zumindest per Patch nachgereicht.

Was zum Henker soll das? In dem Moment, mitten im "Ich bin doch nicht blöd"-Markt, kam ich mir wirklich verarscht vor. Im Prinzip existiert von Life is Strange 2 keine physische Version, denn ohne Download sind die fünf Episoden als Ganzes nicht spielbar. Square Enix hätte praktisch auch einfach ein paar leere Hüllen ins Verkaufsregal stellen können. So hat es etwa Blizzard mit der Switch-Version von Overwatch gemacht. Die Retail-Version des rasanten Online-Shooters enthält keine Softwarekarte, sondern nur ein Stück Papier mit einem Downloadcode. Auch diese Vorgehensweise heiße ich nicht gut. Meiner Meinung nach ist das eine reine Müllproduktion, betrieben, nur damit überhaupt irgendetwas im Regal steht und weniger technikaffine Eltern sich zum Beschenken ihrer Liebsten nicht mit teuflisch komplizierten Online-Shops auseinandersetzen müssen. Letzteres dürfen die Beschenkten dann selber tun. Anders als Life is Strange 2 ist Overwatch allerdings offline nicht spielbar. Es gibt keine Spieler, die aufgrund einer nicht vorhandenen oder schlechten Internetleitung die Retailversion kaufen müssen. Overwatch muss so oder so online gespielt werden und wird in einigen Jahren, wenn alle Server abgeschaltet wurden, schlicht zu existieren aufhören. Bei Life is Strange 2 ist das nicht der Fall.

Life is Strange 2 ist in dieser Hinsicht eher mit Wolfenstein Youngblood vergleichbar. Das wurde von Bethesda ebenfalls mit einer leeren Hülle verkauft, vermutlich um sich die Kosten für die verhältnismäßig teure Switch-Speicherkarte zu sparen. Für die rund 20 GB des Spiels hätte Bethesda eine „große“ 32 GB-Karte benötigt. Aber auch hier setzt Life is Strange 2 noch eins drauf: Square Enix spart nicht am Speichermedium. Eine Disc ist ja vorhanden, nur fehlt ein wichtiger Teil des Spiels – und das nicht aus Platzgründen, denn eine zweischichtige Blu-ray hat mit etwa 50 GB zweifelsohne genug Speicherplatz.

Womöglich wollte Square Enix das Spiel unbedingt noch vor Weihnachten veröffentlichen. Das Einreichen und Prüfen einer Disc-Version frisst Zeit, und vielleicht musste deshalb auf die noch nicht fertig entwickelte Episode 5 verzichtet werden. Dann stellt sich aber die Frage, wieso das finanziell viel wichtigere Weihnachtsfest in den USA links liegen gelassen wurde. Dort wird die Retail-Fassung von Life is Strange 2 nämlich erst am 4. Februar veröffentlicht - wohlgemerkt vollständig.

Böse Zungen könnten behaupten, dass Square Enix durch den Download-Code das Spiel in Wirklichkeit einfach nur auf dem Gebrauchtmarkt entwerten und ein Verleihen des kompletten Spiels an Freunde unmöglich machen wollte. Die tatsächlichen Gründe für Square Enix' Entscheidungen werden wir wohl nie erfahren, sicher ist aber, dass Letzteres zumindest billigend in Kauf genommen wurde. Ein rascher Blick auf Ebay oder den Amazon-Marketplace offenbart, dass Life is Strange 2 gebraucht zwar angeboten wird, sich die Anzahl der Angebote jedoch sehr in Grenzen hält. Ehrliche Verkäufer auf Ebay weisen darauf hin, dass die letzte Episode zusätzlich für 7,99€ im E-Shop erworben werden muss. Sie machen sich zumindest zum Teil ihr eigenes Geschäft kaputt. Weniger ehrliche Zeitgenossen verschweigen diese Unannehmlichkeit und bescheren lieber den Käufern eine unschöne Überraschung. In beiden Fällen verdient Square Enix an den Gebrauchtgeschäften mit.

Meiner Nachbarin habe ich über die Weihnachtsferien gerne das erste Life is Strange geliehen. Noch habe ich es nicht zurückbekommen. Ich hoffe sie hat viel Spaß damit. Mit Life is Strange 2 wird das offensichtlich nicht passieren. Sie könnte es auf ihrer PS4 ohne zusätzliche Kosten ja nicht beenden.

Ob ich Life is Strange 2 selber noch spielen werde? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht irgendwann, wenn das Spiel online für wenige Euro angeboten wird. Die physische Version werde ich mir aber definitiv nicht kaufen. Die gibt es bei uns schließlich gar nicht.

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5 Kommentare:


Pogo
vor 2 Wochen | 1
Leider ist das Spiel nicht so toll und mitreißend geworden wie der Erstling. Er hat seine Momente, die aber auch durch ebenso schlechte Momente wieder relativiert werden. Es ist offensichtlich, dass bestimmte Szenen unbedingt passieren mussten und die Entwickler es nicht geschafft haben, die Story organisch in diese gewünschten Szenarien zu führen. Anstelle dessen haben wir Charaktere, die ab uind an komplette Logik Aussetzer haben, damit die Episode ihr Highlight haben darf. Besonders in Episode 3 und 5 ist dies deutlich bemerkbar.

Kleine Korrektur zum Text:
Die erste Episode von Life is Strange 2 wurde am 26. September 2019 veröffentlicht, die letzte am 3. Dezember.
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Gemeint ist 2018.

Jerry
vor 2 Wochen | 0
Stimmt, da hab ich was durcheinander gebracht. Es waren September 2018 und Dezember 2019.

Matthew1990
vor 2 Wochen | 1
Ich finde die Veröffentlichungen von Retailversionen ohne Hardware sehr unverschämt.
Overwatch und Wolfenstein: Young Blood habe ich mir deshalb gestrichen.

Auch schlimm finde ich auch, wenn in Collections ein Spiel als Cartridge bei liegt, der Rest als Download beiliegen, wie in Resident Evil 4-6 oder Devil May Cry 1-3. Solche Retailversionen streiche ich mir in Zukunft ebenfalls. Vor allem, weil dies auch keinerlei Speicher benötigt.
Ich meine, in der Mega Man Legacy Collection 1 und 2 war die zweite Collection auch nur als Download dabei, wobei es nur ein paar NES-Spiele waren. Im eShop hatte ich aus Spaß beide Größen zusammen addiert. Das sind keine 4 GB. Darüber hinaus konnte ich den Download über meinen regulären Account eh nicht herunter laden, da es ein Import aus Amerika war.

prog4m3r
vor 2 Wochen | 1
Immerhin auf der Xbox ein Patch - was bei Episoden Spielen mittlerweile leider traurige Praxis ist - und kein DL Code, wtf.

mega
vor 2 Wochen | 1
Ganz deiner Meinung. Ein Jahr auf das komplette Spiel zu warten ist schon unverschämt.. aber das dann in der Retail auch noch die Episode 5 fehlt ist schon dreist. LIS2 fing richtig gut an, die Episoden 4 und 5 waren allerdings nur noch Beiwerk. Da war nichts Interessantes oder spannendes mehr bei. Damit bleibt für mich "Before the Storm" der beste Ableger, auch wenn er etwas zu kurz ist.